Einleitung
Die Diskussion um Gehirndoping und Neuroenhancement ist in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus gerückt. Dabei geht es um die Frage, ob und inwieweit gesunde Menschen ihre geistige Leistungsfähigkeit durch die Einnahme von psychoaktiven Substanzen steigern können. Modafinil, ursprünglich zur Behandlung von Narkolepsie entwickelt, steht dabei besonders im Interesse der Forschung. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Studienlage zu Modafinil im Kontext der Alzheimer-Forschung, die potenziellen Auswirkungen auf die kognitive Leistungsfähigkeit und die damit verbundenen ethischen Aspekte.
Neuroenhancement: Der Wunsch nach kognitiver Optimierung
Neuroenhancement bezeichnet den Versuch gesunder Personen, ihre geistige Leistungsfähigkeit durch die Einnahme psychoaktiver Substanzen zu steigern. Im Wesentlichen sollen Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis verbessert werden. Der Wunsch nach einer Verbesserung von Gehirnfunktionen ist nicht neu. Seit jeher versuchen Menschen, durch den Einsatz verschiedenster Substanzen sowohl ihre körperliche als auch ihre geistige Leistungsfähigkeit zu verbessern. Indios kauen Koka-Blätter, Asiaten Betel, und Matrosen wurden seit Jahrhunderten mit Rum bei Laune gehalten.
Aktuell geben 6,7 % der deutschen Erwerbstätigen zwischen 20 und 50 Jahren an, bereits einmal Neuroenhancement praktiziert zu haben - Tendenz steigend. Die am häufigsten verwendeten Substanzen sind Koffein, Ginkgo biloba, Methylphenidat, Amphetamine und Modafinil, aber auch Antidementiva und Antidepressiva bis zu illegalen Drogen wie Speed oder Ecstasy kommen zum Einsatz.
Modafinil: Ein Überblick
Modafinil ist ein verschreibungspflichtiges Medikament, das ursprünglich zur Behandlung von exzessiver, krankhafter Tagesmüdigkeit bei Narkolepsie zugelassen ist. Es gehört zur Gruppe der zentral wirksamen Sympathomimetika, ist aber strukturchemisch nicht mit den Amphetaminen verwandt. Der genaue Wirkmechanismus ist noch nicht vollständig bekannt, es gibt jedoch Hinweise darauf, dass Modafinil an den Dopamin-Transporter bindet und die Dopamin-Wiederaufnahme hemmt.
Modafinil und kognitive Leistungssteigerung
Verschiedene Untersuchungen zeigen die kognitionsfördernden Eigenschaften von Modafinil bei Gesunden, dies gilt insbesondere wieder nach Schlafentzug. Die Ergebnisse der an der Universität Oxford durchgeführten Metastudie lassen sich wie folgt zusammenfassen:
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- Leistungssteigerung bei komplexen Aufgaben: Je komplexer ein Test ist, der die geistige Leistungsfähigkeit erfasst, desto wahrscheinlicher führt die Einnahme von Modafinil zu Leistungssteigerungen. Die Tests, die in frühen Studien verwendet wurden, waren oftmals zu simpel, um Veränderungen festzustellen.
- Keine generelle Leistungssteigerung: Bei Leistungen, bei denen konvergentes Denken nötig ist, kam es zu deutlichen Leistungssteigerungen. Konvergentes Denken beschreibt den Prozess, in dem aus verschiedenen Bereichen Wissen herangezogen wird und logische Schlüsse gezogen werden. Ein Beispiel für konvergentes Denken ist das Schreiben eines Aufsatzes, für den verschiedene Quellen gelesen und miteinander verknüpft werden. Auch die Fähigkeit, zu lernen und lange aufmerksam zu sein, nimmt zu. Hingegen kam es beim divergenten Denken nicht nur zu keiner Steigerung, in manchen Studien nahm diese Leistung gar ab. Bei divergentem Denken handelt es sich um kreative Leistungen, bei denen es weniger um langes und konzentriertes Arbeiten geht als vielmehr um weniger steuerbare Geistesblitze.
Eine Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit bei Gesunden ist tatsächlich nur für die Substanzen Koffein, Methylphenidat, Amphetamine und Modafinil nachgewiesen. Im Mittel sind diese Wirkungen eher moderat. Im Einzelfall sind jedoch stärkere Wirkungen möglich: In Abhängigkeit von den genetischen Voraussetzungen spricht jeder Proband mehr oder weniger stark auf die unterschiedlichen Substanzen an. Die Wirkung der Stimulanzien ist darüber hinaus abhängig von der kognitiven Ausgangssituation: Bei Personen am unteren Rand des Leistungsspektrums ist eine deutlich stärkere Leistungssteigerung zu erwarten als bei Personen mit bereits zu Beginn sehr hohem Leistungsniveau.
Modafinil in der Alzheimer-Forschung
Obwohl Modafinil nicht primär zur Behandlung von Alzheimer-Demenz eingesetzt wird, gibt es Forschungsansätze, die das Potenzial von Modafinil zur Verbesserung der kognitiven Funktionen bei Alzheimer-Patienten untersuchen. Alzheimer-Demenz ist durch einen Mangel an Acetylcholin gekennzeichnet, insbesondere im basalen Vorderhirn. Cholinesterasehemmer (ChEH) wie Donepezil, Galantamin und Rivastigmin, die symptomatisch bei leicht- und mittelgradiger Alzheimer-Demenz zugelassen sind, werden auch zur zerebralen Leistungssteigerung bei Gesunden eingesetzt. Die Wirkung beruht auf einer Hemmung der ChE im synaptischen Spalt, was zu einer erhöhten Verfügbarkeit von Acetylcholin führt. Klinisch imponiert eine Verbesserung von Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung.
Es erscheint naheliegend, Cholinesterasehemmer (ChEH) der 2. Generation (Donepezil, Galantamin, Rivastigmin), die symptomatisch bei leicht- und mittelgradiger Alzheimer-Demenz zugelassen sind, auch zur zerebralen Leistungssteigerung bei Gesunden einzusetzen. Grundlage für diesen Ansatz ist ein bei der Alzheimer-Erkrankung nachgewiesener Mangel an Acetylcholin, insbesondere im basalen Vorderhirn. Die Wirkung beruht auf einer Hemmung der ChE im synaptischen Spalt, was zu einer erhöhten Verfügbarkeit von Acetylcholin führt. Klinisch imponiert eine Verbesserung von Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung. Untersuchungen an Gesunden liegen für Donepezil, Galantamin und Rivastigmin vor. Die Ergebnisse sind enttäuschend, da keinerlei Effekt beobachtet werden konnte [2, 24]; bei älteren Probanden fanden sich teilweise sogar Verschlechterungen der Gedächtnisfunktion [25]. Dies steht im Einklang mit Studienergebnissen, die zeigen, dass ChEH bei milder kognitiver Beeinträchtigung („mild cognitive impairment“, MCI) keinen Einfluss auf kognitive Leistungsfähigkeit und Verlauf haben [26]. Lediglich eine Studie konnte eine unmittelbare Verbesserung kognitiver Funktionen nach Einnahme von Donepezil zeigen, wobei ein Zusammenhang mit den Plasmaspitzenspiegeln auffällig war [27].
Memantin ist ein N‑Methyl-D-Aspartat(NMDA)-Rezeptor-Modulator, der für die Behandlung der mittelgradigen und schweren Alzheimer-Demenz zugelassen ist. Untersuchungen an Gesunden konnten keinen Einfluss auf Aufmerksamkeit, Vigilanz, Gedächtnisleistung oder Stimmung nachweisen [2]; allerdings wurden positive Effekte auf einzelne Paradigmen im funktionellen Magnetresonanztomogramm gezeigt [28]. Im Tierversuch konnten Auswirkungen auf das Arbeitsgedächtnis demonstriert werden [29].
Nebenwirkungen und Risiken
Wie jedes Medikament ist auch Modafinil nicht frei von Nebenwirkungen. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Kopf- und Bauchschmerzen sowie Übelkeit. Allerdings nahmen Studienteilnehmer Modafinil höchstens für ein paar Tage. Über die langfristigen Wirkungen ist daher sehr wenig bekannt. Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass der Wirkmechanismus nach wie vor nicht verstanden wird. Aufgrund dieses Mangels an Wissen sind die langfristigen Nebenwirkungen nach wie vor unkalkulierbar.
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Zu den am häufigsten auftretenden Nebenwirkungen gehören verminderter Appetit, Kopfschmerzen, Nervosität, Schlaflosigkeit, Angst, Depression, Denkstörungen, Verwirrtheit, Reizbarkeit, Schwindelgefühl, verschwommenes Sehen, Bauchschmerzen, Übelkeit, Mundtrockenheit, Durchfall, Verstopfung, Brustschmerzen, Beschleunigung des Herzschlags, Herzklopfen, Bluthochdruck und viele weitere.
Unabhängig von der Wirkstärke beim Einzelnen sind die Effekte angesichts der Nebenwirkungen und des Abhängigkeitspotentials psychoaktiver Substanzen unter Umständen durch erhebliche gesundheitliche Nachteile erkauft. Daher ist es fraglich, ob der Einsatz von Neuroenhancern einen echten, anhaltenden Gewinn bedeutet. Die beschriebenen Substanzen greifen immerhin an einem hochempfindlichen Organ an, dessen Stoffwechseleinstellungen und Regenerationsmechanismen sich über einen sehr langen Zeitraum entwickelt und eingespielt haben. Gerade bei gesunden Personen sind längerfristige Auswirkungen des Konsums dieser Stimulanzien und Probleme beim Absetzen bzw. Entzug noch nicht untersucht. Durch die rasche Gewöhnung der Rezeptoren im Gehirn kommt es in der Regel sehr schnell zu einer Anpassung an die jeweilige Substanz. Dies erfordert dann eine Regelmäßigkeit der Einnahme und häufig auch eine Steigerung der für die Wirkung erforderlichen Dosis, um Konzentrations- un…
Ethische Aspekte des Neuroenhancements
Die Anwendung von Modafinil und anderen Neuro-Enhancern wirft eine Reihe ethischer Fragen auf. Dazu gehören:
- Gleichheit: Könnte Neuroenhancement zu einer ungleichen Gesellschaft führen, in der nur diejenigen mit Zugang zu diesen Substanzen in der Lage sind, in bestimmten Bereichen erfolgreich zu sein?
- Authentizität: Beeinträchtigt Neuroenhancement die Authentizität des Individuums, indem es die Persönlichkeit oder das Selbstverständnis verändert?
- Zwang: Könnte es einen subtilen oder offenen Zwang geben, Neuroenhancer zu verwenden, um in einer wettbewerbsorientierten Gesellschaft mithalten zu können?
- Sicherheit: Sind die langfristigen Auswirkungen von Neuroenhancement auf die Gesundheit und das Wohlbefinden des Individuums ausreichend bekannt?
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