Nervenzellen sind die fundamentalen Bausteine unseres Nervensystems. Sie verarbeiten und leiten komplexe elektrische Signale, die die Grundlage für unsere Gedanken, Bewegungen und Empfindungen bilden. Das Ruhepotential ist ein essentielles Konzept, um die Funktionsweise dieser Zellen zu verstehen. Es handelt sich um das Membranpotential einer Zelle, die sich in Ruhe befindet, also nicht erregt ist. Dieses Potential ist negativ und liegt bei Nervenzellen typischerweise bei etwa -70 mV.
Grundlagen der Nervenzelle
Eine Nervenzelle, auch Neuron genannt, besteht aus verschiedenen Teilen, die jeweils spezifische Aufgaben erfüllen:
- Zellkörper (Soma): Enthält den Zellkern und reguliert die Ionenkonzentration.
- Dendriten: Verzweigte Fortsätze, die Signale von anderen Zellen empfangen.
- Axon: Ein langer, dünner Fortsatz, der Signale an andere Zellen weiterleitet. Der Transport im Axon erfolgt durch Motorproteine wie Kinesin und Dynein.
- Gliazellen: Unterstützen die Nervenzellen, insbesondere bei der schnellen Signalleitung. Im peripheren Nervensystem bilden die Schwann-Zellen die Myelinscheide, die das Axon isoliert.
- Ranviersche Schnürringe: Unterbrechungen in der Myelinscheide, die die Erregungsleitung beschleunigen.
Nervenzellen sind bemerkenswert langlebig und können ein ganzes Leben lang bestehen bleiben. Sie sind entscheidend für unser Langzeitgedächtnis.
Das Membranpotential
Das Membranpotential ist eine elektrische Spannung, die über der Zellmembran besteht. Sie entsteht durch die unterschiedliche Verteilung von Ionen zwischen dem Zellinneren und der äußeren Flüssigkeit. Diese ungleiche Verteilung führt zu einem Ladungsunterschied, der das Membranpotential erzeugt.
Modellversuch zur Entstehung einer Spannung
Ein einfaches Modell, um die Entstehung einer Spannung zu veranschaulichen, ist die Verwendung einer Osmoseglocke, die mit Kalium-Ionen gefüllt ist und in destilliertes Wasser getaucht wird. Die Kalium-Ionen zerfallen in positive Kalium-Ionen und negative Hydrogenoxalat-Ionen. Der chemische Gradient treibt die positiven Ionen nach außen, während der elektrische Gradient sie zurückhält. Dadurch baut sich eine Spannung auf.
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Entstehung des Ruhepotentials
Das Ruhepotential ist das stabile Membranpotential einer Nervenzelle im Ruhezustand. Es entsteht durch eine ungleiche Ladungsverteilung an der Zellmembran. Im Zellinneren herrscht eine hohe Konzentration an Kaliumionen (K+) und organischen Anionen, während außerhalb der Zelle überwiegend Natrium- (Na+) und Chloridionen (Cl-) vorhanden sind.
Die Rolle der Ionenkanäle
Spezielle Kalium-Ionenkanäle ermöglichen es den Kalium-Ionen, die Membran zu passieren. Diese Kanäle sind im Ruhezustand geöffnet, wodurch Kalium-Ionen entlang ihres Konzentrationsgradienten aus der Zelle diffundieren können. Da Kalium-Ionen positiv geladen sind, führt der Ausstrom zu einer negativen Ladung im Zellinneren.
Die Bedeutung der Natrium-Kalium-Pumpe
Obwohl die Membran im Ruhezustand hauptsächlich für Kalium-Ionen durchlässig ist, können Natrium-Ionen durch sogenannte Leckströme in die Zelle eindringen. Um das Ruhepotential aufrechtzuerhalten, benötigt die Zelle die Natrium-Kalium-Pumpe. Diese Pumpe transportiert unter Energieverbrauch (ATP) Natrium-Ionen aus der Zelle heraus und Kalium-Ionen in die Zelle hinein.
Die Natrium-Kalium-Pumpe arbeitet in sechs Schritten:
- Ein ATP-Molekül bindet an den Carrier an der Innenseite des Axons.
- Nach vollständiger Besetzung wird ATP gespalten und der Carrier phosphoryliert.
- Dadurch verändert sich seine räumliche Struktur, und drei Natrium-Ionen werden nach außen geschleust.
- Zwei Kalium-Ionen besetzen die Bindungsstellen.
- Der Phosphatrest wird abgespalten, und der Carrier nimmt wieder seine ursprüngliche Form ein.
- Die Kalium-Ionen werden ins Zellinnere freigesetzt.
Bei jedem Pumpenvorgang werden drei Natrium-Ionen nach außen und zwei Kalium-Ionen nach innen transportiert. Dieser ungleiche Transport trägt zusätzlich zur Aufrechterhaltung des negativen Ruhepotentials bei.
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Konzentrationsgradienten und elektrochemisches Gleichgewicht
Die Ionenverteilung ist entscheidend für das Ruhepotential. Natrium- und Chlorid-Ionen befinden sich fast ausschließlich außerhalb der Zelle, da die Membran bei -70 mV für sie weniger passierbar ist. Die Kalium-Ionen können die Membran dagegen immer frei passieren. Die unterschiedlichen Konzentrationen der Ionen innerhalb und außerhalb der Zelle erzeugen Konzentrationsgradienten. Diese Gradienten treiben die Ionen an, sich entlang ihres Konzentrationsgefälles zu bewegen. Gleichzeitig wirkt die elektrische Spannung über der Membran auf die Ionen. Irgendwann stellt sich ein elektrochemisches Gleichgewicht ein, bei dem die treibende Kraft des Konzentrationsgradienten und die entgegenwirkende Kraft des elektrischen Feldes sich ausgleichen. Das Ruhemembranpotential wird hauptsächlich durch das Gleichgewichtspotential von Kalium bestimmt.
Modellversuche zum Ruhepotential
Um die Entstehung des Ruhepotentials besser zu verstehen, können Modellversuche durchgeführt werden. Diese Versuche vereinfachen die komplexen biologischen Prozesse und ermöglichen es, die grundlegenden Prinzipien zu demonstrieren.
Modellversuch 1: Diffusion von Protonen und Chlorid-Ionen
Bei diesem Modellversuch werden zwei Glasröhren durch eine Membran getrennt. Die linke Röhre wird mit verdünnter Salzsäure (HCl) gefüllt, die rechte Röhre mit destilliertem Wasser. Die Membran ist für beide Ionensorten, Protonen (H+) und Chlorid-Ionen (Cl-), durchlässig.
Zu Beginn des Versuchs ist die Spannung zwischen den beiden Röhren Null. Da die Protonen jedoch viel kleiner und beweglicher sind als die Chlorid-Ionen, diffundieren sie schneller von der Salzsäure in das destillierte Wasser. Dadurch entsteht auf der rechten Seite der Membran ein Überschuss an positiven Ladungen, während auf der linken Seite ein Mangel entsteht. Dieser Ladungsunterschied erzeugt eine Spannung.
Mit der Zeit diffundieren auch die Chlorid-Ionen auf die rechte Seite, wodurch der Ladungsunterschied wieder verringert wird. Am Ende des Versuchs haben beide Ionensorten einen Konzentrationsausgleich erreicht, und die Spannung ist wieder Null.
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Dieser Modellversuch zeigt, wie die unterschiedliche Beweglichkeit von Ionen zur Entstehung einer Spannung führen kann.
Modellversuch 2: Selektive Permeabilität
Dieser Modellversuch ähnelt dem ersten, jedoch ist die Membran nun selektiv permeabel. Sie ist für Protonen durchlässig, aber für Chlorid-Ionen undurchlässig. In diesem Fall diffundieren die Protonen von der Salzsäure in das destillierte Wasser, wodurch ein Ladungsunterschied entsteht. Da die Chlorid-Ionen nicht folgen können, bleibt der Ladungsunterschied bestehen, und es entsteht eine stabile Spannung.
Modellversuch mit Kaliumcitrat
Ein weiterer Modellversuch verwendet eine Kaliumcitrat-Lösung anstelle von Salzsäure. Die linke Kammer wird mit Kaliumcitrat-Lösung gefüllt, die rechte Kammer mit destilliertem Wasser. Die Membran ist für Kalium-Ionen (K+) durchlässig, aber für die großen Citrat-Ionen undurchlässig.
Die Kalium-Ionen diffundieren entlang ihres Konzentrationsgradienten von der linken in die rechte Kammer. Dadurch entsteht auf der rechten Seite eine positive Ladung und auf der linken Seite eine negative Ladung. Die nach rechts diffundierten positiven Kalium-Ionen hinterlassen auf der linken Seite eine negative Ladung. Mit jedem diffundierten K+-Ion wird diese negative Ladung größer. Je mehr Kalium-Ionen nach rechts diffundiert sind, desto größer wird dieses elektrische Potenzial. Irgendwann ist das elektrische Potenzial bzw. die Spannung so groß, dass im Endeffekt keine Kalium-Ionen mehr auf die rechte Seite gelangen können - zumindest nicht für den außenstehenden Betrachter.
Es stellt sich ein dynamisches Gleichgewicht ein, bei dem genauso viele Kalium-Ionen von links nach rechts diffundieren wie in die umgekehrte Richtung. Die Kalium-Konzentrationen links und rechts verändern sich also nicht mehr. Da sich nach Einstellung des dynamischen Gleichgewichts die Konzentrationen der Teilchen links und rechts nicht mehr verändern, ändert sich auch die gemessene Spannung zwischen den beiden Elektroden nicht mehr. Dieses Modell veranschaulicht, wie selektive Membranpermeabilität und Konzentrationsgradienten zur Entstehung eines Ruhepotentials beitragen.
Veränderungen des Membranpotentials: Depolarisation und Hyperpolarisation
Das Ruhepotential ist nicht statisch, sondern kann sich verändern. Eine Depolarisation ist eine Verringerung des Membranpotentials, beispielsweise von -70 mV auf -40 mV. Dabei wird der Ladungsunterschied zwischen Innen und Außen kleiner. Eine Hyperpolarisation ist eine Erhöhung des Membranpotentials, beispielsweise von -70 mV auf -85 mV. Dabei wird der Ladungsunterschied größer.
Das Aktionspotential
Ändert sich die Spannung an der Membran einer erregbaren Zelle, kommt es zum sogenannten Aktionspotential. Wenn die Depolarisierung einen Schwellenwert von etwa -40 mV überschreitet, bricht das Membranpotential zusammen, und es kommt zu einer kurzzeitigen Umkehrung der Polarität.
Das Aktionspotential durchläuft mehrere Phasen:
- Ruhepotential: Die Spannung beträgt -70 mV.
- Depolarisation: Die Spannung verringert sich.
- Schwellenwert: Wird der Schwellenwert von -40 mV überschritten, öffnen sich spannungsgesteuerte Natrium-Ionenkanäle. Natrium-Ionen strömen in die Zelle, wodurch das Membranpotential positiv wird.
- Repolarisation: Nach kurzer Zeit schließen sich die Natrium-Kanäle automatisch. Mit Verzögerung öffnen sich Kalium-Ionenkanäle, wodurch Kalium-Ionen aus der Zelle strömen. Dies führt zur Repolarisierung, d.h. zur Wiederherstellung des negativen Membranpotentials.
- Hyperpolarisation: Kurzzeitig kann das Membranpotential negativer als das Ruhepotential werden, bevor es sich wieder stabilisiert.
Erregungsleitung
Das Aktionspotential wird entlang des Axons weitergeleitet. Es gibt zwei Arten der Erregungsleitung:
- Kontinuierliche Erregungsleitung: Langsame Erregungsleitung (ca. 1 m/s), die meist innere Organe steuert.
- Saltatorische Erregungsleitung: Schnelle Erregungsleitung (ca. 80-120 m/s), die hauptsächlich den Bewegungsapparat steuert. Bei der saltatorischen Erregungsleitung isoliert die Myelinscheide das Axon, und die Aktionspotentiale "springen" von einem Ranvierschen Schnürring zum nächsten. Die saltatorische Erregungsleitung ist etwa 80-120 Mal schneller als die kontinuierliche Leitung.
Bedeutung des Ruhepotentials
Das Ruhepotential ist essentiell für die Funktion von Nervenzellen und Muskelzellen. Es ermöglicht die Erzeugung und Weiterleitung von elektrischen Signalen, die für die Kommunikation zwischen Zellen und die Steuerung von Körperfunktionen notwendig sind. Ohne das Ruhepotential wären Nervenzellen nicht in der Lage, Aktionspotentiale zu erzeugen und Informationen zu übertragen.
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