Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zu denen der Myokardinfarkt (Herzinfarkt) und der Apoplex (Schlaganfall) gehören, stellen in Deutschland und weltweit eine der Hauptursachen für Mortalität und Invalidität dar. Angesichts der hohen Krankheitslast ist es von entscheidender Bedeutung, die zugrunde liegenden Ursachen und Risikofaktoren zu verstehen, um wirksame Präventionsstrategien zu entwickeln und umzusetzen. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge von Mortalität, Myokardinfarkt und Apoplex, wobei ein besonderer Fokus auf vermeidbaren Risikofaktoren und präventiven Maßnahmen liegt.
Einführung
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Deutschland die häufigsten Todesursachen, die im Jahr 2020 34 Prozent aller Sterbefälle ausmachten. Darüber hinaus verursachen sie mit rund 46 Milliarden Euro den größten Anteil an den gesamten Krankheitskosten im deutschen Gesundheitssystem. Myokardinfarkt und Apoplex sind schwerwiegende Ereignisse, die oft durch Risikofaktoren wie ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, Rauchen und Stress begünstigt werden. Die Prävention dieser Erkrankungen durch Lebensstiländerungen und präventive Medikamente ist daher von entscheidender Bedeutung, um die Sterblichkeit zu senken und die Kostenbelastung des Gesundheitssystems zu reduzieren.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Entstehung von Myokardinfarkt und Apoplex ist multifaktoriell und wird durch eine Kombination aus genetischen, umweltbedingten und verhaltensbezogenen Faktoren beeinflusst.
Modifizierbare Risikofaktoren
Modifizierbare Risikofaktoren sind solche, die durch Änderungen des Lebensstils oder medizinische Interventionen beeinflusst werden können. Zu den wichtigsten modifizierbaren Risikofaktoren für Myokardinfarkt und Apoplex gehören:
- Ernährung: Eine ungesunde Ernährung, die reich an gesättigten Fetten, Cholesterin, Salz und Zucker ist, erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Der tägliche Verzehr von rotem Fleisch erhöht die Cholesterinzufuhr und somit das Myokardinfarkt-Risiko. Eine Metaanalyse deutet darauf hin, dass pro 100 mg Cholesterin mehr pro Tag das Myokardinfarkt-Risiko um 5 % steigt. Frittierte, kalorienreiche und verarbeitete Nahrungsmittel sowie zuckerhaltige Getränke werden ebenfalls mit einem erhöhten Risiko in Verbindung gebracht.
- Bewegungsmangel: Mangelnde körperliche Aktivität trägt zur Entstehung von Übergewicht, Bluthochdruck, erhöhten Cholesterinspiegeln und Diabetes bei, die allesamt Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind.
- Rauchen: Tabakkonsum (Rauchen und Passivrauchen) schädigt die Blutgefäße, erhöht den Blutdruck und fördert die Bildung von Blutgerinnseln. Bei Personen unter 50 Jahren, die häufig Cannabis rauchen, ist das Risiko eines Infarkts vor dem 45. Lebensjahr erhöht.
- Übergewicht und Adipositas: Insbesondere die androide Körperfettverteilung (abdominales/viszerales, stammbetontes, zentrales Körperfett) erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dies liegt an einem hohen Taillenumfang bzw. einem erhöhten Taille-Hüft-Quotienten.
- Bluthochdruck: Ein dauerhaft erhöhter Blutdruck schädigt die Blutgefäße und erhöht das Risiko für Myokardinfarkt und Apoplex.
- Diabetes mellitus: Diabetes mellitus ist ein wichtiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, da er die Blutgefäße schädigt und die Entstehung von Arteriosklerose fördert.
- Dyslipidämie: Erhöhte LDL-Cholesterinwerte und niedrige HDL-Cholesterinwerte tragen zur Bildung von Plaques in den Arterien bei.
- Stress: Chronischer Stress und akute Wutausbrüche können das Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse erhöhen. In einer Studie wurde beobachtet, dass Menschen, die 9-10 Stunden schliefen, zu 10 % häufiger kardiovaskuläre Ereignisse wie einen Myokardinfarkt erlitten als diejenigen, die 6-8 Stunden schliefen.
- Alkoholkonsum: Übermäßiger Alkoholkonsum kann den Blutdruck erhöhen, zu Herzrhythmusstörungen führen und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Täglicher Konsum von bis zu 7 Gramm Alkohol war mit einer signifikant niedrigeren Gesamtmortalität assoziiert.
- Luftverschmutzung: Feinstaub durch Holzverbrennung erhöht das Herzinfarktrisiko, insbesondere bei über 65-Jährigen.
- Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR): Die Einnahme von NSAR wie Ibuprofen und Diclofenac, einschließlich COX-2-Hemmern, kann das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse erhöhen.
- Protonenpumpenhemmer (PPI): Einige Studien deuten auf einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von PPI und einem erhöhten Myokardinfarktrisiko hin, insbesondere bei Patienten, die diese wegen Sodbrennen einnahmen.
Nicht modifizierbare Risikofaktoren
Nicht modifizierbare Risikofaktoren sind solche, die nicht durch Änderungen des Lebensstils oder medizinische Interventionen beeinflusst werden können. Zu den wichtigsten nicht modifizierbaren Risikofaktoren für Myokardinfarkt und Apoplex gehören:
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- Alter: Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt mit zunehmendem Alter.
- Geschlecht: Männer haben tendenziell ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Frauen, obwohl sich dieses Risiko nach der Menopause angleicht.
- Genetische Prädisposition: Eine familiäre Vorbelastung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht das individuelle Risiko. Bis jetzt wurden 89 Schlaganfall-Risikogene ermittelt.
- Ethnische Zugehörigkeit: Bestimmte ethnische Gruppen haben ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Prävention
Die Prävention von Myokardinfarkt und Apoplex umfasst sowohl primäre als auch sekundäre Präventionsmaßnahmen.
Primärprävention
Die Primärprävention zielt darauf ab, das Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Personen zu verhindern, die noch keine solche Erkrankung haben. Die wichtigsten primärpräventiven Maßnahmen umfassen:
- Lebensstilmodifikationen:
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten, magerem Eiweiß und gesunden Fetten ist entscheidend. Der Konsum von rotem Fleisch, verarbeiteten Lebensmitteln, zuckerhaltigen Getränken und Salz sollte reduziert werden. Die Mittelmeerdiät, die reich an Früchten und Gemüse ist und mit Olivenöl oder Nüssen ergänzt wird und nur wenig gesättigte Fette enthält, verringert das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen.
- Regelmäßige körperliche Aktivität: Regelmäßige Bewegung stärkt das Herz, senkt den Blutdruck, hilft bei der Gewichtskontrolle und trägt so zur Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen bei.
- Nichtrauchen: Der Verzicht auf Tabakprodukte senkt das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen beträchtlich.
- Stressmanagement: Techniken zur Stressbewältigung wie Yoga, Meditation oder Entspannungsübungen können helfen, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu reduzieren.
- Ausreichend Schlaf: Es ist wichtig, auf eine ausreichende Schlafdauer zu achten, da sowohl zu wenig als auch zu viel Schlaf mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden sein können.
- Medikamentöse Therapie:
- Lipidsenker: Statine werden eingesetzt, um den LDL-Cholesterinspiegel zu senken und das Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse zu reduzieren.
- Blutdrucksenker: Medikamente zur Senkung des Blutdrucks werden eingesetzt, um das Risiko für Myokardinfarkt und Apoplex zu reduzieren.
- Antidiabetika: Bei Patienten mit Diabetes mellitus werden Antidiabetika eingesetzt, um den Blutzuckerspiegel zu kontrollieren und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken.
- Thrombozytenaggregationshemmer: Acetylsalicylsäure (ASS) wird in der Primärprävention eingesetzt, um das Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse zu reduzieren. Die kardiologische Fachgesellschaft ESC empfiehlt die Bestimmung derjenigen Schwelle des kardiovaskulären Risikos, oberhalb derer der Nutzen einer Primärprävention mit ASS deren Risiken bezüglich gastrointestinaler Blutungen übersteigt. Die dabei angegebene Schwelle, ab der eine ASS-Prophylaxe gerechtfertigt erscheint, ist gemäß der ESC erreicht, wenn das Zehnjahresrisiko für ein kardiovaskuläres Ereignis (Myokardinfarkt, Apoplex (Schlaganfall), Tod) mindestens 20 % beträgt. Eine Metaanalyse zu ASS in der Primärprävention kardiovaskulärer Ereignisse kommt zum Ergebnis, dass der Nutzen mit einem Schaden in etwa gleicher Höhe in Form des Risikos für größere Blutungen erkauft wird. Ob die Einnahme ASS das Risiko eines kardialen Ereignisses erniedrigt oder erhöht ist abhängig von der Allel-Konstellation im Gen GUCY1A3: s. ASCEND-Studie ("A Study of Cardiovascular Events in Diabetes"): Diabetiker (zu 94 % Typ 2) erhielten 100 mg ASS. In der Nachbeobachtungszeit von 7,4 Jahren kam es in der ASS-Gruppe bei 658 Teilnehmern (8,5 %) zu einem vaskulären Ereignis gegenüber 743 Teilnehmern (9,6 %) in der Placebo-Gruppe, d. h. es kam zu einer Risikosenkung für vaskuläre Ereignisse um 12 %. Gleichzeitig kam es jedoch in der ASS-Gruppe bei 314 Teilnehmern (4,1 %) zu einer schweren Blutung gegenüber 245 Teilnehmern (3,2 %) in der Kontrollgruppe, d. h.
Sekundärprävention
Die Sekundärprävention zielt darauf ab, das Risiko für weitere Herz-Kreislauf-Ereignisse bei Personen zu reduzieren, die bereits einen Myokardinfarkt oder Apoplex erlitten haben. Die wichtigsten sekundärpräventiven Maßnahmen umfassen:
- Lebensstilmodifikationen: Die gleichen Lebensstilmodifikationen, die in der Primärprävention empfohlen werden, sind auch in der Sekundärprävention von entscheidender Bedeutung.
- Medikamentöse Therapie:
- Thrombozytenaggregationshemmer: ASS und andere Thrombozytenaggregationshemmer werden eingesetzt, um die Bildung von Blutgerinnseln zu verhindern und das Risiko für weitere Herz-Kreislauf-Ereignisse zu reduzieren.
- Lipidsenker: Statine werden eingesetzt, um den LDL-Cholesterinspiegel zu senken und das Risiko für weitere Herz-Kreislauf-Ereignisse zu reduzieren.
- Blutdrucksenker: Medikamente zur Senkung des Blutdrucks werden eingesetzt, um das Risiko für Myokardinfarkt und Apoplex zu reduzieren.
- Betablocker: Betablocker werden eingesetzt, um das Herz zu entlasten und das Risiko für Herzrhythmusstörungen zu reduzieren.
- ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptorblocker (ARB): Diese Medikamente werden eingesetzt, um den Blutdruck zu senken und das Herz zu schützen.
- Rehabilitation: Nach einem Myokardinfarkt oder Apoplex ist eine umfassende Rehabilitation wichtig, um die körperliche und geistige Funktion wiederherzustellen und die Lebensqualität zu verbessern.
- Duale Antithrombozytentherapie (DAPT): Kombination aus Acetylsalicylsäure und einem P2Y12-Hemmer (z. B.
Maßnahmen zur Verbesserung der kardiovaskulären Prävention
Trotz der Wirksamkeit präventiver Maßnahmen besteht in Deutschland eine Unterversorgung bei der Umsetzung dieser Maßnahmen. Die Zahl der Personen mit körperlicher Inaktivität, ungesunder Ernährung und Adipositas steigt besorgniserregend. Um die kardiovaskuläre Prävention in Deutschland zu verbessern, sind folgende Maßnahmen erforderlich:
- Optimierte Weiterbildung: Regelmäßige und qualitativ hochwertige Weiterbildungen für medizinisches Personal sind entscheidend, um neue Erkenntnisse der Präventivmedizin in die Patientenversorgung einzubeziehen. Die deutsche Gesellschaft für Kardiologie - Herz- und Kreislaufforschung (DGK) hat im Jahr 2019 die Sachkunde „Spezielle kardiovaskuläre Prävention der DGK“ implementiert, um die Aufmerksamkeit für kardiovaskuläre Prävention in der Ärzteschaft zu erhöhen und dadurch die präventiv-medizinische Versorgungssituation in Deutschland zu verbessern.
- Einsatz von Präventionsassistenten: Der Einsatz von nichtärztlichen Präventionsassistenten, die niedrigschwellig und repetitiv mit Patienten und Angehörigen in Kontakt treten und die Risikofaktoren einstellen, ist viel effektiver als kurze ärztliche Gespräche. In der randomisierten IPP-Studie wurde gezeigt, dass ein zwölfmonatiges intensives Präventionsprogramm nach akutem Myokardinfarkt mit Präventionsassistenten zu einer signifikant besseren Einstellung der Risikofaktoren und einer Halbierung schwerwiegender klinischer Ereignisse führte.
- Fokus auf Kostenfaktor: Die Kostenreduktion durch weniger klinische Ereignisse durch den Einsatz von Präventionsassistenten lässt eine eindeutige Kosteneffektivität abschätzen. Weiterführende Studien zu diesem Themenkomplex sind sinnvoll. In der laufenden NET-IPP-Studie werden die Effekte eines Langzeit-Präventionsprogrammes, das von Assistenten geführt wird, bei größeren Patientenzahlen untersucht.
- Besserer Einsatz neuer Technologien: Es gibt zahlreiche neue Möglichkeiten, die im Bereich der Online-Technologien genutzt werden können, um Lebensstilmodifikationen anzuregen und zu unterstützen. Digitale und soziale Medien können helfen, präventivmedizinische Inhalte zu vermitteln. Die Grundlage für eine effektive Nutzung neuer Technologien in der kardiovaskulären Prävention ist eine gute Zusammenarbeit zwischen Präventionsmedizinern, Entwicklern von Software-Applikationen und der elektronischen Industrie.
- Konsequentere gesundheitspolitische Maßnahmen: In Deutschland sind konsequentere gesundheitspolitische Maßnahmen zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen notwendig. Die öffentlichen Maßnahmen zur Raucherprävention sind im internationalen Vergleich unzureichend.
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