Die Neurointensivmedizin ist ein sich ständig weiterentwickelndes Feld, das sich mit der Behandlung von Patienten mit schweren neurologischen Erkrankungen befasst. Jährliche Fachtagungen wie die ANIM (Arbeitstagung NeuroIntensivMedizin) bieten eine Plattform für Experten aus verschiedenen Disziplinen, um sich über die neuesten Erkenntnisse, Herausforderungen und Therapieansätze auszutauschen. Dieser Artikel fasst wichtige Themen und Entwicklungen zusammen, die auf solchen Tagungen diskutiert wurden, und beleuchtet die Schwerpunkte der modernen Neurointensivmedizin.
NeuroIntensivMedizin im Wandel der Zeit
Die ANIM 2021, ein hochkarätiger Expertenaustausch, fand virtuell statt und zog knapp 1.000 Teilnehmer an, darunter Ärzte, Wissenschaftler, Pflegekräfte und Therapeuten. Kongresspräsident Prof. Dr. med. Eberhard Uhl betonte die Aktualität der COVID-Pandemie in medizinischer und politischer Hinsicht.
Die ANIM 2018, die 35. Arbeitstagung NeuroIntensivMedizin, fand als gemeinsame Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurointensiv- und Notfallmedizin (DGNI) und der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) statt. Tagungspräsident Prof. Wolfgang Müllges beschritt mit dem Kongressprogramm ganz bewusst neue Pfade.
Demografischer Wandel und seine Auswirkungen
Ein wichtiger Aspekt, der auf den Tagungen diskutiert wurde, ist der demografische Wandel und seine Auswirkungen auf die Neurointensivmedizin. Dr. Alexander Younsi (Heidelberg) wies darauf hin, dass der Anteil älterer Menschen in der Bevölkerung stetig steigt, was zu einer Zunahme von Schädel-Hirn-Traumata (SHT) bei über 65-jährigen Patienten führt. Während vor 30 Jahren Verkehrsunfälle die häufigste Ursache für tödliche SHT waren, sind es heute überwiegend häusliche Stürze.
Die Behandlung älterer oder gebrechlicher Patienten mit Vorerkrankungen stellt jedoch neue Herausforderungen dar. Die Einnahme von Blutverdünnern erhöht das Risiko für Blutungen und somit auch bei leichten SHT die Wahrscheinlichkeit zu versterben. Vorerkrankungen verschlechtern das Behandlungsergebnis und machen häufiger erneute Eingriffe binnen 30 Tagen notwendig. Daraus folgt, dass die Behandlung beim älteren Patienten angepasst werden muss.
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Ethische Aspekte und Fehlerkultur
Ein weiteres Kongress-Highlight war das wissenschaftliche Symposium „Fehlerkultur“ unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Georg Gahn (Karlsruhe) und Prof. Dr. Wolfgang Müllges (Würzburg). Prof. Gahn informierte über den bedeutungsvollen Unterschied von Leitlinie und Standard. Leitlinien stellen eine fachliche Hilfestellung für Ärzte ohne Rechtsverbindlichkeit dar, während der Standard den jeweiligen Erkenntnisstand und die ärztliche Erfahrung repräsentiert, um das Behandlungsziel zu erreichen.
Prof. Müllges präsentierte die Frage „Wie kann man das Unterlassen einer Reanimation begründen?“. Mit der demographischen Entwicklung steigen auch die Fälle, bei denen sich Reanimationen an der ethischen Grenze auseinandersetzen müssen. Der Vortrag verdeutlichte die Fallstricke rund um die Reanimation und wie ungenau die Kriterien für eine Do-not-resuscitate (DNR)-Anordnung sind.
Telemedizin in der Neurointensivmedizin
Unter dem Vorsitz von Prof. Dr. med. Oliver W. Sakowitz (Ludwigsburg) und Prof. Dr. med. Andreas Unterberg (Heidelberg) wurde ein Symposium zum Einsatz eines „Teledoktors“ durchgeführt. Dr. Jan Purrucker (Heidelberg) präsentierte die fernmedizinische Einbindung von Rettungsmitteln in der akutmedizinischen Versorgung. Der Einsatz eines Telenotarztes (TNA) kann den Notarzt sinnvoll ergänzen, aber nicht ersetzen.
Vor dem Hintergrund der gestiegenen Zahl von Notfallereignissen und einem Rückgang des Anteils der arztbesetzten Rettungseinsätze wurde ein Telenotarztkonzept entwickelt, das bereits in einigen Modellregionen getestet wird. Vorteile des Konzepts sind die hohe Verfügbarkeit von Fachärzten auch parallel, dezentral und überregional.
COVID-Pandemie und Intensivmedizin
Kongresspräsident Prof. Dr. Eberhard Uhl stellte die Corona-Pandemie in den Mittelpunkt und betonte die Aktualität und die eingreifenden Maßnahmen, die nicht nur den medizinischen Bereich, sondern das gesamte öffentliche Leben betreffen. Prof. Dr. Christian Karagiannidis (Köln) berichtete über die immense Herausforderung einer bundesweiten Registrierung von tagesaktuell freien Intensivbetten während einer sich entwickelnden Pandemie und den Aufbau des DIVI-Intensivbettenregisters.
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Das weltweit einmalige „Register von Kliniken für Kliniken“ entstand aus eigener Kraft, aus den Fachgesellschaften heraus, mit großem persönlichem Engagement und aus ehrenamtlicher Tätigkeit. Es ermöglicht eine transparente Abbildung von Intensivstationen in Deutschland und liefert wichtige Informationen über freie Betten und Notfallreserven.
Schlaganfallbehandlung und Forschung
Ein interdisziplinäres Forscherteam des Uniklinikums Würzburg hat eine Methode entwickelt, um winzige Blutproben direkt aus der abgeriegelten Zone bei Schlaganfallpatienten zu gewinnen und zu analysieren. Beim ischämischen Schlaganfall verschließt ein Blutgerinnsel ein Gefäß im Gehirn und verhindert die Durchblutung des dahinterliegenden Areals.
Die Probenahme erfolgt während des operativen Eingriffs zur Entfernung des Gerinnsels. Ein feiner Katheter wird durch den Embolus geschoben und eine winzige Blutmenge angesaugt. Die Analyse der Proben belegt, dass auch im Menschen eine sofortige massive Entzündungsreaktion im Gehirn stattfindet, die den Tiermodellen sehr ähnlich ist.
Die von den Würzburger Wissenschaftlern etablierte Technik ermöglicht das Studium weiterer zentraler Entzündungsmediatoren, die am Infarktwachstum beteiligt sind. Dies eröffnet eine Strategie für die Schlaganfalltherapie der Zukunft: Ein entzündungshemmendes Medikament wird dem Schlaganfallpatienten möglichst frühzeitig verabreicht, um das Absterben des Gehirns zu bremsen, bis der Blutfluss wiederhergestellt wird.
Neurorehabilitation und Neuropsychologie
Auf der ANIM 2018 lagen die Schwerpunkte auf der Neurorehabilitation und der Neuropsychologie. Prof. Wolfgang Müllges betonte, dass neuropsychologische Störungen die Lebensqualität der Patienten entscheidend mitbestimmen und daher in der Frühphase weise Entscheidungen getroffen werden müssen, wie weit in der Therapie gegangen werden soll.
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DGNI-Präsident Prof. Dr. Georg Gahn schilderte die aktuelle Situation der Neurointensivmedizin und betonte die neuen Herausforderungen und den Druck durch Umstrukturierungen. Zahlreiche Sitzungen thematisierten die längerfristige Prognose und ethische Grenzentscheidungen.
Intensivmedizin im hohen Alter
Prof. Werner Hacke (Heidelberg) stellte Studien vor, denen zufolge sowohl die systemische Thrombolyse als auch die interventionelle Thrombektomie auch im höheren Alter erfolgreich durchgeführt werden können. Das Fazit: Alter per se sollte nicht den Ausschlag geben, über Therapien zu entscheiden, besonders bei Schlaganfall. Auch für das Krankheitsbild der Hirnblutung (ICB) sollte das Alter kein Ausschlusskriterium für eine Therapie sein, so Dr. Dimitre Staykov (Eisenstadt).
Angstbewältigung in der Intensivmedizin
Prof. Wolfgang Müllges wandte sich im Rahmen seines Präsidentensymposiums dem Thema Angst zu. Er fragte sich, was getan werden kann, um die schlechten Erfahrungen aus der Zeit der Schwerstkrankheit nicht in das Gehirn der Patienten einbrennen zu lassen. Prof. Dr. Gustav Schelling (München) lieferte Einblicke in die Biochemie des traumatischen Gedächtnisses und erläuterte, über welche Wege sich traumatische Erinnerungen im Gehirn konsolidieren können.
DGNI: Personalien und Auszeichnungen
Bei der Präsidiumswahl der DGNI im Rahmen der ANIM 2021 wurde Prof. Dr. med. Julian Bösel (Kassel) zum neuen Präsidenten der Fachgesellschaft gewählt. Prof. Dr. Thomas Westermaier ist der neue Präsident der DGNI und wurde bei der Mitgliederversammlung im Rahmen der ANIM 2023 als Nachfolger von Prof. Dr. med. Julian Bösel bestätigt.
Die DGNI würdigt Pflegekräfte und Therapeuten mit einem Pflege- und Therapiepreis, die mit ihrem professionellen Wissen und Handeln zur Verbesserung der Versorgung von NeuroIntensivpatienten beitragen.
Nachruf auf Professor Dr. Wolfgang Müllges
Professor Dr. Wolfgang Müllges verstarb am 7. Februar 2021. Er leitete die Neurologische Intensivstation des Universitätsklinikums Würzburg und engagierte sich interdisziplinär in der Thematik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls („Hirntod“). Er war ein Mann der ersten Stunde in der Deutschen Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin und hat die Fachgesellschaft über viele Jahre entscheidend mitgeprägt.
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