Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die Gehirn und Rückenmark betrifft. Im deutschsprachigen Raum sind rund 120.000 Menschen an MS erkrankt, wobei jährlich etwa 5.000 Neuerkrankungen hinzukommen. Aufgrund der Komplexität und Vielfalt der Erkrankung besteht ein immenses Informationsbedürfnis. Dieser Artikel beantwortet die 111 häufigsten Fragen zu Multipler Sklerose, um Betroffenen, Angehörigen und Interessierten ein umfassendes Verständnis der Erkrankung zu ermöglichen.
Was ist Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die durch Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark gekennzeichnet ist. Diese Entzündungen schädigen die Myelinschicht, eine Schutzschicht um die Nervenfasern, was zu vielfältigen neurologischen Symptomen führt.
Autoimmunerkrankung
MS ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Strukturen angreift. Im Falle von MS richtet sich das Immunsystem gegen die Myelinschicht der Nervenfasern im ZNS. Die genauen Ursachen für diese Autoimmunreaktion sind noch nicht vollständig geklärt.
Nicht ansteckend
Es ist wichtig zu betonen, dass Multiple Sklerose keine ansteckende Krankheit ist. Die Auslöser dieser Autoimmunreaktion können auch Viren und Bakterien sein. Diese sind zwar ansteckend, führen aber nicht bei jedem oder jeder Infizierten zu MS.
MS und Muskelschwund
Die Abkürzung MS steht für „Multiple Sklerose“ und nicht, wie manchmal fälschlicherweise angenommen wird, für „Muskel-Schwund“. Tatsächlich handelt es sich bei Muskelschwund um eine andere Erkrankung, die nichts mit der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose zu tun hat.
Lesen Sie auch: MS-Medikamente im Detail erklärt
Ursachen und Risikofaktoren
Die genauen Ursachen von MS sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischen und Umweltfaktoren eine Rolle spielt.
Genetische Veranlagung
Es gibt eine gewisse genetische Veranlagung für MS, d.h. Menschen mit MS-Erkrankungen in der Familie haben ein höheres Risiko, selbst an MS zu erkranken. Allerdings ist MS keine rein genetische Erkrankung, da nicht alle Menschen mit einer genetischen Veranlagung auch tatsächlich an MS erkranken.
Umweltfaktoren
Verschiedene Umweltfaktoren werden als mögliche Risikofaktoren für MS diskutiert, darunter:
- Vitamin-D-Mangel: Studien haben gezeigt, dass ein niedriger Vitamin-D-Spiegel im Blut mit einem erhöhten MS-Risiko verbunden sein kann.
- Infektionen: Bestimmte Virusinfektionen, wie das Epstein-Barr-Virus (EBV), werden als mögliche Auslöser von MS diskutiert.
- Rauchen: Rauchen ist ein bekannter Risikofaktor für MS und kann den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen.
- Geografische Lage: MS tritt häufiger in Regionen auf, die weiter vom Äquator entfernt liegen.
Symptome der Multiplen Sklerose
Die Symptome der Multiplen Sklerose sind vielfältig und können von Person zu Person unterschiedlich sein. Sie hängen davon ab, welche Bereiche des ZNS von den Entzündungen betroffen sind. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Sehstörungen: Doppelbilder, verschwommenes Sehen, Entzündung des Sehnervs (Neuritis nervi optici).
- Gefühlsstörungen: Taubheitsgefühle, Kribbeln, Schmerzen oder Brennen in Armen, Beinen oder im Gesicht.
- Motorische Störungen: Muskelschwäche, Spastik, Koordinationsprobleme, Gangunsicherheit.
- Gleichgewichtsstörungen: Schwindel, Unsicherheit beim Gehen oder Stehen.
- Müdigkeit (Fatigue): Erschöpfung, die durch Ruhe nicht besser wird.
- Kognitive Beeinträchtigungen: Gedächtnisprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten, Verlangsamung der Denkprozesse.
- Blasen- und Darmstörungen: Häufiger Harndrang, Inkontinenz, Verstopfung.
- Sexuelle Funktionsstörungen: Erektionsprobleme, verminderte Libido.
- Depressionen und Angstzustände: Psychische Belastungen aufgrund der Erkrankung.
Schubförmiger Verlauf
Bei den meisten Patienten beginnt die MS mit einem schubförmig remittierenden Verlauf (RRMS). Ein Schub ist definiert als das Auftreten neuer oder die Verschlechterung bestehender Symptome, die mindestens 24 Stunden andauern. Zwischen den Schüben können sich die Symptome vollständig oder teilweise zurückbilden (Remission).
Lesen Sie auch: Wie man MS vorbeugen kann
Pseudo-Schub
Ein „Pseudo-Schub“ bei MS dauert oft nur wenige Stunden und kann durch Stress, Hitze oder auch sportliche Extrembelastung ausgelöst werden. Auch fieberhafte Infekte oder mit Schmerzen verbundene Erkrankungen gehen manchmal mit einem Pseudo-Schub einher.
Verlaufsformen der Multiplen Sklerose
Die Multiple Sklerose ist nicht durch ein einheitliches Krankheitsbild gekennzeichnet, das für alle Patient:innen gleich aussieht. Mediziner unterscheiden drei Arten der MS. Diese Verlaufsformen werden im Einzelnen noch unterschieden - je nachdem, wie aktiv bzw. nicht aktiv die MS-Erkrankung ist und ob sie fortschreitet oder nicht, d. h. Obwohl die Symptome je nach Betroffenem sehr unterschiedlich ausfallen, können grundsätzlich drei Formen der MS unterschieden werden.
- Schubförmig-remittierende MS (RRMS): Dies ist die häufigste Form der MS, bei der sich Schübe mit beschwerdefreien oder -armen Phasen abwechseln.
- Sekundär progrediente MS (SPMS): Diese Form entwickelt sich oft aus der RRMS, wobei die Symptome allmählich fortschreiten, unabhängig von Schüben.
- Primär progrediente MS (PPMS): Diese Form ist durch einen kontinuierlichen Krankheitsverlauf von Anfang an gekennzeichnet, ohne klare Schübe oder Remissionen.
Klinisch isoliertes Syndrom (KIS)
Das erstmalige Auftreten eines für die MS typischen Symptoms wie z. B. Sehstörungen wird als „klinisch isoliertes Syndrom oder kurz KIS“ bezeichnet. Dabei halten die Beschwerden länger als 24 Stunden an. Ein KIS kann, muss aber nicht in eine der beschriebenen Formen der MS übergehen.
Für etwa 90 Prozent der Patient:innen beginnt die MS-Erkrankung mit einzelnen, deutlich voneinander abgrenzbaren Schüben. Bei dieser Form der MS können sich die schubbedingten Symptome vollständig oder teilweise zurückbilden - d.
Primär progrediente MS (PPMS)
Diese Verlaufsform der MS ist selten und betrifft ca. 10 Prozent der MS-Patient:innen. Bei diesen Menschen verschlimmern sich die Symptome bereits von Beginn der Erkrankung an kontinuierlich (primär). Einzelne Schübe sind meist nicht erkennbar und bleibende Beeinträchtigungen nehmen stetig zu.
Lesen Sie auch: MS und Rückenschmerzen: Ein Überblick
Verlauf nicht vorhersagbar
Wie genau der Verlauf der MS aussieht, lässt sich nicht mit Sicherheit vorhersagen. Bei jedem ist dies ein wenig anders: Symptome, Schweregrad oder Dauer der Schübe, Zeitabstände zwischen den Schüben, Beeinträchtigungen, die eventuell zurückbleiben. So gibt es Menschen, die nach der MS-Diagnose manchmal über mehrere Jahre keine nennenswerten Beschwerden oder Behinderungen haben.
Benigne und maligne MS
Diese Begrifflichkeiten sollten nicht verwendet werden, weil sie in ihrer Aussagekraft nicht präzise genug sind und zu Missverständnissen führen können. Mit einer „benignen und damit gutartigen MS“ ist meist eine Form der MS gemeint, die über viele Jahre ohne oder nur mit milden Symptomen einhergeht. Mit einem malignen, d. h.
Diagnose der Multiplen Sklerose
Die Diagnose von MS kann eine Herausforderung sein, da die Symptome vielfältig und unspezifisch sind. Es gibt keinen einzelnen Test, der MS eindeutig nachweisen kann. Die Diagnose basiert auf einer Kombination aus:
- Klinischer Untersuchung: Erhebung der Krankengeschichte und neurologische Untersuchung.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Darstellung von Entzündungsherden (Läsionen) im Gehirn und Rückenmark.
- Lumbalpunktion: Entnahme von Nervenwasser (Liquor) zur Untersuchung auf Entzündungszeichen und spezifische Antikörper.
- Evozierte Potentiale: Messung der Nervenleitgeschwindigkeit, um Schädigungen der Nervenbahnen festzustellen.
McDonald-Kriterien
Die Diagnose von MS erfolgt in der Regel anhand der McDonald-Kriterien, die klinische und bildgebende Befunde berücksichtigen.
Therapie der Multiplen Sklerose
MS ist bis heute nicht heilbar, aber es gibt verschiedene Therapieansätze, die den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen und die Symptome lindern können. Die Behandlung von MS umfasst:
- Schubtherapie: Behandlung akuter Schübe mit hochdosiertem Kortison, um die Entzündung zu reduzieren und die Symptome zu lindern. Einzelne Schübe werden mit einer Stoßtherapie (Kortison) behandelt.
- Verlaufsmodifizierende Therapie: Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen und den Krankheitsverlauf verlangsamen sollen. Um das unterschwellig laufende Entzündungsgeschehen im Zentralnervensystem zu verringern, werden verschiedene verlaufsmodifizierende Medikamente eingesetzt. Welche der verlaufsmodifizierenden Therapien für Sie infrage kommt, wird Ihre Neurologin bzw.
- Symptomatische Therapie: Behandlung einzelner Symptome wie Spastik, Schmerzen, Blasenstörungen oder Fatigue. Symptome wie beispielsweise Blasenstörungen, Spastik, Schmerzen o. a., werden mit unterschiedlichen Therapieansätzen behandelt.
Medikamentöse Therapie
Zur verlaufsmodifizierenden Therapie stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, die das Immunsystem unterschiedlich beeinflussen. Dazu gehören:
- Interferone: Subkutane oder intramuskuläre Injektionen, die die Immunantwort modulieren.
- Glatirameracetat: Subkutane Injektionen, die die Myelinscheiden schützen sollen.
- Fumarate: Orale Medikamente, die entzündungshemmend wirken.
- Sphingosin-1-Phosphat (S1P)-Rezeptor-Modulatoren: Orale Medikamente, die die Wanderung von Immunzellen ins ZNS reduzieren.
- Monoklonale Antikörper: Infusionen, die spezifische Immunzellen blockieren.
Nicht-medikamentöse Therapie
Neben der medikamentösen Therapie spielen auch nicht-medikamentöse Behandlungen eine wichtige Rolle bei der Behandlung von MS. Dazu gehören:
- Physiotherapie: Verbesserung der Beweglichkeit, Kraft und Koordination.
- Ergotherapie: Anpassung des Alltags an die individuellen Bedürfnisse und Erhaltung der Selbstständigkeit.
- Logopädie: Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen.
- Psychotherapie: Unterstützung bei der Krankheitsverarbeitung und Bewältigung von psychischen Belastungen.
- Sport und Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität kann die Symptome lindern und die Lebensqualität verbessern.
Leben mit Multipler Sklerose
Das Leben mit MS kann eine Herausforderung sein, aber mit der richtigen Unterstützung und Behandlung können viele Menschen ein erfülltes Leben führen.
Ernährung
Bisher konnte für keine Ernährungsform oder Diät eine positive Wirkung auf den Verlauf und die Symptome von MS nachgewiesen werden. Experten empfehlen allgemein eine abwechslungsreiche und ausgewogene Kost mit viel frischem Gemüse, Obst, Fisch und ungesättigten Fettsäuren, aber wenig Fleisch und Fett.
Unterstützung
Es gibt zahlreiche Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen für Menschen mit MS und ihre Angehörigen. Der Austausch mit anderen Betroffenen kann sehr hilfreich sein, um mit der Erkrankung umzugehen und Strategien zur Bewältigung des Alltags zu entwickeln. Auch das nahe Umfeld muss mit der Diagnose MS klarkommen.