Multiple Sklerose Apps für Senioren: Fortschritte und Unterstützung im Alltag

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die vor allem junge Erwachsene betrifft. Jedoch können auch Senioren an MS erkranken oder bereits im jüngeren Alter erkrankt sein und nun im Alter mit den Folgen der Erkrankung leben. Die Therapie der MS hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht, nicht nur in der Entwicklung neuer Medikamente, sondern auch in umfassenden, ganzheitlich orientierten Therapieansätzen. Ein wichtiger Aspekt dieser Fortschritte ist die zunehmende Bedeutung digitaler Gesundheitsanwendungen (DiGA) und digitaler Pflegeanwendungen (DiPA), die speziell auf die Bedürfnisse von MS-Patienten zugeschnitten sind. Dieser Artikel beleuchtet die neuesten Entwicklungen in der MS-Therapie und wie Apps und andere technologische Hilfsmittel Senioren mit MS im Alltag unterstützen können.

Fortschritte in der MS-Therapie

Wissenschaftliche Durchbrüche

In den letzten Jahren hat sich das Verständnis der MS grundlegend gewandelt. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass MS von Anfang an nicht nur eine entzündliche, sondern auch eine neurodegenerative Komponente hat. Dies bedeutet, dass zukünftige Therapieansätze beide Aspekte berücksichtigen müssen. Auch spielen Epstein-Barr-Viren eine wichtige Rolle in der Pathogenese der MS, obwohl die Mechanismen noch nicht vollständig geklärt sind. Praktisch alle Daten zeigen, dass eine frühzeitige und konsequente Behandlung der MS sinnvoll ist, insbesondere bei schubförmigen Verläufen. Hier erreicht die frühzeitige und konsequente Behandlung mit modernen, sehr wirksamen MS-Medikamenten deutlich bessere Langzeitergebnisse als frühere Therapiekonzepte.

Diagnose und Beurteilung des Krankheitsverlaufs

Die Diagnosestellung bei MS hat sich insofern verändert, dass mit modernen Kriterien die Diagnose viel früher und präziser gestellt werden kann. Es zeichnet sich ab, dass mit Hilfe von Blutparametern die Krankheitsaktivität gemessen werden kann, was die Überwachung des Therapieerfolgs vereinfacht.

Neue Medikamente und Therapieansätze

Im Bereich der Immuntherapie sind vor allem die B-Zell-Depletoren zu nennen. Daneben wurden auch andere Immunmedikamente entwickelt, die insbesondere die Lymphozyten als Träger der Autoimmunreaktion vermindern. Aktuell arbeitet man auch an sogenannten Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitoren, die neben dem Einfluss auf B-Zellen auch eine recht gute Liquorgängigkeit haben und von denen man sich weitere nützliche, auch anti-degenerative Effekte verspricht, unter anderem dadurch, dass auch die Immunzellen des Gehirns gebremst werden. Neben einer konsequenten Immuntherapie, die im Fall von Schüben oder Progression weiter eskaliert wird, sollten auch symptomatische Behandlungen durchgeführt werden. Dazu zählen beispielsweise die Therapie der Spastik oder auch die Therapie von Blasenstörungen, unter Umständen mit direkter Injektion von Botulinumtoxin in die Blasenwand. Bei MS-Patienten mit komplexen Beschwerdebildern oder entsprechenden Komorbiditäten werden MS-Komplexbehandlungen durchgeführt, bei denen über mehrere Wochen neben der medizinischen Behandlung - je nach Bedarf - auch intensive Krankengymnastik, physikalische Therapie, Ergotherapie, Sprach- und Schlucktherapie, Musiktherapie und neuropsychologische Therapie durchgeführt wird.

Personalisierte Medizin

Starre Therapiekonzepte reichen nicht aus. Man muss für jeden einzelnen Fall individuell überlegen, was dieser Patient konkret braucht. Die zukünftigen Behandlungsstrategien orientieren sich immer mehr in Richtung einer „ganzheitlichen Therapie“. Das heißt, man möchte - neben einer konsequenten Therapie des Immunprozesses und der Symptome - verstärkt auch die Lebensqualität der Patient*innen positiv beeinflussen. Studien zeigen, dass die Lebensqualität vor allem von psychologischen Faktoren abhängt.

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Nicht-medikamentöse Hilfsmittel und digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA)

Eine wichtige Entwicklung sind die digitalen Gesundheits-Apps (DiGA´s). So ist es seit einigen Jahren möglich, typische MS-Symptome wie Fatigue, also die schnelle Ermüdbarkeit, mithilfe dieser Apps wirksam zu behandeln. Es gibt auch DiGA´s, bei denen der Betroffene interaktiv lernt, seinen Lebensstil positiv zu verändern. Zur Bewältigung des Alltags und zum Erhalt und dem Wiedererlangen von Fähigkeiten sind krankengymnastische, ergotherapeutische oder sprachtherapeutische Behandlungen ganz essentiell. Auch Hilfsmittel können die Lebensqualität verbessern. Hier benötigt man natürlich Fachleute, die in der Lage sind, die vorhandenen Hilfsmittel zu verordnen und die Patient*innen zum bedarfsgerechten Einsatz anzuleiten.

Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) im Detail

DiGA sind Gesundheits-Apps für das Smartphone oder Webanwendungen, die unter die Medizinprodukte fallen. Sie unterstützen Anwendende dabei, Krankheiten aufzudecken und begleiten die Behandlung. Die Digitale Gesundheitsanwendungen-Verordnung (DiGAV) weist darauf hin, dass der medizinische Zweck darin besteht, den Gesundheitszustand zu verbessern, die Krankheitsdauer zu reduzieren, das Überleben zu verlängern oder die Lebensqualität zu optimieren. Es gibt verschiedene DiGA, die sich von den Inhalten und Funktionen unterscheiden.

Beispiele für DiGA im Bereich MS

  • Apps zur Behandlung von Fatigue: Diese Apps helfen, die schnelle Ermüdbarkeit, ein häufiges Symptom bei MS, wirksam zu behandeln.
  • Apps zur Lebensstiländerung: Diese interaktiven Apps unterstützen Betroffene dabei, ihren Lebensstil positiv zu verändern.
  • MS-Kognition - Stärke Deine Fähigkeiten: Diese Anwendung, verfügbar für PC oder Smartphone, bietet spielerische Übungen zur Förderung von Gehirnfunktionen, die für die Alltagsbewältigung relevant sind. Mit insgesamt neun abwechslungsreichen und auch kniffligen Übungen können Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Exekutivfunktionen trainiert werden.

Digitale Pflegeanwendungen (DiPA)

DiPA unterstützen Pflegebedürftige und Angehörige und konzentrieren sich insbesondere auf die häusliche Pflege. Die Smartphone-Apps und die webbasierten Anwendungen für den Computer oder das Notebook sollen bei Pflegebedürftigen die Selbstständigkeit und die Fertigkeiten bestmöglich erhalten oder verbessern - so können sie auch einer Zunahme der Pflegebedürftigkeit vorbeugen. DiPA eignen sich zur alleinigen Nutzung oder gemeinsam mit Pflegenden, das können pflegende Angehörige, aber auch ehrenamtlich Pflegende oder Personen ambulanter Pflegedienste sein. Digitale Pflegeanwendungen sollen unter anderem den Pflegealltag organisieren, das Gedächtnis bei Demenz-Patient:innen mit Übungen trainieren, das Sturzrisiko reduzieren oder die Haushaltsführung unterstützen.

Vorteile digitaler Anwendungen

  • Selbstwirksamkeit und Motivation: Ihr Angehöriger kann durch die digitalen Lösungen selbstwirksamer und motivierter erscheinen.
  • Entlastung der Pflegenden: Sie haben die Gelegenheit, öfter mal durchzuatmen, weil sie sich beispielsweise nicht um das Heraussuchen von Übungen kümmern müssen.
  • Organisierter Pflegealltag: Sie beide profitieren davon, wenn der Pflegealltag organisierter ist.
  • Wissensvermittlung: Sie vermitteln Wissen, um besser mit einer Erkrankung oder mit der Pflegebedürftigkeit umzugehen.
  • Personalisierung: Viele Anwendungen lassen sich personalisieren, um noch gezielter auf Nutzer:innen einzugehen.
  • Nützliche Funktionen: DiGA stellen nützliche Funktionen, wie ein Schmerztagebuch, bereit, die einen Überblick über den Krankheitsverlauf ermöglichen, für Erkrankte und bei ausdrücklicher Zustimmung auch für Ärzt:innen.
  • Verständnis der Krankheit: DiGA helfen dabei, die Krankheit besser zu verstehen.
  • Anregung zur positiven Veränderung: Die digitalen Lösungen können Anwendende dazu anregen, ihren Alltag positiv zu verändern, zum Beispiel mit mehr Struktur oder Bewegung.
  • Spezifische Entwicklung für den Pflegealltag: DiPA sind speziell für den Pflegealltag entwickelt.

Zugang und Kostenübernahme

Bei der DiGA ist der Zugang bereits klar geregelt. Ihr Angehöriger benötigt ein Rezept über die Digitale Gesundheitsanwendung, das Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen ausstellen können - vorher entscheiden Mediziner:innen zusammen mit den Patient:innen über die DiGA-Anwendung. Ist das Rezept ausgestellt, reicht Ihr Familienmitglied es einfach bei der Krankenkasse ein, die wiederum einen Freischaltcode bereitstellt. Die kostenlose Nutzung beginnt dann, wenn Ihr Angehöriger den Code auf der jeweiligen Webseite oder direkt in der App eingibt. Alternativ können Sie mit einem Arztbrief oder einem vergleichbaren Dokument die App bei der Krankenkasse beantragen - wichtig ist nur, dass die Diagnose hier klar erkennbar ist. Bei der DiPA ist die Pflegekasse der richtige Ansprechpartner. Sie übernimmt für pflegebedürftige Personen, unabhängig von der Höhe des Pflegegrads, einen bestimmten Betrag für die Nutzung der DiPA.

Seriosität und Sicherheit von DiGA und DiPA

Wenn Sie sich für eine DiGA aus der offiziellen Apps-Liste entscheiden, können Sie sicher sein, dass hier strenge Regularien zur Anwendung kommen. Zunächst müssen die Hersteller der digitalen Lösung einen Zulassungsantrag beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) stellen. Zugelassen wird sie nur dann, wenn sie die hohen Anforderungen erfüllt, beispielsweise mit Blick auf den Datenschutz, die Informationssicherheit und die Wirksamkeit. Das stellt unter anderem sicher, dass die sensiblen Gesundheitsdaten wie Medikamentenpläne oder Informationen rund um die Krankengeschichte gut aufgehoben sind. Natürlich müssen auch Digitale Pflegeanwendungen bestimmte Auflagen erfüllen und werden ebenso vom BfArM geprüft.

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Weitere technologische Hilfsmittel

Neben DiGA und DiPA gibt es weitere technologische Hilfsmittel, die Senioren mit MS im Alltag unterstützen können.

Wearables

Wearables haben im MS-Kontext bislang noch keinen richtigen Durchbruch erzeugt, aber es wird weiter daran gearbeitet. Eine zentrale Frage dabei ist, wie man die durch MS bedingte Behinderung auch mit diesen technischen Möglichkeiten messen kann.

Moderne technische Hilfsmittel zur Kommunikation

Der Einsatz moderner technischer Hilfsmittel ist sehr sinnvoll, um weiter mit anderen Menschen kommunizieren zu können, vielleicht auch Gleichgesinnte, Gleichbetroffene zu finden - nicht nur in der eigenen Nachbarschaft, sondern deutschlandweit. Diese Vernetzung wird auch über die MS-Gesellschaft unterstützt, beispielsweise über das Programm „MS Connect“.

Sprachtherapie-Apps

  • SpeechCare Aphasie: Diese App bietet eine Vielzahl an Aufgaben, die ein breites Spektrum abdecken. Sie finden Übungen zum Sprachverständnis, zur Wortfindung auf Wort- und Satzebene, zum Lesen und Schreiben, zum Ergänzen von Sätzen und Wörtern sowie diverse Grammatikübungen.
  • SpeechCare MOVE: Diese App bietet Informationen zu Krankheit und Behandlungsmöglichkeiten und konkrete Hilfestellungen. Die zeitgenaue Medikamenteneinnahme wird über die Erinnerungsfunktion erleichtert. Videos mit physio- und ergotherapeutischen Übungen sowie Hilfsmittel zum rhythmischen Sprechen helfen, Therapieinhalte in den Alltag zu integrieren.
  • SpeechCare STIMME: In der Therapie kann die App bei der Behandlung organischer und funktioneller Störungen eingesetzt werden sowie bei der Behandlung neurologischer Krankheitsbilder wie Dysarthrie, Multiple Sklerose oder Parkinson.

Lebensstilfaktoren

Lebensstilfaktoren werden seit vielen Jahren als wichtiger Einflussfaktor auf Entstehung und Verlauf der Multiplen Sklerose diskutiert. Es ist recht unbestritten, dass die Ernährung hier eine wichtige Rolle spielt. Ein wahrscheinlicher Risikofaktor ist der Konsum tierischer Fette, ein zu hoher Salzkonsum, eine ungesunde Ernährung („Fast Food“) mit zu wenig Obst und Gemüse. Es wird auch klarer, das Mikrobiom, insbesondere des Darmes, einen Einfluss auf die MS hat. Sehr interessant ist dabei die Rolle kurzkettiger Fettsäuren wie bspw. der Propionsäure, die bei ballaststoffreicher Ernährung im Darm entsteht, aber auch als Nahrungsergänzungsmittel zugeführt werden kann. Die Propionsäure kann nachweislich Immunveränderungen erzeugen, die potentiell nützlich sind.

Tipps für MS-Patienten

Auch mit Multipler Sklerose kann man ein gutes, erfülltes und sinnvolles - und wie die neuen Daten zeigen - „normal langes“ Leben führen. Natürlich stellt Multiple Sklerose eine zusätzliche Herausforderung dar, aber die lässt sich meistern. Pauschale Empfehlungen sind immer etwas schwierig, denn natürlich muss man Hilfsmittel immer an den individuellen Bedarf anpassen.

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