Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch vielfältige Symptome und unterschiedliche Verlaufsformen gekennzeichnet ist. Obwohl die MS primär als neurologische Erkrankung betrachtet wird, können im Verlauf auch respiratorische Probleme auftreten. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Atemstörungen bei MS, die verschiedenen Symptome, die damit einhergehen können, sowie therapeutische Möglichkeiten zur Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen.
Was ist Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das körpereigene Immunsystem Teile des Gehirns und Rückenmarks angreift. Diese Angriffe führen zu Schädigungen an Nervenfasern und Nervenzellen, was die Informationsübertragung im zentralen Nervensystem beeinträchtigt. Die neurologischen Funktionen können dadurch gestört sein, was sich in vielfältigen Symptomen äußert. Die MS verläuft in Schüben oder schleichend fortschreitend und ist derzeit nicht heilbar. Moderne Therapien können jedoch die Schübe verhindern, die Zunahme der Behinderung reduzieren und die Symptome lindern.
Formen der Multiplen Sklerose
Es werden drei Hauptformen der MS unterschieden:
- Schubförmig remittierende Multiple Sklerose (RRMS): Verschlechterung der Krankheit in Schüben, gefolgt von teilweiser oder vollständiger Rückbildung der Symptome (Remission).
- Sekundär progrediente Multiple Sklerose (SPMS): Übergang von der RRMS in eine fortschreitende Form mit kontinuierlicher Verschlechterung.
- Primär progrediente Multiple Sklerose (PPMS): Von Beginn an langsam fortschreitender Verlauf ohne Schübe.
Ursachen von Atemstörungen bei MS
Atemstörungen bei MS sind in der Regel nicht auf die Lunge selbst zurückzuführen, sondern auf eine Schwäche der Atemmuskulatur. Diese Muskelschwäche kann verschiedene Ursachen haben:
- Schwäche des Zwerchfells: Das Zwerchfell ist der wichtigste Muskel für die Einatmung. Eine Schwäche des Zwerchfells führt zu einer restriktiven Ventilationsstörung, bei der nicht ausreichend Luft in die Lungen gelangt.
- Schwäche der Hustenmuskulatur: Ein effektiver Hustenstoß erfordert den Einsatz der inneren Zwischenrippenmuskeln und der Bauchmuskulatur. Bei MS kann die Hustenmuskulatur geschwächt sein, was das Abhusten von Sekret erschwert.
- Beeinträchtigung der Rachenmuskulatur: Eine gesunde Rachenmuskulatur ist wichtig, um den oberen Atemweg offen zu halten. Bei MS kann die Rachenmuskulatur betroffen sein, was zu obstruktiver Schlafapnoe führen kann.
- Spastik der Brustkorbmuskulatur: Erhöhte Muskelanspannung (Spastik) kann die Beweglichkeit des Brustkorbs einschränken und die Atmung beeinträchtigen.
- Eingeschränkte Beweglichkeit: Mangelnde körperliche Aktivität, insbesondere bei Rollstuhlfahrern, kann die Belüftung der Lunge beeinträchtigen.
- Medikamenten-Nebenwirkungen: Einige Medikamente, die zur Behandlung von MS eingesetzt werden, können als Nebenwirkung die Atmung beeinflussen.
Symptome von Atemstörungen bei MS
Die Symptome von Atemstörungen bei MS können vielfältig sein und sowohl tagsüber als auch nachts auftreten:
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- Kurzatmigkeit (Dyspnoe): Insbesondere bei Belastung oder im Liegen.
- Verminderte körperliche Belastbarkeit: Schnelle Erschöpfung bei körperlicher Anstrengung.
- Luftnot im Liegen (Orthopnoe): Erschwertes Atmen im Liegen, das sich im Sitzen oder Stehen bessert.
- Durchschlafstörungen: Häufiges Aufwachen in der Nacht aufgrund von Atemnot.
- Nicht erholsamer Schlaf: Trotz ausreichender Schlafdauer fühlen sich die Betroffenen morgens müde und erschöpft.
- Morgendliche Kopfschmerzen: Aufgrund von erhöhtem Kohlendioxidgehalt im Blut.
- Tagesschläfrigkeit: Erhöhtes Schlafbedürfnis und Müdigkeit während des Tages.
- Obstruktive Schlafapnoe: Wiederholte Atempausen während des Schlafs, oft begleitet von lautem Schnarchen.
- Erhöhter Kohlendioxidgehalt im Blut (Hyperkapnie): Kann zu Verwirrtheit, Herzrasen und Bewusstseinsstörungen führen.
- Abgeschwächter Hustenstoß: Schwierigkeiten beim Abhusten von Sekret, was das Risiko von Atemwegsinfektionen erhöht.
- Krämpfe im Brustkorb: Schmerzen und Verspannungen im Brustbereich, die die Atmung zusätzlich erschweren können.
Diagnostik von Atemstörungen bei MS
Die Diagnose von Atemstörungen bei MS umfasst verschiedene Schritte:
- Ausführliche Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und Erfassung der Symptome.
- Körperliche Untersuchung: Beurteilung der Atemfrequenz, des Einsatzes der Atemhilfsmuskulatur und der Körperhaltung.
- Lungenfunktionsdiagnostik: Messung der Lungenvolumina und -flussraten zur Beurteilung der Lungenfunktion.
- Messung der Atemmuskelkraft: Beurteilung der Stärke der Atemmuskulatur.
- Messung des Hustenspitzenstoßes: Beurteilung der Effektivität des Hustens.
- Blutgasanalyse: Messung der Sauerstoff- und Kohlendioxidwerte im Blut.
- Schlaflaboruntersuchung (Polygraphie oder Polysomnographie): Überwachung der Atmung, des Herzschlags und der Hirnaktivität während des Schlafs. Wichtig ist hierbei die nächtliche CO2-Messung, da die alleinige Sauerstoffmessung eine behandlungsbedürftige Hypoventilation übersehen kann.
Therapie von Atemstörungen bei MS
Die Therapie von Atemstörungen bei MS zielt darauf ab, die Atmung zu verbessern, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu erhöhen. Es gibt verschiedene therapeutische Ansätze:
- Atemtherapie:
- Atemübungen: Verbesserung der Lungenfunktion, Stärkung der Atemmuskulatur und Förderung einer vertieften Atmung.
- Sekretlösende Maßnahmen: Erleichterung des Abhustens von Sekret.
- Atemtherapie nach Middendorf: Diese Methode basiert auf der Erkenntnis, dass der Atem eng mit Körper und Geist verbunden ist. Durch bewusstes Wahrnehmen und Zulassen des Atems sollen die Selbstheilungskräfte aktiviert und das Wohlbefinden gesteigert werden. Es gibt kein „falsches“ Atmen, sondern ungünstige Atemgewohnheiten, die durch spezielle Übungen verändert werden können.
- Physiotherapie:
- Kräftigung der Atemmuskulatur: Gezielte Übungen zur Stärkung des Zwerchfells und der Zwischenrippenmuskulatur.
- Verbesserung der Beweglichkeit des Brustkorbs: Dehnübungen zur Erhöhung der Flexibilität des Brustkorbs.
- Atmungserleichternde Körperhaltungen: Erlernen von Positionen, die die Atmung erleichtern.
- Nicht-invasive Beatmung (NIV): Unterstützung der Atmung durch eine Maske, die über Mund und Nase getragen wird. Die NIV kann sowohl nachts als auch tagsüber eingesetzt werden, um die Atmung zu erleichtern und den Kohlendioxidgehalt im Blut zu senken.
- CPAP-Therapie: Bei obstruktiver Schlafapnoe wird eine CPAP-Maske (Continuous Positive Airway Pressure) verwendet, die einen kontinuierlichen Überdruck in den Atemwegen erzeugt und so ein Verschließen des Rachens verhindert.
- Medikamentöse Therapie:
- Bronchodilatatoren: Erweiterung der Atemwege zur Verbesserung der Luftzirkulation.
- Mukolytika: Verflüssigung von zähem Schleim zur Erleichterung des Abhustens.
- Sauerstofftherapie: Zufuhr von zusätzlichem Sauerstoff bei Sauerstoffmangel im Blut (jedoch Vorsicht bei chronisch erhöhtem CO2-Gehalt!).
- Logopädie: Verbesserung der Sprech- und Schluckfunktion, um das Risiko von Aspiration (Eindringen von Nahrung in die Atemwege) zu verringern.
- Anpassung der Lebensweise:
- Regelmäßige körperliche Aktivität: Förderung der allgemeinen Fitness und Stärkung der Atemmuskulatur.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Verzicht auf Rauchen und Vermeidung von Übergewicht.
- Optimierung der Schlafhygiene: Regelmäßiger Schlafrhythmus, entspannende Abendrituale und Vermeidung von Schlafstörern.
- Behandlung von Begleiterkrankungen:
- Urologische Abklärung: Bei Blasenstörungen, die den Schlaf beeinträchtigen.
- Schlafmedizinische Untersuchung: Bei Verdacht auf Schlafapnoe oder andere Schlafstörungen.
- Psychologische Betreuung: Bei psychischen Belastungen wie Angststörungen oder Depressionen, die die Atmung beeinflussen können.
Schlafstörungen und Fatigue bei MS
Schlafstörungen und Fatigue sind häufige Begleiterscheinungen der MS und können die Atemfunktion zusätzlich beeinträchtigen.
- Schlafstörungen: Bis zu 54 Prozent der MS-Betroffenen klagen über Schlafstörungen, insbesondere Schlaflosigkeit (Insomnie) und schlafbezogene Atmungsstörungen (SBAS). Ursachen für Schlafstörungen können MS-Symptome wie Schmerzen, Spastik oder Blasenstörungen sein, aber auch Medikamenten-Nebenwirkungen oder psychische Faktoren.
- Fatigue: Fatigue ist ein Zustand extremer Müdigkeit und Erschöpfung, der sich nicht durch Schlaf oder Ruhe beheben lässt. Fatigue kann die Atmung beeinträchtigen, indem sie die körperliche Aktivität einschränkt und die Atemmuskulatur schwächt.
Schlafmedizinische Abklärung bei Fatigue
Da Schlafstörungen und Fatigue bei MS häufig zusammen auftreten, ist eine schlafmedizinische Abklärung sinnvoll, um die Ursachen der Beschwerden zu ermitteln und eine gezielte Therapie einzuleiten.
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