Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem die Myelinscheide der Nervenfasern angreift. Dies führt zu vielfältigen neurologischen Symptomen und einer fortschreitenden Behinderung. Obwohl MS bis heute nicht heilbar ist, gibt es verschiedene Therapieansätze, die den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen können. Eine wichtige Säule der MS-Therapie ist die Immuntherapie, die darauf abzielt, Entzündungsaktivitäten im zentralen Nervensystem zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung einzudämmen. Dabei kommen verschiedene Medikamente zum Einsatz, darunter auch sogenannte Depot-Neuroleptika, die in Form von Spritzen verabreicht werden.
Depot-Neuroleptika in der MS-Therapie: Eine unterschätzte Option?
Obwohl der Nutzen von Depot-Neuroleptika in Studien gut belegt ist, kommen diese lang wirksamen Medikamente in der klinischen Routine noch immer selten zum Einsatz. Dies könnte zum einen an der klinischen Routine liegen, die Spritzen zur Basismedikation kaum vorsieht, zum anderen an Vorstellungen, wonach Depot-Neuroleptika für besonders schlecht adhärente oder aggressive Patienten reserviert werden sollten.
Eine Studie von Psychiatern um Subotnik kommt zu dem Schluss, dass Depot-Neuroleptika eine "exzellente Wahl" nach einer ersten psychotischen Episode darstellen. In dieser Studie wurden 86 Patienten nach einer ersten größeren psychotischen Episode entweder mit Risperidon in Tablettenform oder per Injektion alle zwei Wochen behandelt. Das Ergebnis: Innerhalb eines Jahres traten bei 16 Patienten (19 Prozent) Rezidive auf. Davon waren nur zwei (5 Prozent) in der Gruppe mit dem Depot-Neuroleptikum, aber 14 (33 Prozent) in der Gruppe mit Tabletten betroffen. Ein großer Teil der Unterschiede zwischen den beiden Gruppen ließ sich dadurch erklären, dass viele der Patienten mit oraler Therapie ihre Tabletten nur unregelmäßig einnahmen.
Noch besser für die Compliance wären möglicherweise längere Injektionsintervalle. In einer Studie von Forschern um Dr. John Kane von der Zucker Hillside Klinik in Glen Oaks, New York, wurde die Wirksamkeit von Paliperidonpalmitat alle drei Monate untersucht. Teilgenommen hatten über 300 Patienten, das Durchschnittsalter lag bei 38 Jahren, und im Schnitt waren die Patienten seit zehn Jahren an einer Schizophrenie erkrankt. Der Positiv- und Negativ-Symptomscore (PANSS) nahm unter Placebo deutlich zu (6,7 Punkte), blieb aber unter dem Depot-Neuroleptikum konstant (-0,5 Punkte).
Nach Ansicht des Psychiaters Carpenter wird noch viel Forschung nötig sein, um die optimale Dosis- und Injektionsfrequenz zu ermitteln. Bisher setzten viele Depotformulierungen auf ähnliche oder höhere Dosierungen als bei einer entsprechenden oralen Therapie.
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Was ist wichtig bei Spritzen in der MS-Therapie?
Das Wichtigste bei der Spritzen-Therapie ist, dass sie wirkt und zum Stillstand der MS führt. Das bedeutet:
- Keine Schübe
- Keine neuen Läsionen im Gehirn
- Keine gefährlichen Nebenwirkungen
Unangenehme Nebenwirkungen wie verhärtete Hautstellen, unschöne Knubbeln oder gelegentliche Flushs können in Kauf genommen werden, solange die Krankheit gestoppt wird. Nach einer Gewöhnungsphase von mehreren Wochen oder auch Monaten werden die Nebenwirkungen meist geringer, da sich der Körper an das Spritzen und Medikament gewöhnt hat.
Wirksamkeit der Spritzen mit der Zeit
Ein neues Medikament, wie die verlaufsmodifizierende Therapie, braucht eine gewisse Zeit, bis es gut schützen kann. Es kann einige Zeit dauern, bis die Therapie anschlägt. Nach einem zum Medikament passenden Zeitraum wird es gewiss einen Check geben, ob die Therapie anschlägt wie erhofft. Sei es mit einer MRT oder anderen Tests.
Falls die Therapie nicht anschlägt, sollte man unbedingt die Therapie wechseln. So lautet die aktuelle Empfehlung, die auf der Auswertung vieler Studien und langjährigen Erfahrungen basiert.
Nach neuesten Empfehlungen der Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose vom Februar 2021 soll bei einer hochaktiven MS auf ein Medikament aus Kategorie 2 oder 3 gewechselt werden. Stufe eins ist für einen milden Verlauf. Stufe zwei und drei für aktive Verläufe der MS.
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Definition einer hochaktiven MS:
- Schwere Schübe mit ungenügender Rückbildung
- Häufige Schübe im ersten Jahr
- Viele Läsionen in der MRT
- Bleibende Behinderung bereits im ersten Jahr
Bringt die verlaufsmodifizierende Therapie die Multiple Sklerose zum Stillstand, aber man erträgt die Nebenwirkungen gar nicht? Dann sollte man mit seinem Neurologen sprechen. Gemeinsam kann man überlegen, welches andere Medikament aus der gleichen Wirksamkeitskategorie besser passt.
In der neuen Leitlinie zur Behandlung der MS vom Februar 2021 wird auch geschrieben, dass man bei längerem Stillstand der Krankheit unter Therapie eine Therapiepause ausprobieren kann. Dann ist es jedoch umso wichtiger engmaschig zu kontrollieren, ob die Aktivität nicht wieder aufflammt.
Tipps beim Spritzen
Wenn man sich subkutan spritzt, muss das Medikament ins Fett- und Bindegewebe unter der Haut, auch Unterhautfettgewebe genannt. Kommt der Wirkstoff zu nah an der Oberfläche an, nehmen die Hautreaktionen zu.
Wenn man Probleme mit Hautreaktionen hat, dann sollte man versuchen, die Einstichtiefe zu variieren. Das ist beim Spritzen von Hand gewiss problemlos möglich. Falls man eine Einspritzhilfe verwendet, kann man bei vielen Modellen die Einstichtiefe einstellen. Falls das nicht ohne weiteres geht, rufe am besten die Hotline deines Medikamentenherstellers an und lass dich dazu beraten, wie man die Einstichtiefe anpassen kann.
Weitere Tipps beim Spritzen:
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- Wärme die Spritze zunächst in deiner Hand auf, wenn du sie aus dem Kühlschrank geholt hast. Spritze dir keinen kalten Wirkstoff.
- Beginne bei 21 und zähle langsam bis 40. Wenn der Wirkstoff in der Zeit und etwas vorm fertigzählen vollständig in dein Unterhautfettgewebe gelangt ist, kannst du die Spritze langsam rausziehen. Leg ein Stück Zellstoff auf die Haut und darüber ein Kühlkissen. Vorsicht, nicht zu kalt, sonst irritierst du deine Haut zusätzlich.
- Spritze dich meist vorm Schlafengehen. Das war vor allem bei Therapiebeginn sehr gut, als dein Körper noch stärker reagierte. Denn so konnte ich die schmerzhafte Phase direkt nach der Injektion größtenteils verschlafen.
- Kompressen aus schwarzem Tee oder Kamillentee sollen helfen.
- Probier mal aus, deinen Atem bewusst zu nutzen. Atme tief und langsam ein und aus und versuche alle Verspannungen und Verkrampfungen gehen zu lassen, bevor du dich spritzt.
- Variiere die Körperstellen, in die du dich spritzt. Nutze dafür eine App oder ein gedrucktes Spritzenhandbuch. So hat dein Körper die Chance, das Medikament wieder abzubauen, bevor die gleiche Stelle erneut dran ist.
- Meide kurz nach Beginn der Spritzentherapie lieber die Sauna und intensive Sonneneinstrahlung an den Hautstellen. Dazu zählt auch Solariumsonne. Sonnenbrand und Hitze stressen deine Haut zusätzlich.
Ofatumumab (Kesimpta®): Eine monatliche Spritze zur Behandlung der schubförmigen MS
Ofatumumab (Kesimpta®) ist ein Medikament zur Behandlung der aktiven schubförmig verlaufenden Multiplen Sklerose (MS). Es wird mit einer Fertigspritze oder einem Fertigpen einmal pro Monat (nach der anfänglichen Eindosierung) unter die Haut gespritzt („subkutane Injektion“) und kann vom Patienten ohne zusätzliche vorbereitende Maßnahmen selbst verabreicht werden.
Ofatumumab reduziert die Häufigkeit von Krankheitsschüben, verzögert das Fortschreiten der Behinderung und reduziert neue Entzündungsherde (Läsionen) in der Kernspintomografie (Magnetresonanztomografie, MRT). Als wichtigste Nebenwirkungen treten manchmal (insbesondere bei der ersten Gabe) systemische injektionsbedingte Reaktionen auf (das sind Symptome wie Juckreiz, Übelkeit, Müdigkeit und Schwindel).
Wie wirkt Ofatumumab (Kesimpta®)?
Ofatumumab ist ein monoklonaler Antikörper, der gegen die B-Lymphozyten, einer Untergruppe der weißen Blutkörperchen, gerichtet ist. Diese Zellen spielen bei der Krankheitsentstehung der MS eine wichtige Rolle. Die Gabe von Ofatumumab reduziert die Anzahl der B-Zellen im Blut („B-Zell-depletion“).
Für wen ist Ofatumumab (Kesimpta®) zugelassen?
In der Europäischen Union ist Ofatumumab seit 2021 zur MS-Behandlung bei Erwachsenen zugelassen. Das Medikament soll bei Patienten mit schubförmig verlaufender MS (Relapsing Multiple Sclerosis, RMS) mit aktiver Erkrankung angewendet werden.
Dosierung und Anwendung von Ofatumumab (Kesimpta®)
Zur anfänglichen Eindosierung wird Ofatumumab zunächst an den Tagen 1, 7 und 14 als Injektion unter die Haut („subkutane Injektion“) verabreicht. Dabei werden jeweils 20 mg Ofatumumab mithilfe eines sogenannten Fertigpens oder einer Fertigspritze gespritzt. Die einzelne Dosis eines Fertigpens bzw. einer Fertigspritze beträgt 20 mg Ofatumumab, die in 0,4 ml Flüssigkeit gelöst sind. Die erste Injektion sollte in einer Praxis oder Klinik von medizinischem Personal durchgeführt werden, um Anwendungsfehler zu vermeiden und Patienten anzuleiten. Außerdem treten nach Erstinjektion gehäuft systemische Injektionsreaktionen auf (das sind Symptome wie Juckreiz, Übelkeit, Müdigkeit und Schwindel).
Nach der Eindosierung erfolgt die weitere Behandlung mit einer monatlichen Injektion von 20 mg Ofatumumab. Die Injektion kann vom Patienten selbstständig zu Hause durchgeführt werden.
Studienergebnisse zur Wirksamkeit von Ofatumumab (Kesimpta®)
Ofatumumab (Kesimpta®) wurde in zwei großen klinischen Studien (ASCLEPIOS I und ASCLEPIOS II) an insgesamt 1.882 Patienten mit schubförmig-remittierender und aktiver sekundär-progredienter MS getestet. Als Vergleichssubstanz wurde in den Zulassungsstudien kein Placebo („Scheinmedikament“) verwendet, sondern das bereits zugelassene MS-Medikament Teriflunomid (Aubagio®).
Die teilnehmenden Patienten hatten im Durchschnitt seit etwa 8 Jahren die Diagnose MS. Sie hatten als Hinweise auf eine aktive Erkrankung mindestens einen dokumentierten Schub im vorangegangenen Jahr oder zwei Schübe in den vorangegangenen zwei Jahren - alternativ war auch der Nachweis einer Kontrastmittel-anreichernden (frischen) Läsion in der Kernspintomografie als Zeichen der Krankheitsaktivität akzeptiert.
Die Studien zeigten, dass Ofatumumab im Vergleich zu Teriflunomid die jährliche Schubrate signifikant reduzieren konnte. In der Studie ASCLEPIOS I lag die jährliche Schubrate in der Teriflunomid-Gruppe bei 0,22 gegenüber 0,11 in der Ofatumumab-Gruppe. In der Studie ASCLEPIOS II lag die jährliche Schubrate in der Teriflunomid-Gruppe bei 0,25 gegenüber 0,10 in der Ofatumumab-Gruppe.
Auch in der Kernspintomografie zeigte Ofatumumab eine deutliche Wirkung. Im Vergleich zu Teriflunomid konnte Ofatumumab die Anzahl der Kontrastmittel-anreichernden Läsionen um 97,5 % (ASCLEPIOS I) bzw. 93,8 % (ASCLEPIOS II) reduzieren (relative Risikoreduktion). Ebenfalls konnte Ofatumumab verglichen mit Teriflunomid die Rate neuer oder sich vergrößernder Läsionen um 81,9 % (ASCLEPIOS I) bzw. 84,5 % (ASCLEPIOS II) reduzieren (relative Risikoreduktion).
Nebenwirkungen von Ofatumumab (Kesimpta®)
Die wesentlichen Nebenwirkungen von Ofatumumab sind systemische, injektionsbezogene Reaktionen wie Fieber, Kopfschmerzen, Muskelschmerz (Myalgie), Schüttelfrost und Müdigkeit, die vor allem bei den ersten Gaben auftreten. Außerdem kann es zu Reaktionen an der Injektionsstelle kommen. Auf Infektionen der oberen Atemwege und Harnwegsinfektionen sollte geachtet werden.
Schwerwiegende Nebenwirkungen (schwere Infektionen, schwere injektionsbezogene Reaktionen, Krebs) kamen unter Ofatumumab (Kesimpta®) nicht statistisch gehäuft vor.
Wichtige Hinweise zur Anwendung von Ofatumumab (Kesimpta®)
- Die erste Injektion sollte von medizinischem Fachpersonal durchgeführt werden.
- Bei der Selbstanwendung wählen Sie die Vorderseite der Oberschenkel oder den unteren Bauchbereich (Nabelregion aussparen).
- Vor der Entscheidung für eine Behandlung werden in einem ausführlichen Arzt-Patienten-Gespräch der Nutzen und die Risiken der Ofatumumab-Therapie erläutert.
- Vor der Behandlung mit Ofatumumab wird ein ausführliches Gespräch über Vorerkrankungen geführt und eine klinische Untersuchung vorgenommen.
- Falls Sie zuvor bereits eine Therapie erhalten haben, die das Immunsystem beeinflusst oder hemmt, müssen Sicherheitsabstände eingehalten werden.
- Ofatumumab (Kesimpta®) sollte nicht während der Schwangerschaft oder in der Stillzeit verabreicht werden.
- Gegebenenfalls müssen vor dem Behandlungsbeginn mit Ofatumumab (Kesimpta®) Impfungen ergänzt bzw. aufgefrischt werden.
- Treten unter Ofatumumab-Therapie akute Infektionen auf, so sollte unverzüglich eine Diagnostik durch Ihre Ärztin / Ihren Arzt stattfinden und eine entsprechende Behandlung eingeleitet werden.
- Nehmen Sie keine neuen Medikamente ohne Rücksprache mit Ihren behandelnden Ärzten ein.
Erfahrungen von Patienten mit Kesimpta
Einige Patienten berichten von grippeähnlichen Symptomen nach der ersten Spritze, die jedoch nach kurzer Zeit wieder abklingen. Viele Patienten können ihren Alltag ganz normal gestalten und Sport treiben.
Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, ob die Spritze immer am gleichen Datum im Monat oder am gleichen Wochentag gespritzt werden soll. Einige Kliniken empfehlen, immer am gleichen Datum zu spritzen, während andere den gleichen Wochentag bevorzugen. Es scheint jedoch kein Problem zu sein, wenn die Spritze um ein bis zwei Wochen verschoben wird.
Weitere Immuntherapien für die MS
Neben Ofatumumab gibt es noch weitere Immuntherapien, die bei MS eingesetzt werden können. Dazu gehören unter anderem:
- Ocrelizumab (Ocrevus®): Ein Antikörper, der gezielt CD-20 positive B-Zellen zerstört.
- Alemtuzumab: Ein monoklonaler Antikörper mit langandauernden immunsuppressiven Eigenschaften.
- Cladribin: Ein Wirkstoff in Tablettenform, der zu einer langandauernden Unterdrückung von Teilen des Immunsystems führt.
- Fingolimod: Ein Medikament, das einen Großteil der normalerweise im Blut zirkulierenden Lymphozyten im Lymphknoten zurückhält.
- Natalizumab: Ein monoklonaler Antikörper, der das Einwandern von Entzündungszellen in das Gehirn hemmt.
- Beta-Interferone (IFN-ß): Eine Spritzentherapie, die die Aktivität von Entzündungszellen einschränken kann.
- Dimethylfumarat: Ein als Tablette eingenommenes Präparat, das die Funktion von Entzündungszellen beeinflusst und möglicherweise zusätzlich einen gewebeschützenden Effekt auf Nervenzellen hat.
- Glatirameracetat: Ein als Spritze verabreichtes Medikament, das die Funktion von Entzündungszellen beeinflusst.
- Teriflunomid: Ein Arzneimittel in Tablettenform, das die Wahrscheinlichkeit einer Teilung und Vermehrung aktivierter weißer Blutkörperchen reduziert.
- Mitoxantron: Ein Immunsuppressivum, das üblicherweise alle drei Monate als Infusion verabreicht wird.
- Azathioprin: Ein Präparat, das für viele Autoimmunerkrankungen zugelassen ist und die Vermehrung und Aktivität von B- und T-Lymphozyten hemmt.
Die Wahl der geeigneten Immuntherapie hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie dem Krankheitsverlauf, dem Alter, dem Geschlecht, Begleiterkrankungen, Risikofaktoren und den persönlichen Wünschen des Patienten.
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