Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die in Deutschland schätzungsweise mindestens 200.000 Menschen betrifft, wobei zwei Drittel davon Frauen sind. Aufgrund ihrer vielfältigen und unvorhersehbaren Verläufe wird sie auch als "Krankheit mit tausend Gesichtern" bezeichnet. MS führt zur Zerstörung der Myelinscheiden, der Schutzschicht der Nervenzellen, was zu individuellen Gewebeschäden und Vernarbungen in Gehirn und Rückenmark führt. Die Symptome reichen von leichtem Kribbeln bis hin zu schweren Störungen des Sehvermögens und der Bewegungsfähigkeit. Obwohl die Ursachen und Verlaufsformen von MS bis heute nicht vollständig geklärt sind, können die Krankheitssymptome und der Verlauf in vielen Fällen positiv beeinflusst werden.
Biologika in der MS-Therapie
In den letzten Jahren haben sogenannte Biologika in der Behandlung von MS an Bedeutung gewonnen. Biologika sind biotechnologisch hergestellte Wirkstoffe, die gezielt in das Immunsystem eingreifen. Sie können fehlende körpereigene Strukturen ersetzen, entzündungsfördernde Botenstoffe hemmen oder Immunzellen beeinflussen. Zu den in der MS-Therapie eingesetzten Biologika gehören beispielsweise Alemtuzumab, Natalizumab, Rituximab und Ofatumumab.
Biologika und Biosimilars (Nachahmerprodukte von Biologika) kommen in der Regel dann zum Einsatz, wenn konventionelle MS-Therapien nicht oder nur noch bedingt wirksam sind. Die im Mai 2021 überarbeitete S2K-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie e. V. (DGN) ordnet die verlaufsmodifizierenden Arzneimittel nicht mehr den bekannten Konzepten der Basis-, Eskalations- und Schubtherapie zu, sondern bestimmt mittels drei Wirksamkeitskategorien, welche Therapien sich für welche Betroffenen eignen. In der höchsten Kategorie 3 befinden sich die Biologika-Antikörper, die bei einem „wahrscheinlich hochaktiven“ Verlauf in Zukunft auch schon bei therapienaiven Betroffenen eingesetzt werden können.
Was sind Biologika?
Biologika (Einzahl: Biologikum) sind Arzneimittel, die in gentechnisch veränderten, lebenden Zellen produziert werden. Ihre Wirkstoffe sind meist sehr komplexe Eiweißstoffe (Proteine). Da der Herstellungsprozess sehr aufwändig ist, sind Biologika in der Regel sehr teuer. Die Nachahmerpräparate der Biologika heißen Biosimilars. Andere Bezeichnungen für Biologika sind unter anderem Biopharmazeutika, Biologicals oder Biologics (engl.), Biopharmaka, Biotherapeutika.
Biologika greifen sehr gezielt in Krankheitsprozesse ein. Sie können zum Beispiel an bestimmte Strukturen im Blut binden und diese dadurch blockieren. Ein Beispiel ist Natalizumab, ein monoklonaler Antikörper der MS-Therapie. Er bindet an bestimmte Oberflächenmoleküle auf Immunzellen und verhindert dadurch, dass diese Zellen in das Gehirn (ZNS) einwandern und dort Entzündungen hervorrufen können. Biologische Arzneimittel können aber auch körpereigene Eiweißstoffe ersetzen, wenn diese fehlen oder in unzureichenden Mengen gebildet werden. Ein bekanntes Beispiel ist die Behandlung mit dem Hormon Insulin bei Diabetes. Insulin war das erste verfügbare Biologikum und kam 1982 auf den Markt. Vorher wurde Insulin aus der Bauchspeicheldrüse von Schweinen und Rindern gewonnen.
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Biologika werden bei ganz unterschiedlichen Erkrankungen eingesetzt. Wichtige Anwendungsgebiete sind zum Beispiel entzündliche Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose, Rheuma oder Schuppenflechte (Psoriasis) und verschiedene Krebserkrankungen. Aber auch Diabetes, Wachstumsstörungen, Bluterkrankungen und Fruchtbarkeitsstörungen werden mit Biologika behandelt.
Zu den Wirkstoffarten der Biologika gehören verschiedene Substanzen. Wichtige Wirkstoffgruppen sind:
- monoklonale Antikörper zur Behandlung von Autoimmunkrankheiten wie Multipler Sklerose oder Krebserkrankungen
- Interferone, die z. B. bei Multipler Sklerose oder Krebserkrankungen eingesetzt werden
- Hormone wie Insulin zur Behandlung eines Diabetes oder wie das Wachstumshormon Somatotropin gegen Kleinwuchs
- Blutgerinnungsfaktoren, die für Patienten mit der Bluterkrankheit (Hämophilie) wichtig sind
- Fibrinolytika, um Blutgerinnsel (Thromben) aufzulösen
- hämatopoetische Wachstumsfaktoren zur Behandlung von Blutbildungsstörungen, die z. B. durch eine Chemotherapie verursacht werden
- Impfstoffe z. B. gegen Hepatitis B oder Pneumokokken.
Naturheilmittel und pflanzliche Arzneimittel (Phytopharmaka) zählen nicht zu den Biologika, auch wenn „Bio“ etwas Natürliches vermuten lässt.
Humira und das Risiko von MS
Es ist wichtig zu beachten, dass bei allen Substanzen aus der Gruppe der TNF-alpha-Blocker als mögliche Nebenwirkung das Auftreten von MS-artigen Symptomen bis hin zum Vollbild einer MS beschrieben ist. Das Risiko ist allerdings sehr niedrig; weltweit ist bei mittlerweile mehr als 200.000 Patienten, die mit TNF-alpha-Blockern behandelt wurden oder werden, nur in wenigen Einzelfällen über das Auftreten dieser Komplikation berichtet worden.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede von MS und rheumatoider Arthritis (RA)
In der klinischen Praxis stellt die gleichzeitige Diagnose von Multipler Sklerose (MS) und rheumatoider Arthritis (RA) eine therapeutische Herausforderung dar, da einige Medikamente für die eine Erkrankung die andere verschlechtern können. Pathophysiologisch teilen sich MS und RA einige Gemeinsamkeiten: Beide Erkrankungen zeigen eine Beteiligung von CD4+ T-Zellen (insbesondere Th1- und Th17-Subtypen) und eine zentrale Rolle von B-Zellen. Auch genetische Risikofaktoren - etwa bestimmte HLA-DRB1-Allele - überschneiden sich.
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Gleichzeitig bestehen aber auch relevante Unterschiede - etwa in den betroffenen Organsystemen und in der Bedeutung einzelner Zytokine wie TNF-α oder IL-6. Letztere sind bei RA zentraler Angriffspunkt moderner Therapien, bei MS jedoch mit neuroprotektiven Prozessen assoziiert.
Für Patienten mit MS und RA kommen vor allem Teriflunomid und Anti-CD20-Antikörper infrage. Der Einsatz anderer Substanzen erfordert eine sorgfältige Abwägung - teils aufgrund fehlender Evidenz, teils wegen potenzieller Risiken. Besonders kritisch sind TNFα-Inhibitoren, die bei RA sehr effektiv sind, in MS jedoch Krankheitsschübe auslösen können - sie gelten daher bei MS als kontraindiziert.
Nutzen und Risiken von Biologika
Biologika und Biosimilars wirken gezielter und schneller als herkömmliche Wirkstoffe, indem sie beispielsweise bestimmte Botenstoffe blockieren und Entzündungsprozesse bremsen. Diese direkten Eingriffe in das Immunsystem können jedoch mit teils gravierenden Nebenwirkungen einhergehen. Neben Reaktionen an der Einstichstelle können eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen, allergische Reaktionen oder die Entwicklung anderer Erkrankungen auftreten. Es muss ausgeschlossen sein, dass durchgemachte oder latente Krankheiten sich reaktivieren können.
Um die Nebenwirkungen besser zu erfassen und zu vermeiden, wurde das Immuntherapieregister REGIMS an der Universität Münster aufgebaut. Hier werden von teilnehmenden Behandlungszentren die Neben- und Auswirkungen auf die Lebensqualität von Immuntherapien systematisch dokumentiert.
Neue Strategien für die Medikamentenverabreichung
Therapeutische Biomoleküle können die Blut-Hirn-Schranke nur schwer passieren. Das Verbundprojekt N2B-patch widmete sich der Entwicklung einer neuartigen intranasalen Therapieform, bei der monoklonale Antikörper über die Riechschleimhaut direkt ins Gehirn und das zentrale Nervensystem gelangen. Ein millimetergroßes Nose-to-Brain-Patch wurde minimalinvasiv in der Nase platziert und war dort bis zu zwei Wochen hochwirksam. Diese neue Art der Darreichung wurde als gut verträglich eingestuft und soll die Lebensqualität verbessern, indem sie die Intervalle einer Medikation ausdehnt bzw. die Höhe der Dosis reduziert.
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Zunehmende Häufigkeit von Autoimmunerkrankungen
Autoimmunerkrankungen wie MS, Morbus Crohn, rheumatoide Arthritis oder Psoriasis sind in den letzten Jahren auf dem Vormarsch. Dies führt dazu, dass immer mehr Patient*innen mit Biologika behandelt werden. Auf die Gruppe der an Multipler Sklerose Erkrankten entfällt laut der aktuellen Versorgungsatlas-Studie des Zentralinstituts für Kassenärztliche Versorgung (Zi) trotz eines leichten Rückgangs nach wie vor die höchste Verschreibungsrate.
Biosimilars als kostengünstigere Alternative
Da einige Patente für Biologika bereits abgelaufen sind, kommen zunehmend Biosimilars ins Spiel. Diese sind etwa 20 bis 30 Prozent günstiger als die Originalpräparate. Gegenwärtig existieren Biosimilars allerdings nur für Rituximab und Natalizumab.