Finanzielle Sicherheit ist ein wichtiges Thema, besonders für Familien, in denen ein Mitglied an Multipler Sklerose (MS) erkrankt ist. Die Erkrankung kann zu Einkommensverlusten, unerwarteten Ausgaben und einer erhöhten Unsicherheit bei der Zukunftsplanung führen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über verschiedene Aspekte der finanziellen Absicherung für Familien mit MS, von staatlichen Hilfen und Versicherungsoptionen bis hin zu praktischen Tipps für den Umgang mit Geld.
Die Bedeutung finanzieller Planung bei MS
Multiple Sklerose kann das Leben der Betroffenen und ihrer Familien erheblich beeinflussen. Neben den gesundheitlichen Herausforderungen kommen oft finanzielle Sorgen hinzu. Frauen sind besonders gefährdet, da sie häufiger die Hauptlast der Kinderbetreuung, des Haushalts und der Pflege von Angehörigen tragen, was zu Einkommensausfällen und einer geringeren Rente führen kann. Eine chronische Erkrankung wie MS verschärft diese Situation zusätzlich.
Im schlimmsten Fall kann der Verlauf der MS zu Erwerbsminderung oder Frühverrentung führen. Daher ist es wichtig, sich frühzeitig mit dem Thema Finanzen auseinanderzusetzen und Strategien zu entwickeln, um die finanzielle Stabilität der Familie zu sichern.
Grundlagen für einen bewussten Umgang mit Geld
Ein bewusster Umgang mit Geld ist der erste Schritt zur finanziellen Absicherung. Hier sind einige grundlegende Tipps:
- Wissen aufbauen: Informieren Sie sich umfassend über Geldanlage, Versicherungen und staatliche Hilfen. Nutzen Sie kostenlose Informationsquellen wie Bibliotheken, Verbraucherzentralen und Online-Portale.
- Offenheit: Sprechen Sie mit Vertrauenspersonen über Ihre finanzielle Situation. Tauschen Sie sich über Anlagestrategien, Schuldenabbau und Gehaltsverhandlungen aus.
- Haushaltsbuch führen: Erstellen Sie eine detaillierte Aufstellung Ihrer Einnahmen und Ausgaben. Unterscheiden Sie zwischen fixen Kosten (Miete, Versicherungen, etc.) und variablen Kosten (Essen gehen, Kleidung, etc.). So erhalten Sie einen Überblick über Ihre finanzielle Situation und können Sparpotenziale erkennen.
- Sparpotenziale nutzen: Hinterfragen Sie Ihre Ausgaben kritisch. Brauchen Sie wirklich das neueste Smartphone oder das teuerste Kleidungsstück? Achten Sie auch auf Einsparmöglichkeiten im Zusammenhang mit Ihrer MS-Erkrankung, z.B. durch die Inanspruchnahme von Kostenübernahmen für Hilfsmittel oder die kritische Prüfung von Nahrungsergänzungsmitteln.
- Langsam mit dem Sparen beginnen: Bauen Sie einen Notgroschen für unerwartete Ausgaben auf und investieren Sie langfristig in Ihre Altersvorsorge. Beginnen Sie mit kleinen Beträgen und steigern Sie diese allmählich.
Berufsunfähigkeitsversicherung und Multiple Sklerose
Eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) ist ein wichtiger Baustein der finanziellen Absicherung, da sie im Falle einer Erwerbsminderung aufgrund von Krankheit oder Unfall das Einkommen sichert. Allerdings ist es für Menschen mit Multipler Sklerose oft schwierig, eine BU-Versicherung zu bekommen.
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Viele Versicherer lehnen Anträge von MS-Erkrankten ab oder bieten nur Policen zu sehr hohen Beiträgen an. Dies liegt daran, dass MS als eine Risikokrankheit eingestuft wird, die das Risiko einer Berufsunfähigkeit erhöht.
Warum ist es so schwierig, eine BU mit MS zu bekommen?
- Risikoeinschätzung: Versicherer nutzen Risikotools, um das individuelle Risiko eines Antragstellers einzuschätzen. Die Diagnose MS führt in diesen Tools oft zu einer automatischen Ablehnung.
- Gesundheitsfragen: Bei der Antragstellung müssen detaillierte Angaben zur Gesundheit gemacht werden. Die Angabe von MS führt in der Regel zu einer Ablehnung.
- Spontane Anzeigepflicht: Auch wenn nicht explizit nach MS gefragt wird, besteht eine sogenannte spontane Anzeigepflicht. Das bedeutet, dass der Antragsteller verpflichtet ist, die Erkrankung anzugeben, da sie für die Risikoeinschätzung des Versicherers von wesentlicher Bedeutung ist.
Gibt es Alternativen zur BU-Versicherung?
Da es für MS-Erkrankte oft schwierig ist, eine BU-Versicherung zu bekommen, sollten alternative Absicherungsmöglichkeiten in Betracht gezogen werden:
- Unfallversicherung: Eine Unfallversicherung zahlt im Falle einer Berufsunfähigkeit aufgrund eines Unfalls. Allerdings deckt sie keine Berufsunfähigkeit aufgrund von Krankheit ab.
- Krankentagegeldversicherung: Eine Krankentagegeldversicherung zahlt im Falle einer Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Krankheit ein Tagegeld. Dies kann helfen, Einkommensverluste während längerer Krankheitsphasen auszugleichen.
- Grundfähigkeitsversicherung: Eine Grundfähigkeitsversicherung zahlt, wenn bestimmte Grundfähigkeiten wie Sehen, Sprechen oder Gehen verloren gehen.
- Erwerbsminderungsrente: Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente zahlt, wenn die Erwerbsfähigkeit aufgrund von Krankheit oder Behinderung eingeschränkt ist. Allerdings sind die Leistungen oft gering und reichen nicht aus, um den Lebensstandard zu sichern.
Frühzeitiger Abschluss einer BU-Versicherung
Da es mit zunehmendem Alter und bestehenden Vorerkrankungen schwieriger wird, eine BU-Versicherung zu bekommen, ist es ratsam, diese so früh wie möglich abzuschließen. Schüler und Studenten haben oft noch keine Vorerkrankungen und können daher leichter eine BU-Versicherung zu günstigen Konditionen abschließen.
Eltern können auch für ihre Kinder bereits frühzeitig eine BU-Option in Form eines Ansparplans oder einer Grundfähigkeitsversicherung abschließen, die später in eine vollständige BU-Versicherung umgewandelt werden kann.
Staatliche Hilfen und Unterstützungsleistungen
Der Staat bietet eine Vielzahl von Hilfen und Unterstützungsleistungen für Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen. Diese Leistungen können dazu beitragen, die finanzielle Belastung durch die MS-Erkrankung zu verringern.
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1. Haushaltshilfe
Bei schweren Erkrankungen oder akuter Verschlechterung einer Erkrankung kann die gesetzliche Krankenkasse eine Haushaltshilfe gewähren, die sich um den Haushalt kümmert und auch die Kinder betreut. Dies gilt auch nach einem Krankenhausaufenthalt oder einer ambulanten oder stationären Vorsorge- oder Reha-Maßnahme.
Voraussetzungen:
- Die versicherte Person kann den Haushalt nicht weiterführen.
- Keine andere im Haushalt lebende Person kann den Haushalt weiterführen.
- Kind/er unter 12 Jahren (bei manchen Krankenkassen unter 14) oder mit Behinderung lebt/leben im Haushalt.
- Gesetzliche Krankenversicherung liegt vor.
Dauer:
- Mit Kind: bis zu 26 Wochen
- Bei Schwangerschaft und Entbindung: so lange wie der Arzt es für notwendig hält
- Ohne Kind: maximal vier Wochen (nur bei Nicht-Pflegebedürftigkeit)
Kosten:
- Zuzahlung von zehn Prozent der Kosten (mindestens fünf Euro, maximal zehn Euro pro Tag), außer bei Schwangerschaft und Geburt
- Bei selbst organisierter Haushaltshilfe: Erstattung von bis zu 10,50 Euro pro Stunde (Stand )
2. Ambulante Familienpflege über das Jugendamt
Wenn die Krankenkasse eine Haushaltshilfe ablehnt oder diese nicht den vollständigen Bedarf deckt, kann das Jugendamt die Betreuung und Versorgung von Kindern bis zum 14. Geburtstag in Notsituationen sichern.
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Voraussetzungen:
- Der Elternteil, der überwiegend für die Betreuung des Kindes zuständig ist, fällt aus gesundheitlichen oder anderen zwingenden Gründen aus.
- Der andere Elternteil ist nicht in der Lage, die Betreuung und Versorgung des Kindes wahrzunehmen.
- Großeltern, andere Verwandte oder Freunde können ebenfalls nicht aushelfen.
- Die Hilfe muss für das Wohl des Kindes erforderlich sein.
- Der familiäre Lebensraum für das Kind muss erhalten bleiben.
Umfang der Betreuung:
- Säuglingspflege bzw. Kinderpflege
- Sicherstellung von Schulbesuch und anderen Terminen
- Aufsicht und Unterstützung bei den Schulhausaufgaben
- Altersgemäße Beschäftigungen
- Unterstützung bei psychischen Belastungen
- Zubereitung von Mahlzeiten
- Haushaltsführung
Kosten:
- Die Kosten übernimmt das örtliche Jugendamt. Je nach Familieneinkommen kann die Familie an den Kosten beteiligt werden.
3. Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben
Die Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation sollen chronisch kranke Menschen wieder in den beruflichen Alltag integrieren und ihre Erwerbsfähigkeit absichern. Dazu gehören beispielsweise:
- Berufliche Anpassung und Weiterbildung: Umschulungen, Fortbildungen und Qualifizierungen, um den Arbeitsplatz an die gesundheitlichen Einschränkungen anzupassen oder eine neue berufliche Perspektive zu entwickeln.
- Technische Hilfen am Arbeitsplatz: Anpassung des Arbeitsplatzes mit speziellen Hilfsmitteln, um die Arbeit trotz der MS-bedingten Einschränkungen ausüben zu können.
- Leistungen zur Förderung der Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit: Unterstützung bei der Gründung eines eigenen Unternehmens.
4. Leistungen zur medizinischen Rehabilitation
Eine medizinische Rehabilitation kann helfen, die Selbstständigkeit und Lebensqualität von MS-Erkrankten zu verbessern. Die Rehabilitation umfasst in der Regel:
- Physiotherapie: Verbesserung der Beweglichkeit, Koordination und Kraft.
- Ergotherapie: Training von Alltagsaktivitäten und Anpassung des Wohnumfelds.
- Logopädie: Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen.
- Psychologische Betreuung: Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung und der Bewältigung von psychischen Belastungen.
- Sozialberatung: Beratung zu sozialrechtlichen Fragen und Hilfestellungen.
5. Schwerbehindertenausweis
Bei Multipler Sklerose kann ein Grad der Behinderung (GdB) zuerkannt werden. Ein Schwerbehindertenausweis mit einem GdB von mindestens 50 bringt eine Reihe von Vorteilen mit sich, wie z.B.:
- Kündigungsschutz: Schwerbehinderte Menschen genießen einen besonderen Kündigungsschutz.
- Zusatzurlaub: Schwerbehinderte Menschen haben Anspruch auf zusätzlichen Urlaub.
- Steuerliche Vorteile: Schwerbehinderte Menschen können steuerliche Vorteile geltend machen.
- Nachteilsausgleiche: Schwerbehinderte Menschen können Nachteilsausgleiche in Anspruch nehmen, z.B. bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder bei der Teilnahme an Veranstaltungen.
6. Pflegeleistungen
Mit zunehmendem Alter und Fortschreiten der MS kann Pflegebedürftigkeit entstehen. In diesem Fall können verschiedene Pflegeleistungen in Anspruch genommen werden:
- Pflegegeld: Das Pflegegeld wird an Pflegebedürftige gezahlt, die zu Hause von Angehörigen oder Freunden gepflegt werden.
- Pflegesachleistungen: Pflegesachleistungen werden für die Inanspruchnahme von professionellen Pflegediensten gezahlt.
- Tagespflege: Die Tagespflege bietet eine teilstationäre Betreuung von Pflegebedürftigen in einer Pflegeeinrichtung.
- Kurzzeitpflege: Die Kurzzeitpflege dient der vorübergehenden Versorgung von Pflegebedürftigen, z.B. nach einem Krankenhausaufenthalt oder bei Verhinderung der pflegenden Angehörigen.
- Verhinderungspflege: Die Verhinderungspflege dient der Entlastung pflegender Angehöriger, wenn diese Urlaub machen oder krank sind.
- Vollstationäre Pflege: Die vollstationäre Pflege bietet eine dauerhafte Versorgung von Pflegebedürftigen in einer Pflegeeinrichtung.
7. Leistungen der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG)
Die DMSG ist ein Selbsthilfe- und Fachverband, der MS-Erkrankte und ihre Familien unterstützt. Die DMSG bietet eine Vielzahl von Dienstleistungen und Angeboten, wie z.B.:
- Beratung: Beratung zu medizinischen, sozialen und rechtlichen Fragen.
- Selbsthilfegruppen: Austausch und Unterstützung in Selbsthilfegruppen.
- Seminare und Schulungen: Seminare und Schulungen zu verschiedenen Themen rund um MS.
- Freizeitangebote: Freizeitangebote für MS-Erkrankte und ihre Familien.
- Finanzielle Unterstützung: In Härtefällen kann die DMSG finanzielle Unterstützung leisten.
Tipps für den Umgang mit Geld bei MS
Neben den staatlichen Hilfen und Versicherungsoptionen gibt es auch einige praktische Tipps, die MS-Erkrankten und ihren Familien helfen können, mit Geld umzugehen:
- Budget erstellen: Erstellen Sie ein detailliertes Budget, um Ihre Einnahmen und Ausgaben im Blick zu behalten.
- Sparziele setzen: Setzen Sie sich realistische Sparziele und versuchen Sie, diese zu erreichen.
- Schulden abbauen: Bauen Sie Schulden ab, um Zinszahlungen zu vermeiden und Ihre finanzielle Situation zu verbessern.
- Geldanlage: Informieren Sie sich über verschiedene Geldanlageoptionen und wählen Sie die für Sie passende Strategie.
- Vorsorge treffen: Treffen Sie Vorsorge für den Fall, dass Sie pflegebedürftig werden oder Ihre Angehörigen pflegen müssen.
- Unterstützung suchen: Scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, z.B. bei einem Finanzberater oder einem Sozialarbeiter.
Die Rolle der Angehörigen
Angehörige spielen eine wichtige Rolle bei der finanziellen Absicherung von Menschen mit MS. Sie können nicht nur bei der Pflege und Betreuung unterstützen, sondern auch bei der finanziellen Planung und Organisation helfen.
Entlastung pflegender Angehöriger
Die Pflege von Angehörigen kann viel Kraft kosten und auch finanzielle Folgen haben. Daher ist es wichtig, dass pflegende Angehörige entlastet werden. Der Staat bietet verschiedene Leistungen zur Entlastung pflegender Angehöriger, wie z.B.:
- Pflegezeit: Die Pflegezeit ermöglicht es Arbeitnehmern, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder ganz auszusetzen, um einen pflegebedürftigen Angehörigen zu betreuen.
- Familienpflegezeit: Die Familienpflegezeit ermöglicht es Arbeitnehmern, ihre Arbeitszeit für bis zu 24 Monate zu reduzieren, um einen pflegebedürftigen Angehörigen zu betreuen.
- Pflegeunterstützungsgeld: Das Pflegeunterstützungsgeld wird gezahlt, wenn Arbeitnehmer kurzfristig einen pflegebedürftigen Angehörigen betreuen müssen.
Neues Angehörigen-Entlastungsgesetz
Das Angehörigen-Entlastungsgesetz entlastet Angehörige von Menschen mit Behinderungen und Pflegebedürftigen. Seit dem 1. Januar 2020 sind Verwandte ersten Grades (Eltern und Kinder) nur noch dann unterhaltspflichtig, wenn sie ein Jahresbruttoeinkommen von mehr als 100.000 Euro haben.
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