Multiple Sklerose Forschungsgesellschaft Deutschland: Ein Überblick über Forschung, Förderung und Fortschritte

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die in Deutschland etwa 120.000 Menschen betrifft. Die Erkrankung manifestiert sich meist im frühen Erwachsenenalter und kann leichte bis schwere Verläufe nehmen. Obwohl MS bis heute nicht heilbar ist, gibt es eine Vielzahl von Forschungsansätzen und Therapieentwicklungen, die darauf abzielen, den Krankheitsverlauf zu beeinflussen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Multiple Sklerose Forschungsgesellschaft Deutschland spielt dabei eine zentrale Rolle.

Die Rolle der Multiple Sklerose Forschungsgesellschaft

Die Multiple Sklerose Forschungsgesellschaft wurde im Jahr 1992 von der Multiple Sklerose Gesellschaft Wien gegründet. Ihr Ziel ist es, die wissenschaftliche Forschung zur Multiplen Sklerose zu fördern und auszubauen. Als gemeinnütziger Verein finanziert sie sich aus Spenden und ermöglicht neue Forschungsprojekte zur Entstehung, Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose. Durch gezielte Anschubfinanzierung konnten in den letzten Jahren viele Projektideen, vor allem von Forschungsabteilungen der medizinischen Universitäten in Österreich, umgesetzt und die Vernetzung der beteiligten Institutionen gefördert werden.

Forschungsschwerpunkte und aktuelle Projekte

Die MS-Forschung in Deutschland und weltweit ist vielfältig und umfasst unterschiedliche Schwerpunkte. Ein zentraler Aspekt ist die Aufklärung der komplexen Interaktionen zwischen dem Immun- und Nervensystem auf molekularer, zellulärer und systembiologischer Ebene. Dabei werden verschiedene Forschungscluster unterschieden:

  • Immunregulatorische Netzwerke und Krankheitsinitiierung: Hier wird untersucht, wie das Immunsystem bei MS fehlgeleitet wird und körpereigenes Nervengewebe angreift.
  • Immunzellwanderung: Dieser Bereich befasst sich mit den Mechanismen, die es Immunzellen ermöglichen, in das Gehirn und Rückenmark einzuwandern und dort Entzündungen zu verursachen.
  • Immunvermittelte Schäden und Regeneration: Hier wird erforscht, wie Immunzellen Nervenzellen schädigen und welche Möglichkeiten es gibt, diese Schäden zu reparieren.
  • Umweltfaktoren: Dieser Bereich untersucht den Einfluss von Umweltfaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum und Darmmikrobiom auf die Entstehung und den Verlauf der MS.

Ein aktuelles Beispiel für ein Forschungsprojekt ist die Forschungsgruppe 2289 der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unter Federführung von Professor Dr. Ricarda Diem und Professor Dr. Veit Flockerzi. Diese Gruppe untersucht die Rolle des Kalzium-Haushaltes bei der Entstehung und dem Verlauf der MS. Die Wissenschaftler gehen der Frage nach, ob ein gestörter Kalzium-Haushalt der beteiligten Zellen Ursache und Antrieb der chronischen Erkrankung sein könnte. Sie untersuchen, auf welche Weise das Kalzium-Gleichgewicht gestört ist, wie sich dadurch die Interaktion von Immun- und Nervenzellen verändert und welche Bedeutung das für den Verlauf der MS hat.

Erkenntnisse und Fortschritte in der MS-Forschung

In den letzten Jahren gab es bedeutende Fortschritte in der MS-Forschung, die zu einem besseren Verständnis der Erkrankung und zur Entwicklung neuer Therapieansätze geführt haben. Zu den wichtigsten Erkenntnissen gehören:

Lesen Sie auch: MS-Medikamente im Detail erklärt

  • Identifizierung von Subtypen der MS: Die Klassifikation verschiedener Subtypen der MS nach dem zugrundeliegenden Schädigungsmuster ermöglicht eine individuellere Behandlung der Patienten.
  • Erforschung der Antikörperantwort gegen MOG: Arbeiten zur Antikörperantwort gegen Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein (MOG) haben neue Einblicke in die Pathogenese der MS gegeben.
  • Neue Erkenntnisse zur Wirkungsweise von Interferon: Die Erforschung der Wirkungsweise des Wirkstoffes Interferon hat dazu beigetragen, die Therapie mit diesem Medikament zu optimieren.
  • Identifizierung von Regulatoren der Entzündungsherde: Kerschensteiner identifizierte 18 Regulatoren, die bereits zu Beginn einer MS (mit-)verantwortlich für die Entstehung von Entzündungsherden sind.
  • Sichtbarmachung axonaler Schädigungen: Kerschensteiner gelang es, neuronale Bahnsysteme selektiv zu markieren und axonale Schädigungen erstmals durch In-vivo-Mikroskopie sichtbar zu machen.
  • Erkenntnisse über auto-aggressive T-Zellen: Korn beschäftigt sich mit der Frage, wo die auto-aggressiven T‑Zellen überhaupt herkommen und wie der Ort ihrer Aktivierung darüber entscheidet, wo im zentralen Nervensystem sie sich ansiedeln und welche regulatorischen und schädigenden Wirkungen sie haben.
  • Identifizierung eines genetischen Biomarkers für die Therapie mit Glatirameracetat: Eine Studie unter Leitung der Universität Münster hat einen genetischen Biomarker identifiziert, der vorhersagt, ob MS-Patienten besonders gut auf eine Behandlung mit Glatirameracetat (GA) ansprechen. Menschen mit dem Gewebetyp HLA-A*03:01 profitieren demnach signifikant stärker von GA als von Interferon-beta (IFN).

Therapeutische Entwicklungen und Behandlungsmöglichkeiten

Obwohl MS bis heute nicht heilbar ist, gibt es eine Reihe von Medikamenten und Therapien, die den Krankheitsverlauf beeinflussen und die Symptome lindern können. Dabei wird zwischen verlaufsmodifizierenden Therapien und symptomatischer Behandlung unterschieden:

  • Verlaufsmodifizierende Therapien: Diese Therapien zielen darauf ab, die Entzündungsprozesse im Gehirn und Rückenmark zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. In den letzten Jahren sind viele neue Medikamente auf den Markt gekommen, die den Verlauf der MS positiv beeinflussen können.
  • Symptomatische Behandlung: Diese Behandlung zielt darauf ab, die Symptome der MS zu lindern, wie z.B. Müdigkeit, Schmerzen, Spastik und Blasenstörungen. Es gibt eine Vielzahl von Medikamenten und Therapien, die bei der symptomatischen Behandlung der MS eingesetzt werden können.

Ein wichtiger Fortschritt in der MS-Therapie ist die Möglichkeit, die Medikamentenwahl anhand genetischer Biomarker zu personalisieren. Die Entdeckung, dass MS-Patienten mit dem Gewebetyp HLA-A*03:01 besonders gut auf eine Behandlung mit Glatirameracetat (GA) ansprechen, ermöglicht es, die Therapieentscheidung bereits vor Therapiebeginn zu optimieren.

Die Bedeutung von Selbsthilfe und Unterstützung

Neben der medizinischen Behandlung spielt die Selbsthilfe eine wichtige Rolle im Umgang mit MS. Die Hertie-Stiftung unterstützt in Zusammenarbeit mit der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) die Aktivitäten von Selbsthilfegruppen, gewährt Einzelfallhilfen und fördert die Selbstorganisation der Erkrankten. Seit 1992 vergibt die Stiftung jährlich den Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe, der mit 25.000 Euro dotiert ist. Damit möchte die Stiftung den Erkrankten Mut machen und vorbildliche Aktivitäten öffentlich würdigen.

Die Rolle der Hertie-Stiftung

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung setzt sich seit 1978 für MS-Erkrankte ein. Seit 1978 flossen mehr als 33 Mio. Euro in die Forschungsförderung. Jährlich 1,3 Mio. Euro gingen für MS-Forschungsprojekte an deutsche Institute und solche im benachbarten Ausland. In Göttingen gründete die Hertie-Stiftung 2004 das deutschlandweit erste Institut für Multiple-Sklerose-Forschung und 2007 das Institut für Neuroimmunologie und Klinische Multiple-Sklerose-Forschung (inims) in Hamburg. Seit 2002 sind 68 MS-Forschungsprojekte durch Einzelantragsverfahren von der Hertie-Stiftung gefördert worden.

Aktuelle Spendenaktionen und Initiativen

Um die Forschung zur Multiplen Sklerose weiter voranzutreiben, gibt es verschiedene Spendenaktionen und Initiativen. Ein Beispiel ist die Spendenaktion The May 50K, bei der Teilnehmer im Mai sportliche Aktivitäten unternehmen und Spenden für die MS-Forschung sammeln. Die Zahl 50.000 kann dabei von jedem und jeder frei ausgelegt werden, z.B. als 50.000 Kilometer, 50.000 Treppenstufen oder eine andere individuelle Herausforderung.

Lesen Sie auch: Wie man MS vorbeugen kann

Sobek-Forschungspreis

Mitte Dezember wurden mit den Sobek-Forschungspreisen 2023 herausragende und richtungsweisende Leistungen von Wissenschaftlern im Bereich der Multiple-Sklerose-Forschung und der dazugehörenden Grundlagenforschung gewürdigt. Der mit 100.000 Euro europaweit höchstdotierte Preis in der MS-Forschung ging in diesem Jahr zu gleichen Teilen an Prof. Martin Kerschensteiner und an Prof. Thomas Korn. Den mit 15.000 Euro dotierten Nachwuchspreis 2023 erhielt Dr. Max Kaufmann. Erstmals in der Geschichte der Preisverleihung wurde die Lebensleistung eines Forschers für jahrzehntelanges Engagement in der Erforschung der MS honoriert. Den Sobek Ehrenpreis erhielt Prof. em. Adriano Fontana.

Herausforderungen und zukünftige Forschungsziele

Trotz der bedeutenden Fortschritte in der MS-Forschung gibt es noch viele offene Fragen und Herausforderungen. Ein zentrales Ziel ist es, die Ursachen der MS besser zu verstehen und neue Therapieansätze zu entwickeln, die nicht nur den Krankheitsverlauf beeinflussen, sondern die Erkrankung heilen können. Dabei spielen die Grundlagenforschung und die translationale Forschung eine wichtige Rolle:

  • Grundlagenforschung: Die Grundlagenforschung zielt darauf ab, die grundlegenden Mechanismen der MS zu verstehen, wie z.B. die Interaktionen zwischen dem Immun- und Nervensystem, die Rolle von Genen und Umweltfaktoren und die Pathogenese der Erkrankung.
  • Translationale Forschung: Die translationale Forschung zielt darauf ab, die Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in die klinische Anwendung zu überführen, z.B. durch die Entwicklung neuer Diagnostika, Therapien und Präventionsstrategien.

Ein weiteres wichtiges Ziel ist es, die personalisierte Medizin in der MS-Therapie weiter voranzutreiben. Durch die Identifizierung von Biomarkern und die Entwicklung von individuellen Therapieansätzen soll die Behandlung der MS effektiver und verträglicher werden.

Lesen Sie auch: MS und Rückenschmerzen: Ein Überblick

tags: #multiple #sklerose #forschungsgesellschaft