Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die nicht nur die Nervenzellen betrifft, sondern auch Auswirkungen auf andere Organe haben kann. In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend die Verbindung zwischen MS und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, insbesondere Herzinsuffizienz, in den Fokus gerückt. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen MS und Herzinsuffizienz, untersucht mögliche Ursachen und Risikofaktoren und gibt Hinweise für die klinische Praxis.
Kardiale Auswirkungen von Multipler Sklerose
Die Annahme, dass MS ausschließlich eine neurologische Erkrankung ist, wird zunehmend in Frage gestellt. Studien deuten darauf hin, dass MS-Patienten ein erhöhtes Risiko für verschiedene Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben, darunter Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzinsuffizienz. Eine systematische Überprüfung und Meta-Analyse von Beobachtungsstudien deutet darauf hin, dass MS mit einem erhöhten Risiko für Herzerkrankungen verbunden ist.
Veränderungen der Herzfunktion bei MS-Patienten
Mithilfe neuerer echokardiografischer Diagnosewerkzeuge wie der Echtzeit-3D-Echokardiografie und dem Speckle Tracking konnten Forscher zeigen, dass MS-Patienten stärkere Beeinträchtigungen der rechten und linken Herzhälften aufweisen als gesunde Probanden. Konkret wurden eine verminderte systolische Funktion (während des Herzschlags) und eine geringere diastolische Funktion (in der "Ruhephase" zwischen den Schlägen) in der linken Hauptkammer festgestellt. Auch die Funktion des linken Vorhofs und die systolische Aktivität der rechten Hauptkammer waren beeinträchtigt.
Interessanterweise waren Werte, die mit der Funktion der Arterien, der Blutversorgung des Herzens sowie möglichem Herzversagen verbunden sind, nicht verändert. Auch die Art der MS-Medikation (Interferon oder Glatirameracetat) spielte keine Rolle für die Herzfunktion.
Mögliche Ursachen für Herzprobleme bei MS
Die Ursachen für die gehäuften Herzprobleme bei MS-Patienten sind noch nicht vollständig geklärt. Eine Hypothese besagt, dass veränderte Muskeleiweiße, die auch im Herzmuskel vorhanden sind, eine Rolle spielen könnten. Eine andere Theorie, die sogenannte Inflammationshypothese, sieht in der chronischen Entzündung, die bei Autoimmunerkrankungen wie MS auftritt, einen möglichen Faktor für das erhöhte kardiovaskuläre Risiko.
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Mitoxantron-Therapie und Kardiotoxizität
Mitoxantron ist ein Zytostatikum, das in der Vergangenheit zur Behandlung von MS eingesetzt wurde. Aus der Chemotherapie von Tumorpatienten ist jedoch bekannt, dass Mitoxantron dosisabhängig kardiotoxisch wirken kann.
Studie zu Mitoxantron-induzierter Kardiotoxizität bei MS-Patienten
Eine Studie untersuchte die Krankengeschichten von 1378 mit Mitoxantron behandelten MS-Patienten auf Hinweise auf kardiale Dysfunktionen und eine Einschränkung der linksventrikulären Ejektionsfraktion (LVEF < 50%). Die Patienten erhielten kumulative Dosen von 2 bis 183 mg/m2 Mitoxantron.
Die Ergebnisse zeigten, dass zwei Patienten nach Therapiebeginn eine kardiale Dekompensation erlitten. Bei 17 von 779 Patienten, die die Therapie und die Follow-up-Phase vollständig durchliefen, wurde eine neu aufgetretene asymptomatische Reduktion der LVEF auf < 50% während oder nach der Therapie dokumentiert.
Risikofaktoren und Vorsichtsmaßnahmen
Die Analysen zeigten keinen Zusammenhang mit dem Applikationsintervall, der Therapiedauer, dem Geschlecht oder dem Patientenalter. Es wurde jedoch ein Trend für eine höhere Rate an Herzinsuffizienzen bei höheren kumulativen Dosen von Mitoxantron beobachtet.
Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit einer sorgfältigen Überwachung der Herzfunktion bei MS-Patienten, die mit Mitoxantron behandelt werden.
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Herzinsuffizienz und kognitive Defizite bei MS
Eine weitere interessante Beobachtung ist der Zusammenhang zwischen Herzinsuffizienz und kognitiven Defiziten bei MS-Patienten. Eine Studie des Uniklinikums Würzburg untersuchte die kognitiven Funktionen von Herzinsuffizienzpatienten und fand heraus, dass 41 Prozent der untersuchten Patienten Defizite in der Reaktionszeit und 46 Prozent Defizite im verbalen Gedächtnis aufwiesen.
Veränderungen im Gehirn von Herzinsuffizienzpatienten
Im Kopf-MRT zeigten die Patienten im Vergleich zu herzgesunden Normalpersonen eine stärkere Atrophie des Temporallappens, der eine wichtige Rolle für die Gedächtnisbildung spielt. Die Forscher vermuten, dass die verminderte Ausdauer der Patienten mit kognitiven Störungen, gemessen im 6-Minuten-Gehtest, ein wichtiger Faktor sein könnte.
Auswirkungen auf die Therapieadhärenz
Die kognitiven Einschränkungen, die mit Herzinsuffizienz einhergehen können, stellen ein besonderes Problem dar, da die Therapie der Herzinsuffizienz einen komplexen Plan mit regelmäßiger Prüfung der Vitalwerte, konsequenter Einnahme der Medikamente und Beschränkung der Trinkmenge erfordert. Viele Patienten können diesen Therapieplan aufgrund ihrer verminderten kognitiven Fähigkeiten schlichtweg nicht einhalten, was zu einer Verschlechterung der Lebensqualität und der Erkrankung führen kann.
Fingolimod und Herzfrequenzsenkung
Fingolimod ist ein Medikament, das zur Behandlung von MS eingesetzt wird. Es kann jedoch nach der ersten Anwendung den Herzschlag senken, was bei manchen Patienten gefährlich lange anhalten kann.
Studie zu Fingolimod-induzierter Herzfrequenzsenkung
Deutsche Forscher haben eine Methode gefunden, um Risiko-Patienten vor einer möglichen Behandlung mit Fingolimod zu identifizieren. Eine Studie ergab, dass bei einigen Patienten die Herzfrequenzsenkung länger als 6 Stunden anhielt und mit bestimmten Messwerten wie einem höheren Ruhe-Blutdruck und höheren Blutdruckwerten während eines Greiftests korrelierte.
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Mögliche Ursachen und MRT-Korrelation
Das Forscherteam vermutet, dass die Herzprobleme unter Fingolimod mit der MS selbst zusammenhängen könnten, möglicherweise aufgrund von MS-Läsionen, die zentral autonomisch wirken. Aktuelle Untersuchungen befassen sich mit der Korrelation dieser Herzprobleme mit MRT-Befunden.
Empfehlungen für die klinische Praxis
Aufgrund des Risikos einer Herzfrequenzsenkung wird empfohlen, Patienten nach der Ersteinnahme von Fingolimod 6 Stunden lang nachzubeobachten. Bei Patienten, bei denen die Herzfrequenzsenkung länger anhält oder andere Herzprobleme auftreten, sollte die Behandlung mit Fingolimod möglicherweise überdacht werden.
Autoimmunerkrankungen und kardiovaskuläres Risiko
Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Substanzen oder Strukturen angreift. Eine Studie hat gezeigt, dass Autoimmunerkrankungen generell mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden sind.
Studie zu Autoimmunerkrankungen und kardiovaskulärem Risiko
Die Analyse von Daten von 446.449 Personen mit neu diagnostizierten Autoimmunerkrankungen ergab für jede einzelne Herz-Kreislauf-Erkrankung ein erhöhtes Risiko. Das Risiko war bei Patienten mit mehreren Autoimmunerkrankungen noch höher und bei jüngeren Patienten ausgeprägter.
Vergleich mit anderen Risikofaktoren
Die Studie ordnet eine Autoimmunerkrankung als kardiovaskulären Risikofaktor vergleichbar mit Typ-2-Diabetes und sogar gewichtiger als ein Anstieg des systolischen Blutdrucks um 20 mmHg oder ein um 5 kg/m2 erhöhter BMI ein.
Bedeutung für die klinische Praxis
Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Berücksichtigung des kardiovaskulären Risikos bei der Betreuung von Patienten mit Autoimmunerkrankungen, insbesondere bei jungen Patienten.
Empfehlungen für MS-Patienten und Ärzte
Die Erkenntnisse über die Zusammenhänge zwischen MS und Herzinsuffizienz haben wichtige Implikationen für die klinische Praxis.
Für MS-Patienten:
- Achten Sie auf Symptome von Herzproblemen: Wenn Sie als MS-Patient Symptome wie Kurzatmigkeit, Brustschmerzen, Herzrasen oder Schwellungen in den Beinen bemerken, suchen Sie umgehend einen Arzt auf.
- Besprechen Sie Ihr kardiovaskuläres Risiko mit Ihrem Arzt: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über Ihr individuelles kardiovaskuläres Risiko und mögliche Maßnahmen zur Risikoreduktion.
- Integrieren Sie Bewegung in Ihren Alltag: Versuchen Sie, so viel Bewegung wie möglich in Ihren Alltag zu integrieren. Regelmäßige körperliche Aktivität kann das Herz-Kreislauf-System stärken und das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken.
- Vermeiden Sie Stress: Stress kann sich negativ auf das Herz auswirken. Finden Sie Strategien zur Stressbewältigung, die für Sie funktionieren, wie z.B. Entspannungsübungen, Yoga oder Meditation.
- Achten Sie auf eine gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten kann das Herz-Kreislauf-System unterstützen.
- Nehmen Sie Medikamente gewissenhaft ein: Wenn Sie aufgrund von Herzproblemen Medikamente einnehmen müssen, achten Sie auf eine gewissenhafte Einnahme gemäß den Anweisungen Ihres Arztes.
Für Ärzte:
- Berücksichtigen Sie das kardiovaskuläre Risiko bei MS-Patienten: Ärzte sollten das erhöhte kardiovaskuläre Risiko bei MS-Patienten berücksichtigen und entsprechende Vorsorgemaßnahmen treffen.
- Führen Sie regelmäßige Herz-Kreislauf-Untersuchungen durch: Bei MS-Patienten sollten regelmäßige Herz-Kreislauf-Untersuchungen durchgeführt werden, um Herzprobleme frühzeitig zu erkennen.
- Setzen Sie neue Diagnosemethoden ein: Neuere Diagnosemethoden mittels Ultraschall wie die Echtzeit-3D-Echokardiografie und das Speckle Tracking können helfen, Störungen der Herz-Kreislauf-Funktion bei MS-Patienten schneller aufzudecken.
- Beachten Sie die Kognition: Ärzte sollten sich bewusst sein, dass Herzinsuffizienz mit kognitiven Einschränkungen einhergehen kann, die die Therapieadhärenz beeinträchtigen können.
- Arbeiten Sie interdisziplinär: Ein Team, das sich aus Ärzten verschiedener Disziplinen zusammensetzt, sollte immer einen Kardiologen mit einschließen, um eine umfassende Betreuung von MS-Patienten mit Herzproblemen zu gewährleisten.
- Seien Sie vorsichtig bei der Verordnung von Mitoxantron: Bei der Verordnung von Mitoxantron sollten Ärzte die potenziellen kardiotoxischen Wirkungen berücksichtigen und die Herzfunktion der Patienten sorgfältig überwachen.
- Überwachen Sie Patienten nach der Ersteinnahme von Fingolimod: Nach der Ersteinnahme von Fingolimod sollten Patienten 6 Stunden lang nachbeobachtet werden, um eine mögliche Herzfrequenzsenkung frühzeitig zu erkennen.
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