Multiple Sklerose: Ursachen für das Ausbleiben von Schüben und Fortschritte im Verständnis der Erkrankung

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die das Gehirn und das Rückenmark betrifft. Sie ist durch eine Vielzahl von Symptomen und Verläufen gekennzeichnet, was sie zu einer komplexen und schwer vorherzusagenden Erkrankung macht. Obwohl die genauen Ursachen der MS noch nicht vollständig geklärt sind, hat die Forschung in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht, die zu besseren Behandlungsmöglichkeiten und einem tieferen Verständnis der Krankheit geführt haben.

Ursachen der Multiplen Sklerose

Die Ursache der Multiplen Sklerose ist noch nicht endgültig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt.

Genetische Faktoren

In Europa haben Kinder von MS-Betroffenen ein etwa 20-fach erhöhtes Erkrankungsrisiko im Vergleich zu Kindern nicht betroffener Eltern. Das Erkrankungsrisiko bei Kindern von MS-Erkrankten ist aber mit etwa 3 Prozent insgesamt niedrig. Daher ist Multiple Sklerose keine „reine“ Erbkrankheit. Sie ist vielmehr eine Erkrankung, die von Umweltfaktoren ausgelöst wird und Menschen betrifft, die eine genetisch bedingte Veranlagung für MS haben.

Umweltfaktoren

Verschiedene Umweltfaktoren werden als mögliche Auslöser oder Verstärker der MS diskutiert. Dazu gehören:

  • Virale Infektionen: Bestimmte Viren, wie Masern-Viren, Herpes-Viren oder Epstein-Barr-Viren, werden mit einem erhöhten MS-Risiko in Verbindung gebracht. Eine durchgemachte Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV-Infektion) scheint ein häufiger, aber allein nicht hinlänglicher Risikofaktor für eine MS zu sein.
  • Vitamin-D-Mangel: Ein niedriger Vitamin-D-Spiegel, der durch geringe Sonnenlichtexposition verursacht werden kann, wird ebenfalls als möglicher Risikofaktor angesehen.
  • Rauchen: Nikotin und andere Inhaltsstoffe von Zigaretten können das Immunsystem beeinflussen und Entzündungsprozesse im Körper fördern, was möglicherweise zur Entstehung oder Verschlimmerung von MS beiträgt.
  • Weitere Faktoren: Auch das Geschlecht scheint einen Einfluss zu haben; denn es leiden 2 bis 3 mal so viele Frauen wie Männer an MS. Daneben spielen offenbar verminderte Sonnenexposition, Ernährungsgewohnheiten mit Übergewicht und eine ungünstige Konstellation von Darmbakterien bei der Entstehung von MS eine Rolle.

Autoimmunreaktion

Man zählt die Multiple Sklerose zu den so genannten Autoimmun­krank­heiten, d. h. das körpereigene Immunsystem ist fehlgesteuert und richtet sich gegen gesunde, körper­eigene Strukturen. Im Falle der MS sind wichtige Zellen des Nervensystems das Ziel: Die Fortleitung von Nervenimpulsen entlang einer Nervenfaser geschieht über elektrische Phänomene an der Zelloberfläche des jeweiligen Nervs. Die Nervenfaser ist von einer Hülle umgeben, die eine elektrische Isolierung der Faser und damit die Weiterleitung der Impulse um ein Vielfaches beschleunigt. Bei MS-Patienten greifen Abwehrzellen diese so genannte Mark- bzw. Myelinscheide an. Man nimmt an, dass bestimm­te Eiweiße (Proteine) auf der Oberfläche der Myelinzellen vom Immunsystem fälschlicherweise als fremd erkannt und bekämpft werden. Dieser Angriff geschieht im Gehirn meist herdförmig, d.h. nicht im ganzen zentralen Nervensystem, sondern in vielen (multiplen) unterschiedlichen Bereichen. Der akute Entzündungs­prozess äußert sich für den Patienten als Schub der Krankheit. Es kommt daraufhin im Nervengewebe zur Narbenbildung (Sklerose).

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Verlaufsformen der Multiplen Sklerose

Die Multiple Sklerose ist nicht durch ein einheitliches Krankheitsbild gekennzeichnet, das für alle Patient:innen gleich aussieht. Mediziner unterscheiden drei Arten der MS. Diese Verlaufsformen werden im Einzelnen noch unterschieden - je nachdem, wie aktiv bzw. nicht aktiv die MS-Erkrankung ist und ob sie fortschreitet oder nicht, d. h.

  • Schubförmig-remittierende MS (RRMS): Dies ist die häufigste Form der MS, bei der sich Schübe mit Phasen der Remission abwechseln. Während eines Schubs treten neue Symptome auf oder bestehende Symptome verschlimmern sich. In der Remissionsphase bilden sich die Symptome teilweise oder vollständig zurück.
  • Sekundär-progrediente MS (SPMS): Bei einem Teil der Patienten geht die RRMS nach einigen Jahren in eine SPMS über. Dabei nehmen die Symptome kontinuierlich zu, unabhängig von Schüben.
  • Primär-progrediente MS (PPMS): Diese Form der MS ist seltener und betrifft ca. 10 Prozent der MS-Patient:innen. Bei diesen Menschen verschlimmern sich die Symptome bereits von Beginn der Erkrankung an kontinuierlich (primär). Einzelne Schübe sind meist nicht erkennbar und bleibende Beeinträchtigungen nehmen stetig zu.

Ursachen für das Ausbleiben von Schüben

Das Ausbleiben von Schüben bei MS kann verschiedene Ursachen haben:

  1. Natürlicher Verlauf der Erkrankung: Bei einigen Patienten kann die RRMS in eine stabile Phase übergehen, in der keine Schübe auftreten. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Erkrankung geheilt ist, sondern dass die Entzündungsaktivität im ZNS vorübergehend reduziert ist.
  2. Wirksamkeit der Immuntherapie: Moderne immunmodulierende Medikamente können die Häufigkeit und Schwere von Schüben deutlich reduzieren. Bei erfolgreicher Therapie kann es daher zu einem Ausbleiben von Schüben kommen.
  3. Sekundär-progrediente MS (SPMS): Bei der SPMS können Schübe seltener werden oder ganz ausbleiben, während die Symptome kontinuierlich fortschreiten.
  4. Primär-progrediente MS (PPMS): Bei der PPMS treten von Anfang an keine Schübe auf, sondern die Symptome nehmen kontinuierlich zu.
  5. „Benigne“ MS: Mit einer „benignen und damit gutartigen MS“ ist meist eine Form der MS gemeint, die über viele Jahre ohne oder nur mit milden Symptomen einhergeht. Langzeit-Untersuchungen ergaben allerdings, dass es in den meisten Fällen im weiteren Verlauf doch noch zu einem erheblichen Fortschreiten der Erkrankung mit bleibenden Behinderungen kommt.

Es ist wichtig zu beachten, dass das Ausbleiben von Schüben nicht immer ein Zeichen für eine Verbesserung des Krankheitszustands ist. Bei einigen Patienten kann die Erkrankung auch ohne Schübe fortschreiten, was zu einer Zunahme von Behinderungen führen kann.

Schub oder Pseudo-Schub

Der Name sagt es schon: Es ist kein echter Schub, fühlt sich aber so an und kann bei allen Verlaufsformen der MS auftauchen. Typisch ist: Ein „Pseudo-Schub“bei MS dauert oft nur wenige Stunden und kann durch Stress, Hitze oder auch sportliche Extrembelastung ausgelöst werden. Auch fieberhafte Infekte oder mit Schmerzen verbundene Erkrankungen gehen manchmal mit einem Pseudo-Schub einher.

Die Rolle der Therapie bei Multipler Sklerose

Die heutigen Medikamente zur Dauerbehandlung der Multiplen Sklerose (MS) können bei vielen Patienten einen Teil der Krankheitsschübe verhindern und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen - allerdings nicht bei allen. Pharma-Unternehmen entwickeln deshalb neue Präparate, die noch wirksamer und sicherer sind bzw. auch bei Anwendung und Monitoring für betroffene Patient:innen zusätzliche Vorteile bieten.

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Schubtherapie

Unabhängig von der Form Ihrer MS-Erkrankung: Wenn Sie einen akuten MS-Schub haben, wird Ihre Neurologin bzw. Ihr Neurologe möglichst schnell eine Behandlung einleiten. Dies wird gegebenenfalls mit hochdosiertem Kortison erfolgen. Diese schnelle Therapie wird auch als Stoß- oder Pulstherapie bezeichnet. Sie kann rasch die Entzündungsaktivität im ZNS eindämmen und damit die Schub-Symptome zurückdrängen.

Verlaufsmodifizierende Therapie

Um das unterschwellig laufende Entzündungsgeschehen im Zentralnervensystem zu verringern, werden verschiedene verlaufsmodifizierende Medikamente eingesetzt. Welche der verlaufsmodifizierenden Therapien für Sie infrage kommt, wird Ihre Neurologin bzw.

Symptomatische Therapie

Symptome wie beispielsweise Blasenstörungen, Spastik, Schmerzen o. a., werden mit unterschiedlichen Therapieansätzen behandelt.

Aktuelle Forschung und neue Medikamente

Dennoch ist vieles bis heute nicht zufriedenstellend: Im Jahr 2024 kann keines der Basistherapeutika alle Schübe verhindern. Und für die Behandlung bestimmter Formen der Krankheit sind sind erst wenige Medikamente wie Mayzent oder Ocrevus zugelassen. Deshalb versuchen Pharmaforscher weiterhin, für die Patienten Medikamente zu entwickeln, die noch wirksamer und noch besser verträglich sind. Und sie arbeiten an weiteren Medikamenten gegen die stetig fortschreitende (die sogenannte "primär-progrediente" oder "sekundär-progrediente“) MS.

Ein wichtiger Schwerpunkt der klinischen Forschung liegt 2024 wie auch in den vergangenen Jahren auf der Weiterentwicklung von immunmodulatorischen Substanzen, die das Voranschreiten der Behinderung effektiver unterbinden sollen. Durch Immunmodulatoren kann die Immunantwort im Körper beeinflusst und neu ausgerichtet werden. Sie können beispielsweise Botenstoffe sein, die therapeutisch eingesetzt werden, um die Kommunikation zwischen den Immunzellen zu beeinflussen. Ein weiterer Fokus liegt auf der Erforschung der Zelle, insbesondere der Rolle von T-Zellen und B-Zellen, um die Mechanismen der Autoimmunreaktion besser zu verstehen. Andere Studien zielen darauf ab, den Anwendungskomfort durch längere Anwendungsintervalle oder eine orale Verabreichung zu erhöhen.

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Leben mit Multipler Sklerose

Trotz der Herausforderungen, die mit der MS verbunden sind, können viele Menschen mit der Erkrankung ein erfülltes und aktives Leben führen. Wichtige Faktoren hierbei sind:

  • Frühzeitige Diagnose und Therapie: Eine frühzeitige Diagnose und der Beginn einer geeigneten Therapie können den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen und das Fortschreiten der Behinderung verlangsamen.
  • Regelmäßige körperliche Aktivität: Sport und Bewegung können die Muskelfunktion und das Gleichgewicht fördern, Schmerzen und Verkrampfungen lindern sowie Stress, Müdigkeit und Abgeschlagenheit entgegenwirken.
  • Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse, Fisch und Vollkornprodukten kann die Immunabwehr stärken und das Entzündungsgeschehen minimieren.
  • Psychische Unterstützung: Eine Psychotherapie kann Betroffenen helfen, ihr Leben mit allen Einschränkungen aktiv zu gestalten und selbstbewusst mit möglichen Konfrontationen des sozialen Umfelds umzugehen.
  • Soziale Kontakte: Der soziale Kontakt und die Anerkennung für berufliche Leistungen geben oft Selbstvertrauen und die Kraft, sich der MS zu stellen.

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