Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die oft als die "Krankheit der 1000 Gesichter" bezeichnet wird. Sie äußert sich durch eine Vielzahl unterschiedlicher Symptome, und kein Krankheitsverlauf gleicht dem anderen. Die Symptome hängen davon ab, an welchen Stellen im Gehirn und Rückenmark Entzündungen auftreten und wie stark diese ausgeprägt sind.
Vielfältige Symptome und Schubförmiger Verlauf
Die Anzeichen der MS treten in den meisten Fällen plötzlich auf, oft in Form eines Schubes. Die Symptome können dabei von Schub zu Schub variieren. Insgesamt teilt man die MS in verschiedene Verlaufsformen und ein Frühstadium ein.
Ein Betroffener beschreibt die ersten Symptome seiner MS-Erkrankung wie folgt: „Vor der Diagnose hatte ich eine Lähmung im kleinen Finger. Es wurde mit der Zeit besser, ging aber nie vollständig weg."
Häufige Anfangssymptome
Der Weg zur Diagnose ist oft langwierig, da die Beschwerden zu Beginn der Erkrankung oft nur flüchtig sind und vielfältig sein können. Zu den häufigsten Anfangssymptomen gehören:
- Spastische Lähmungen: Schwierigkeiten beim Gehen und Treppensteigen, verursacht durch steife, verkrampfte Muskulatur oder Muskelschwäche.
- Sensibilitätsstörungen: Taubheitsgefühl, Kribbeln in Armen, Rumpf oder Beinen.
- Sehstörungen: Sehausfall, verschwommenes Sehen und Sehen von Doppelbildern, oft verursacht durch eine Sehnerv-Entzündung.
Bei den meisten Betroffenen bilden sich die Symptome eines Schubes innerhalb von sechs bis acht Wochen zurück. Halten neu aufgetretene Beschwerden jedoch über sechs Monate an, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass sie verschwinden.
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Weitere Mögliche Symptome
Zu den weiteren Symptomen, die bei MS auftreten können, gehören:
- Blasenprobleme
- Koordinationsstörungen von Armen und Beinen
- Schwindel
- Zittern der Hände
- Verändertes Temperaturempfinden
- Kognitive Störungen (z. B. Gedächtnisprobleme, verlangsamtes Denken, Konzentrationsstörungen)
- Psychische Störungen (z. B. Depressionen)
- Sprach- und Schluckstörungen
- Schlafstörungen
- Gestörte Sexualfunktionen (z. B. Erektionsschwierigkeiten)
Es ist wichtig zu betonen, dass nicht alle diese Symptome zwangsläufig auf eine Multiple Sklerose hindeuten. Ein Neurologe muss andere Erkrankungen ausschließen, die ähnliche Symptome verursachen können.
Das Uhthoff-Phänomen
Viele MS-Betroffene erleben den Sommer mit gemischten Gefühlen, da an heißen und schwülen Tagen ihre Beschwerden stärker werden können. Dieses Phänomen wird als Uhthoff-Phänomen bezeichnet und kann leicht mit einem Schub verwechselt werden. Im Gegensatz zu einem akuten MS-Schub gehen die Symptome beim Uhthoff-Phänomen jedoch bei sinkenden Temperaturen relativ schnell wieder zurück. Oft sind es die heißen Temperaturen, da dann der Nerv schlechter leitet.
Empfindungsstörungen (Parästhesien)
Empfindungsstörungen kommen bei Multipler Sklerose häufig vor und können sich auf vielfältige Weise äußern. Betroffene können Berührungen entweder verstärkt (Hyperästhesie) oder vermindert spüren (Hypästhesie). Andere empfinden ein Kribbeln, als ob Ameisen über den Körper laufen würden, Brennen oder Taubheit. Manche berichten auch über das Gefühl von "pelzigen" Händen oder Fußsohlen, zum Teil verbunden mit der Wahrnehmung, wie auf Watte zu gehen. An den Gelenken kann sich die Empfindungsstörung zudem wie eine Schwellung anfühlen.
Diese Missempfindungen können sehr unangenehm sein oder sogar Schmerzen auslösen. Sie können durch Hitze, psychischen Stress und körperliche Überlastung verursacht werden - manchmal reicht jedoch schon eine leichte Berührung als Auslöser. Sensibilitätsstörungen können zudem weitere Beschwerden verursachen: Manche MS-Erkrankte nehmen die Lage von Gliedmaßen und Gelenken nur eingeschränkt wahr, was zu Koordinationsstörungen beim Gehen, Treppenlaufen, Schreiben und anderen Alltags-Tätigkeiten führen kann.
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Fatigue
Die meisten Menschen mit MS leiden unter Fatigue. Sie ermüden rasch, fühlen sich abgeschlagen und ohne jede Energie. Die permanente, extreme Mattigkeit schränkt die Betroffenen im Alltag oft stark ein und führt zu einem hohen Leidensdruck: Mehr als jeder dritte Betroffene gibt an, dass die Fatigue das am stärksten belastende Symptom der MS ist. Eine besondere Bürde für Erkrankte ist, dass sie auch durch viel Schlaf und Ausruhen keine neue Energie tanken können.
Mediziner unterscheiden bei MS zwei Formen von Fatigue:
- Primäre Fatigue: Ursache ist die Multiple Sklerose selbst. Die MS-bedingten Schädigungen von Nervenzellen führen zu extremer Müdigkeit und langsameren Reaktionen. Die Beschwerden treten oft vom einen auf den anderen Moment auf.
- Sekundäre Fatigue: Diese Erkrankungsform ist nicht direkt auf die MS zurückzuführen. Die Ursache sind andere Faktoren, darunter Schlaflosigkeit, Infektionen, körperliche Überanstrengung, bestimmte Medikamente oder Depressionen.
Typisch für eine MS-bedingte Fatigue ist, dass sie schnell und plötzlich auftritt, meistens jeden Tag vorkommt, auch nach einer erholsamen Nacht morgens auftreten kann, durch Hitze oder schwüles Wetter hervorgerufen oder verstärkt wird und in der Regel schwerwiegender als eine normale Fatigue ist und sich auf den Tagesablauf auswirkt.
Blasenfunktionsstörungen
Rund 50 bis 80 Prozent aller Menschen mit Multiple Sklerose leiden im Verlauf der Erkrankung unter einer Blasenfunktionsstörung. Es gibt drei unterschiedliche Formen der Blasenstörung:
- Die überaktive Blase (Reizblase): Dabei bekommt das Gehirn den Befehl, die Blase zu leeren, auch wenn sich nur wenig Urin in ihr befindet. Die Ursache: Die Blase ist übermäßig angespannt und zieht sich schon bei geringen Urinmengen zusammen. Als Folge entsteht ein plötzlicher, starker Harndrang. Betroffene müssen daher häufig Wasserlassen, können aber nur geringe Mengen an Urin abgeben. Manchmal können Betroffene den Harnverlust nicht mehr kontrollieren, so dass eine Inkontinenz entsteht.
- Gestörte Blasenentleerung: Bei dieser Erkrankungsform arbeiten bestimmten Muskelgruppen, die das Entleeren und Verschließen der Blase koordinieren, nicht mehr richtig. Die Blase zieht sich daher nicht ausreichend zusammen. Betroffene können die Blase deshalb oft nur unvollständig entleeren. Wird die Blase zu voll, kann es zu unkontrolliertem Harnverlust, also einer Inkontinenz kommen. Bleibt Restharn in der Blase, kann sich eine Blasenentzündung entwickeln. Es entsteht ein hohes Gesundheitsrisiko, wenn MS-Betroffene die Entzündung aufgrund einer Empfindungsstörung nicht bemerken.
- Inaktive Blase: Bei der inaktiven Blase treten die Anzeichen der überaktiven und der komplexgestörten Blase oft in Kombination auf. Ursache ist ein schwaches Schließmuskelsystem der Blase. Ist es gelähmt, kommt es zur Inkontinenz.
Für jede Form der Blasenstörung gibt es passende Therapieoptionen:
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- Inkontinenz: Legen eines Dauerkatheters, Slip mit Spezialeinlage, Medikamente, bei Männern Urinalkondom
- Restharnbildung: Blasentraining, Medikamente, eventuell Selbstkatheterisierung (der Betroffene leert die Blase eigenständig mit Hilfe eines Katheters)
- Nicht kontrollierbarer Harndrang: Oft hilft hier ein regelmäßiger Toilettengang. Die übermäßige Aktivität der Blase lässt sich medikamentös hemmen.
Kognitive Störungen
Bis zu zwei Drittel aller Menschen mit Multiple Sklerose leiden an Gedächtnisproblemen bzw. kognitiven Störungen. Mit neuropsychologischen Tests kann der Arzt feststellen, ob die MS selbst oder eine andere Erkrankung die Ursache ist. Kognitive Störungen bei MS umfassen vor allem:
- Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme
- Verlangsamtes Denken und Erfassen von Informationen
- Beeinträchtigtes Kurz- und Langzeitgedächtnis
- Schwierigkeiten beim Planen und gezielten Handeln
Außenstehenden fällt oft auf, dass Betroffene vergesslicher werden - sie vergessen zum Beispiel, dass sie gerade eine Waschmaschine angestellt oder den Kochtopf aufgesetzt haben. Am häufigsten kommt es bei Multipler Sklerose zu Störungen des Langzeitgedächtnisses, das alle erlernten Fähigkeiten, Erfahrungen und Erlebnisse speichert.
Spastik
Spasmen sind typische Symptome bei MS. Betroffene leiden unter steifen Muskeln und können sich nur eingeschränkt bewegen. Bei spontaner Muskelaktivität kann es zu unkontrollierbaren Muskelkrämpfen kommen. In der Regel geht die Spastik mit einer Muskelschwäche bzw. unvollständigen Lähmung (Parese) einher. Spasmen entstehen durch Schäden an den Nerven, die die Muskeln steuern. Anzeichen der Spastik können bei MS in zwei Formen auftreten:
- Beeinträchtigungen der aktiv gesteuerten Bewegungen (Willkürmotorik)
- Funktionsstörungen von Muskeln, die unbewusst gesteuert werden, z. B. von Blase oder Mastdarm
Da eine Spastik die Muskelfunktion einschränkt, können weitere Beschwerden auftreten:
- Schmerzen
- Schlafstörungen durch Muskelkrämpfe
- Gehstörungen und andere Bewegungseinschränkungen
- Nicht gewollte Beinbewegungen vor allem Nachts bei Spastik normal bei MS, diese gehen bis zu unbewusste Muskelzuckungen/krämpfe.
Epileptische Anfälle
Jede Art von Gehirnerkrankung kann epileptische Krampfanfälle hervorrufen - so auch die Multiple Sklerose. Zwar sind epileptische Anfälle bei MS eher selten - betroffen sind rund 1,6 bis 3 Prozent der MS-Betroffenen. Anzeichen einer Epilepsie sind plötzlich auftretende Krampfanfälle, die sich z. B. durch das Zucken von Armen und Beinen bemerkbar machen. Die Anfälle können Ausdruck eines akuten Schubes sein, oder auf zurückbleibende Vernarbungen des Hirngewebes hinweisen. In manchen Fällen sind epileptische Anfälle das einzige Symptom der Multiplen Sklerose.
Schmerzen
Schmerzen bei einer MS können durch die neurologische Erkrankung an sich oder durch Folgeschäden (wie Fehlhaltungen) entstehen. Wichtig ist, den Grund für die Beschwerden zu finden.
Sehnerventzündung (Optikusneuritis)
Die Sehnerventzündung (Optikusneuritis) bei MS betrifft in mehr als 99 Prozent der Fälle pro Schub nur ein Auge. Sie äußert sich zunächst durch Schmerzen bei der Augenbewegung, die meist hinter dem Augapfel beim Blick in eine bestimmte Richtung auftreten. Meist kommt es nach Stunden bis Tagen zusätzlich zu Sehstörungen, vor allem in der Mitte des Gesichtsfeldes.
Die meisten Patient:innen mit Optikusneuritis berichten, dass sie alles dunkler und blasser, teilweise auch unscharf sehen. Manche Betroffene leiden zusätzlich unter Lichtblitzen oder anderen irritierenden Lichterscheinungen. Objektiv ist zwar meist nur ein Auge betroffen, es kann jedoch trotzdem sein, dass Betroffene subjektiv auf beiden Augen eine Einschränkung empfinden.
Die Sehverschlechterung dauert meist nur wenige Tage und verbessert sich anschließend in der Regel auch ohne Behandlung. Trotzdem ist es wichtig, dass Sie bei plötzlicher Sehverschlechterung und Augenbewegungsschmerzen einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen, da dies ein typischer Hinweis für die Diagnose MS sein kann. Die Symptome können mit den sogenannten visuell evozierten Potenzialen (VEPs) objektiviert werden. Dabei wird die Nervenleitungsgeschwindigkeit des Sehnervs gemessen, die bei einer Entzündung deutlich verlangsamt ist.
Diagnose
Die MS gehört zu den Erkrankungen aus der Neurologie, deren Diagnose eine sogenannte „Ausschlussdiagnose“ ist: Typische MS-Symptome müssen zusammenkommen und eine andere Ursache als eine MS muss ausgeschlossen werden. Nur zwei Beispiele: Diabetes kann die Nerven so schädigen, dass sich Empfindungsstörungen vor allem an den Beinen und Füßen zeigen. Schäden an der Wirbelsäule können Nerven reizen oder abklemmen, was auch zu Lähmungserscheinungen oder Störung der Empfindung führen kann.
Ein Multiple-Sklerose-Schub liegt vor, wenn die genannten Symptome:
- mindestens 24 Stunden lang anhalten,
- mindestens 30 Tage nach Beginn des letzten Schubs aufgetreten sind,
- nicht durch eine veränderte Körpertemperatur oder durch Infektionen erklärbar sind.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Forschung vermutet heute, dass eine MS aus dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren entsteht. Zwar entsteht die Erkrankung nachweislich durch Entzündungen in Gehirn und Rückenmark, die die Markscheiden der Nervenfasern zerstören. Wie es dazu kommt, ist jedoch (noch) nicht geklärt. Ursachen für einen akuten Schub können seelische und körperliche Belastungen sein: Sie gelten deshalb als Risikofaktoren für MS-Schübe, weil sie das Immunsystem aktivieren können.
Behandlung und Verlauf
Eine MS ist nach heutigem Wissen nicht heilbar. Für die Patienten der als unheilbar geltenden Nervenkrankheit Multiple Sklerose gibt es nach Einschätzung des Experten Heinz Wiendl gute Therapiechancen. Bei den meisten Patienten werde eine weitgehende Kontrolle der Erkrankung möglich sein, „so dass der Patient ohne wesentliche Beeinträchtigungen leben kann“, sagte der Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Münster. „Das wird uns nicht bei allen Patienten gelingen, aber doch bei den allermeisten.“
Inzwischen gibt es jedoch Medikamente, die das Immunsystem sehr wirksam beeinflussen könnten. „So können wir die Entzündung bei einem Großteil der Patienten nahezu komplett stoppen.“ Nun müssten die richtigen Medikamente für den jeweiligen Patienten gefunden werden. Dafür müssten die Krankheitsaktivität eingeschätzt und die Therapie überwacht werden: „Dann ist bei den meisten Patienten die Krankheit bestmöglich kontrolliert.“
Medikamente, die stark in das Immunsystem eingreifen, seien jedoch auch mit Risiken verbunden, räumt Wiendl ein, der bundesweit als einer der führenden Wissenschaftler der MS-Forschung gilt. Die Medikamente könnten auch die schützende Funktion des Immunsystems schwächen. „Diese Risiken wollen wir beherrschen“, betonte der Experte.
Etwa ein Drittel der MS-Patienten kann ein normales Leben führen, ein Drittel hat neurologische Defizite und ein Drittel braucht irgendwann wirklich den Rollstuhl. Wer zu welcher Gruppe gehört, lässt sich schlecht vorhersagen. Selbst wer am Anfang aggressive Schübe hat, kann am Ende relativ glimpflich davonkommen.
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