Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die durch vielfältige Symptome und Verlaufsformen gekennzeichnet ist. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der MS, von den Symptomen und deren Behandlung bis hin zu den neuesten Forschungsergebnissen und Therapieansätzen, die auf den Erkenntnissen der Onkologie basieren.
Einführung
Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche, immunvermittelte Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS). Im klinischen Alltag zeigt sie entweder einen schubförmigen oder einen primär beziehungsweise sekundär chronisch progredienten Verlauf. Während man davon ausgeht, dass initial im Krankheitsverlauf periphere Immunzellen ins ZNS eindringen und gezielt Oligodendrozyten, die für die Myelinisierung zuständig sind, angreifen, dominiert bei der progredienten Verlaufsform eine chronische, lokal begrenzte Entzündung mit fortschreitender Neurodegeneration und eingeschränkten Reparaturmechanismen. Trotz noch unvollständig geklärter Auslöser und Regulationsmechanismen haben neuere Erkenntnisse zur Pathophysiologie der MS die Entwicklung neuer und besser zielgerichteter Therapien ermöglicht. Einen zentralen Stellenwert nehmen dabei immunsuppressive Ansätze ein. Das therapeutische Spektrum reicht von immunregulatorisch wirkenden Substanzen und Antimetaboliten bis hin zu modernen Biologika wie monoklonalen Antikörpern. Diese Substanzen schwächen die peripheren Immunantworten ab, hemmen die Migration von Lymphozyten ins ZNS oder depletieren pathogene Immunzellpopulationen gezielt. Trotz nachgewiesener Effektivität hinsichtlich Schubreduktion und Verlangsamung der Krankheitsprogression sind mit der oft anhaltenden Immunsuppression auch Sicherheitsbedenken wie Infektionen und mögliche maligne Erkrankungen verbunden.
Symptome der Multiplen Sklerose und deren Behandlung
Die Symptome der MS sind vielfältig und können von Patient zu Patient unterschiedlich sein. Einige der häufigsten Symptome sind Fatigue, Teillähmungen, Spastik und Missempfindungen.
Fatigue
Fatigue ist ein häufiges und oft beeinträchtigendes Symptom bei MS. Es handelt sich um eine anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung, die nicht durch Ruhe oder Schlaf gelindert wird. Prof. Christian Dettmers betonte in einem Expertenchat der AMSEL, dass auch andere Faktoren wie Erfolgserlebnisse oder Frustration eine Rolle bei der Fatigue spielen.
Uhthoff-Phänomen
Das Uhthoff-Phänomen beschreibt die vorübergehende Verschlechterung von MS-Symptomen bei Hitze oder Anstrengung. Amy berichtete im Chat von verstärkter Fatigue und Teillähmungen bei Temperaturen über 25°C. Prof. Dettmers empfahl in diesem Fall Kühlmaßnahmen wie kalte Duschen, das Auflegen nasser Handtücher oder die Verwendung von Kühlwesten.
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Umgang mit dem Uhthoff-Phänomen im Alltag
Es ist oft schwierig, das Uhthoff-Phänomen gegenüber Außenstehenden zu erklären. Amy fragte nach Tipps, wie man es Chef, Kollegen etc. besser erläutern kann. Da die Symptome weitgehend unsichtbar sind, ist es oft schwierig, sie glaubhaft zu machen.
Spastik
Spastik ist eine Muskelsteifheit oder -verkrampfung, die durch Schädigungen der Nervenbahnen im Gehirn oder Rückenmark verursacht wird. Prof. Dettmers wies darauf hin, dass Kälte die Spastik bei manchen Patienten verschlimmern kann. In diesem Fall empfahl er, den Rumpf oder Nacken zu kühlen, anstatt die Beine mit Kälte zu erschrecken. Toni empfahl im Chat ein Vibrationsboard zur Beruhigung der Spastik.
Missempfindungen
Heike beschrieb ein Gefühl am Schienbein, als klebe dort ein feuchtes Tuch oder ein Blatt. Prof. Dettmers erklärte, dass solche Missempfindungen typisch für MS-bedingte Symptome sind und bei Anstrengung zunehmen können.
Kühlwesten und andere Hilfsmittel
Kühlwesten und Manschetten können bei Hitze eine wirksame Linderung der Symptome verschaffen. Andi beschrieb, wie er seine Kühlweste benutzt: Er taucht sie in Wasser, lässt sie etwas trocknen und zieht sie dann an. Amy empfand die Nässe bei ihrer Kühlweste und Manschetten nicht als störend, da alles im Inneren bleibt und man nur die Verdunstungskälte spürt. Pauli empfahl die Online-Bestellung bei www.heatpack.de aufgrund des guten Preis-Leistungs-Verhältnisses.
Auswirkungen der Corona-Impfung auf MS-Symptome
Uwe berichtete von einer temporären Verschlechterung seiner MS-Symptome nach den Corona-Impfungen (Biontech). Prof. Dettmers erklärte, dass dies entweder auf eine unmerkliche Erhöhung der Körpertemperatur oder auf eine Stimulation des Immunsystems durch die Impfung zurückzuführen sein könnte. Er betonte, dass die Symptome zügig vorübergehen sollten. Toni erlitt nach der ersten Corona-Impfung einen Schub. Prof. Dettmers riet, den Zusammenhang noch einmal in Ruhe mit einem Fachmann zu besprechen und das MRT zu berücksichtigen.
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Multiple Sklerose und Tumorrisiko
Mehrere Studien haben das Malignomrisiko bei Patienten mit MS in der Ära der neuen Immuntherapien untersucht, insbesondere im Zusammenhang mit verschiedenen krankheitsmodifizierenden Therapien (DMTs). Eine 10-jährige landesweite retrospektive Kohortenstudie von Pierret et al. analysierte das Krebsrisiko bei 140 649 MS-Patienten im Vergleich zu 562 596 gematchten Kontrollpersonen. Die Ergebnisse zeigten zwar ein leicht erhöhtes Gesamtkrebsrisiko bei MS-Patienten (Hazard-Ratio [HR] 1,06), insbesondere bei Frauen (HR 1,08). Das Krebsrisiko variierte dabei mit dem Alter: Es war bei MS-Patienten ˂ 55 Jahren erhöht und bei Patienten > 65 Jahren reduziert. Allerdings nahmen MS-Patienten seltener an Krebsfrüherkennungsprogrammen teil, was insbesondere höhere Altersgruppen betraf. Die Autoren vermuten, dass das leicht erhöhte Krebsrisiko bei MS-Patienten teilweise auf einen derartigen Überwachungsbias zurückzuführen sein könnte. Mit Blick auf die eher hochpotenten Wirkansätze sind die bisherigen Daten eher beruhigend. S1P-Rezeptor-Modulatoren wie Fingolimod und neuere Vertreter (z. B. Ponesimod und Ozanimod) zeigen Hinweise auf ein leicht erhöhtes Risiko für Hauttumoren, insbesondere Basalzellkarzinome. Für Cladribin wurde ein initial diskutiertes erhöhtes Malignitätsrisiko durch Langzeitdaten relativiert. Die unter B-Zell depletierenden Antikörper (z. B. Ocrelizumab, Ofatumumab, Ubilituximab) diskutierte erhöhte Gefahr für Mammakarzinome konnte in gepoolten Analysen nicht bestätigt werden. Auch für Natalizumab konnte bislang kein erhöhtes Tumorrisiko nachgewiesen werden. Zusammenfassend liegen derzeit weder Hinweise vor, dass die Diagnose MS als solche mit einem erhöhten Tumorrisiko assoziiert ist, noch gibt es einheitliche Analysen, die auf ein substanziell erhöhtes onkologisches Risiko unter Immuntherapien hindeuten, wobei spezifische Substanzen gezieltes Monitoring erfordern.
Checkpoint-Inhibitoren in der Tumortherapie und ihr Einfluss auf MS
Die Einführung von Immun-Checkpoint-Inhibitoren (ICI) hat die onkologische Therapie revolutioniert und ermöglicht bei vielen Tumorarten eine verbesserte Immunabwehr gegen Krebszellen. Tumoren mit zuvor infauster Prognose konnten in eine behandelbare chronische Erkrankung überführt werden. Hierbei werden Signalwege blockiert, die den Tumor vor der Erkennung und Zerstörung durch das patienteneigene Immunsystem schützen. Die klinische bedeutsamsten Zielstrukturen stellen CTLA-4 (Cytotoxic T-Lymphocyte Antigen-4), PD-1 (Programmed Cell Death Protein 1) und PD-L1 (Programmed Death Ligand 1) dar, die die T-Zell-Aktivität gegen Tumoren massiv verstärken. Inzwischen sind ICI bei der überwiegenden Zahl der soliden Tumoren Bestandteil der Standardtherapie. Mit dem weit verbreiteten Einsatz rücken die immunvermittelten Nebenwirkungen (irAEs, immune-related adverse events) stärker in den Fokus. Diese Autoimmunreaktionen können im Zuge der Mobilisierung gegen Tumorzellen vermehrt auftreten. Die Sorge vor irAEs hat im klinischen Alltag dazu geführt, dass insbesondere bei bekannter Autoimmunerkrankung wie der MS solche Therapien eher zurückhaltend angewendet wurden. Interessanterweise zeigen neueste Studien, dass diese Sorge vor einer Verstärkung der zugrunde liegenden Aktivität der MS unter ICI nicht gerechtfertigt ist. Im Gegensatz dazu scheinen bei Autoimmunerkrankungen, die periphere neuromuskuläre Strukturen betreffen (u. a. Myasthenia gravis, Immunneuropathien), ICI eher zu einer deutlichen Krankheitsprogression zu führen, was unser (noch) fehlendes Verständnis von kompartmentspezifischer Inflammation und deren Modulation untermauert.
Tumortherapie als Vorbild für die MS-Behandlung
Die langjährige erfolgreiche Nutzung von Immuntherapien in der Onkologie hat maßgeblich dazu beigetragen, ähnliche Wirkmechanismen auch für die Behandlung der MS zu adaptieren und weiterzuentwickeln. Während sich die MS-Therapie lange auf breitere Immunsuppression mit nur mäßigem Erfolg konzentrierte, zeigen gezieltere Strategien aus der Tumortherapie großes Potenzial, insbesondere in der B-Zell-Modulation. Diese Ansätze basieren auf Erkenntnissen aus der Onkologie, um effektivere, selektivere und länger anhaltende immunmodulatorische Therapien für MS zu entwickeln. Hier stehen speziell die CD20-B-Zell-Depletion, Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitoren (BTKi) und CAR-T-Zellen im Fokus.
CD20-B-Zell-Therapie
CD20-B-Zell-Depletion wurde ursprünglich in der Onkologie zur Behandlung von B-Zell-Lymphomen entwickelt und ist bereits ein etablierter Behandlungsansatz in der MS-Therapie. In der Onkologie werden dabei Anti-CD20-Therapien eingesetzt, um maligne B-Zellen zu depletieren, während bei MS autoreaktive B-Zellen supprimiert werden. Rituximab, Ocrelizumab, Ofatumumab und Ublituximab gehören zur Klasse der Anti-CD20-Antikörper, unterscheiden sich jedoch in Struktur, Epitopbindung und Effektormechanismen, was klinisch relevante Implikationen für ihre Anwendung in der Neurologie und Onkologie hat.
Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitoren (BTKi)
Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitoren (BTKi) wurden ursprünglich in der Onkologie zur Behandlung von B-Zell-Malignomen entwickelt und hemmen die Signaltransduktion von B-Zell-Rezeptoren. Unterschiedliche Substanzen wie Ibrutinib, Acalabrutinib und Pirtobrutinib haben diese Klasse in den Therapiestandard der CLL und des Mantelzelllymphoms eingeführt. BTK-Inhibitoren stellen jedoch auch eine neue Klasse oraler Therapeutika in der MS-Forschung dar, die sowohl auf die periphere B-Zell-vermittelte Immunantwort als auch - dank ihrer Fähigkeit zur Überwindung der Blut-Hirn-Schranke - auf zentrale Entzündungsvorgänge im ZNS wirken könnten.
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CAR-T-Zell-Therapie
Chimäre Antigenrezeptor-T-Zell-Therapien (CAR-T) stellen einen innovativen immuntherapeutischen Ansatz dar, der ursprünglich in der Hämatologie zur gezielten Behandlung von Krebserkrankungen entwickelt wurde.
Das MVZ Facharztzentrum Konstanz als MS-Zentrum
Im Oktober 2017 wurde das Facharztzentrum gemäß der Anerkennungskriterien der Deutschen Multiple Sklerose-Gesellschaft (DMSG) als MS-Zentrum zertifiziert. Alle für die Diagnostik und Differenzialdiagnostik der Multiplen Sklerose erforderlichen apparativen und laborchemischen Voraussetzungen sind vor Ort vorhanden. Die Ärzte verfügen über eine langjährige Erfahrung in der symptomatischen und immunmodulatorischen Behandlung von MS-Patienten und werden durch zertifizierte MS-Nurses unterstützt. Alle derzeit zugelassenen Therapiemaßnahmen gemäß der aktuellen Leitlinien werden im MVZ angeboten.