Logopädie bei Multipler Sklerose: Therapie für verbessertes Sprechen und Schlucken

Multiple Sklerose (MS) ist eine vielschichtige neurologische Erkrankung, die sich bei jedem Betroffenen anders äußern kann. Einschränkungen in der Kommunikation, wie Sprech- und Schluckstörungen, können die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erheblich beeinträchtigen. Die Logopädie bietet hier wissenschaftlich fundierte Therapiemethoden, um die Kommunikationsfähigkeit und die Lebensqualität von MS-Patienten zu verbessern.

Sprach- und Sprechstörungen bei MS

Neurologische Erkrankungen, wie MS, können zu verschiedenen Sprach- und Sprechstörungen führen.

Was sind Sprach- und Sprechstörungen?

  • Aphasie: Obwohl selten bei MS, kann eine Aphasie die Sprachproduktion beeinträchtigen. Betroffene haben Schwierigkeiten, Worte zu finden, verwenden semantische (Wortvertauschungen) oder phonematische Paraphasien (Lautveränderungen innerhalb des Wortes) oder zeigen grammatikalische Auffälligkeiten. Es ist wichtig zu betonen, dass die Intelligenz bei einer Aphasie nicht beeinträchtigt ist, sondern die Einschränkungen ausschließlich in der Sprachproduktion liegen.
  • Dysarthrie: Unter Sprechstörungen, der sogenannten Dysarthrie, versteht man die Beeinträchtigung der Fähigkeiten beim Sprechvorgang. Einige MS-Betroffene leiden unter einer Sprechstörung, teilweise kombiniert mit einer Stimmstörung. Das Sprechen kann langsamer, verwaschen oder monoton klingen. Die Stimme kann an Kraft verlieren, zu leise oder unangemessen laut sein. Auch die Atemmuskulatur kann betroffen sein, was zu einer eingeschränkten Belastbarkeit der Stimme, Heiserkeit und vermehrtem Räuspern führen kann.

Schluckstörungen (Dysphagie) bei MS

Eine Dysphagie ist eine Schluckstörung, bei der ein automatisierter und hoch komplexer Vorgang beeinträchtigt ist. Etwa vier Prozent der registrierten MS-Patienten leiden an Schluckstörungen. Bei etwa zwei Dritteln bleibt eine sogenannte Dysphagie (Schluckstörung) unbehandelt. Knapp 33 Prozent erhalten eine nicht medikamentöse Therapie, wie etwa ein funktionelles Schlucktraining.

Ursachen und Folgen:

Beeinträchtigt können die Wahrnehmung (die Sensorik) und/oder die Bewegungsabläufe in der Koordination und durch Kraftminderung (die Motorik) sein. Es kommt zu einer Störung des Schluckvorgangs. Bei einer Schluckstörung besteht die Gefahr, dass Speichel, Nahrung oder Flüssigkeiten in die Atemwege gelangen. Man spricht hier von einer Aspiration. Kommt eine Aspiration gehäuft vor und wird eventuell nicht bemerkt (stille Aspiration), kann es zu einer Lungenentzündung, einer sogenannten Aspirationspneumonie, kommen.

Wichtige Hinweise bei einer Schluckstörung:

  • Essen Sie nur in Ruhe und nicht „nebenbei"!
  • Nehmen Sie sich Zeit zum Essen!
  • Achten Sie auf eine aufrechte Sitzhaltung!
  • Vermeiden Sie Ablenkung!
  • Sprechen Sie während des Essens nicht!
  • Kauen Sie gründlich!
  • Nehmen Sie nur kleine Bisse/Schlucke in den Mund!
  • Essen Sie nicht hastig!
  • Schlucken Sie kräftig!
  • Machen Sie nach jedem Schluck eine kurze Pause!
  • Schließen Sie, wenn möglich, den Mund beim Kauen/Schlucken!
  • Essen und trinken Sie nicht gleichzeitig!
  • Husten Sie nach dem Essen mehrmals und schlucken Sie mehrmals leer nach.

Die Rolle der Logopädie bei MS

Die logopädische Behandlung ist ein zu verordnendes Heilmittel und umfasst die Diagnostik sowie Beratung/Prävention. Die logopädische Therapie arbeitet bei jedem Betroffenen mit individuell definierten Zielen. Die Stimm-, Sprech-, Sprach und Schlucktherapie kann der behandelnde Arzt bei Patienten mit MS als langfristigen Heilmittelbedarf nach § 32 Abs. 1a SGB V bei entsprechender medizinischer Indikation verordnen.

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Ziele der Logopädie:

  • Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit: Ziel ist es, die Verständlichkeit der Spontansprache zu verbessern, die Artikulation zu fördern und die Stimme zu kräftigen.
  • Behandlung von Schluckstörungen: Die Therapie zielt darauf ab, den Schluckreflex zu verbessern, die Schluckmuskulatur zu kräftigen und verschiedene Schlucktechniken zu erlernen.
  • Ermöglichung von Teilhabe: Logopädie ist als Heilmittel darauf ausgerichtet, Teilhabe zu ermöglichen, Teilhabe an der Gesellschaft, und Kommunikation ist ein wichtiges Bindemittel, um in der Gesellschaft gesehen zu werden, gehört zu werden.
  • Abbau von Barrieren: Laut der UN-Behindertenrechtskonvention von 2015 hat die Logopädie, überhaupt die Heilmitteltherapie, die Aufgabe Barrieren abzubauen, damit Hürden im Alltag gemeistert werden können. Logopädie hat hier die Unterstützungsfähigkeit durch Empowerment, das heißt strategische Planungen, um das Umfeld zu adaptieren, durch Aufklärungsgespräche, Beratungen des häuslichen, des gesellschaftlichen Umfeldes die Menschen im Umfeld der erkrankten Person zu schulen, sodass besser Rücksicht genommen werden kann.
  • Vermittlung von Strategien: Logopädie vermittelt aber auch Strategien, um mit diesen Kommunikationseinschränkungen umgehen zu können, zu lernen, wie ich bewusst meine Stimme und mein Sprechen meiner Erkrankung nach angepasst verändern kann.

Therapieansätze in der Logopädie bei MS

Die logopädische Behandlung bei MS umfasst verschiedene Therapieansätze, die individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt werden:

  • Atemtherapie: Vertiefung der Ruheatmung, gute Koordination Sprechen/Atmen.
  • Sprech- und Stimmtherapie: Artikulation, Verständlichkeit der Spontansprache, Stimmkräftigung. Bei der Sprechtherapie werden z. B. zusammen mit Sprechtherapeuten wird eine bessere Wahrnehmung von Bewegungsvorgängen beim Sprechen, ein langsames Sprechtempo sowie eine bessere Kontrolle und Steuerung des Stimmtons geübt. Reicht dieses Training nicht aus, können technische Hilfen versucht werden: zum Beispiel ein Metronom zur Vorgabe des Sprechtempos oder ein Sprachverzögerer, der zeitversetzt die eigene Sprache wiedergibt und ebenfalls zum kontrollierten Sprechen anhält. Ist Sprechen überhaupt nicht mehr möglich, wird in der Logopädie die Kommunikation mittels Buchstabentafeln oder Computern mit Sprachausgabe intensiv trainiert.
  • Dysphagietherapie: Verbesserung des Schluckreflexes, Kräftigung der Schluckmuskulatur, Erlernen verschiedener Schlucktechniken. In der Schlucktherapie werden Bewegungen der Rachen- und Kehlkopfmuskeln geübt und eine optimale Kopf- und Körperhaltung ebenso trainiert wie langsames bewusstes Essen. Neben der Beratung steht die Wiederherstellung der Wahrnehmung und Koordination des Schluckablaufs sowie der Kraftaufbau der beteiligten Muskeln eine wesentliche Rolle. Durch spezielle Techniken werden je nach Allgemeinzustand des/der Patienten/in die Kau- und Schluckmuskeln stimuliert und mobilisiert oder durch gezielte Übungen trainiert. Ein weiterer Teil der Therapie stellt die die Anpassung der Nahrung dar. Hier soll die Aspirationsgefahr verringert und vorrübergehend dem Patienten/der Patientin eine Möglichkeit der Ernährung geschaffen werden.
  • Sprachtherapie: Wortfindung, Sprachverständnis, Schriftsprache.
  • Kostanpassung/diätetische Maßnahmen bei Schluckstörungen
  • Energiemanagement: Ein wichtiger Baustein der logopädischen Therapie ist das Energiemanagement: Wie schaffe ich es, ressourcenorientiert in die Kommunikation zu gehen? Dazu gehören Kommunikationsstrategien wie das bewusste Setzen von Pausen im Alltag, aber auch das bewusste Setzen von Sprechpausen, um Kräfte zu sammeln, aber auch Strategien, die die Atmung betreffen und die Sprechmuskulatur, dass ich hier bewusst und ökonomisch mein Sprechen, meinen Stimmeinsatz einsetzen kann, letztlich.

Tipps für die Kommunikation mit MS-Patienten

  • Wenn die Patientin / der Patient spricht:
    • ausreden lassen, Zeit geben
    • Hilfestellungen anbieten
    • Fehler nicht ständig verbessern
    • Geduld haben
    • Nichtverstehen signalisieren
  • Wenn Sie sprechen:
    • Blickkontakt halten
    • Gestik und Mimik unterstützend einsetzen
    • Mit normaler Lautstärke sprechen
    • Ruhig und deutlich sprechen
    • klare Frage stellen, die der Patient mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten kann
    • in kurzen, einfachen Sätzen, ABER bitte normal sprechen, keine Kindersprache oder Telegrammstil (noch einmal: die Intelligenz eines Menschen ist bei einer Aphasie i.d.R. nicht beeinträchtigt).

Weitere Therapien bei MS

Neben der Logopädie können auch andere Therapien die Lebensqualität von MS-Patienten verbessern:

  • Physiotherapie: Die Behandlung fördert Kraft und Koordination, Stand- und Gang- und Handfunktionen. Sie mindert Spastik und Schmerzen, verbessert Gleichgewicht und Bewegungsabläufe und erhöht so die Belastbarkeit im Alltag. Grundlage der Behandlungen sind dabei anerkannte Techniken, zum Beispiel nach Bobath, Vojta und Brunkow oder die propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation (PNF) nach Kabat.
  • Ergotherapie: Ergotherapie trainiert zielgerichtet, individuell und symptomorientiert die Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL = Activity of Daily Living): Waschen, Ankleiden, Toilettengänge, Essen und Trinken, Schreiben, Arbeiten im Haushalt. Der Patient lernt, krankhafte Haltungs- und Bewegungsmuster abzubauen und sich wieder normal zu bewegen.
  • Trainings- und Bewegungstherapie: Die Verbesserung von Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit ist das Ziel der Trainings- und Bewegungstherapie. Vor allem Fatigue kann durch regelmäßiges körperliches Training verringert werden.
  • Psychotherapie: Die psychologische Behandlung zielt vor allem darauf ab, gemeinsam mit dem Betroffenen schrittweise einen Weg zu finden, der eine Brücke zwischen den durch MS verursachten Schwierigkeiten auf der einen Seite sowie den persönlichen Lebenszielen auf der anderen Seite schlagen kann.

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