Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der allein in Deutschland über 250.000 Menschen betroffen sind. Die Erkrankung verläuft meist in Schüben und kann je nach betroffenem Hirnareal unterschiedliche Verlaufsformen haben, weshalb sie auch die „Krankheit der 1000 Gesichter“ genannt wird. In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche neue Arzneimittel zur Behandlung von MS zugelassen, die das Therapiespektrum erheblich erweitern. Diese Medikamente können bei vielen Patienten einen Teil der Krankheitsschübe verhindern und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen, allerdings nicht bei allen. Pharma-Unternehmen entwickeln deshalb neue Präparate, die noch wirksamer und sicherer sind bzw. auch bei Anwendung und Monitoring für betroffene Patient:innen zusätzliche Vorteile bieten.
Ursachen und Symptome der Multiplen Sklerose
Die Ursachen für eine MS-Erkrankung sind nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren eine Rolle spielt. Dazu gehören genetische Veranlagung, Virusinfektionen (z.B. mit Masern-, Herpes- oder Epstein-Barr-Viren), Vitamin-D-Mangel und Rauchen. Auch das Geschlecht scheint einen Einfluss zu haben, da etwa 2 bis 3 Mal so viele Frauen wie Männer an MS erkranken.
Multiple Sklerose tritt häufig unvermittelt und unerwartet auf, vorwiegend im jungen Erwachsenenalter. Oftmals ist zunächst nur ein einzelnes Symptom vorhanden, bei manchen Patienten sind es jedoch sofort mehrere. Beschwerdebild und Verlauf der Krankheit können dabei ganz unterschiedlich ausfallen. Häufige Symptome der Multiplen Sklerose sind:
- Sehstörungen (z.B. mit Verschwommen- oder Nebelsehen, Sehausfall)
- Krämpfe, Muskelzuckungen, Schwerfälligkeit, spastische Lähmungserscheinungen, die vor allem die Beine betreffen, teils auch die Hände
- Müdigkeit, allgemeine Mattigkeit oder Konzentrationsstörungen („Fatigue“)
- Gefühlsstörungen der Haut (z.B. Kribbeln, Taubheitsgefühl)
- Unsicherheiten beim Gehen, Störungen der Bewegungskoordination
- Lähmungen oder Störungen beim Entleeren von Darm oder Blase
Meist verläuft die Erkrankung in Schüben, also Phasen mit Symptomen, die sich dann wieder zurückbilden. Das ist die sogenannte schubförmig remittierende MS (RRMS). Anders als beim schubförmigen Verlauf schreitet bei rund 10 % der Patienten MS von Beginn an unaufhaltsam fort - auch primär progrediente MS (PPMS) genannt. Dies ist die schwerste Verlaufsform der Krankheit. Es gibt noch eine Mischform, die sekundär progrediente MS (SPMS). Diese entwickelt sich aus der schubförmigen MS, wenn sich die Symptome nach einem Schub kaum noch oder gar nicht mehr zurückbilden.
Therapiemöglichkeiten und Medikamente
Multiple Sklerose ist nicht heilbar. Durch moderne Behandlungsmöglichkeiten kann der Verlauf der Erkrankung jedoch meist lange herausgezögert und verbessert werden. Die Therapie der Multiplen Sklerose stützt sich dabei auf mehrere Säulen:
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- Schubtherapie: Behandlung akuter Schübe, damit Beschwerden sich schnell zurückbilden. Bei akuten Schüben können u.a. Cortison-Präparate die Symptome dämpfen.
- Verlaufsmodifizierende Therapie (= Basistherapie): Reduktion der Schwere und Häufigkeit der Schübe, um die beschwerdefreie oder -arme Zeit zu verlängern. Zu den schon am längsten verfügbaren Basistherapeutika zählen die Betainterferon-Präparate und das synthetische Peptidgemisch Glatirameracetat; sie alle müssen regelmäßig gespritzt werden. Schlägt eins dieser Basistherapeutika an, kann das etwa ein Drittel bis die Hälfte aller neuen Schübe verhindern und die Schwere vermindern. Das Spritzen allerdings fällt manchen Patienten schwer; und die Mittel wirken nur bei rund 70% der Patienten. Etliche Patienten erleben auch belastende Nebenwirkungen wie grippeähnlichen Symptome durch die Basistherapie mit diesen Mitteln.
- Symptomatische Therapie: Linderung von MS-Beschwerden und Vorbeugung möglicher Komplikationen.
Medikamente für schubförmige MS
Für Patientinnen und Patienten mit schubförmig verlaufender Erkrankung stehen mehrere Medikamente zur Verfügung, die den Angriff des Immunsystems auf die Nervenzellen abschwächen. Schon seit 2011 kamen aber auch Basistherapeutika in Tablettenform heraus, mit den Wirkstoffen Fingolimod, Siponimod, Ponesimod, Ozanimod, Teriflunomid, Dimethylfumarat und Cladribin. Diese neueren Medikamente - und darin unterscheiden sie sich nicht grundsätzlich von den älteren - eliminieren bestimmte Zellen des Immunsystems oder dämpfen ihre Aktivität, damit deren Angriffe im ZNS unterbleiben. Die genauen Wirkprinzipien, mit denen das erzielt wird, sind jedoch andere; und einige Patienten begrüßen es sehr, dass sie ihre Medikamente nicht spritzen müssen. Leiden Patienten trotzdem an einer hohen Schubrate, kann auch ein Antikörperpräparat oder ein Chemotherapeutikum (zur Schub- oder Dauerbehandlung) eingesetzt werden, was jedoch mit höheren Risiken für die Patienten durch belastende, in Einzelfällen auch schweren Nebenwirkungen verbunden sein kann. Drei Antikörperpräparate (Natalizumab, Ocrelizumab und Ofatumumab) werden in Dauertherapie eingesetzt, für ein weiteres (Alemtuzumab) genügen zwei kurze Behandlungsphasen für eine langanhaltende Wirkung.
Medikamente für primär-progrediente MS
Für Patienten mit primär-progredienter MS (PPMS) gab es lange Zeit trotz intensiver Forschung kein zugelassenes Basis-Medikament. Im Jahr 2018 kam erstmals ein solches Medikament heraus; das Präparat enthält den Antikörper Ocrelizumab und kann die Krankheitsaktivität dämpfen. Besonders bei jüngeren Betroffenen mit kürzerer Erkrankungsdauer und nachweisbarer Krankheitsaktivität kann das Fortschreiten der Erkrankung durch die Behandlung mit Ocrelizumab gebremst werden.
Wie Medikamente wirken
Zu den Aufgaben des Immunsystems zählt, eindringende Krankheitskeime wie Viren oder Bakterien abzuwehren. Dazu muss es fähig sein, zwischen „fremd“ und „körpereigen“ zu unterscheiden. Bei der MS gelingt ihm dies jedoch im Falle der Nervenscheiden nicht: Das Immunsystem hält sie für fremd und startet einen Großeinsatz der Immunzellen, der allerdings nicht im gesamten ZNS gleichzeitig erfolgt, sondern sich auf einzelne Regionen konzentriert und dort zu einer Entzündung führt. Beteiligt am Immunangriff sind unterschiedliche weiße Blutkörperchen: sogenannte Fresszellen (Makrophagen, sie können andere Zellen in direktem Kontakt vernichten), T-Lymphozyten und B-Lymphozyten. Letztere schädigen das ZNS nicht direkt, sondern produzieren Antikörper, die sich auf die Nervenzell-Hüllen setzen und diese damit für weitere Immunzellen „zum Abschuss freigeben“. Die Medikamente in der MS-Therapie greifen an verschiedenen Stellen in den Entzündungsprozess ein. Einige Präparate verhindern die Vermehrung bestimmter Immunzellen. Ein anderes hindert T- und B-Lymphozyten daran, die Lymphknoten zu verlassen und ins ZNS einzudringen. Ein weiteres stört die Kommunikation zwischen Immunzellen, so dass diese ihren Angriff nicht koordinieren können.
MS-Forschung und neue Medikamente
Dennoch ist vieles bis heute nicht zufriedenstellend: Im Jahr 2024 kann keines der Basistherapeutika alle Schübe verhindern. Und für die Behandlung bestimmter Formen der Krankheit sind sind erst wenige Medikamente wie Mayzent oder Ocrevus zugelassen. Deshalb versuchen Pharmaforscher weiterhin, für die Patienten Medikamente zu entwickeln, die noch wirksamer und noch besser verträglich sind. Und sie arbeiten an weiteren Medikamenten gegen die stetig fortschreitende (die sogenannte "primär-progrediente" oder "sekundär-progrediente“) MS.
Ein wichtiger Schwerpunkt der klinischen Forschung liegt wie auch in den vergangenen Jahren auf der Weiterentwicklung von immunmodulatorischen Substanzen, die das Voranschreiten der Behinderung effektiver unterbinden sollen. Durch Immunmodulatoren kann die Immunantwort im Körper beeinflusst und neu ausgerichtet werden. Sie können beispielsweise Botenstoffe sein, die therapeutisch eingesetzt werden, um die Kommunikation zwischen den Immunzellen zu beeinflussen. Ein weiterer Fokus liegt auf der Erforschung der Zelle, insbesondere der Rolle von T-Zellen und B-Zellen, um die Mechanismen der Autoimmunreaktion besser zu verstehen. Andere Studien zielen darauf ab, den Anwendungskomfort durch längere Anwendungsintervalle oder eine orale Verabreichung zu erhöhen.
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Beispiele für Medikamente in Erprobung oder im Zulassungsverfahren
- Siponimod (BAF-312): Verhindert die Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknoten. Mayzent ist in der EU seit 01/2020 gegen sekundär progrediente MS zugelassen.
- Ozanimod: Verhindert als S1P1- und S1P5-Rezeptorantagonist die Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknoten. OCREVUS ist in der EU seit 05/2020 gegen schubförmige MS zugelassen.
- Ponesimod: Verhindert die Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknoten. Befindet sich in klinischer Erprobung, Phase III.
- Immunoglobulin Octagam: Hintergrund unklar.
Zeposia (Ozanimod): Ein neues Medikament für RRMS
Zeposia wird bei erwachsenen Patienten mit schubförmig remittierender Multipler Sklerose (RRMS) mit aktiver Erkrankung angewendet, die durch klinische oder bildgebende Befunde definiert wurde. Es unterliegt der Verschreibungspflicht und ist in Form von Kapseln für die orale Anwendung vorgesehen.
Wirkmechanismus
Das Immunsuppressivum Ozanimod ist ein Modulator der Sphingosin-1-Phosphat (S1P)-Rezeptorsubtypen 1 und 5. Ozanimod führt zur Lymphozytenretention in lymphoiden Geweben. Der Mechanismus über den Ozanimod seine therapeutischen Wirkungen bei Multipler Sklerose entfaltet ist nicht bekannt. Es wird angenommen, dass eine Verringerung der Lymphozytenmigration in das Zentralnervensystem zur Wirkung beitragen könnte.
Gegenanzeigen
Zeposia darf nicht angewendet werden bei:
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen genannten sonstigen Bestandteile
- Immunschwäche
- Patienten, die in den letzten 6 Monaten einen Myokardinfarkt, instabile Angina pectoris, einen Schlaganfall, eine transitorische ischämische Attacke (TIA), eine dekompensierte Herzinsuffizienz mit erforderlicher stationärer Behandlung oder eine Herzinsuffizienz der New York Heart Association (NYHA) Klasse III/IV hatten
- Patienten mit anamnestisch bekanntem oder aktuell vorliegendem atrioventrikulärem (AV) Block 2. Grades, Typ II, oder AV-Block 3. Grades oder Sick-Sinus-Syndrom, es sei denn, der Patient trägt einen funktionierenden Herzschrittmacher
- Schweren aktiven Infektionen, aktiven chronischen Infektionen wie Hepatitis und Tuberkulose
- Aktiven malignen Erkrankungen
- Schwerer Leberfunktionseinschränkung (Child-Pugh-Klasse C)
- Schwangerschaft und Frauen im gebärfähigen Alter, die keine zuverlässige Methode zur Empfängnisverhütung anwenden
Nebenwirkungen
Die am häufigsten gemeldeten Nebenwirkungen sind:
- Nasopharyngitis (11 %)
- erhöhte Alaninaminotransferase (5 %)
- erhöhte Gamma-Glutamyltransferase (5 %)
Die häufigsten unerwünschten Arzneimittelwirkungen, die zum Behandlungsabbruch führten, hingen mit erhöhten Leberenzymen zusammen (1,1 %).
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Wechselwirkungen
Mit folgenden Arzneimitteln können Wechselwirkungen bei der gleichzeitigen Anwendung mit Ozanimod auftreten:
- Brustkrebsresistenzprotein (BCRP) -Inhibitoren (Ciclosporin, Eltrombopag)
- CYP2C8-Inhibitoren (z. B. Gemfibrozil, Clopidogrel)
- CYP2C8-Induktoren (z. B. Rifampicin)
- Monoaminoxidase-Inhibitoren (z. B. Selegilin, Phenelzin)
- Arzneimittel, welche die Herzfrequenz oder die atrioventrikuläre Erregungsleitung verlangsamen (z. B. Betablocker oder Calciumkanalblocker)
- Eine Impfung während der Behandlung mit Ozanimod sowie bis zu 3 Monate danach kann weniger wirksam sein. Die Anwendung von attenuierten Lebendimpfstoffen kann ein Infektionsrisiko bergen und sollte daher während der Behandlung mit Ozanimod und für bis zu 3 Monate danach vermieden werden.
- Antineoplastische, immunmodulatorische oder nicht-kortikosteroidhaltige immunsuppressive Therapien
Studienlage
Die Zulassung basiert auf Daten aus den zwei klinischen Phase-III-Studien SUNBEAM (NCT02294058) und RADIANCE (NCT01628393) mit insgesamt 2.666 RRMS-Patienten. Die Studien konnten zeigen, dass Ozanimod im Vergleich zu Interferon beta-1a (Avonex) eine starke Wirksamkeit aufwies.
Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) verschiedener MS-Medikamente
Unerwünschte Arzneimittelwirkungen der verschiedenen MS-Medikamente können im Einzelfall erheblich sein und den Patienten vital gefährden. Deshalb ist ihre Kenntnis nicht nur für Neurologen, sondern auch für die hausärztliche Versorgung essenziell.
Insgesamt sind DMTs eine heterogene Gruppe unterschiedlicher Therapeutika, die rekombinante pegylierte und nichtpegylierte Interferon-β-Varianten, komplexe Peptidkombinationen, monoklonale Antikörper sowie sogenannte „small molecules“ umfassen. Jedoch besitzen die DMTs relevante Nebenwirkungsprofile, die es nötig machen, die Patienten umfassend aufzuklären.
Die UAWs sind vielfältig und umfassen unter anderem dermatologische Veränderungen, Veränderungen der Schilddrüsenhomöostase und des Blutbildes sowie ophthalmologische, kardiovaskuläre, hepatische und gastroenterologische Komplikationen. Darüber hinaus wurde für einzelne Therapeutika eine mögliche Häufung neoplastischer Erkrankungen berichtet. Da alle Wirkstoffe das Immunsystem modulieren beziehungsweise mehr oder weniger selektiv supprimieren, sind in den vergangenen Jahren vor allem infektiöse Therapierisiken in den Vordergrund gerückt.
Allen voran ist hier die durch das JC-Polyomavirus (JCPyV, auch bekannt als JCV) verursachte progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML) zu nennen, die vor allem bei Natalizumab auftritt und zu großer Verunsicherung bei den entsprechend behandelten Patienten führte. Dies schließt auch Fälle mit ein, die nach Umstellung auf andere Therapeutika im Sinne einer sogenannten „carry over“-PML auftraten. Vor diesem Hintergrund ist es für den behandelnden Arzt von großer praktischer Relevanz, die therapieassoziierten Risiken zu kennen, den Patienten entsprechend zu beraten und adäquat überwachen zu können.
Insgesamt ist das Feld überaus dynamisch und verändert sich stetig. Der monoklonale Anti-IL2-Rezeptor-Antikörper Daclizumab beispielsweise wurde nach insgesamt 12 Fällen immunvermittelter Enzephalitis beziehungsweise Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis im März 2018 durch den Hersteller vom Markt zurückgezogen, nachdem durch die European Medicines Agency (EMA) ein Prüfverfahren eingeleitet worden war. Bereits zuvor war das Medikament in die Kritik geraten, da es neben den oben geschilderten Nebenwirkungen zu Fällen von Leberschädigung gekommen war. Dies unterstreicht einmal mehr, wie relevant es ist, als Arzt gut über die aktuellen Entwicklungen auf diesem Gebiet informiert zu sein.
Überblick über verschiedene MS-Therapeutika und ihre Nebenwirkungen
Interferon-Beta
Der Wirkmechanismus der Interferone ist komplex und umfasst eine Hemmung der T-Zell-Aktivierung und -Proliferation, eine Induktion von Apoptose autoreaktiver T-Zellen, die Induktion regulatorischer T-Zellen, eine Modulation der körpereigenen Zytokinproduktion sowie eine Hemmung der leukozytären Migration über die Blut-Hirn-Schranke. Die Hauptnebenwirkungen der Interferone sind grippeähnliche Symptome wie Abgeschlagenheit, Fieber, Arthralgien, Kopfschmerzen, Depressionen sowie bei subkutaner Applikation lokale Hautreaktionen an der Einstichstelle. Hinsichtlich einer möglichen Erhöhung des Malignitätsrisikos unter Interferontherapie haben mehrere Metaanalysen gezeigt, dass es im Vergleich zur Kontrollgruppe zu keiner erhöhten Inzidenz maligner Erkrankungen kommt.
Glatirameracetat
Sein Wirkmechanismus ist nicht genau geklärt, scheint jedoch auf einer Th2-Polarisation von CD4-positiven T-Zellen sowie einer Modulation der Aktivität Antigen präsentierender Zellen (APCs) zu beruhen. Die Hauptnebenwirkung von Glatirameracetat sind lokale Hautreaktionen, die allerdings drastischer ausfallen als jene, die bei den Interferonen beobachtet werden, und sich sogar als Urtikaria oder Nekrosen manifestieren können. Neben diesen kutanen Nebenwirkungen kann es zu einem „Flushing“ (Hyperperfusion der Haut) kommen.
Fingolimod
Mechanistisch wirkt es über eine Sequestrierung von Lymphozyten in den Lymphorganen, sodass diese Zellen nicht ins Blut austreten können, um sich am autoimmunen Angriff auf das ZNS im Rahmen der MS zu beteiligen. Die Hauptnebenwirkungen von Fingolimod basieren auf der Tatsache, dass S1P-Rezeptoren ubiquitär im Körper exprimiert werden, so unter anderem auch am Herzen. Hier kann es zu Bradykardien und Bradyarrhythmien führen, weswegen bei Erstgabe eine 6-stündige EKG-Überwachung nötig und bei neu auftretenden kardialen Rhythmusstörungen eine weitere Überwachung erforderlich ist. Nach 3-4 Monaten Fingolimod-Therapie kommt es bei circa 0,7 % der Behandelten zu einem Makulaödem. Deswegen ist nach dieser Behandlungsdauer insbesondere bei Risikogruppen routinemäßig eine ophthalmologische Verlaufskontrolle erforderlich. Ferner kam es in den Zulassungsstudien bei schwangeren Patientinnen in 7,6 % der Fälle zu teratogenen Effekten, weswegen während der Therapie eine orale Kontrazeption erfolgen sollte. Daneben wurden unter Fingolimod-Therapie Einzelfälle opportunistischer Infektionen beobachtet, wie eine Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus (VZV), Herpesenzephalitis, Lepra oder zerebrale beziehungsweise kutane Kryptokokkose. Derzeit sind 15 Fälle einer PML unter Monotherapie mit Fingolimod bekannt, zusätzlich mehr als 17 sogenannte „carry over“-PML-Fälle bei Patienten, die zuvor mit Natalizumab behandelt worden waren. Darüber hinaus sind Fälle lokaler Hauttumoren, Lymphome und Merkelzellkarzinome berichtet worden. So sind insgesamt bislang 150 Fälle von Basalzellkarzinom (Basaliom) unter Fingolimodtherapie aufgetreten. Zusätzlich sind Einzelfälle eines hämophagozytischen Syndroms (HPS) bekannt. Hinsichtlich der durch den Wirkmechanismus bedingten regelhaft auftretenden Lymphopenie, die für gewöhnlich nach 2 Wochen ihren Tiefpunkt (Nadir) erreicht, muss in der EU bei einer bestätigten Zahl von weniger als 200/μl die Therapie beendet werden und kann erst wieder aufgenommen werden, wenn die Lymphozytenzahl auf über 600/μl angestiegen ist.
Dimethylfumarat
Obwohl der exakte Wirkmechanismus von Dimethylfumarat nicht bekannt ist, geht man davon aus, dass es unter anderem antioxidativ wirkt. Die Hauptnebenwirkungen der Dimethylfumarat-Therapie bestehen in gastrointestinalen Nebenwirkungen, wie Übelkeit, Erbrechen und Diarrhoe, sowie einer Lymphopenie. Auch ein Einzelfall von eosinophilen Gastroenteritis wurde berichtet. Daneben kann es bei etwa 30 % der Patienten zu einer im Verlauf rückläufigen Flushing-Symptomatik kommen. Routinemäßig sollte unter der Therapie ein Monitoring der Leukozytenzahl im Abstand von 6-8 Wochen erfolgen. Bei einer für mehrere Monate anhaltenden Leukopenie von unter 3 000/µl oder einer Grad-3-Lymphopenie von unter 500/µl (betrifft etwa 6 % der Patienten) wird die Beendigung der Therapie obligat empfohlen, zumal die Dimethylfumarat-assoziierte PML, von der bisher mindestens 5 Fälle auftraten, auch bereits bei nur geringgradiger Lymphopenie beobachtet wurde.
Natalizumab
Natalizumab ist ein intravenös applizierter humanisierter monoklonaler Anti-VLA4-Antikörper, der zur Eskalationstherapie der RRMS zugelassen ist. Der Wirkstoff hemmt den Übertritt von Lymphozyten über die Blut-Hirn-Schranke ins Gehirn. Insgesamt sind bislang 781 PML-Fälle aufgetreten. Nach gegenwärtigem Kenntnisstand beeinflussen die Behandlungsdauer, die Vorbehandlung mit Immunsuppressiva sowie das Ergebnis der JCV-Serologie (Präsenz von Anti-JCV-Antikörpern) das Risiko für die spätere Entwicklung einer PML. Neben PML sind unter Natalizumab auch Einzelfälle von HSV- und VZV-Enzephalitiden aufgetreten.
Teriflunomid
Teriflunomid hemmt schnell proliferierende Zellen (wie aktivierte Lymphozyten), die bei MS von entscheidender Bedeutung sind. Die Hauptnebenwirkungen sind gastrointestinale Symptome wie Übelkeit, Erbrechen und Diarrhoe. Wegen möglicher Hepatotoxiztät und Lymphopenie sollten die Leberenzyme und die Lymphozytenzahl überwacht werden. Wichtig ist, dass Teriflunomid in der Schwangerschaft kontraindiziert ist, was auf tierexperimentellen Daten basiert, die eine starke Teratogenität nahelegten.
Fortschritte in der MS-Forschung: Genetische Biomarker und personalisierte Therapie
Die Forschung hat auch Fortschritte bei der Identifizierung von Biomarkern gemacht, die helfen können, die Therapieentscheidung zu personalisieren. Eine internationale Arbeitsgruppe hat beispielsweise einen genetischen Biomarker identifiziert, der vorhersagt, ob MS-Patientinnen und -Patienten besonders gut auf eine Behandlung mit Glatirameracetat (GA) ansprechen. Menschen mit dem Gewebetyp HLA-A*03:01 profitieren demnach signifikant stärker von GA als von Interferon-beta (IFN).
Tolebrutinib: Ein neuer Wirkstoff mit Potenzial
Der Wirkstoff Tolebrutinib weckt große Hoffnungen für die Therapie der Multiplen Sklerose (MS). Die Ergebnisse zweier groß angelegter, internationaler Phase-III-Studien wurden im New England Journal of Medicine veröffentlicht. Die GEMINI-Studien zeigen, dass Tolebrutinib bei schubförmiger MS mindestens ebenso gut wie das Standardmedikament Teriflunomid akute Schübe reduziert. Darüber hinaus gab es deutliche Hinweise darauf, dass die Krankheit langsamer voranschreitet - auch unabhängig von Rückfällen, ein Phänomen, das unter dem Begriff PIRA (progression independent of relapse activity) bekannt ist. Parallel dazu belegte die HERCULES-Studie erstmals signifikant positive Effekte bei sekundär progredienter MS. Der primäre Endpunkt der Studie, nämlich dass das Fortschreiten der Behinderung verzögert wurde, wurde erreicht.
CAR-T-Zell-Therapie: Ein experimenteller Ansatz
Die CAR-T-Zell-Therapie, die bisher gegen Blutkrebs eingesetzt wird, zeigt erste Erfolge im Einsatz gegen Autoimmunerkrankungen, darunter auch Multiple Sklerose. Dabei werden sogenannte T-Zellen aus dem Blut der Patienten entnommen und im Labor genetisch verändert - sie werden zu CAR-T-Zellen. Solche CAR-T-Zellen können auch bei Autoimmunerkrankungen wirksam sein - zum Beispiel bei seltenen Erkrankungen wie Lupus oder Myasthenie. Auch bei Multipler Sklerose gab es erste Erfolge.
Routinedaten zur Verbesserung der Arzneimittelsicherheit
Der Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss fördert mehrere Projekte, bei denen diese Erkrankung im Fokus steht. Ein Projekt aus dem Bereich Versorgungsforschung konnte nach Ansicht des Innovationsausschusses nun zeigen, dass auch Routinedaten die Erkenntnislage zu Nebenwirkungen von MS-Arzneimitteln verbessern können. Konkret wurden für die Analyse die Abrechnungsdaten von 44 Betriebskrankenkassen und 12 Kassenärztlichen Vereinigungen mit Daten aus zwei MS-Patientenregistern und dem Spontanmeldesystem des PEI zusammengeführt. Das Projekt hat im Ergebnis zeigen können, dass Daten zu Nebenwirkungen aus der Regelversorgung das Spontanmeldesystem des PEI sinnvoll ergänzen und Arzneimittelsicherheit verbessern können.
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