Multiple Sklerose: Neue Erkenntnisse aus der Forschung und der Blick auf den Darm

Multiple Sklerose (MS) ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die das zentrale Nervensystem betrifft. Die Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt, aber neue Forschungen beleuchten mögliche Zusammenhänge mit der Darmflora und anderen Risikofaktoren. Dieser Artikel fasst aktuelle Erkenntnisse zusammen und gibt einen Überblick über die Krankheit.

Was ist Multiple Sklerose?

Mehr als 280.000 Menschen in Deutschland leben mit der Diagnose Multiple Sklerose (MS). Jedes Jahr kommen rund 15.000 neue Fälle hinzu. Die Krankheit greift die schützende Hülle von Nervenfasern in Gehirn und Rückenmark an. Die Symptome sind so vielfältig, dass Multiple Sklerose oft als "Krankheit der 1000 Gesichter" beschrieben wird - von Taubheitsgefühlen über Sehstörungen bis hin zu Lähmungen.

Mögliche Ursachen und Risikofaktoren

Die Auslöser von MS sind bislang nicht vollständig bekannt. Genetik, Umweltfaktoren und bestimmte Infektionen gelten als mögliche Mitverursacher. In den Fokus rückt nun auch die Darmflora - besonders Bakterien aus dem Dünndarm.

Genetische Veranlagung

Wer Verwandte ersten oder zweiten Grades mit MS hat, trägt ein mehr als siebenfach erhöhtes Risiko.

Infektionen in der Kindheit

Bestimmte Infektionen in der Kindheit, etwa Masern oder Windpocken, könnten das Immunsystem langfristig beeinflussen. Pro zusätzlicher Infektion stieg das Risiko laut Studie um 14 Prozent. Auch das Epstein-Barr-Virus hat Einfluss auf die MS-Entwicklung. Eine durchgemachte Infektion war mit einer mehr als dreifach erhöhten MS-Wahrscheinlichkeit verbunden.

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Alter der Mutter bei der Geburt

Erstgeborene von Müttern über 30 Jahren hatten ein doppelt so hohes MS-Risiko.

Belastende Lebensereignisse

Belastende Lebensereignisse wie Trennung der Eltern, Tod eines Angehörigen oder schwere Krankheiten in der Familie zeigten Wirkung. Für jedes zusätzliche Ereignis stieg das Erkrankungsrisiko um 25 Prozent.

Übergewicht und Bewegungsmangel

Wer mit 18 Jahren adipös war, hatte ein mehr als doppelt so hohes Risiko.

Die Rolle der Darmflora bei Multipler Sklerose

In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend die Bedeutung der Darmflora für die Gesundheit erkannt. Der Darm, oft als "Wunderknabe" bezeichnet, steuert nicht nur die Verdauung, sondern auch die Immunabwehr. Etwa 70 Prozent aller menschlichen Immunzellen befinden sich dort. Ist das Immunsystem gestört, entstehen Entzündungen, die mit verschiedenen Erkrankungen in Verbindung gebracht werden.

Veränderungen der Darmflora bei MS-Patienten

Bei Menschen mit Multipler Sklerose (MS) haben Forscher eine veränderte Darmflora beobachtet: Die Vielfalt der Bakterien ist geringer. Eine Studie der LMU untersuchte Mikroorganismen im Dünndarm, die eine Rolle bei der Entstehung von MS spielen könnten. In dieser Studie mit 81 eineiigen Zwillingspaaren, bei denen jeweils nur ein Zwilling an MS erkrankt ist, konnten genetische und viele Umweltfaktoren weitgehend ausgeschlossen werden.

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Die Forscher nahmen sowohl Stuhlproben als auch Proben aus dem unteren Dünndarm, dem sogenannten Ileum. Insgesamt fanden sie 51 Bakterienarten, die sich bei gesunden und MS-betroffenen Zwillingen unterschieden.

Identifizierte Bakterienarten

In Stuhlproben von erkrankten Mäusen fanden die Forscher besonders viele Bakterien zweier Arten: Eisenbergiella tayi und Lachnoclostridium, beide gehören zur Familie der Lachnospiraceae. Das Forscherteam deutet an, dass diese Bakterien wahrscheinlich für eine erhöhte Krankheitsinzidenz verantwortlich sind. Es wird vermutet, dass genau diese Mikroorganismen bei bestimmten Bedingungen die Autoimmunreaktion auslösen - etwa durch eine veränderte Immunantwort im Darm.

Herausforderungen bei der Analyse der Darmflora

Erstaunlich ist, dass solche Bakterien in klassischen Stuhlproben häufig übersehen werden. Der Verdacht: Sie leben in dichten Biofilmen an der Darmwand und sind damit für Standardanalysen schwer zugänglich. Ihre Wirkung auf Immunzellen sei aber umso intensiver.

Therapieansätze und die Bedeutung von Propionsäure

Es überraschte die Forscher selbst, als sie 2015 an der Uniklinik Freiburg entdeckten, dass Immunzellen im Gehirn, die Keime und abgestorbene Nervenzellen beseitigen, bestimmte Stoffwechselprodukte aus dem Darm brauchen, um gut arbeiten zu können. Es sind die kurzkettigen Fettsäuren, sogenannte Propionsäuren. Ein gesunder Darm stellt diese aus Ballaststoffen her.

Deshalb gaben die Forscher den untersuchten Patienten Propionsäure zusammen mit anderen Medikamenten gegen MS. Die Patienten berichteten danach von zunehmender Vitalität und besserer Konzentration. Bislang sind dies allerdings nur erste experimentelle Befunde.

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Cannabis und Multiple Sklerose

In Deutschland ist Cannabisextrakt seit 2011 für die Behandlung bei mittelschwerer oder schwer therapierbarer Spastik bei Multipler Sklerose zugelassen. In einer Studie aus dem Jahr 2011 profitierten knapp die Hälfte der Patienten von einer subjektiven Verbesserung bei Spastik, Spasmenhäufigkeit und Schlafqualität. Die Wirkung ist gegenüber Placebo nachgewiesen, jedoch nicht im Vergleich zu Standardmedikamenten. Cannabinoide können Patienten mit chronischen Schmerzen (z.B. bei Multipler Sklerose oder Phantomschmerzen) eine gewisse Linderung verschaffen. Dabei wird laut Aussage von Patienten teilweise weniger der Schmerz an sich beseitigt, als die Kontrolle über das Schmerzempfinden gestärkt.

Der Darm als Schlüssel zur Gesundheit

Die intensiven Forschungen der vergangenen Jahrzehnte brachten ein besseres Verständnis des Darms und damit auch Fortschritte für Patienten. Der Darm gilt als eine Art Trainingslager für unser Immunsystem. Hier lernen die Zellen, welche Stoffe gefährlich sind und welche sie tolerieren sollten.

Was dem Darm guttut

  • Abwechslungsreiche Ernährung: Sie sorgt für die wichtige Artenvielfalt im Darm.
  • Frisches Gemüse: Der Darm mag es gekocht und besonders gern auch roh verzehrt, sofern es vertragen wird.
  • Vollkornprodukte: Insbesondere Hafer und Haferkleie tun dem Darm gut.
  • Fermentierte Lebensmittel: Kefir, Schwedenmilch, Sauerkraut, Brottrunk und milchsäurehaltige Obstsäfte (sofern sie zur Konservierung nicht vorher erhitzt wurden).

Was dem Darm schadet

  • Weißmehlprodukte und Zucker: Vor allem nicht in großen Mengen.
  • Fastfood: Menschen, die viel Fastfood konsumieren, haben eine geringere Vielfalt an Bakterien als Menschen mit einer vollwertigen, ausgewogenen Ernährung.

Vegetarische Kost ist sozusagen die Wunschkost der Darmflora, darin scheinen Forscher sich einig zu sein.

Sven Böttcher und sein Kampf gegen die MS

Eigentlich war Sven Böttcher nur wegen kalter Füße zum Arzt gegangen. In nur knapp zwei Jahren verschlechterte sich sein Gesundheitszustand radikal: Der Autor und Drehbuchschreiber konnte nicht mehr sehen, schreiben, gehen. Das Haus war verkauft, die Existenz zerbrochen. Und jeder neue Schub konnte sein letzter sein. Böttcher beschloss, die ihm bleibende Zeit selbst in die Hand zu nehmen, seine Lebensweise umzustellen. Er beschloss, ein Buch für seine drei Töchter zu schreiben, für die Zeit, in der er nicht mehr bei ihnen würde sein können. Es wurde ein Bestseller.

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