Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die Gehirn und Rückenmark betrifft. Die Erkrankung manifestiert sich bei jedem Patienten anders, weshalb sie oft als "Krankheit mit den 1000 Gesichtern" bezeichnet wird. Die Symptome sind vielfältig und hängen von den betroffenen Bereichen des Nervensystems ab. Eines der häufigsten und oft beeinträchtigendsten Symptome ist die Schwäche in den Beinen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen dieser Schwäche und die verschiedenen Therapieansätze.
Was ist Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die das Gehirn und das Rückenmark betrifft. Bei MS werden die Nervenfasern beschädigt. Durch Entzündungen wird die schützende Myelinschicht, die die Nervenfasern umgibt, angegriffen. Diese Myelinschicht, ähnlich der Isolierung eines Stromkabels, ist wichtig für die reibungslose Weiterleitung von Nervenimpulsen. Wenn die Myelinschicht beschädigt wird, können Informationen nicht mehr richtig übertragen werden, was zu verschiedenen neurologischen Symptomen führt.
Die MS-Krankheit ist keine klassische Erbkrankheit, da nicht die Krankheit selbst vererbt wird, sondern nur eine genetische Prädisposition. Die genaue Ursache der MS ist unbekannt, aber es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischen und Umweltfaktoren eine Rolle spielt.
Ursachen von Schwäche in den Beinen bei MS
Schwäche in den Beinen ist ein häufiges Symptom bei MS und kann verschiedene Ursachen haben:
- Schädigung der Nervenfasern: Die Entzündung und Schädigung der Myelinschicht im Gehirn und Rückenmark beeinträchtigen die Nervenleitgeschwindigkeit. Dies führt zu einer verlangsamten oder gestörten Übertragung von Nervenimpulsen, die für die Muskelbewegung notwendig sind.
- Spastik: Eine Spastik beschreibt eine dauerhaft ungewollte erhöhte Grundspannung der Muskulatur. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um die verkrampfte Muskulatur zu behandeln. Mit gezielter Physiotherapie, bei der die Muskulatur gedehnt und aktiv bewegt wird, können Bewegungsmuster beibehalten werden. Dabei können einige Medikamente in Form von Tabletten oder Nasenspray unterstützend wirken. In besonders schweren Fällen sind auch Behandlungen mit Botox möglich.
- Ataxie: Die MS-bedingte Ataxie - auch ataktische Bewegungsstörung genannt - bezeichnet Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen: Das Zusammenspiel verschiedener Muskeln - vor allem der Arme und Beine, seltener des Rumpfes - ist beeinträchtigt. Betrifft die Ataxie die Beine, wird der Gang unsicher und breitbeinig. Sturz- und Stolpergefahr sind erhöht.
- Fatigue: Die Fatigue, also eine erhöhte Erschöpfbarkeit, ist ein unterschätztes Symptom der MS. Dabei tritt sie recht häufig auf und kann sehr einschränkend sein. Die zunehmende Schwäche kann im Tagesverlauf stärker werden oder ein dauerhaft vorhandenes Müdigkeitsgefühl bewirken. Das kann sich sowohl auf die körperliche als auch geistige Leistungsfähigkeit auswirken.
- Mangelnde Bewegung: Muskeln, die nicht regelmäßig benutzt werden, können schwach werden. Symptome wie Fatigue, Gleichgewichtsstörungen und Schmerzen können Patienten daran hindern, sich zu bewegen und zu trainieren.
Diagnose von MS
Die MS-Diagnostik ähnelt einem Puzzle, denn die Symptome der Erkrankung können individuell sehr verschieden sein. Da es keinen einzelnen MS-Test gibt, wird die Diagnose in der Regel durch eine Kombination verschiedener Untersuchungen gestellt:
Lesen Sie auch: MS-Medikamente im Detail erklärt
- Anamnese: Der Arzt befragt den Patienten gezielt nach Vorkommnissen in der Vergangenheit, die mit seiner Erkrankung in Verbindung stehen könnten.
- Neurologische Untersuchung: Es gibt verschiedene typische Zeichen, die auf eine MS hinweisen und die bei dieser Untersuchung festgestellt werden können.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Mit einer MRT können die bei einer Multiplen Sklerose geschädigten Strukturen im Gehirn (Läsionen) sichtbar gemacht werden.
- Liquoruntersuchung: Eine kleine Menge des Nervenwassers (Liquor) wird mithilfe einer Nadel aus dem Wirbelkanal entnommen (Lumbalpunktion). Oligoklonale Banden sind sogenannte Immunglobuline, das heißt: Antikörper. Sie liefern Hinweise auf entzündliche Prozesse im Körper.
Therapieansätze bei Schwäche in den Beinen
Die Therapie von Schwäche in den Beinen bei MS zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Die Behandlung ist individuell und kann folgende Elemente umfassen:
Medikamentöse Therapie
- Immuntherapie: Die Immuntherapie beeinflusst bei MS das fehlgesteuerte Immunsystem, indem sie dieses verändert (immunmodulierend) oder dämpft (immunsuppressiv). Am wirksamsten sind speziell entwickelte Antikörper. Sie verhindern das Eindringen von bestimmten Immunzellen ins Gehirn oder reduzieren ihre Konzentration im Blut. Dadurch können diese Zellen keine Entzündungen mehr auslösen.
- Antispastika: Bei Spastik können Medikamente wie Baclofen, Tizanidin oder Dantrolen eingesetzt werden, um die Muskelspannung zu reduzieren. In besonders schweren Fällen sind auch Behandlungen mit Botox möglich.
- Medikamente gegen Fatigue: Es gibt unterschiedliche Optionen, die wenige Nebenwirkungen haben, aber nicht immer wirken. Die Therapie kann daher im Einzelfall erwogen werden, der Therapieerfolg sollte nach ca.
- 4-Aminopyridin: Bei ausgeprägter Wärmeempfindlichkeit (Uhthoff-Phänomen) kann auch 4-Aminopyridin eingesetzt werden.
Nicht-medikamentöse Therapie
- Physiotherapie: Basis der Behandlung ist eine intensive Physiotherapie auf neurophysiologischer Grundlage (Bobath, propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation und andere), kombiniert mit Ergotherapie. Mit gezielter Physiotherapie, bei der die Muskulatur gedehnt und aktiv bewegt wird, können Bewegungsmuster beibehalten werden.
- Ergotherapie: Ergotherapie hilft, die Selbstständigkeit im Alltag zu erhalten und zu verbessern.
- Entspannungstechniken: Sinnvoll ist darüber hinaus, Entspannungstechniken zu erlernen und anzuwenden, zum Beispiel Autogenes Training oder die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson.
- Hilfsmittel: Hilfsmittel - Gehstöcke, Rollatoren, spezielle Bestecke - erleichtern den Alltag.
- Kältetherapie: Eisanwendungen (eine Minute Kältekompresse oder Eiswasserbad) können die Ataxie der Arme kurzfristig (für ca. 45 Minuten) bessern: hilfreich etwa vor dem Einnehmen einer Mahlzeit oder dem Leisten einer Unterschrift.
- Sport und Bewegung: Sport und Bewegung sind ein wirksames Gegenmittel, auch wenn es schwerfällt. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) bietet weitergehende Informationen zu MS und Sport sowie ein spezielles MS-Funktionstraining an.
Paroxysmale Symptome
Paroxysmale Symptome ist der Sammelbegriff für Beschwerden, die überfallartig, kurz (maximal wenige Minuten), aber wiederkehrend auftreten. Meist handelt es sich um einschießende Schmerzen in einer bestimmten Körperregion, es kann sich aber auch um plötzliche Gefühls-, Sprech- oder Bewegungsstörungen handeln, seltener auch Juckreiz.
- Nicht-medikamentöse Therapie: Es kann hilfreich sein, ein Tagebuch zu führen, um zu erkennen, in welchen Situationen paroxysmale Symptome auftreten. Unter Umständen lassen sich solche Situationen, wenn nicht vermeiden, so doch reduzieren. Bei einem Uhthoff-Phänomen sollten Patienten Wärme meiden und kalte Duschen, kalte Getränke oder kühlende Kleidung (Westen, Stirnbänder etc.) einsetzen.
- Medikamentöse Therapie: Die meisten paroxsymalen Symptome lassen sich gut mit Medikamenten behandeln. Eingesetzt werden Antiepileptika wie Carbamazepin, Gabapentin, Lamotrigin, bei ausgeprägter Wärmeempfindlichkeit (Uhthoff-Phänomen) auch 4-Aminopyridin.
Blasenfunktionsstörungen
Neurogene, d. h. auf der fehlerhaften Funktion wichtiger Nervenbahnen beruhende, Blasenstörungen gehören zu den häufigsten Begleiterscheinungen der MS.
- Nicht-medikamentöse Therapie: Durch das eigene richtige Verhalten können Blasenfunktionsstörungen vor allem im Frühstadium günstig beeinflusst werden. Wichtig ist: regelmäßig ausreichend trinken (ca. 2 Liter über den Tag verteilt, sofern Herz und Nieren gesund sind), regelmäßige, auch vorbeugende Toilettengänge, Kontrolle von Trink- und Urinmenge durch ein Tagebuch, Harndrang nicht über längere Zeit unterdrücken (das Überkreuzen der Beine kann zur Verstärkung einer Spastik führen), Beckenbodengymnastik (kann in der Physiotherapie erlernt werden).
- Medikamentöse Therapie: Die medikamentöse Behandlung umfasst - je nach Art der Funktionsstörung - verschiedene Substanzen: Anticholinergika zur Dämpfung eines überaktiven Blasenmuskels unterdrücken das übermäßige Zusammenziehen der Blase. Bei Blasenentleerungsstörungen mit Restharnbildung werden in der Regel Alphablocker eingesetzt, die zur Entspannung des Blasenschließmuskels beitragen. Um die Urinproduktion und -ausscheidung vorübergehend zu verringern, kann Desmopressin eingesetzt werden. Wenn andere Medikamente nicht vertragen werden und ISK nicht möglich ist, kann bei häufigem Harndrang mit kleinen Urinmengen und Inkontinenz Botulinumtoxin direkt in den Detrusormuskel gespritzt werden. Akute Harnwegsinfekte werden mit Antibiotika behandelt.
Invasive Therapie
- Thermokoagulation des Ganglion Gasseri: Schwere Fälle von Trigeminusneuralgie können mittels spezieller Operationen gebessert werden. Dabei wird der Trigeminus-Nerv entweder thermisch (Thermokoagulation des Ganglion Gasseri) oder chemisch (Glycerol-Injektion) teilweise ausgeschaltet.
- Stereotaktische Operation mit Stimulation der Stammganglien: Bei erheblichem Tremor bleibt als letzte Möglichkeit die stereotaktische Operation mit Stimulation der Stammganglien an spezialisierten Zentren.
Alltag mit MS
Im täglichen Leben gibt es einiges, dass die Multiple Sklerose günstig beeinflussen kann. Ein wesentliches Element ist regelmäßige körperliche Aktivität. Ein Spaziergang oder eine Wanderung, eine Fahrradtour oder ähnliche Aktivitäten im Freien haben außerdem gleich mehrere positive Effekte: Man bewegt sich und kann schon durch kurzen, aber regelmäßigen Aufenthalt in der Sonne etwas gegen einen Vitamin-D-Mangel tun.
Ein weiterer wichtiger Baustein, den jeder selbst in der Hand hat, ist die Umstellung auf eine gesunde Ernährung. Selbst zubereitete Mischkost mit viel Obst und Gemüse, Fisch und Vollkornprodukten, aber wenig Zucker und Salz, tierischen Fetten und Zusatzstoffen (wie in verarbeiteten Lebensmitteln) hat positive Effekte. Zudem sollten Menschen mit Multipler Sklerose nicht rauchen.
Lesen Sie auch: Wie man MS vorbeugen kann
Lesen Sie auch: MS und Rückenschmerzen: Ein Überblick