So aufgeklärt unsere Gesellschaft auch ist, es gibt Dinge, über die nicht so gerne gesprochen wird. Vor allem bei Menschen, die unter sexuellen Störungen leiden, kann das zusätzlichen Stress auslösen. Ein erfülltes Sexualleben gehört für die meisten Menschen zu einer Beziehung dazu - genauso für Patienten, die an Multipler Sklerose erkrankt sind. Kompliziert wird das aber, wenn es aufgrund der Erkrankung zu sexuellen Problemen kommt. Studien weisen darauf hin, dass sexuelle Störungen bei männlichen MS-Patienten die Regel sind. Wenn das bei Dir oder Deinem Partner der Fall ist, sei Dir sicher, Du bist damit nicht allein. Wir finden, es ist höchste Zeit, darüber zu sprechen.
Einleitung
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die neben motorischen, sensorischen und kognitiven Beeinträchtigungen auch sexuelle Funktionsstörungen verursachen kann. Diese sind ein oft unterschätztes, aber nicht seltenes Symptom bei MS und können auch unabhängig von anderen schweren Beeinträchtigungen auftreten. Während in der Allgemeinbevölkerung sexuelle Funktionsstörungen bei 10 bis 20 Prozent auftreten, kommen sie bei etwa drei Viertel der Menschen mit MS vor. Das Sexualleben leidet bei vielen Patienten mit Multipler Sklerose. Trotzdem sprechen viele nicht mit ihrem Arzt darüber, wie eine Studie zeigt.
Ursachen sexueller Unlust bei MS
Die Ursachen für sexuelle Unlust bei MS sind vielfältig und können sowohl körperlicher als auch psychischer Natur sein. Meistens sind es verschiedene Ursachen, die zusammentreffen. Es lassen sich primäre, sekundäre und tertiäre Ursachen unterscheiden.
Primäre Ursachen
Primäre Ursachen sind direkt durch die MS bedingt und entstehen durch Entzündungsherde (Läsionen) im Gehirn oder Rückenmark, die Nervenbahnen schädigen. Diese Nervenschädigungen können Funktionsstörungen der Geschlechtsorgane verursachen. Sie sind mit Läsionen am Cortex und Rückenmark assoziiert. Betroffen sein können:
- Sensorische Wahrnehmung: Parästhesie (Missempfindungen) oder sensorische Taubheit im Genitalbereich können die sexuelle Erregung beeinträchtigen.
- Libido: Ein Verlust der Libido (sexuelles Verlangen) kann auftreten.
- Lubrikation: Verminderte Lubrikation (Feuchtigkeit der Scheide) bei Frauen kann zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr führen. Bei Frauen kann das zu einer Trockenheit der Scheide führen oder zu einem Verlust des sexuellen Verlangens. Möglicherweise ist die Erregungsfähigkeit von Klitoris und Scheide eingeschränkt oder Frauen haben unangenehme Empfindungen im Genitalbereich. Das kann bis hin zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr führen und somit der Orgasmus ausbleiben.
- Erektionsstörungen: Erektionsstörungen (erektile Dysfunktion) bei Männern können die sexuelle Aktivität erschweren oder unmöglich machen. Männer können ihre Erektionsfähigkeit verlieren, sprich der Penis wird nicht mehr steif.
- Ejakulationsstörungen: Zu den Orgasmusstörungen beim Mann zählen vorzeitiger, stark verzögerter oder ausbleibender Samenerguss (Ejakulationsstörungen).
Sekundäre Ursachen
Sekundäre Ursachen sind indirekt mit der MS verbunden und entstehen durch andere Symptome der Erkrankung, die sich auf das Sexualleben auswirken können:
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- Fatigue: Müdigkeit (Fatigue) ist ein häufiges Symptom bei MS und kann das Interesse am Sex massiv mindern. Den größten Einfluss auf sexuelle Funktionsstörungen bei Frauen hat die Fatigue.
- Spastik: Spastiken (Muskelverkrampfungen) können die Bewegungsfreiheit einschränken und es erschweren, bequeme und angenehme Positionen für den Geschlechtsverkehr zu finden. Und falls Du dauerhaft unter Spastiken leidest, fällt es Dir vielleicht schwer, geeignete Positionen zu finden.
- Schmerzen: Schmerzen können das sexuelle Verlangen reduzieren und den Geschlechtsverkehr unangenehm machen. Auch permanente Schmerzen lassen das Interesse an Sex bei den meisten schwinden. Und da hilft es oft nicht, dass Sex und Orgasmus eine Weile Schmerzen lindern können. Denn wer gar nicht erst in Stimmung kommt, den interessieren spätere Belohnungen nicht. Frauen mit Schmerzen beim Geschlechtsverkehr sollten sich an ihre gynäkologische Praxis wenden.
- Blasen- und Darmstörungen: Blasen- und Darmstörungen, wie z.B. Inkontinenz, können Schamgefühle auslösen und das sexuelle Interesse beeinträchtigen. So können Probleme mit Blase und Darm normalen Sex sehr erschweren oder gänzlich im Wege stehen, da Du vielleicht von vornherein lieber auf Sex verzichtest.
- Kognitive Beeinträchtigungen: Kognitive Beeinträchtigungen, wie z.B. Konzentrations- oder Gedächtnisstörungen, können die sexuelle Erregung und das sexuelle Verlangen beeinträchtigen.
Tertiäre Ursachen
Tertiäre Ursachen sind psychosoziale Faktoren, die mit der MS in Verbindung stehen und sich auf das Sexualleben auswirken können:
- Veränderung der sozialen Rolle: Die MS kann zu einer Veränderung der sozialen Rolle führen, z.B. wenn der Partner zum Pflegenden wird.
- Affektive Störungen: Affektive Störungen, wie z.B. Depressionen oder Angstzustände, können die sexuelle Lust mindern.
- Verlust des Selbstvertrauens: Zu den körperlichen Symptomen kommt dann das Gefühl der Scham vor dem Partner und vor sich selbst. Oft leidet das Selbstvertrauen, denn der Körper „funktioniert“ ja nicht mehr richtig. Was macht das mit mir als Frau/Mann? Wie kann ich mich dann selbst noch attraktiv finden, geschweige denn mein Partner? Darunter leidet dann häufig nicht nur das Sexleben, sondern auch die Partnerschaft als Ganzes.
- Stress, Alkohol, Medikamente: Außerdem gibt es weitere Faktoren, so wie bei Nicht-MS-Patienten auch, die sich auf die Sexualität auswirken können. Dazu gehören unter anderem Stress, der Konsum von Alkohol, Zigaretten oder Drogen sowie bestimmte Medikamente.
Auswirkungen sexueller Unlust auf die Partnerschaft
Schwierigkeiten auf sexuellem Gebiet können Konflikte oder auch eine zunehmende Entfremdung der Partner auslösen. Wenn die sexuellen Begierden auf der Strecke bleiben, kann das auch auf den Rest der Beziehung überschwappen. Das kann zu einer wachsenden Entfremdung und Konflikten führen. Um dieses Geflecht wieder aufzulösen, sollten die Ursachen angegangen werden und oft kann eine psychotherapeutische Behandlung dabei helfen.
Diagnose und Behandlung
Sexuelle Probleme bei MS lassen sich behandeln. Der erste und wichtigste Schritt ist, offen darüber zu sprechen: mit Deinem Partner und Deinem behandelnden Arzt. Scham ist absolut verständlich, sie sollte aber nicht zwischen Dir und einem erfüllten Sexleben stehen. Die behandelnden Ärzte sollten ihre Patienten routinemäßig nach ihrem Sexualleben befragen, um Risikopatienten für sexuelle Störungen schneller zu identifizieren.
Anamnese und körperliche Untersuchung
Der Arzt wird zunächst eine ausführliche Anamnese erheben, um die Art und den Umfang der sexuellen Störungen zu erfassen. Dabei werden Fragen zu den Symptomen, dem Beginn der Beschwerden, der Krankheitsgeschichte und der Medikamenteneinnahme gestellt. Auch die Partnerschaft und das psychische Wohlbefinden werden thematisiert.
Anschließend erfolgt eine körperliche Untersuchung, bei der insbesondere die neurologische Funktion, die Sensibilität im Genitalbereich und die Durchblutung der Geschlechtsorgane überprüft werden.
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Weitere Untersuchungen
Je nach Bedarf können weitere Untersuchungen durchgeführt werden, um die Ursachen der sexuellen Störungen genauer zu bestimmen. Dazu gehören:
- Hormonuntersuchungen: Messung der Sexualhormone (Testosteron, Östrogen) im Blut, um einen Hormonmangel festzustellen. Diverse Studien zeigen eine Korrelation von Hormonmangel und Libidostörung. Messungen von Androgenen sind bei Frauen jedoch anspruchsvoll und nur unter der Therapie sinnvoll, da es keine Grenz- oder „Wohlfühlwerte“ für Androgene gibt. Zudem ist die Therapie mit Testosteron bei Frauen nicht zugelassen, wird jedoch manchmal off-label eingesetzt.
- Urologische Untersuchungen: Bei Männern können urologische Untersuchungen durchgeführt werden, um Erektionsstörungen oder Ejakulationsstörungen abzuklären.
- Neurologische Untersuchungen: Bei Bedarf können neurologische Untersuchungen durchgeführt werden, um die Nervenfunktion im Genitalbereich zu überprüfen.
- Psychologische Tests: Psychologische Tests können helfen, Depressionen, Angstzustände oder andere psychische Probleme zu erkennen, die das Sexualleben beeinträchtigen können.
Behandlungsansätze
Die Behandlung sexueller Störungen bei MS richtet sich nach den individuellen Ursachen und Symptomen. Es gibt verschiedene Behandlungsansätze, die einzeln oder in Kombination eingesetzt werden können:
- Behandlung der Grunderkrankung: Werden die Störungen durch MS-Symptome, wie Spastik oder Muskelschwäche, ausgelöst, müssen diese natürlich konsequent behandelt werden. Sprich mit Deinem behandelnden Arzt, welche Therapieform die für Dich individuell richtige ist. MS-Symptome, wie Fatigue, die ein erfülltes Sexualleben erschweren, sollten zudem konsequent behandelt werden. Mit Blick auf die Multiple Sklerose ist es die funktionierende verlaufsmodifizierende Therapie, die Du möglichst auf breiter Front mit einer gesunden Lebensweise unterstützen solltest.
- Medikamentöse Therapie:
- Erektionsstörungen: Liegt eine Erektionsstörung vor, stehen einige Präparate zur Verfügung, die nach Absprache mit dem Arzt in Tablettenform eingenommen werden können. Für die Therapie von Erektionsstörungen stehen verschiedene, gut wirksame Medikamente zur Verfügung, wie beispielsweise Phosphodiesterase-Hemmer. Gegen erektile Dysfunktion gibt es verschreibungspflichtige Tabletten oder auch Injektionen in den Penis. Beides kann in der Dosis individuell angepasst werden. Folgt anschließend erotische Stimulanz, stellt sich in der Regel der gewünschte Erfolg ein. Teilweise übernehmen Krankenkassen sogar die Kosten. Nachfragen kann Geld sparen.
- Hormonmangel: Bei einem nachgewiesenen Hormonmangel kann eine Hormontherapie in Erwägung gezogen werden. Der Arzt oder die Ärztin kann empfehlen, den Hormonmangel auszugleichen. Dass sich die Erektionsprobleme dadurch bereits bessern, wird von Wissenschaftlern in einer Studie angezweifelt.
- Psychotherapie: Um sich im eigenen Körper wieder wohlzufühlen und partnerschaftliche Konflikte zu lösen, können Gesprächs- oder Paartherapien sinnvoll sein. Im Gespräch mit dem Therapeuten geht es dann konkret darum, sich den Druck zu nehmen, funktionieren zu müssen. Dafür müssen vor allem erst einmal die eigentlichen Ängste festgestellt und abgebaut werden. Bei tertiären sexuellen Störungen stehen Psyche und Soziales im Weg. Hier geht es vor allem um Versagensängste oder den Zweifel an der eigenen Attraktivität. Wenn Du Dich aufgrund der MS und dazugehöriger Symptome als sexuell unattraktiv empfindest beziehungsweise meinst nicht die Wünsche und Erwartungen Deines Gegenübers zu erfüllen. Oder wenn sich Dein Partner um Dich kümmert und diese Rolle nicht zugunsten Eurer sexuellen Beziehung verlassen kann. Vielleicht kämpfst Du mit Stimmungsschwankungen, bist mit Deinem Körperbild unzufrieden oder hast nur wenig Selbstachtung vor Dir. Wenn Ihr diese Themen in der Beziehung nicht auflösen könnt, dann such Dir einen Experten, der Dir dabei hilft Dich selbst zu lieben und Liebe zuzulassen oder geht zur Paartherapie. Dein Neurologe sollte darüber Bescheid wissen, da die Multiple Sklerose meist aus einer Gemengelage an Symptomen besteht und je besser Dein Ist-Zustand bekannt ist, umso besser kannst Du gemeinsam mit Deinem Arzt eine effektive Behandlungsstrategie auswählen. Sie kann Dich auf Deinem Weg begleiten, zu Dir selbst zu finden und Ängste bewusst wahrzunehmen, um sie anschließend aufzulösen. Wenn Du lernst, über Deine Gedanken und Wünsche zu sprechen, auch die schwierigen Themen, kannst Du Konflikte besser lösen und hast einen großen Schritt getan. Bei der Gesprächstherapie ist es übrigens wichtig, dass der Therapeut zu Dir oder Euch passt.
- Physiotherapie: Bei Spastiken oder Muskelschwäche kann Physiotherapie helfen, die Beweglichkeit zu verbessern und Schmerzen zu lindern.
- Hilfsmittel: Informieren Sie sich über Hilfsmittel und Medikamente, die bei vorliegenden Symptomen helfen können (z. B. Vaginalgel bei Scheidentrockenheit).
Tipps für ein erfülltes Sexualleben trotz MS
Zudem können Ihre Patient:innen selbst einiges beachten, um die Freude an ihrer Sexualität zurückzugewinnen. Hier einige Tipps:
- Offene Kommunikation: Sprechen Sie offen über Ihre sexuellen Bedürfnisse, Ängste und Wünsche. Eine gute Kommunikation kann helfen, Missverständnisse zu vermeiden und Lösungen zu finden. Es gibt viele Dinge, über die Sie mit Ihrem Partner reden sollten. Wer wir sind, was wir tun und wie wir es tun.
- Kreativität und Flexibilität: Seien Sie kreativ und flexibel bei der Gestaltung Ihres Sexuallebens. Probieren Sie neue Stellungen, Praktiken oder Hilfsmittel aus.
- Zeit und Entspannung: Nehmen Sie sich Zeit für Zärtlichkeit und Entspannung. Stress kann das sexuelle Verlangen mindern.
- Selbstliebe: Akzeptieren Sie Ihren Körper und Ihre Sexualität. Ein positives Körperbild kann das Selbstvertrauen stärken und die sexuelle Lust fördern.
- Professionelle Hilfe: Scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn Sie alleine nicht weiterkommen. Wenn Sie sich nicht direkt in das persönliche Umfeld vorwagen mit dem Thema, suchen Sie professionelle Hilfe, z. B. durch Psycho- und/oder Sexualtherapie.
Medikamente und ihre Auswirkungen
Nimmst Du bereits regelmäßig Medikamente ein, ist es ratsam, gemeinsam mit dem Arzt zu überprüfen, inwieweit diese Deine Lust beeinflussen und ob sie durch Alternativen ersetzt werden können. Neben Medikamenten zur Behandlung von MS-Symptomen, die ich bereits angesprochen habe, lohnt sich auch der Check der Medikamente, die Du regelmäßig einnimmst. Vielleicht wirken sie sich negativ auf Deine Lust oder aus. Übliche Verdächtige sind Antidepressiva, Antispastika, Blutdruck- und Lipidsenker, Beruhigungsmittel und Östrogene. Sprich aber bitte immer mit Deinem behandelnden Arzt darüber.
Sexualität und Partnerschaft
Es gibt viele Dinge, über die Sie mit Ihrem Partner reden sollten. Wer wir sind, was wir tun und wie wir es tun. Im Wesentlichen geht es darum, dass jeder Partner einmal pro Woche freie Redezeit bekommt und der andere nur zuhört. Und wenn ein Partner alles gesagt hat, ist der andere dran. Meist braucht es ein paar Anläufe, um in das Konzept hineinzufinden. Aber dann ist es wirklich erstaunlich, was alles dabei herauskommt, wie nahe man wieder zueinanderfinden kann und welchen Einfluss das auf die Beziehung hat. Selbst andere Beziehungen können davon profitieren.
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Sexuelle Gesundheit als Teil der Lebensqualität
Die sexuelle Gesundheit ist ein wichtiger Bestandteil der Lebensqualität. Menschen mit MS sollten sich nicht scheuen, über ihre sexuellen Probleme zu sprechen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Mit der richtigen Behandlung und den richtigen Strategien können sie ein erfülltes Sexualleben trotz MS führen.
Sexuelle Unlust - mögliche Ursachen
Es gibt viele Gründe, warum die Lust auf Sex schwindet. Zu den Ursachen bei Frauen zählen unter anderem Schwangerschaft, Geburt und Wechseljahre. Beim Mann können Erektionsstörungen oder ein Testosteronmangel im fortgeschrittenen Alter mögliche Auslöser sein. Aber auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Depressionen und bestimmte Medikamente hemmen mitunter die sexuelle Lust.
Erkrankungen und Medikamente als Ursachen
Es gibt viele Auslöser für sexuelle Lustlosigkeit. Zu den möglichen Ursachen von Libidoverlust bei Frauen und Männern zählen zum Beispiel:
- Hypothyreose: Darunter versteht man eine Schilddrüsenunterfunktion. Die Schilddrüse produziert dabei zu wenig Schilddrüsenhormone, was unter anderem Libidoverlust zur Folge hat.
- Gefäß- und Herzkrankheiten: Gefäß- und Herzkrankheiten wie Herzschwäche (Herzinsuffizienz) oder Bluthochdruck (Hypertonie) können ebenfalls die sexuelle Lust beeinträchtigen.
- Neurologische Erkrankungen: Manchmal sind Krankheiten, die das Nervensystem betreffen (wie Schlaganfall oder Multiple Sklerose) die Ursache von Libidoverlust.
- Diabetes: Die Zuckerkrankheit kann ebenfalls dazu beitragen, dass jemand kaum oder keine Lust mehr auf Sex hat - manchmal aufgrund von zuckerbedingten Nervenschäden (diabetische Neuropathie) oder Gefäßschäden (diabetische Angiopathie), manchmal aber auch, weil Betroffene seelisch unter der Erkrankung leiden.
- Leberzirrhose: Bei der Leberzirrhose geht Lebergewebe zugrunde und wandelt sich allmählich in Narben- und Bindegewebe um. Ursache ist meist chronischer Alkoholmissbrauch. Häufige Folge der Leberzirrhose ist Libidoverlust - durch die Funktionsstörung der Leber als wichtigem Stoffwechselorgan funktioniert die Synthese von gewissen Sexualhormonen nicht mehr richtig.
- Nierenschwäche: Eine verminderte Libido kann sich auch im Rahmen einer Niereninsuffizienz entwickeln, da dann ebenfalls die Bildung von Sexualhormonen gestört sein kann.
- Medikamente: Neben Antidepressiva können auch andere Medikamente können die sexuelle Lust dämpfen. Manchmal ist die mangelnde sexuelle Lust ein Symptom der Depression, da diese das Gefühlsleben mitunter heftig beeinflusst. In anderen Fällen sind Medikamente gegen die Erkrankung der Grund für den Libidoverlust.
Stress und Belastungen als Ursachen
Zu den sozialen Ursachen zählen verschiedene Arten von Belastungen: Stress im Beruf oder in der Familie sowie Beziehungsprobleme können weitere mögliche Gründe sein, wenn jemand keine Lust mehr auf Sex hat. Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stellt viele moderne Paare vor Herausforderungen.
Ursachen für Libidoverlust bei der Frau
In den ersten Wochen nach einer Geburt haben die meisten Frauen eine verminderte Libido. Dies hängt oft damit zusammen, dass sich die jungen Mütter psychisch und/oder körperlich ausgelastet fühlen - der Libidoverlust ist hier also situationsbedingt.
Auch gynäkologische Erkrankungen wie Endometriose, Scheidentrockenheit oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie) können dazu führen, dass Frauen keine Lust mehr auf Sex haben.
In den Wechseljahren stellen die Eierstöcke allmählich die Östrogenproduktion ein. Der Pegel der weiblichen Sexualhormone sinkt also, wodurch bei Frauen oft die Libido nachlässt.
Ursachen für Libidoverlust beim Mann
Bei älteren Männern kann eine verminderte hormonelle Aktivität der Hoden zum Libidoverlust führen. Eine solche kann etwa die Folge einer Hodenentzündung (Orchitis) oder einer operativen Hodenentfernung (bei Hodentumoren) sein.
Andere sexuelle Störungen wie Erektionsprobleme sind ebenfalls mögliche Gründe für Libidoverlust.
Pathogenese von Libidostörungen bei Frauen
Die Pathogenese von Libidostörungen bei Frauen ist komplex und multifaktoriell. Es spielen sowohl neurobiologische, hormonelle, psychische, als auch soziale und partnerschaftliche Faktoren eine Rolle.
- Dopaminerges System: Dopamin spielt eine Schlüsselrolle bei der Steuerung des sexuellen Verlangens (Libido). Ein hohes Niveau an Dopamin im Gehirn wird mit einer verstärkten sexuellen Motivation assoziiert. Dopamin wirkt stimulierend auf das Lustempfinden und den Sexualtrieb. Störungen im dopaminergen System (z. B.
- Serotonin-System: Serotonin hat einen hemmenden Einfluss auf das sexuelle Verlangen. Erhöhte Serotoninspiegel, wie sie etwa durch die Einnahme von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRIs) zur Behandlung von Depressionen auftreten, können die Libido dämpfen.
- Androgene: Testosteron, das auch bei Frauen in geringen Mengen gebildet wird, ist wesentlich für die Aufrechterhaltung der Libido. Die Androgenproduktion ist im weiblichen Zyklus in den Thekazellen der Ovarien (Eierstöcken) um den Zeitpunkt des Eisprungs am höchsten. Dieser Anstieg wird mit einem erhöhten sexuellen Verlangen verbunden. Nach der Ovulation sinkt die Testosteronproduktion wieder, was in der Regel mit einer Abnahme der Libido korreliert.
- Östrogene: Die Östrogenspiegel beeinflussen das sexuelle Verlangen indirekt, da sie den vaginalen Blutfluss und die Lubrikation (Austritt von schleimiger Gleitflüssigkeit) unterstützen, was die sexuelle Erregbarkeit fördert.
- Sexualhormon-bindendes Globulin (SHBG): Unter dem Einfluss hormoneller Kontrazeptiva (z. B. östrogen- und gestagenhaltige Pillen) erhöht sich die Produktion von SHBG in der Leber, was zu einer Reduktion des frei zirkulierenden, biologisch aktiven Testosterons führt.
- Stress und psychische Belastungen: Stress, Angststörungen und depressive Verstimmungen können die Libido deutlich beeinträchtigen.
- Körperbild und Selbstwertgefühl: Frauen, die mit ihrem Körperbild oder Selbstwertgefühl unzufrieden sind, neigen oft zu einer verminderten Libido.
- Beziehung und Partnerschaft: Konflikte, mangelnde emotionale Nähe oder Kommunikationsprobleme in der Partnerschaft haben einen erheblichen Einfluss auf das sexuelle Verlangen.
- Soziale Normen und Erwartungen: Gesellschaftliche und kulturelle Einflüsse können ebenfalls das sexuelle Verlangen beeinflussen.
- Psychopharmaka: Antidepressiva, insbesondere Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRIs), sind bekannt dafür, die Libido zu dämpfen.
- Hormonelle Kontrazeptiva: Wie oben erwähnt, senken hormonelle Verhütungsmittel (insbesondere Kombinationspräparate mit Östrogen und Gestagen) das Niveau von frei verfügbarem Testosteron, was zu einer verringerten Libido führen kann.
- Menopause: Der Rückgang der Östrogenproduktion während der Menopause führt bei vielen Frauen zu einer Verringerung der Libido.
- Schwangerschaft und Stillzeit: In der Schwangerschaft und insbesondere während der Stillzeit sind die Östrogen- und Androgenspiegel stark verändert.
Libidostörungen bei Frauen haben eine komplexe Pathogenese, die durch ein Zusammenspiel von neurobiologischen (insbesondere Dopamin und Serotonin), hormonellen, psychischen und sozialen Faktoren gekennzeichnet ist. Hormonelle Veränderungen, insbesondere im Zusammenhang mit Androgenen und Östrogenen, spielen eine zentrale Rolle. Psychische Belastungen, soziale Einflüsse und medikamentöse Faktoren, wie die Einnahme von Antidepressiva oder hormonellen Kontrazeptiva, sind ebenfalls wesentliche Komponenten, die das sexuelle Verlangen beeinflussen können.
Weitere mögliche Ursachen
- Arterielle Verschlusskrankheit (AVK) oder peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) (engl.: peripheral artery occlusive disease, PAOD): fortschreitende Verengung bzw.
- Antiandrogenwirkende Medikamente - z. B. GnRH-Agonisten (GnRH-Analoga) - z. B.
- Testosteronderivate - z. b.
Keine Lust mehr? Auf Sex.
Sex in der „Hochglanz“-Vorstellung vieler Menschen besteht aus „perfekten“ Körpern mit unendlich viel Ausdauer, geradezu artistischer Beweglichkeit und abschließend tiefer Befriedigung. Der erste Tipp für ein erfülltes Sexualleben trotz MS lautet daher: Vertreiben Sie Hochglanzbilder aus Ihrem Kopf, die stimmen sowieso selten. Fakt ist aber auch, dass eine MS das Sexualleben beeinflussen, beeinträchtigen, mindern, verkomplizieren - also schlicht die Lust nehmen - kann. Und da hilft nur, wie so oft: Erkennen. Eingestehen. Wenn Sie sexuelle Beeinträchtigungen an sich entdecken, kann die MS die Ursache sein - muss es aber nicht. Sie fühlen sich nicht wohl mit Ihrer Unlust und würden sie gern aktiv angehen, wissen aber nicht wie? Recht hilfreich kann da ein Fragebogen zum Thema MS und Sexualität sein.