Stechende Schmerzen bei Multipler Sklerose: Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die Gehirn und Rückenmark betrifft. Sie ist durch vielfältige Symptome gekennzeichnet, wobei Schmerzen ein häufiges und oft unterschätztes Problem darstellen. Etwa 20 Prozent der MS-Betroffenen leiden bereits zu Beginn ihrer Erkrankung unter Schmerzen, und im weiteren Verlauf sind 60 bis 80 Prozent betroffen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen stechender Schmerzen bei MS und zeigt Behandlungsansätze auf.

Multiple Sklerose: Eine Krankheit mit vielen Gesichtern

MS wird oft als die "Krankheit der 1.000 Gesichter" bezeichnet, da sie sich bei jedem Patienten anders äußert. Die Erkrankung verläuft in Schüben, bei denen Entzündungsherde im zentralen Nervensystem auftreten und das Nervengewebe schädigen. Dies führt zu vielfältigen Symptomen, darunter auch Schmerzen.

Die Zahl der MS-Betroffenen steigt kontinuierlich, insbesondere in den Industrieländern. In Deutschland hat sich die Zahl seit 1980 auf schätzungsweise 280.000 Menschen verdoppelt. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer, und die Erkrankung manifestiert sich meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr.

MS ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise körpereigenes Gewebe angreift, insbesondere die Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark. Dies führt zu Entzündungen und Schädigungen der Myelinscheiden, die die Nervenfasern umgeben und für eine reibungslose Informationsübertragung verantwortlich sind.

Die genauen Ursachen von MS sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und äußeren Risikofaktoren eine Rolle spielt. Eine direkte Vererbung der MS ist nicht bekannt, aber die Neigung dazu kann vererbt werden.

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Schmerz als Symptom der Multiplen Sklerose

Schmerzen sind ein häufiges Symptom bei MS und können verschiedene Ursachen haben. Ärzte unterscheiden zwischen nozizeptiven und neuropathischen Schmerzen, da die Therapie je nach Schmerzform variiert.

Neuropathische Schmerzen

Neuropathische Schmerzen entstehen durch Schädigungen oder Erkrankungen von Gehirn, Rückenmark oder peripheren Nerven. Bei MS werden die Myelinscheiden durch Entzündungen geschädigt, was zu einer fehlerhaften Übermittlung von Nervensignalen führt. Diese Schmerzen werden oft als brennend, kribbelnd oder stechend beschrieben und können spontan oder durch leichte Berührungen ausgelöst werden.

Formen neuropathischer Schmerzen bei MS:

  • Dysästhetische Schmerzen: Konstante, brennende Schmerzen, die ohne äußere Reize auftreten und besonders die Beine und Füße betreffen.
  • Trigeminusneuralgie: Intensive Schmerzen im Gesichtsbereich, die durch Schädigung des Trigeminusnervs verursacht werden und durch alltägliche Aktivitäten wie Sprechen, Kauen oder Berührungen ausgelöst werden können.
  • Lhermitte-Zeichen: Ein schmerzhaftes Zeichen, das durch Vornüberbeugen des Kopfes ausgelöst wird und sich als elektrischer Schlag oder Kribbeln entlang der Wirbelsäule in Arme und Beine ausbreitet. Es entsteht durch die Dehnung eines Rückenmarkherdes.
  • Schmerzen im Zusammenhang mit Optikusneuritis: Entzündung des Sehnervs, die zu Sehstörungen und Schmerzen führen kann.
  • Paroxysmale Extremitätenschmerzen: Attackenförmig einschießende Schmerzen in Arm oder Bein.

Nozizeptive Schmerzen

Nozizeptive Schmerzen entstehen durch die Reizung von Schmerzrezeptoren in Muskeln, Knochen, Bindegewebe, Sehnen und inneren Organen. Diese Schmerzen sind eine natürliche Reaktion des Körpers auf Gewebeschäden oder Entzündungen und dienen als Alarmsignal. Bei MS entstehen nozizeptive Schmerzen oft als Folge von Begleitsymptomen und Komplikationen der Erkrankung.

Ursachen nozizeptiver Schmerzen bei MS:

  • Muskelschmerzen: Entstehen durch Veränderungen des Bewegungsapparates, z.B. durch ungünstige Körperhaltungen aufgrund von Gleichgewichtsstörungen, Muskelsteifheit oder fehlender Koordination.
  • Schmerzhafte tonische Krämpfe: Krämpfe infolge von Spastik, die unerwartet auftreten und zu starken Schmerzen führen können.
  • Gelenkschmerzen: Können durch Muskelkrämpfe (Spastiken) im Rahmen eines MS-Schubs entstehen. Es kann daher durch die MS zu Knieschmerzen, Hüftschmerzen oder Schulterschmerzen kommen.
  • Rücken- und Nackenschmerzen: Durch langes Sitzen im Rollstuhl oder durch den Einsatz von schlecht angepassten Hilfsmitteln.
  • Druckgeschwüre: An Stellen, die dauerndem Auflagedruck ausgesetzt sind, z.B. am Gesäß bei Rollstuhlfahrern.
  • Blasenentzündungen: Häufige Komplikation bei MS, die Schmerzen verursachen kann.

Weitere Ursachen von Schmerzen bei MS

Neben neuropathischen und nozizeptiven Schmerzen können auch andere Faktoren zu Schmerzen bei MS beitragen:

  • Spastik: Eine erhöhte Muskelspannung oder einschießende Spasmen können zu Schmerzen in der angespannten Muskulatur führen.
  • Lähmungen: Können zu einseitigen Belastungen und Fehlhaltungen führen, die Gelenkschmerzen verursachen.
  • Medikamente: Einige Medikamente, die zur Behandlung von MS eingesetzt werden, können Nebenwirkungen wie Magenschmerzen verursachen.

Diagnose und Behandlung von Schmerzen bei MS

Um die geeignete Schmerztherapie bei MS zu beginnen, ist es wichtig, die Ursache und Art des Schmerzes zu finden. Eine frühzeitige und umfassende Diagnose ist daher entscheidend.

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Diagnostische Maßnahmen:

  • Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und Beschreibung der Schmerzen durch den Patienten.
  • Körperliche Untersuchung: Untersuchung des Nervensystems und des Bewegungsapparates.
  • Neurologische Tests: Überprüfung der Nervenfunktionen.
  • Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomographie (MRT) zur Darstellung von Entzündungsherden im Gehirn und Rückenmark.
  • Liquoruntersuchung: Entnahme und Analyse von Nervenwasser (Liquor) zur Feststellung von Entzündungszeichen.

Behandlungsmöglichkeiten:

Die Behandlung von Schmerzen bei MS ist multimodal und umfasst verschiedene Therapieansätze. Es gibt keinen "Goldstandard", aber die allgemeinen Therapieprinzipien für chronische Schmerzen gelten auch hier.

  • Medikamentöse Therapie:
    • Schmerzmittel: Je nach Art und Intensität der Schmerzen werden verschiedene Schmerzmittel eingesetzt, z.B. Paracetamol, nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) oder Opioide.
    • Antiepileptika: Wirkstoffe wie Gabapentin oder Pregabalin können bei neuropathischen Schmerzen helfen.
    • Antidepressiva: Einige Antidepressiva haben eine schmerzlindernde Wirkung, insbesondere bei neuropathischen Schmerzen.
    • Kortikosteroide: Können bei akuten Schüben mit starken Entzündungen eingesetzt werden.
    • Muskelrelaxantien: Zur Linderung von Muskelkrämpfen und Spastik.
  • Nicht-medikamentöse Therapie:
    • Physiotherapie: Krankengymnastik, Kälte-/Wärmebehandlungen und moderate Sportübungen können Muskelprobleme verbessern und Schmerzen lindern.
    • Ergotherapie: Hilft bei der Anpassung von Hilfsmitteln und der Verbesserung der Alltagsaktivitäten.
    • Verhaltenstherapie: Kann helfen, die psychologischen Auswirkungen von Schmerzen zu bewältigen und den Umgang mit Schmerzen zu verbessern.
    • Akupunktur: Kann bei einigen Patienten Schmerzen lindern.
    • Massage: Kann Muskelverspannungen lösen und Schmerzen reduzieren.
    • Selbsthilfegruppen: Bieten Unterstützung und Austausch mit anderen Betroffenen.
  • Weitere Maßnahmen:
    • Ausgewogene Ernährung: Kann den allgemeinen Gesundheitszustand verbessern und die Symptome lindern.
    • Regelmäßige Bewegung: Hilft, die Muskelkraft zu erhalten und die Beweglichkeit zu verbessern.
    • Stressbewältigung: Stress kann Schmerzen verstärken, daher ist es wichtig, Stress abzubauen.
    • Anpassung des Lebensstils: Anpassung der Alltagsaktivitäten an die individuellen Bedürfnisse und Einschränkungen.

Umgang mit Schmerzen im Alltag

Neben den genannten Therapien gibt es auch einige Maßnahmen, die Betroffene selbst ergreifen können, um mit Schmerzen im Alltag besser umzugehen:

  • Schmerztagebuch: Führen Sie ein Schmerztagebuch, um Verlauf, Häufigkeit, Intensität und Dauer Ihrer Schmerzen zu dokumentieren. Dies kann Ihrem Arzt helfen, die Schmerztherapie besser anzupassen.
  • Achten Sie auf Veränderungen: Beobachten Sie Veränderungen Ihrer Symptome und sprechen Sie mit Ihrem Arzt, wenn Sie etwas bemerken.
  • Offene Kommunikation: Sprechen Sie offen mit Ihrem Arzt und Ihrem Behandlungsteam über Ihre Schmerzen und Beschwerden.
  • Patientenverfügung: Treffen Sie Vorsorge für den Fall, dass Sie aufgrund Ihrer Erkrankung nicht mehr in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen.

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