Die Polyneuropathie (PNP) ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen, von der Schätzungen zufolge etwa drei bis acht Prozent der deutschen Bevölkerung im Laufe ihres Lebens betroffen sind. Sie betrifft das periphere Nervensystem, das alle außerhalb des Zentralnervensystems liegenden Anteile der motorischen, sensiblen und autonomen Nerven umfasst, einschließlich der sie versorgenden Blut- und Lymphgefäße.
Einführung
Die Polyneuropathie (PNP) ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, bei der es zu Schädigungen an mehreren Nerven kommt. Diese Schädigungen können verschiedene Ursachen haben und sich durch vielfältige Symptome äußern. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind entscheidend, um das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Ursachen der Polyneuropathie
Mediziner gehen heute von mehr als zweihundert möglichen Auslösern für eine PNP aus. Die Erkrankung tritt in etwa der Hälfte aller Fälle als Langzeitfolge von Diabetes mellitus oder einer Alkoholabhängigkeit auf. Insgesamt tragen vor allem ältere Menschen ein erhöhtes Risiko.
Zu den häufigsten Ursachen gehören:
Diabetes mellitus: Ein chronisch erhöhter Blutzuckerspiegel wirkt nervenschädigend. In Deutschland erkrankt beinahe jeder zweite Diabetiker im Lauf seines Lebens an einer PNP. Eine optimale Insulin-Therapie kann vor dieser Langzeitfolge des Diabetes mellitus schützen. Allerdings führt eine zu rasche Senkung der Blutzuckerwerte zu weiteren Nervenschäden. Als optimal gilt eine sanfte Senkung des HbA1c-Wertes um weniger als zwei Prozentpunkte über einen Zeitraum von drei Monaten. Bei Altersdiabetes empfehlen Ärzte eine Umstellung des Lebensstils mit Gewichtsreduktion und viel Bewegung.
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Alkoholmissbrauch: Chronischer Alkoholmissbrauch führt vor allem in Kombination mit vitaminarmer Ernährung häufig zu nachhaltigen Nervenschäden. Schätzungen zufolge sind bis zu 66 Prozent aller chronischen Alkoholiker betroffen. Die PNP-Therapie konzentriert sich neben einer Vitaminkur entsprechend vor allem auf einen dauerhaften Alkoholentzug.
Medikamente: Manche chemotherapeutischen Medikamente können abhängig von der Dosis und der Behandlungsdauer Nebenwirkungen auf das Nervensystem haben. Ähnliches gilt unter anderem für verschiedene Medikamente gegen Infektionen, Rheuma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Umweltgifte: Schwermetalle wie Blei, Arsen und Thallium können das Nervensystem ebenso wie Quecksilber und einige Lösungsmittel nachhaltig schädigen.
Genetische Veranlagung: Bei den seltenen erblich bedingten Neuropathien wie der Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung (CMT) führt ein Gendefekt zur Entstehung einer PNP.
Fehlgeleitetes Immunsystem: Greift das Immunsystem körpereigene Zellen an, kann es zu Schäden am Nervensystem kommen. Abhängig von den genauen Prozessen entstehen dabei unterschiedliche Erkrankungen, die meist innerhalb kurzer Zeit einer stationären Behandlung bedürfen:
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- Guillain-Barré-Syndrom (GBS)
- Chronisch-inflammatorische Polyradikuloneuropathie (CIDP)
- Vaskulitische Neuropathien
Weitere Ursachen: Entzündungen (Borreliose, Lepra), Leber-, Nieren- und Lungenerkrankungen, hämatologische und rheumatologische Erkrankungen, Tumorerkrankungen, Langzeitbehandlung auf einer Intensivstation, Organtransplantationen.
Symptome der Polyneuropathie
Je nachdem, welche Nerven betroffen sind, können bei der Polyneuropathie unterschiedliche Beschwerden im Vordergrund stehen. Eine PNP macht sich häufig zuerst an Händen, Füßen und Beinen bemerkbar, kann sich in ihrem Verlauf aber auch weiter ausdehnen oder innere Organe betreffen. Abhängig von der Art der betroffenen Nervenfasern entstehen unterschiedliche Symptome:
Sensible Beschwerden: Sensible Nerven leiten Informationen aus dem Körper zum Gehirn, sodass beispielsweise Druck, Wärme, Kälte oder Schmerz empfunden werden kann. Kommt es durch eine PNP zu Schäden an diesen sensiblen Nerven, entstehen Fehlempfindungen. Typische Symptome sind:
- Kribbeln, Brennen und Taubheit, die anfangs an beiden Füßen und Beinen auftreten.
- Die Haut fühlt sich ohne erkennbaren Auslöser pelzig oder taub an, sie kribbelt, juckt, brennt oder sticht.
- Viele PNP-Patienten berichten außerdem von schmerzlosen Wunden und dem Gefühl, wie auf Watte zu gehen.
- Darüber hinaus nehmen Betroffene Temperaturen häufig verfälscht wahr oder empfinden schon bei leichtesten Berührungen extreme Schmerzen.
Motorische Beschwerden: Motorische Nerven leiten Befehle des Gehirns an die einzelnen Muskelfasern des Körpers weiter. PNP-Schäden an diesen motorischen Bahnen können Muskelzuckungen und -krämpfe verursachen und Schmerzen auslösen. Häufig erlahmen die betroffenen Muskeln im Verlauf der Erkrankung und die körperliche Ausdauer lässt allmählich nach.
Autonome Beschwerden: Das Gehirn steuert die Organe unbewusst über sogenannte autonome Nerven. Werden diese durch eine PNP in Mitleidenschaft gezogen, kann es zu unterschiedlichsten Symptomen kommen:
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- Übermäßiges oder vermindertes Schwitzen
- Ohnmachts- und Schwindelanfälle vor allem nach dem Aufstehen
- Herzrasen in Ruhe oder zu langsamer Herzschlag bei Anstrengung
- Schluckbeschwerden
- Völlegefühl, Verstopfung und Durchfall
- Erschwertes oder ungewolltes Wasserlassen
- Wassereinlagerungen und Hautveränderungen an den Füßen
- Fortschreitende Schädigungen von Fußknochen und -gelenken
- Erektionsstörungen
- Fehlende Pupillenbewegungen
Diagnose der Polyneuropathie
Wenden Sie sich mit den typischen Symptomen einer PNP an Ihren Neurologen. Um die Ursache einer Polyneuropathie zu finden, sind verschiedene Untersuchungen notwendig. Hier ein Überblick über die gängigen Diagnosemethoden:
- Anamnese: Am Anfang steht immer ein ausführliches Gespräch mit dem Arzt, in dem die Krankengeschichte (Anamnese) erhoben wird. Dabei werden die genauen Beschwerden, Vorerkrankungen, eingenommene Medikamente und die familiäre Krankengeschichte erfragt.
- Neurologische Untersuchung: Zunächst prüft Ihr Neurologe, inwiefern die Funktion Ihrer Nerven eingeschränkt ist. Er ermittelt beispielsweise, ob Empfindungsstörungen auf beiden Körperseiten symmetrisch vorliegen oder ob Ihr Schmerz- und Temperaturempfinden beeinträchtigt ist. Darüber hinaus testet er Ihr sogenanntes Lageempfinden für einzelne Gliedmaßen und prüft mit einer Stimmgabel, ob Sie Vibrationen wahrnehmen können. Abschließend sind einige Koordinations- und Gleichgewichtsübungen Teil der Untersuchung - ebenso wie mehrere Reflextests.
- Blutuntersuchung: Eine Blutprobe kann Aufschluss über Ihren Langzeit-Blutzuckerspiegel sowie Ihre Vitamin-B12- und Folsäurewerte geben. Diese und weitere Faktoren können Ihrem Neurologen einen Hinweis auf den Ursprung der PNP liefern.
- Elektroneurografie (ENG): Im Rahmen einer elektroneurografischen Untersuchung reizt Ihr Neurologe einen Nerv gezielt über eine auf der Haut angebrachte Elektrode - gleichzeitig misst er, ob und wie schnell dieser Reiz im Nerv weitergeleitet wurde. Zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit wird Strom durch die Nervenbahnen geschickt. Diese Untersuchung erlaubt ihm Rückschlüsse auf die genaue Art der Nervenschädigung.
- Elektromyografie (EMG): Bei einer Elektromyografie führt Ihr Arzt entweder eine feine Nadel in den Muskel selbst ein oder bringt eine Elektrode auf der Haut darüber an. So kann er messen, ob ein bestimmter Muskelabschnitt ausreichend starke Signale von den jeweiligen Nerven erhält - oder ob diese geschädigt sind.
- Quantitative Sensorische Testung (QST): Bei der standardisierten Quantitativen Sensorischen Testung werden durch sieben verschiedene Gefühlstests an der Haut 13 Werte ermittelt. Sie helfen zu erkennen, welche Nervenfasern genau geschädigt sind und wie stark die Schädigung fortgeschritten ist. Um das Temperaturempfinden exakt zu messen, kommen bei der sogenannten Thermode computergesteuerte Temperaturreize zum Einsatz.
- Nerven-Muskel-Biopsie: Die Untersuchung einer Gewebeprobe kann helfen, die Ursache einer Polyneuropathie zu finden. Dazu wird eine sogenannte Nerv-Muskel-Biopsie aus dem Schienbein entnommen und feingeweblich untersucht. Hierbei wird festgestellt, ob der Schaden an der Hüllsubstanz des Nerven (Myelin) oder am Nerven selbst entstanden ist. Bei bestimmten Ursachen finden sich zum Beispiel Entzündungszellen oder Amyloid-Ablagerungen.
- Hautbiopsie: Bei einer Untergruppe der Neuropathien sind insbesondere die dünnen, kleinen Nervenfasern der Haut betroffen. Für die richtige Diagnose ist die Quantitative Sensorische Testung mit Messung des Temperaturempfindens entscheidend. Darüber hinaus kann eine Gewebeprobe aus der Haut (Hautbiopsie) unter dem Mikroskop untersucht werden. Dies ist die Standarddiagnostik für die sogenannte Small-Fiber-Neuropathie.
- Weitere Untersuchungen: Bei Bedarf kann Ihr Arzt weitere Untersuchungsmethoden wie molekulargenetische Tests oder eine Hirnwasseruntersuchung veranlassen. Darüber hinaus kann eine Magnetresonanztomografie (MRT) oder eine Ultraschalluntersuchung sinnvoll sein. Eine hochauflösende Ultraschall-Untersuchung wird beispielsweise oft kombiniert mit einer Elektroneurografie.
Therapie der Polyneuropathie
Die Therapie einer PNP fokussiert sich neben einer Schmerztherapie entsprechend auf die Behandlung der individuellen Grunderkrankung. Wichtig zu wissen: Ob die PNP-Beschwerden im Lauf der Therapie gänzlich verschwinden, etwas nachlassen oder sich trotzdem verschlechtern, ist von zahlreichen Faktoren abhängig und kann nicht pauschal vorhergesagt werden.
Ursachenspezifische Therapie: Entscheidend ist stets die Behandlung der Grunderkrankung, z. B. bei Diabetes mellitus eine Verbesserung der Blutzuckereinstellung, das strikte Vermeiden von Alkohol oder die Behandlung einer Tumorerkrankung. Bei autoimmunvermittelten, entzündlichen Polyneuropathien gibt es verschiedene gegen die Entzündung wirkende Medikamente (Immunglobuline, Kortikoide, Immunsuppressiva). Bei schweren Verläufen kann auch eine Blutwäsche durchgeführt werden. Bei erblichen Neuropathien gibt es bisher keine Therapie.
Symptomatische Therapie:
- Medikamentöse Schmerztherapie: Verschiedene Antikonvulsiva, Antidepressiva und Opioide können die Schmerzen einer PNP lindern. In der Regel steigert Ihr Arzt die Dosierung dieser Medikamente langsam, um auf etwaige Nebenwirkungen unmittelbar reagieren zu können. Sollten die Schmerzen hauptsächlich auf bestimmten Hautarealen auftreten, kann auch ein örtlich betäubendes Lidocain-Pflaster sinnvoll sein.
- Capsaicin-Pflaster: Capsaicin ist für die Schärfe der Chilischoten verantwortlich und hat sich in Form von Capsaicin-Pflastern auf der Haut in Studien als erfolgversprechendes Mittel gegen Polyneuropathie erwiesen. Es betäubt nicht nur den schmerzenden Bereich und steigert die Durchblutung, sondern scheint sogar die Neubildung kleiner Nervenfasern anzuregen.
- Physio- und Ergotherapie: In der Regel empfiehlt Ihr Arzt Ihnen zusätzlich eine physiotherapeutische Behandlung, um geschwächte Muskelgruppen gezielt zu stärken. Sind die Hände von der PNP betroffen, kann außerdem eine Ergotherapie helfen, um alltägliche Handgriffe oder neue Techniken intensiv zu trainieren. Gegen die fortschreitende Gangunsicherheit wirkt Gleichgewichtstraining in der Physiotherapie.
- Medizinische Fußpflege: Häufig bemerken PNP-Patienten kleinere Wunden an ihren Füßen nicht mehr. Weil sich diese ohne Behandlung leicht entzünden können, spielt eine regelmäßige medizinische Fußpflege eine wichtige Rolle in der PNP-Behandlung. Für alle Polyneuropathien gilt: regelmäßige Kontrolle der Füße auf Druckstellen, Tragen von bequemem Schuhwerk, Meidung von Druck, Nutzung professioneller Fußpflege, Verbesserung des Lebensstils mit regelmäßiger körperlicher Betätigung (150 min Ausdauersport/Woche z. B.
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Bei diesem Verfahren werden Elektroden auf den schmerzenden Hautarealen angebracht. So können die darunterliegenden gesunden Nervenfasern elektrisch stimuliert und gleichzeitig die Weiterleitung der schmerzhaften PNP-Signale zum Hirn blockiert werden. Von außen lässt sich dieses durch ein TENS-Gerät erreichen. Die Elektrotherapie stimuliert die Nerven durch Impulse aus einem speziellen Gerät, sodass Erkrankte statt Schmerzen ein leichtes Kribbeln spüren. Die Therapien müssen dauerhaft durchgeführt werden. Eine Pause beeinträchtigt schnell den Behandlungserfolg.
- Akupunktur: Wie die gezielten Reize der Akupunktur die Nerven beleben, ist noch ungeklärt.
Tipps für den Alltag
Abhängig von Ihren individuellen Symptomen können Ihnen im Alltag ganz unterschiedliche Tricks und Kniffe helfen:
- Achten Sie auf kleine, dafür häufigere Mahlzeiten, um Völlegefühl, Übelkeit und Erbrechen vorzubeugen.
- Nehmen Sie viel Flüssigkeit und ballaststoffreiche Lebensmittel zu sich, um Verstopfungen entgegenzuwirken.
- Wählen Sie eine Schlafposition mit erhobenem Oberkörper und tragen Sie auch nachts Stützstrümpfe, um Schwindelgefühle beim Aufstehen zu reduzieren.
- Testen Sie warme, kalte oder Wechselbäder, um Schmerzen und Fehlempfindungen zu lindern. Auch warme oder kalte Umschläge können eine wohltuende Wirkung haben.
- Gewöhnen Sie sich einen routinemäßigen Gang zur Toilette alle drei Stunden an, um einem veränderten Harndrang zu begegnen und Unannehmlichkeiten zu vermeiden.
- Lassen Sie sich bei Erektionsstörungen oder trockener Vaginalhaut ärztlich beraten. Eine Vakuumpumpe oder Gleitmittel können hier sehr hilfreich sein.
- Entfernen Sie Stolperfallen und schaffen Sie eine barrierefreie Umgebung, um die Sturzgefahr zu mindern.
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