Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch Entzündung, Demyelinisierung und neuroaxonale Degeneration gekennzeichnet ist. In Deutschland sind schätzungsweise über 220.000 Menschen betroffen, wobei Frauen häufiger erkranken als Männer. Der Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Die Ursachen von MS sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Eine solche Umweltfaktor, der in den Fokus der Forschung gerückt ist, ist die Gürtelrose (Herpes Zoster).
Gürtelrose: Eine Reaktivierung des Windpocken-Virus
Die Gürtelrose wird durch das Varizella-Zoster-Virus (VZV) verursacht, das auch für Windpocken verantwortlich ist. Nach einer durchgemachten Windpockeninfektion verbleibt das Virus lebenslang in den sensorischen Ganglien von Hirnnerven und Hinterwurzeln des Rückenmarks. Bei einer Schwächung des Immunsystems kann das Virus reaktiviert werden und eine Gürtelrose verursachen. Typische Symptome sind ein schmerzhafter Hautausschlag mit Bläschenbildung, der sich gürtelförmig entlang der betroffenen Nervenbahnen ausbreitet.
Erhöht Gürtelrose das Risiko für MS?
Schon lange steht die Gürtelrose im Verdacht, das Risiko für Multiple Sklerose zu beeinflussen. Eine Studie taiwanesischer Wissenschaftler, die im "Journal of Infectious Diseases" veröffentlicht wurde, deutet darauf hin, dass nach Ausbruch einer Gürtelrose das Risiko, an MS zu erkranken, fast um das Vierfache erhöht ist.
Für die Studie werteten Herng-Ching Lin und sein Team von der Taipei Medical Universität in Taiwan Informationen von mehr als 315.550 Patienten mit Gürtelrose (Herpes Zoster) sowie einer aus 946.650 Personen bestehenden Kontrollgruppe aus. Letztere wurden per Zufall ausgewählt, bei keinem war Herpes Zoster oder eine andere virale Erkrankung diagnostiziert worden. Die Forscher gingen der Frage nach, wie viele der Menschen innerhalb eines Jahres nach Ausbruch einer Gürtelrose an MS erkrankten.
Das Ergebnis zeigte deutlich: Patienten, die an der Virusinfektion litten, haben ein 3,96 Mal größeres Risiko, dass sich eine Multiple Sklerose entwickelt.
Lesen Sie auch: MS-Medikamente im Detail erklärt
Es ist wichtig zu beachten, dass die Studie in Taiwan durchgeführt wurde und die Probanden hauptsächlich Han-Chinesen waren. Da das Risiko für Multiple Sklerose bei Asiaten geringer ist als bei den Einwohnern von westlichen Staaten, ist die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Bevölkerungsgruppen möglicherweise eingeschränkt.
Mögliche Erklärungsansätze für den Zusammenhang
Es gibt verschiedene Hypothesen, die den Zusammenhang zwischen Gürtelrose und MS erklären könnten:
- Immunologische Mechanismen: Eine Gürtelroseinfektion kann das Immunsystem aktivieren und zu einer Entzündungsreaktion im Körper führen. Diese Entzündung könnte möglicherweise auch das zentrale Nervensystem betreffen und zur Entwicklung von MS beitragen.
- Molekulare Mimikry: Es ist möglich, dass bestimmte Bestandteile des Varizella-Zoster-Virus Ähnlichkeit mit körpereigenen Strukturen des Nervensystems aufweisen. Das Immunsystem könnte fälschlicherweise diese körpereigenen Strukturen angreifen, was zu einer Autoimmunreaktion und zur Entstehung von MS führen könnte.
- Reaktivierung einer präklinischen MS: Prof. Horst Wiethölter relativiert dieses Ergebnis weiter: Kang et al. (2011 J. Infect. Dis. 204(2):188-92) beschreiben in einer großen populationsbasierten Studie Untersuchungsergebnisse, die einen Zusammenhang zwischen MS und dem Auftreten einer Gürtelrose nahelegen. Offen bleibt dabei die Frage, ob durch eine Gürtelrose ursächlich eine MS ausgelöst wird oder ob eine bereits bestehende präklinische MS durch die Auslösung eines Schubes klinisch manifest wird. (Auch andere Virusinfektionen, insbesondere mit Reaktivierung latenter Viren, wie z.B. beim Epstein-Barr Virus können die Krankheitsaktivität im Sinne der Schubfrequenz und Progredienz bei MS-Patienten verstärken.)
Fingolimod und das Risiko für VZV-Infektionen
Fingolimod ist ein Medikament, das zur Behandlung der schubförmig-remittierenden MS eingesetzt wird. Es wirkt, indem es die Migration von Lymphozyten aus den Lymphknoten hemmt und somit die Entzündungsreaktion im zentralen Nervensystem reduziert. Allerdings kann Fingolimod auch das Risiko für Herpesvirus-Infektionen erhöhen, da es die Anzahl der zirkulierenden Lymphozyten verringert.
Vor Beginn einer Behandlung mit Fingolimod sollte daher bei Patienten ohne ärztlich bestätigte Windpockeninfektion oder ohne vollständige Impfung ein Antikörpertest auf VZV durchgeführt werden. Bei negativem Testergebnis sollte vor Therapiebeginn eine VZV-Impfung erfolgen.
Impfempfehlungen und Prävention
Seit Mitte 2018 ist in Deutschland ein Totimpfstoff zur Prävention von Herpes zoster und postherpetischer Neuralgie verfügbar (Shingrix®). Gemäß den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) wird dieser als Standardimpfung für Personen ab 60 Jahren empfohlen. Bei Menschen ab 50 Jahren wird die Impfung empfohlen, wenn ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von Herpes zoster oder postherpetischer Neuralgie besteht, z. B. bei verschiedenen Autoimmunerkrankungen oder Immunsuppression.
Lesen Sie auch: Wie man MS vorbeugen kann
Allerdings scheint eine Herpes-zoster-Impfung nicht in allen Fällen vor VZV-Komplikationen zu schützen. Die AkdÄ wies kürzlich auf Fallberichte von Herpes zoster bzw. zosterartigen Hautveränderungen im Zusammenhang mit der Shingrix®-Impfung hin. Es ist bislang nicht geklärt, ob es sich hierbei um eine Nebenwirkung der Impfung handelt und ob ggf. bestimmte Vorerkrankungen das Risiko für derartige Reaktionen erhöhen.
Fallbeispiel: VZV-Meningoenzephalitis unter Fingolimod-Therapie
Der AkdÄ wurde der Fall einer 45-jährigen Patientin berichtet, die seit über 20 Jahren an einer schubförmigen Multiplen Sklerose erkrankt war. Sie war viele Jahre lang mit Interferon beta-1b behandelt worden, seit fünf Jahren wurde sie mit Fingolimod behandelt. Vor Therapiebeginn mit Fingolimod war eine Varizella-Zoster-Virus-Serologie erfolgt, welche eine in der Kindheit durchgemachte Windpockenerkrankung bestätigte (VZV IgM negativ; IgG 1950 MU/l). Der letzte MS-Schub war zwei Jahre vor dem aktuellen Ereignis aufgetreten.
Eine Woche vor der aktuellen Aufnahme verschlechterte sich ihr Allgemeinzustand mit Müdigkeit und Abgeschlagenheit. Ferner bestand eine Sensibilitätsstörung des rechten Beines. Unter dem Verdacht eines MS-Schubs erfolgte zunächst eine hochdosierte Stoß-Therapie mit intravenösen Kortikosteroiden, welche keine Besserung brachte. Seit dem Vortag der Aufnahme bestanden zudem Verlangsamung, Desorientiertheit und leichte Dysarthrie. Eine kranielle MRT zeigte neben den bekannten MS-Herden meningoenzephalitische Veränderungen. In der Lumbalpunktion war die Zellzahl mit 73/μl erhöht (lympho-monozytäres Zellbild) und es bestand eine Schrankenstörung. In der PCR wurde Varizella-zoster-Virus-DNA (4 Mio. VZV-Kopien/ml Liquor) nachgewiesen. Weitere Erreger (EBV, CMV, HSV, HHV 6, Enteroviren, JC-Virus, Kryptokokken, Mykobakterien) waren nicht nachweisbar. Es wurde die Diagnose einer VZV-Meningoenzephalitis gestellt. Trotz Behandlung mit Aciclovir bis 15 mg/kg KG und Gabe intravenöser Immunglobuline entwickelte sie im Verlauf eine Hemiparese und Dysarthrie. Dies wurde durch eine Einblutung, am ehesten auf dem Boden eines ischämischen Schlaganfalles bei vaskulitischem Verlauf, gewertet. Daraufhin wurde zusätzlich Prednisolon oral verabreicht. Bei Entlassung in eine Rehabilitationseinrichtung hatte sich die Hemiparese leicht gebessert. Die enzephalitischen Veränderungen im MRT sowie die Viruskopienzahl im Liquor waren rückläufig.
Dieser Fall zeigt, dass die Behandlung mit Fingolimod ein Risiko für VZV-Infektionen sein kann. Bei entsprechenden Hautveränderungen sollte unverzüglich eine antivirale Behandlung begonnen werden. Schwere VZV-Infektionen können jedoch auch ohne begleitende Hauterscheinungen auftreten. Da eine Kortisonstoßbehandlung den Verlauf einer etwaigen VZV-Infektion verschlimmern könnte, sollten bei neu auftretenden oder sich verschlechternden neurologischen Symptomen bei Patienten, die mit Fingolimod behandelt werden, neben einem MS-Schub auch VZV-assoziierte Komplikationen differentialdiagnostisch erwogen werden und nach entsprechender Diagnostik ggf. eine antivirale Behandlung eingeleitet werden.
Fazit
Die Forschungsergebnisse deuten auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Gürtelrose und einem erhöhten Risiko für Multiple Sklerose hin. Die genauen Mechanismen, die diesem Zusammenhang zugrunde liegen, sind jedoch noch nicht vollständig geklärt. Bei Patienten mit MS, die mit Fingolimod behandelt werden, ist es wichtig, das Risiko für VZV-Infektionen zu berücksichtigen und gegebenenfalls präventive Maßnahmen zu ergreifen. Weitere Forschung ist erforderlich, um den Zusammenhang zwischen Gürtelrose und MS besser zu verstehen und gezielte Präventions- und Behandlungsstrategien zu entwickeln.
Lesen Sie auch: MS und Rückenschmerzen: Ein Überblick
Es ist wichtig zu beachten, dass die Ergebnisse der taiwanesischen Studie nicht ohne weiteres auf andere Bevölkerungsgruppen übertragbar sind. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Gürtelrose tatsächlich eine MS auslöst, relativ gering. Nach der Studie in Taiwan hatten Patienten, die eine Gürtelrose (durch Varizella-Zoster Virus Reaktivierung) erlitten haben, im Folgejahr eine Wahrscheinlichkeit von 9,2 / 100.000 = 0,009% einen MS-Schub zu entwickeln, während Vergleichspersonen, die keine Gürtelrose hatten, nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 2,5 / 100.000 = 0.003% einen MS-Schub entwickelt haben.
Weitere mögliche Zusammenhänge zwischen Virusinfektionen und MS
Neben der Gürtelrose gibt es auch Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen anderen Virusinfektionen und dem Risiko für Multiple Sklerose. Besonders im Fokus steht das Epstein-Barr-Virus (EBV).
Epstein-Barr-Virus (EBV) und MS
Die Hinweise hatten sich über die letzten Jahrzehnte verdichtet. Doch eine jetzt erschienene Studie bringt den bislang besten Nachweis: Für die neurologische Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose ist fast immer eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) Voraussetzung.
Auch wenn es andere bekannte Risikofaktoren gibt, so ist der Erreger damit wahrscheinlich fast immer entscheidend für den Ausbruch und das Fortschreiten der Erkrankung mitverantwortlich.
Die Ergebnisse der neuen Studie, die jetzt im Fachmagazin „Science“ erscheint, stammen aus Blutproben von über zehn Millionen Bediensteten der US-Streitkräfte, die jährlich auf HIV getestet werden. Unter ihnen waren 801 Personen, die irgendwann an Multipler Sklerose erkrankten. Deren Blutproben wurden auf Antikörper gegen EBV untersucht. Nur bei einem waren zum Zeitpunkt des Ausbruchs der MS keine EBV-Antikörper nachweisbar.
Und unter den 801 waren 35, die zum Zeitpunkt der ersten Blutprobe EBV-seronegativ und gesund gewesen waren, sich aber irgendwann infizierten - was zusätzlich für eine entscheidende Rolle von EBV spricht.
Allerdings ist aber eben auch schon sehr lange bekannt, dass sich im Laufe des Lebens fast jeder Mensch mit EBV infiziert, die allermeisten aber trotzdem nicht krank werden.
Weitere Risikofaktoren für MS
„Die Daten der vergangenen 20 Jahre zur Ursache der MS besagen, dass es einen komplexen genetischen Hintergrund gibt, der zur MS prädisponiert“, sagt Roland Martin, Gruppenleiter Neuroimmunologie und Multiple Sklerose am Universitätsspital Zürich. Das sind hauptsächlich bestimme Varianten von sogenannten MHC-Genen, aber auch andere Erbanlagen, die allerdings fast durchweg Proteine des Immunsystems kodieren. Wer hier Risikogene hat und zusätzlich raucht, erhöht das eigene MS-Risiko weiter, je nach Studie um einen Faktor zwischen drei und mehr als zwölf. Andere bekannte oder als sehr wahrscheinlich geltende Risikofaktoren sind niedrige Vitamin-D-Versorgung, starkes Übergewicht im Jugendalter und gestörter Tag-Nacht-Rhythmus.
Impfung gegen EBV?
Wenn ohne das Virus allerdings fast ausgeschlossen wäre, dass die Krankheit ausbricht, läge es nahe zu versuchen, Menschen vor einer Infektion zu schützen, etwa durch eine Impfung.
Hier sind sich Fachleute alles andere als einig. Allein der Schluss, dass man EBV nun als den eigentlichen Auslöser der Krankheit ansehen könne, so der Neuroimmunologe Martin gegenüber dem Tagesspiegel, gehe zu weit, „zumal bei einem Virus, das ohnehin fast jeder hat“. Allerdings sei bei EBV zusätzlich bekannt, dass es Tumorerkrankungen auslösen könne und auch bei bestimmten Demenzen eine Rolle spielen dürfte.
„Eine Impfung würde aber nur wirken, wenn sie sehr früh im Kindesalter, vor dem ersten Kontakt mit EBV, gegeben und auch wirklich jegliche Infektion verhindern würde.“ Wenn eine solche irgendwann auf den Markt käme - was bisher nicht abzusehen ist - müsste sie sehr breit angewandt werden. Und ob - oder wie gut - sie wirklich MS verhindert, würde man erst Jahrzehnte später wirklich wissen.
Doch auch eine spätere Impfung könnte vielleicht zumindest die Häufigkeit von MS in der Bevölkerung reduzieren. Denn ein erhöhtes Risiko, die Krankheit zu entwickeln, haben Menschen, die sich erst im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter mit EBV infizieren. Sie erkranken dann verhältnismäßig häufig an von EBV ausgelöstem Pfeifferschen Drüsenfieber - was dann seinerseits das Risiko, irgendwann MS zu bekommen, deutlich erhöht. Eine Vakzine, die das Drüsenfieber verhindert, sollte also zumindest dieses Zusatzrisiko eliminieren. Doch nicht einmal das ist sicher.
#
tags: #multiple #sklerose #und #gurtelrose