Multiple Sklerose und Kälte: Eine umfassende Betrachtung

Multiple Sklerose (MS) ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die sich bei jedem Patienten anders äußert. Die Symptome hängen von den betroffenen Bereichen des Nervensystems ab, was zu der Bezeichnung "Krankheit mit den 1000 Gesichtern" geführt hat. Während die Auswirkungen von Hitze auf MS-Symptome, insbesondere das Uhthoff-Phänomen, gut dokumentiert sind, wird der Einfluss von Kälte oft übersehen oder unterschätzt. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen MS und Kälte, wobei sowohl positive als auch negative Aspekte berücksichtigt werden.

Kälteempfindlichkeit bei MS: Eine persönliche Erfahrung

Eine MS-Patientin namens Nadjy berichtet von ihren Erfahrungen mit Kälteempfindlichkeit. Trotz normaler Schilddrüsenwerte, Blutbilder, Blutdruck, Gewicht und Körperfettanteil leidet sie seit drei Jahren unter starkem Frieren. Selbst bei 25 Grad Celsius benötigt sie T-Shirt, Pullover und Winterjacke, um nicht zu zittern. Ihre Hände sind selbst im Sommer eiskalt. Hormonelle Ursachen wurden ebenfalls ausgeschlossen. Diese Symptome werfen die Frage auf, ob Kälteempfindlichkeit eine direkte Folge von MS sein kann.

Medizinische Perspektiven auf Kälte und MS

Der Neurologe Carsten Sievers erklärt, dass die Normaltemperatur des Menschen zwischen 35,7 und 37,3 Grad Celsius liegt. Bei manchen Menschen kann die Körpertemperatur anlagebedingt niedriger sein. Es ist wichtig zu überprüfen, ob die gemessene Temperatur tatsächlich eine Abweichung darstellt. Beeinträchtigungen des Temperaturempfindens oder der Temperaturregulierung können im Rahmen von MS auftreten, nachdem andere Ursachen ausgeschlossen wurden.

Das Uhthoff-Phänomen und seine Kehrseite

Viele MS-Patienten kennen das Uhthoff-Phänomen, bei dem Hitze zu einer vorübergehenden Verschlimmerung der Symptome führt. Dieses Phänomen kann durch hohe Temperaturen, ein heißes Bad, einen Saunagang oder Fieber ausgelöst werden. Um das Uhthoff-Phänomen zu vermeiden, wird empfohlen, Hitze möglichst zu meiden und sich vor direkter Sonneneinstrahlung zu schützen.

Weniger bekannt ist jedoch, dass auch Kälte einen negativen Effekt auf MS-Symptome haben kann. Eine französische Studie aus dem Jahr 2004 mit 191 MS-Patienten ergab, dass 77 % der Befragten einen Einfluss der Temperatur auf ihre Symptomatik berichteten. Bei 104 Patienten verschlimmerten sich die Symptome bei Wärme, während sich bei 82 die Symptome bei Kälte verbesserten. Interessanterweise berichteten 20 Patienten von einer Verschlechterung unter Kälte und 19 von einer Verbesserung unter Wärme.

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Studien zum Einfluss von Wärme und Kälte auf die Physiotherapie bei MS

Eine Studie von Semdal et al. aus dem Jahr 2011 untersuchte den Einfluss von warmem im Gegensatz zu kaltem Klima auf die Wirksamkeit von Physiotherapie bei MS. 60 MS-Patienten mit Gehstörungen, die nicht negativ auf Hitze reagierten, wurden in eine randomisierte Cross-Over-Studie eingeschlossen. Die Patienten erhielten vier Wochen lang täglich 60 Minuten Physiotherapie basierend auf dem Bobath-Konzept, entweder in einem Rehabilitationszentrum in Hakadal (Norwegen) oder auf Teneriffa (Spanien). Ein Jahr später wurden die Gruppen gewechselt.

In Teneriffa lag die Temperatur während der Behandlungszeit bei durchschnittlich 22,8 Grad Celsius, in Hakadal bei 3 Grad Celsius. Die Ergebnisse zeigten Unterschiede in der Gehstrecke im "6MWT" (6-Minuten-Gehtest) zwischen den beiden Gruppen. Die durchschnittliche Gehstrecke erhöhte sich nach der einmonatigen Behandlung in der Gruppe, die in Spanien behandelt worden war, um 70 Meter, in Norwegen um 49 Meter. Nach sechs Monaten betrug die Verbesserung der Gehstrecke durchschnittlich 43 Meter bzw. 20 Meter, wobei dieser Unterschied statistisch signifikant war.

Diese Studien deuten darauf hin, dass sowohl Wärme als auch Kälte das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit von MS-Betroffenen beeinflussen können. Die genauen Mechanismen dahinter sind jedoch noch unklar, und weitere Forschung ist erforderlich, um zu verstehen, wer von Wärme oder Kälte mehr profitiert und wie dieser Umstand zur Verbesserung der Lebensqualität von Betroffenen genutzt werden kann.

Kälte als Auslöser von MS-Symptomen: Persönliche Strategien

Eine MS-Betroffene berichtet, dass Kälte vor allem ihre MS-bedingten Spastiken verstärkt. Besonders betroffen ist ihr rechter Arm, der sich in der Kälte versteift und die Muskeln sich regelrecht zusammenziehen. Auch Kribbeln und Taubheitsgefühle treten vermehrt auf.

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, hat sie verschiedene Strategien entwickelt:

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  • Gezielte Wärme: Statt zu dicker, schwerer Kleidung setzt sie auf selbstwärmende Einlagen für die Schuhe, Wärmekissen für die Hände und Nase sowie Wärmepflaster.
  • Bewegung: Regelmäßige, sanfte Dehnübungen und leichtes Yoga bringen den Kreislauf in Schwung und halten die Muskulatur geschmeidig.
  • Langsame Erwärmung: Heiße Wärmflaschen oder Heizdecken reizen die Muskulatur eher, daher bevorzugt sie sanfte Wärmequellen wie Kirschkernkissen oder eine sanfte Wärmelampe.
  • Vitamin D: Ein stabiler Vitamin-D-Spiegel hilft ihr, die Kälte weniger intensiv zu empfinden.

Winterblues und MS: Strategien für die dunkle Jahreszeit

Viele Menschen, auch MS-Erkrankte, erleben in der dunklen Jahreszeit den sogenannten "Winterblues". Dieser Zustand ist durch ständige Müdigkeit, Schwermut und einen gesteigerten Appetit auf Süßes gekennzeichnet. Die Ursache dafür ist der winterbedingte Lichtmangel, der die Hormonproduktion im Körper verändert.

Strategien gegen den Winterblues:

  • Licht tanken: Sich auch im Winter täglich eine halbe bis ganze Stunde im Freien aufhalten, um die Hormon- und Vitaminproduktion des Körpers positiv zu beeinflussen.
  • Lichttherapie: Bei viel Aufenthalt in Innenräumen können sogenannte "Lichtduschen" hilfreich sein (30 Minuten täglich unter einer Lichttherapielampe mit etwa 10.000 Lux).
  • Vitamin D-reiche Ernährung: Lebensmittel wie fette Fischsorten, Milchprodukte, Pilze oder Eier können helfen, den Vitamin-D-Spiegel aufrechtzuerhalten. Die Einnahme von Vitamin D als Nahrungsergänzungsmittel sollte mit dem Arzt besprochen werden.
  • Bunte Ernährung: Auf eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse achten, um den Vitamin- und Nährstoffhaushalt des Körpers ausreichend zu versorgen.
  • Vitamine für die Infektabwehr: Eine ausreichende Aufnahme der Vitamine A, C und E sowie Zink ist wichtig, um das Immunsystem zu stärken und Infekten vorzubeugen.
  • Wellness für Körper und Seele: Kleine Auszeiten in der Sauna, im Dampf- oder Aromabad und bei der Massage können Schmerzen lindern, seelische Anspannungen lösen und Selbstheilungskräfte fördern (sofern das Uhthoff-Phänomen nicht dagegenspricht).
  • Angenehmes Raumklima: Überheizte Räume meiden und für ein angenehmes Raumklima sorgen (20 Grad Celsius in den Wohnräumen sind ausreichend).
  • Bewegung und Sport: Sportliche Aktivitäten wie Radfahren, Laufen, Schwimmen oder Wintersport kurbeln die Stimmung an und stärken die Immunabwehr.
  • Gemeinschaft: Am sozialen Leben teilnehmen, Veranstaltungen besuchen oder sich mit Freunden treffen.
  • Positive Aktivitäten: Sich Dinge gönnen, die guttun, wie eine heiße Schokolade, ein spannendes Buch, Gute-Laune-Musik, ein Wellnessbad oder eine Stunde am Kaminfeuer.

Winterliche Vorteile für MS-Patienten?

Neurologe Dr. Mimoun Azizi erklärt, dass der Winter tatsächlich positive Auswirkungen auf MS-Patienten haben kann. Entgegen der Erwartung, dass die Schübe aufgrund des kürzeren Tageslichts und der Abnahme des Vitamin-D-Gehalts im Blut zunehmen würden, geht die Anzahl der Schübe bei vielen Betroffenen im Winter signifikant zurück.

Ein möglicher Grund dafür ist ein Anstieg der Melatonin-Konzentration. Studien haben gezeigt, dass das Nachthormon Melatonin die Autoimmunreaktion der Erkrankung abschwächt und dabei die Aktivität von T-Zellen beeinflusst. Es wurde ein Rückgang der Schubfrequenz um 30 Prozent festgestellt, der mit dem in der Epiphyse (Zirbeldrüse) gebildeten Melatonin korrelierte.

Die Rolle von Vitamin D bei MS

Vitamin D spielt eine wichtige Rolle bei MS. Studien zeigen, dass es Betroffenen in Regionen mit hoher UV-Strahlung besser geht und sie auch weniger Schübe erleiden. MS-Patienten wird oft hochdosiertes Vitamin D gegeben, um die Schubrate zu reduzieren und vor Müdigkeit und Depressionen zu schützen.

Gefahren im Winter: Trügerische Besserung und das Frühjahr als Risikoperiode

Eine Reduktion an Schüben im Winter kann dazu verleiten, dass Betroffene glauben, ihre Symptome könnten permanent ausbleiben. Diese trügerische Annahme birgt die Gefahr, dass wichtige Medikamente abgesetzt oder nicht mehr regelmäßig eingenommen werden, was zu einer erneuten Zunahme an Schüben führen kann.

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Im Frühjahr sind MS-Patienten am gefährdetsten, da der Vitamin-D-Speicher nach dem langen Winter größtenteils leer ist und die Melatonin-Konzentration abnimmt.

Tipps zur Verringerung des Schubrisikos

  • Die MS-Medikation regelmäßig einnehmen.
  • Sich gesund ernähren und wenn möglich Sport treiben.
  • Auch im Winter bei Tageslicht regelmäßig nach draußen gehen, um die Vitamin-D-Produktion anzukurbeln.
  • Die Einnahme von Vitamin D mit dem behandelnden Neurologen abstimmen.

Kälteexposition und MS: Eine Studie am Mausmodell

Wissenschaftler der Universität Genf haben am Mausmodell der MS gezeigt, dass eine kältere Umgebung den Schweregrad der Erkrankung und das Ausmaß der Demyelinisierung im zentralen Nervensystem verringert. Indem der Körper gezwungen werde, seinen Stoffwechsel zu erhöhen, um die Körperwärme aufrechtzuerhalten, würden dem Immunsystem Ressourcen entzogen. Es muss jedoch beachtet werden, dass Kälteexposition die Anfälligkeit für bestimmte Infektionen erhöhen kann.

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