Sehverschlechterung bei Multipler Sklerose: Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die vielfältige Symptome hervorrufen kann. Oftmals machen sich die ersten Anzeichen der Erkrankung im Alter zwischen 20 und 40 Jahren bemerkbar. Zu den frühen Symptomen gehören häufig Gefühlsstörungen in den Extremitäten und Sehstörungen.

Frühsymptome der MS: Sehstörungen im Fokus

Sehstörungen sind ein typisches Frühsymptom bei Multipler Sklerose, da bei vielen Betroffenen der Sehnerv betroffen ist. Die Umwelt erscheint dann wie durch einen dichten Nebel, ganz unscharf und manchmal auch in Doppelbildern. Ebenso ist ein Sehausfall im Zentrum des Blickfeldes eines Auges möglich.

Optikusneuritis als häufige Ursache

Die Multiple Sklerose (MS), eine Erkrankung von Gehirn und Rückenmark, beginnt häufig als Entzündung des Sehnerven, der das Auge mit dem Gehirn verbindet. Diese Entzündung wird auch als Optikusneuritis bezeichnet. Sie stört den neuronalen Datenfluss vom Auge zum Gehirn, die Folge ist eine charakteristische Sehstörung. Die Bilder werden dunkler, die Farben als verändert und blass empfunden.

Ursachen einer Sehnerventzündung

Im Gegensatz zu anderen Entzündungen im Bereich des Auges wie Bindehautentzündung oder Hornhautentzündung wird eine Entzündung des Sehnervs nicht durch Bakterien oder Viren ausgelöst, sondern durch die Immunabwehr. Das bedeutet, dass körpereigene Abwehrzellen in einer Autoimmunreaktion eigenes Gewebe, in diesem Fall Fasern des Sehnervs, angreifen und die Entzündung auslösen. Eine Sehnervenentzündung geht häufig mit einer systemischen Autoimmunerkrankung einher, die mehrere Organe und Bereiche des Körpers betrifft. Sehr viel häufiger tritt eine Sehnervenentzündung jedoch im Zusammenhang mit einer Multiplen Sklerose auf.

Zusammenhang zwischen Optikusneuritis und MS

Die Beziehung zwischen Sehnerventzündung und MS ist sehr eng: Etwa die Hälfte aller MS-Betroffenen hatte zuvor eine Sehnerventzündung und bei etwa 15 bis 20 Prozent der MS-Patienten und -Patientinnen markiert eine Sehnerventzündung den ersten MS-Schub. Während hier also die Sehnerventzündung und der Ausbruch der MS zusammenfallen, liegen bei anderen Betroffenen Jahre zwischen der Entzündung des Sehnervs und der späteren MS. Nichtsdestotrotz besteht auch dann ein Zusammenhang, den die Statistik verdeutlicht: Die Wahrscheinlichkeit, zehn Jahre nach einer Sehnerventzündung an MS zu erkranken, liegt bei etwa 40 Prozent und 40 Jahre nach der Entzündung bei etwa 60 Prozent. Das Risiko ist abhängig davon, ob es zum Zeitpunkt der ersten Sehnerventzündung bereits weitere Auffälligkeiten gibt, die in Richtung einer MS hindeuten.

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Symptome einer Sehnerventzündung

Meist ist eine Sehnerventzündung einseitig, das heißt, sie betrifft nur ein Auge. Das erste Anzeichen der Erkrankung sind normalerweise Schmerzen, vor allem wenn das Auge beim Wechsel der Blickrichtung bewegt wird. Diese Schmerzen treten meist plötzlich auf. Innerhalb von Stunden bis Tagen kommt es zu einer deutlichen Sehverschlechterung des betroffenen Auges. Betroffene beschreiben ihren Seheindruck dann als unscharf oder nebelartig, kontrastarm und dunkler. Außerdem werden Farben als schmutzig und blass wahrgenommen. Üblicherweise nimmt die Sehschärfe nach dem Beginn der Sehverschlechterung noch einige Tage weiter ab und erreicht nach etwa ein bis zwei Wochen ihren Tiefpunkt. Danach bessert sich das Sehvermögen wieder. Mehr als die Hälfte der Menschen mit einer Sehnerventzündung erreicht auch ohne Behandlung nach zwei Monaten wieder eine normale Sehschärfe, nach einem halben Jahr sind es fast alle. Es gibt Erkrankungen des Auges, die mit einer Sehverschlechterung einhergehen, und solche, die mit Schmerzen verbunden sind. Tritt beides zusammen auf, spricht das für eine Optikusneuritis. Die Kombination von einseitigen Schmerzen und einseitiger Sehverschlechterung ist typisch für eine Entzündung des Sehnervs.

Typische Symptome der Optikusneuritis

  • Schmerzen, die sich bei Augenbewegungen verstärken
  • Verschwommenes oder nebelartiges Sehen
  • Verminderte Farbintensität
  • Dunkleres Sehen
  • Kontrastarmut
  • Gesichtsfeldausfälle

Weitere mögliche Symptome

Neben den typischen Symptomen können auch weitere Beschwerden auftreten, wie z.B.:

  • Das Pulfrich-Phänomen: Das Hin- und Herpendeln eines Gegenstands parallel zur Gesichtsebene wird als elliptische oder schraubenförmige Bewegung erlebt.
  • Das Uhthoff-Phänomen: Das Sehvermögen am betroffenen Auge verschlechtert sich bei erhöhter Körpertemperatur, etwa durch sportliche Aktivitäten oder Saunagänge.

Diagnose einer Sehnerventzündung

Wenn Sie unter Augenschmerzen leiden und/oder eine Sehverschlechterung bemerken, sollten Sie zügig eine augenärztliche Praxis aufsuchen. Ein Augenarzt oder eine Augenärztin wird insbesondere dann eine Sehnerventzündung vermuten, wenn Sie sowohl Schmerzen als auch eine Sehverschlechterung haben. Wenn folgende Merkmale zutreffen, gilt die Diagnose einer Sehnerventzündung als wahrscheinlich:

  • Erkrankungsalter zwischen 18 und 50 Jahren
  • Einseitigkeit
  • Bewegungsschmerz
  • plötzlicher Beginn der Beschwerden und selbstständige Besserung

Ist dies nicht der Fall, kann es sich auch um eine seltene Sonderform der Sehnerventzündung handeln.

Diagnostische Verfahren

Zur Diagnose einer Sehnerventzündung werden verschiedene Untersuchungen durchgeführt:

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  • Pupillen-Test: Im Dunkeln leuchtet der Arzt abwechselnd mit einer Lampe in eines der beiden Augen. Zeigt dieser Swinging-flashlight-Test, dass die Pupille im schmerzhaften Auge langsamer reagiert, gibt es kaum noch Zweifel an der Diagnose.
  • Kernspintomographie (MRT): Sie kann nicht nur die Entzündung des Sehnervs direkt sichtbar machen, sondern auch typische Veränderungen im Gehirn, die auf eine bestehende MS oder ein erhöhtes MS-Risiko hinweisen.
  • Optische Kohärenztomographie (OCT-Scan): Um die Diagnose einer Neuritis nervi optici zu stellen, sind umfassende augenärztliche und medizinische Untersuchungen erforderlich. Wesentliche Bestandteile der Diagnostik sind die optische Kohärenztomographie (OCT-Scan)
  • VEP-Untersuchung (visuell evozierte Potenziale): Um die Diagnose einer Neuritis nervi optici zu stellen, sind umfassende augenärztliche und medizinische Untersuchungen erforderlich. Wesentliche Bestandteile der Diagnostik sind die VEP-Untersuchung (visuell evozierte Potenziale).

Zusatzdiagnose Multiple Sklerose

Bei der Diagnose einer Sehnerventzündung ist die Frage nach der Ursache sehr wichtig. Es besteht ein enger Zusammenhang mit der MS. Ihr Augenarzt oder Ihre Augenärztin wird es daher nicht bei dieser Diagnose belassen, sondern Sie an eine Facharztpraxis für Neurologie (Nervenheilkunde) überweisen. Dort wird untersucht, ob der Entzündung des Sehnervs eine MS zugrunde liegt oder ein erhöhtes MS-Risiko besteht. Eine wichtige Untersuchung ist die Magnetresonanztomographie (MRT). Sie kann nicht nur die Entzündung des Sehnervs direkt sichtbar machen, sondern auch typische Veränderungen im Gehirn, die auf eine bestehende MS oder ein erhöhtes MS-Risiko hinweisen. Weitere Laboruntersuchungen können sich anschließen, insbesondere bei einem erstmaligen Auftreten oder einem untypischen Krankheitsbild.

Behandlung einer Sehnerventzündung

Die Schmerzen im Auge und die Sehverschlechterung bessern sich in der Regel auch ohne Behandlung, was ja gerade ein Merkmal der Sehnerventzündung ist. Es gibt Medikamente, die die Erholung des Sehvermögens beschleunigen oder das Rückfallrisiko verringern können. Das ist ein wichtiger Aspekt, denn das Rückfallrisiko bei einer Sehnerventzündung kann hoch sein. Wie Ihr Augenarzt oder Ihre Augenärztin die Entzündung konkret behandelt, ist eine individuelle Entscheidung. Häufig wird eine kurzzeitige hochdosierte Kortisontherapie angewendet.

Kortison-Therapie

Die Behandlung der Optikusneuritis erfolgt in der Regel mit hochdosierten Kortison-Infusionen in die Armvene. Notwendig sei dies allerdings nicht, betont DOG-Experte Rüther. „Die Patienten würden sich auch ohne Therapie in gleichem Maße von der Sehstörung erholen, das zeigen Studien.“ Kortison könne diesen Prozess jedoch beschleunigen und die Schmerzen bessern.

Weitere Therapieansätze

Anlass zur Hoffnung, Sehschäden bei der Optikusneuritis zu mindern oder gar rückgängig machen zu können, geben derzeit Medikamente, die sich noch in der Erprobung befinden - darunter Erythropoietin (EPO), Simvastatin sowie Anti-LINGO. Erste Ergebnisse sind noch für dieses Jahr angekündigt.

Behandlung der Multiplen Sklerose

Tritt eine Sehnerventzündung im Rahmen eines MS-Schubs auf, folgt die Behandlung den Richtlinien der MS-Therapie. Hier stehen Arzneimittel zur Verfügung, die beispielsweise Veränderungen im Gehirn begrenzen, die Zahl der MS-Schübe reduzieren und damit den Krankheitsverlauf verlangsamen können.

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Prognose

Weil eine Sehschwäche nur in seltenen Fällen dauerhaft bestehen bleibt, ist die Prognose für die Sehnerventzündung selbst gut. Eine grundsätzlich andere Frage sind die Behandlung einer möglichen MS beziehungsweise Vorsorgemaßnahmen.

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