Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die oft im frühen Erwachsenenalter beginnt und Frauen häufiger betrifft als Männer. Bei MS werden die Nervenscheiden beschädigt, was zu einer gestörten Weiterleitung elektrischer Signale führt und verschiedene Symptome auslöst. Die Ursachen sind komplex und umfassen genetische Faktoren, Virusinfektionen, Vitamin-D-Mangel und Rauchen. Die Erkrankung manifestiert sich vielfältig, was ihr den Namen "Krankheit der 1000 Gesichter" eingebracht hat. Häufige Symptome sind Sehstörungen, Krämpfe, Müdigkeit und Gefühlsstörungen.
Obwohl MS nicht heilbar ist, können moderne Behandlungsmöglichkeiten den Verlauf der Erkrankung verzögern und verbessern. Die Therapie stützt sich auf mehrere Säulen: Schubtherapie, verlaufsmodifizierende Therapie (Basistherapie) und symptomatische Therapie. Pharmaunternehmen entwickeln kontinuierlich neue Präparate, die wirksamer, sicherer und anwendungsfreundlicher sind.
Aktuelle Therapieansätze bei MS
Medikamentöse Behandlung der schubförmigen MS
Für Patientinnen und Patienten mit schubförmig verlaufender MS stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, die den Angriff des Immunsystems auf die Nervenzellen abschwächen. Bei akuten Schüben können Cortison-Präparate die Symptome dämpfen. Zu den etablierten Basistherapeutika zählen Betainterferon-Präparate und Glatirameracetat, die jedoch regelmäßig gespritzt werden müssen. Diese Medikamente können etwa ein Drittel bis die Hälfte aller neuen Schübe verhindern und deren Schwere vermindern, wirken aber nicht bei allen Patienten und können Nebenwirkungen wie grippeähnliche Symptome verursachen.
Orale Basistherapeutika
Seit 2011 sind Basistherapeutika in Tablettenform verfügbar, darunter Fingolimod, Siponimod, Ponesimod, Ozanimod, Teriflunomid, Dimethylfumarat und Cladribin. Diese Medikamente eliminieren bestimmte Zellen des Immunsystems oder dämpfen ihre Aktivität, um Angriffe im zentralen Nervensystem zu verhindern. Viele Patienten begrüßen die Möglichkeit, ihre Medikamente nicht spritzen zu müssen.
Antikörperpräparate und Chemotherapeutika
Bei hoher Schubrate können Antikörperpräparate (Natalizumab, Ocrelizumab, Ofatumumab, Alemtuzumab) oder Chemotherapeutika eingesetzt werden, die jedoch mit höheren Risiken verbunden sein können. Einige Antikörperpräparate werden in der Dauertherapie eingesetzt, während andere nur kurze Behandlungsphasen erfordern.
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Medikamente für die primär-progrediente MS
Für Patienten mit primär-progredienter MS (PPMS) gab es lange Zeit kein zugelassenes Basis-Medikament. Seit 2018 ist Ocrelizumab verfügbar, ein Antikörper, der die Krankheitsaktivität dämpfen kann und besonders bei jüngeren Betroffenen mit kürzerer Erkrankungsdauer und nachweisbarer Krankheitsaktivität das Fortschreiten der Erkrankung bremsen kann.
Neue Therapieansätze und Forschung
Immunmodulation und Zelltherapie
Ein Schwerpunkt der Forschung liegt auf der Weiterentwicklung von immunmodulatorischen Substanzen, die das Fortschreiten der Behinderung effektiver unterbinden sollen. Immunmodulatoren beeinflussen die Immunantwort im Körper und können die Kommunikation zwischen den Immunzellen verändern. Die Erforschung der Rolle von T-Zellen und B-Zellen ist ebenfalls ein wichtiger Fokus, um die Mechanismen der Autoimmunreaktion besser zu verstehen.
Eine innovative Zelltherapie, bei der die T-Zellen des Immunsystems so verändert werden, dass sie die Angriffe auf die Myelinscheide der Nervenzellen einstellen, wurde in einer klinischen Studie erfolgreich geprüft. Dabei werden dem Blut der MS-Patienten weiße Blutkörperchen entnommen und mit Peptiden der Myelinscheide versehen. Nach der Rückgabe der Zellen in den Körper entwickelt sich eine Immuntoleranz, wodurch die T-Zellen die Myelinpeptide nicht mehr als fremd erkennen.
Intranasale Applikation von Beta-Interferonen
Forscher arbeiten an nicht-injizierbaren Formulierungen von Beta-Interferonen, die über die Nasenschleimhaut appliziert werden können. Im Tiermodell konnte mit dieser intranasalen Methode Nervenschäden verringert werden. Die neue Formulierung soll stabiler sein und weniger Autoantikörper bilden. Bis zur Marktreife sind jedoch noch weitere Studien erforderlich.
Tolebrutinib: Ein Hoffnungsträger
Der Wirkstoff Tolebrutinib weckt große Hoffnungen für die Therapie der MS. Studien zeigen, dass Tolebrutinib bei schubförmiger MS mindestens ebenso gut wie das Standardmedikament Teriflunomid akute Schübe reduziert und möglicherweise auch das Fortschreiten der Behinderung verlangsamt. Zudem gibt es Hinweise auf positive Effekte bei sekundär progredienter MS. Tolebrutinib könnte somit ein Medikament sein, das nicht nur Schübe reduziert, sondern auch das Fortschreiten der Behinderung unabhängig von sichtbarer Entzündung verlangsamt.
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CAR-T-Zelltherapie
Die CAR-T-Zelltherapie, die bisher vor allem gegen Blutkrebsarten eingesetzt wird, zeigt auch vielversprechende Ergebnisse bei der Behandlung von Autoimmunerkrankungen wie MS. Bei dieser Therapie werden bestimmte Immunzellen aus dem Blut der Patienten genetisch so verändert, dass sie B-Zellen im Blut zerstören können. Erste Erfolge wurden bei Patienten mit Lupus und MS erzielt, wobei die Entzündungen gestoppt werden konnten.
Biomarker für personalisierte Therapie
Die Identifizierung von Biomarkern ermöglicht eine personalisierte MS-Behandlung. Eine Studie hat gezeigt, dass der genetische Biomarker HLA-A*03:01 vorhersagt, ob MS-Patienten besonders gut auf eine Behandlung mit Glatirameracetat ansprechen. Dies ermöglicht eine gezieltere Auswahl der Therapie und eine bessere Behandlungserfolg.
Lebensqualität und Therapie
Moderne MS-Medikamente ermöglichen es, die Erkrankung meist gut zu behandeln. Es ist wichtig, eine Therapie zu finden, die nicht nur wirksam und verträglich ist, sondern auch den individuellen Bedürfnissen und Lebensumständen des Patienten entspricht. Faktoren wie Nebenwirkungen, Häufigkeit der Medikamenteneinnahme und Kontrolltermine können die Lebensqualität beeinflussen. Hochwirksame verlaufsmodifizierende MS-Therapien mit langer anwendungsfreier Zeit ermöglichen mentale Freiheit und können die Lebensqualität verbessern.
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