Multiple Sklerose: Impfungen, Schmerzen und Muskelkrämpfe im Fokus

Multiple Sklerose (MS), auch als "Krankheit mit 1.000 Gesichtern" bezeichnet, ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die Gehirn und Rückenmark betrifft. Die Erkrankung manifestiert sich bei jedem Patienten anders, was die Diagnose und Behandlung erschwert. Etwa 250.000 Menschen in Deutschland und ca. 2,8 Millionen weltweit sind betroffen.

Krankheitsbild und Verlauf der Multiplen Sklerose

Bei etwa 85 Prozent der Betroffenen verläuft die Multiple Sklerose schubförmig, wobei sich beschwerdefreie Phasen mit akuten Schüben abwechseln. Ein Schub dauert per Definition mindestens 24 Stunden, wobei sich die Symptome meist innerhalb von vier bis acht Wochen wieder weitgehend zurückbilden. Zwischen den Schüben liegen Intervalle von mehr als 30 Tagen, idealerweise Monate oder Jahre. Im Laufe der Zeit können die Schübe seltener auftreten, während sich die Beschwerden schleichend verschlechtern und nicht mehr vollständig zurückbilden. Bei etwa 10 bis 15 Prozent der Betroffenen nimmt die Erkrankung von Beginn an einen fortschreitenden (progredienten) Verlauf, der eine kontinuierliche Verschlechterung der Beschwerden mit einer Zunahme der Einschränkungen zur Folge hat. Der primär chronisch-progrediente Verlauf tritt häufiger auf, wenn die Betroffenen ihre Diagnose ab dem 40. Lebensjahr erhalten.

Die Ursachen für Multiple Sklerose sind noch nicht vollständig geklärt. Neben einer genetischen Veranlagung werden auch Umweltfaktoren wie Vitamin-D-Mangel oder Rauchen diskutiert. Autoimmunreaktionen spielen eine zentrale Rolle: Abwehrzellen greifen das Myelin an, die schützende Hülle um die Nervenfasern. Der Abbau von Myelin (Demyeliniserung) und die Bildung von Narben können zu Schädigungen an Nervenzellen und ihren Nervenfasern führen.

Symptome der Multiplen Sklerose

Die Symptome der Multiplen Sklerose sind vielfältig und individuell verschieden, abhängig davon, welche Bereiche des ZNS betroffen sind. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Sehstörungen: Verschwommenes Sehen, Sehverlust, Schmerzen bei Augenbewegungen (Optikusneuritis), Doppelbilder.
  • Gefühlsstörungen: Kribbeln, Missempfindungen (z.B. "Ameisenlaufen"), Taubheitsgefühle.
  • Motorische Störungen: Krampfartige Lähmungen (Spastiken), Muskelschwund, Koordinationsstörungen (Ataxie), Gangstörungen.
  • Fatigue: Erhebliche anhaltende Schwäche und schnelle Erschöpfbarkeit.
  • Blasen- und Darmstörungen: Harninkontinenz, Harnverhalt, Verstopfung.
  • Sprach- und Schluckstörungen.
  • Schmerzen: Kopfschmerzen, Nervenschmerzen (Trigeminusneuralgie), Rückenschmerzen, Muskelschmerzen.
  • Schwindel.
  • Kognitive Störungen: Verminderte Aufmerksamkeit, Konzentrationsprobleme, beeinträchtigtes Kurzzeitgedächtnis.
  • Psychische Symptome: Depressionen, Angststörungen, Wesensveränderungen.

Einige MS-Patienten leiden an neuropathischen Schmerzen, die durch Schädigungen schmerzleitender Nervenfasern oder schmerzverarbeitender Nervenzellen infolge der MS-Entzündungsherde im ZNS hervorgerufen werden. Diese Schmerzen können sich als chronische Schmerzen und Missempfindungen mit einem ausgeprägten Brennen, Kribbeln, Ziehen und/oder Pochen äußern. Andere Patienten leiden an nozizeptiven Schmerzen, die als indirekte Folge von Multipler Sklerose auftreten, beispielsweise durch Muskelverspannungen oder Fehlhaltungen.

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Eine der häufigsten Beschwerden, unter denen MS-Patienten leiden, sind durch Spastik hervorgerufene Krämpfe. Spastik bezeichnet eine erhöhte Muskelspannung, die durch eine fehlerhafte Übertragung der Nervenimpulse an die Muskulatur zustande kommt. Der Muskel spannt sich bei Aktivität zu stark an, und die Anspannung ist nicht so fein dosierbar wie normal. Im Rahmen einer Spastik können auch rhythmische Zuckungen auftreten.

Diagnose der Multiplen Sklerose

Die Diagnose der Multiplen Sklerose basiert auf verschiedenen Untersuchungen:

  • Magnetresonanztomographie (MRT): Die MRT ist unverzichtbar, um MS-bedingte Veränderungen von Gehirn und Rückenmark nachzuweisen. Ein Kontrastmittel kann eingesetzt werden, um frische und ältere Entzündungsherde zu unterscheiden.
  • Liquoruntersuchung: Eine Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) wird durchgeführt, um Entzündungszellen sowie bestimmte Muster von Antikörpern (oligoklonale Bande) nachzuweisen.
  • McDonald-Kriterien: Für eine sichere Diagnose müssen die aktuellen McDonald-Kriterien (2017) erfüllt sein, die auf dem Konzept der zeitlichen und räumlichen Dissemination beruhen.
  • Optische Kohärenztomographie (OCT): Die OCT misst die Dicke der Netzhaut im Auge und könnte künftig zur Vorhersage des Krankheitsverlaufs herangezogen werden.

Therapie der Multiplen Sklerose

Die schulmedizinische Therapie der Multiplen Sklerose zielt darauf ab, MS-Schübe zu verhindern, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen und Behinderungen möglichst lange hinauszuzögern. Die Behandlung umfasst drei Säulen:

  1. Akuttherapie: Kortisonstoßtherapie (z.B. Methylprednisolon) zur Behandlung akuter Schübe.
  2. Verlaufsmodifizierende Therapie (Immuntherapie): Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen, um die entzündlichen Prozesse zu verändern oder zu dämpfen. Dazu gehören Beta-Interferone, Dimethylfumarat, Glatirameracetat und Teriflunomid.
  3. Symptomatische Therapie: Behandlung der einzelnen Symptome, z.B. Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Psychotherapie, Beckenbodengymnastik oder kognitive Verhaltenstherapie.

Ergänzend zur medikamentösen Behandlung haben sich nicht-medikamentöse Maßnahmen bewährt, wie z.B. Physio- und Ergotherapie, Logopädie, Psychotherapie und neuropsychologische Therapie.

Impfungen bei Multipler Sklerose

Patienten mit Multipler Sklerose haben oft Bedenken bezüglich Impfungen. Die Packungsbeilagen einiger Impfstoffe (z.B. gegen Diphtherie, Tetanus, Hepatitis A und B) enthalten einen Hinweis auf das mögliche Auftreten neurologischer Erkrankungen nach einer Immunisierung. Dieses Risiko wird jedoch als sehr gering eingeschätzt.

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Einige Experten sehen einen möglichen Zusammenhang zwischen aluminiumhaltigen Impfstoffen und neurologischen Erkrankungen. Aluminiumverbindungen werden seit etwa 80 Jahren als Wirkverstärker in inaktiven Impfstoffen eingesetzt. Sie können lokale Reaktionen an der Injektionsstelle verursachen und möglicherweise auch Entzündungen im Nervensystem auslösen. Allerdings betont das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), dass die lebenslange Gesamtbelastung von Aluminium durch Impfungen im Vergleich zur Aufnahme über die Nahrung gering ist und der Nutzen der Impfungen das Risiko überwiegt.

Die WHO empfiehlt, dass Aluminiumverbindungen nur für die erste Hepatitis-Impfung notwendig sind und für die Auffrischungsimpfungen nicht zugesetzt werden müssten.

Es gibt auch Berichte über Patienten, die nach einer Corona-Impfung ähnliche Symptome wie bei Post-Covid entwickeln. Diese Nebenwirkungen sind jedoch selten.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) empfiehlt, dass alle Impfungen (inklusive SARS-CoV-2) nach den Empfehlungen der STIKO für Menschen unter Immunsuppressiva erfolgen. Ausdrücklich empfohlen wird eine Grippeschutzimpfung für mit Interferon-beta behandelte Patienten.

Schmerzen und Muskelkrämpfe bei Multipler Sklerose

Schmerzen sind ein häufiges Symptom bei Multipler Sklerose und treten bei ca. 86 % der Patienten auf. Sie werden in neuropathische und nozizeptive Schmerzen eingeteilt.

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  • Neuropathische Schmerzen entstehen durch eine Schädigung der Nervenfasern und äußern sich oft als brennende Schmerzen, Kribbeln oder Missempfindungen. Beispiele sind dysästhetische Schmerzen (konstante, brennende Schmerzen, besonders in den Beinen und Füßen), Trigeminusneuralgie (intensive Schmerzen im Gesicht) und das Lhermitte-Zeichen (schmerzhaftes Zeichen, das häufig bei MS auftritt).
  • Nozizeptive Schmerzen entstehen als indirekte Folge der MS, z.B. durch Muskelverspannungen, Fehlhaltungen oder Spastik. Muskelschmerzen sind die Folge von Veränderungen des Bewegungsapparates. Schmerzhafte tonische Krämpfe sind eine der häufigsten Beschwerden unter denen MS-Patienten leiden.

Behandlung von Schmerzen und Muskelkrämpfen:

  • Medikamentöse Therapie: Schmerzmittel, Antidepressiva, Antikonvulsiva, Muskelrelaxantien.
  • Physiotherapie: Krankengymnastik, Kälte-/Wärmebehandlungen, moderate Sportübungen.
  • Verhaltenstherapie: Psychologische Unterstützung zur Schmerzbewältigung.
  • Entspannungstechniken: Autogenes Training, progressive Muskelentspannung.
  • Oromukosalspray Sativex® (Nabiximols): Ein Fertigarzneimittel auf Cannabisbasis zur Add-on-Behandlung der mittelschweren bis schweren Spastik bei MS und damit assoziierter Symptome.

Alpha-Liponsäure bei Multipler Sklerose

Studien legen nahe, dass die Einnahme der Fettsäure Alpha-Liponsäure den Verlauf einer Multiple Sklerose günstig beeinflussen, die Symptome lindern und womöglich auch einem krankheitsbedingten Verlust an Hirnvolumen (Hirnatrophie) bremsen kann. Die ausgeprägten antioxidativen und anti-entzündlichen Eigenschaften der Liponsäure könnten zum Abklingen der MS-Entzündungsherde im Gehirn beitragen.

Alpha-Liponsäure ist insbesondere in Geweben mit hoher Mitochondrienanzahl und intensivem Energiestoffwechsel enthalten. Tierische Produkte wie Leber, Herz und Niere sowie pflanzliche Lebensmittel wie Spinat, Brokkoli und Tomaten sind gute Quellen.

Leben mit Multipler Sklerose

Multiple Sklerose ist keine tödliche Krankheit, aber sie kann das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen. Es gibt jedoch Komplikationen, die einen potenziell tödlichen Verlauf nehmen können, etwa wenn lebenswichtige Zentren im Gehirn direkt von entzündlichen Herden betroffen sind, oder wenn sich eine Zweiterkrankung wie eine Lungenentzündung als Folge krankheitsbedingter Atem- oder Schluckstörungen entwickelt hat.

DankFortschritte in der medizinischen Versorgung ist die Lebenserwartung von MS-Kranken heute kaum kürzer als die von Gesunden. Das erklärte Behandlungsziel ist es, die Lebensqualität des an Multiple Sklerose erkrankten Patienten bestmöglich zu erhalten, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen sowie drohende Einschränkungen und Behinderungen möglichst lange hinauszuzögern.

Es ist wichtig, dass MS-Patienten aktiv an ihrer Behandlung mitwirken, sich umfassend informieren und sich mit anderen Betroffenen austauschen. Eine positive Einstellung und ein gesunder Lebensstil können dazu beitragen, die Lebensqualität zu verbessern und den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.

Interferon-beta bei Multipler Sklerose

Interferon-beta ist in Deutschland zur verlaufsmodifizierenden Therapie der schubförmig-remittierenden Multiplen Sklerose (MS) zugelassen. Das KKNMS empfiehlt den Einsatz von Interferon-beta bei Patienten mit milder/moderater Verlaufsform einer schubförmigen MS. Des Weiteren ist Interferon-beta bei Patienten mit klinisch isoliertem Syndrom (KIS) und einem hohen Risiko, eine MS zu entwickeln, zugelassen. Einzelne Präparate haben auch eine Zulassung zur Therapie der sekundär chronisch progredienten MS bei nachweisbaren aufgesetzten Schüben.

Interferon-beta wird als parenterale Therapie in Form der verschiedenen Präparate subkutan bzw. intramuskulär injiziert. Unter einer Therapie mit Interferon-beta können sich persistierende neutralisierende Antikörper (NAbs) gegen das Medikament entwickeln, die mit einem Verlust an Wirksamkeit assoziiert sind.

Nebenwirkungen von Interferon-beta:

Die häufigste Nebenwirkung ist das Auftreten grippeähnlicher Symptome wie Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Schüttelfrost oder Fieber. Diese Beschwerden finden sich zu Beginn der Therapie mit Interferon-beta häufiger und nehmen in der Regel mit Fortsetzung der Injektionen ab. Zu Therapiebeginn kann eine Dosistitration helfen, grippeähnliche Symptome zu mindern. Eine prophylaktische und begleitende Behandlung mit Entzündungshemmern, Analgetika und/oder Antipyretika kann grippeähnliche Symptome verhindern oder mindern. Bei subkutaner Applikation kann es zu einer lokalen Reaktion an der Injektionsstelle kommen.

Kontraindikationen für Interferon-beta:

Interferon-beta sollte bei Kindern unter zwölf bzw. unter zwei Jahren nicht angewendet werden. Peginterferon beta-1a ist nur bei erwachsenen RRMS-Patienten zugelassen.

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