Mund-Kiefer-Neurologie: Ursachen und Zusammenhänge

Der Begriff "Krisenmodus" prägte das Jahr und spiegelte globale Unsicherheiten, politische Entscheidungen und persönliche Herausforderungen wider. Viele Menschen reagieren darauf, indem sie die Zähne zusammenbeißen, was zu Muskelanspannungen und weiteren Beschwerden führen kann. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Zusammenhänge von Problemen im Mund- und Kieferbereich unter neurologischen Gesichtspunkten.

Bruxismus: Unbewusstes Zähneknirschen

Bruxismus, definiert als ungewollte episodische und repetitive Kiefermuskelkontraktionen, ist oft durch nächtliches Zähneknirschen gekennzeichnet. Dabei reiben die Zähne unbewusst gegeneinander, was zu Zahnschmelzschäden und Schäden an der Zahnhartsubstanz führen kann. Bis zu 20 % der Kinder und 3 % der Erwachsenen sind von nächtlichem Bruxismus betroffen. Die Lebenszeitprävalenz liegt sogar bei bis zu 50 %, was bedeutet, dass jeder zweite Erwachsene Phasen des Knirschens erlebt, oft im Zusammenhang mit Stress oder Ängsten. Bei Kindern ist das Knirschen in der Regel bis zum Durchbruch der bleibenden Zähne unbedenklich.

Der physiologische Zahnkontakt beschränkt sich auf etwa 20 Minuten täglich während des Kauens. Ansonsten sind die Zähne bei geschlossenem Mund geöffnet. Bruxismus ist ein komplexes Phänomen, das von individuellen Faktoren, Lebensstil und Umfeld beeinflusst wird. Es gilt als eines der ersten Symptome von Kiefergelenkserkrankungen.

Ursachen von Bruxismus

Bruxismus kann viele Ursachen haben:

  • Fehlerhafter Biss oder Non-Okklusion: Wenn die Zahnreihen nicht richtig aufeinanderpassen, reiben sie gegeneinander, was zu einem erhöhten Muskeltonus führt. Bereits eine Abweichung von 0,01 mm kann vom Kiefergelenk wahrgenommen werden.
  • Neurologische Faktoren: Zusammenhänge mit neurodegenerativen Erkrankungen, zerebralen Durchblutungsstörungen oder Blutungen wurden beschrieben.
  • Psychogene Faktoren: Seelische Anspannung, Stress, Depressionen und Angstzustände können Bruxismus auslösen. Diese werden oft während des Schlafs verarbeitet.
  • Umweltreize: Auch äußere Reize können eine Rolle spielen.
  • Natürliches Gebiss: Verlagerte Weisheitszähne, die gegen die Zahnreihe drücken, können die Bisslage verändern.

Kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD): Ein komplexes System

Bruxismus ist ein Frühsymptom einer Dysfunktion des kraniomandibulären Systems (CMD). Der Begriff "System" betont, dass es sich um eine Störung handelt, die den Kauapparat im Zusammenspiel mit dem Muskel-Faszien-Apparat, den Kopfgelenken und der Halswirbelsäule betrifft.

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Symptome der CMD

Die Symptome der CMD sind vielfältig:

  • Kopfschmerzen
  • Kiefergelenkgeräusche
  • Einschränkungen der Mundöffnung (normale Mundöffnung: 3 Querfingerbreiten)
  • Verspannungen der Schulter-Nacken-Muskulatur
  • Schmerzen im Kiefer- und Gesichtsbereich
  • Tinnitus
  • Schwindel
  • Ohrenschmerzen
  • Verspannte Kaumuskulatur nach dem Aufwachen
  • Empfindlicher M. masseter bei Palpation

Das Kiefergelenk: Ein komplexes Zusammenspiel

Das Kiefergelenk ist ein synoviales Gleit- und Scharniergelenk zwischen Unterkieferköpfchen und Fossa mandibularis des Schädels. Ein Diskus teilt das Gelenk in zwei Kammern. Bei der Mundöffnung erfolgt zunächst eine Rotationsbewegung in der unteren Kammer, dann eine Translationsbewegung in der oberen Kammer. Der Condylus gleitet nach ventral, wobei der Diskus durch den M. pterygoideus lat. mit dem Condylus verbunden bleibt. Der Mundschluss erfolgt aktiv über den M. masseter, unterstützt von M. temporalis und M. pterygoideus med. Der M. masseter ist der stärkste Muskel des Menschen gemessen an seiner Größe und Hebelkraft.

Diagnose und Therapie der CMD

Die Diagnose der CMD erfordert eine sorgfältige Untersuchung des Mundraums, der Kaumuskulatur und der Kiefergelenke. Intraorale Befunde können Okklusionsstörungen zeigen, während extraorale Untersuchungen die Funktion der Kaumuskeln und Kiefergelenke beurteilen. Instrumentelle Verfahren wie die Achsiographie und bildgebende Verfahren wie Röntgen und MRT können zusätzliche Informationen liefern. Fragebögen helfen bei der Erfassung von Schmerz und psychosomatischen Komponenten.

Konservative Behandlungsmethoden

  • Aufbissschienen: Sie stellen eine natürliche Okklusion wieder her, schützen die Zahnsubstanz und entlasten die Kiefergelenke und Muskulatur. Individuell angepasste, herausnehmbare Knirscherschienen aus festem Kunststoff werden nachts getragen.
  • Manuelle Therapie/Osteopathie: Spezielle Zusatzausbildungen ermöglichen Therapeuten kompetente intraorale Behandlungen in Verbindung mit Aufbissschienen.
  • Physiotherapie: Die manuelle Therapie und Physiotherapie des Kiefergelenkes bewirkt häufig eine Beschwerdereduktion und Verbesserung der Kiefergelenksfunktion.
  • Automobilisationstechniken: Diese reduzieren den Gelenkbinnendruck und den Druck auf Zähne und Muskel-Faszien-Kette.
  • Triggerpunkttherapie: Triggerpunkte in der Kaumuskulatur werden quer massiert.
  • Isometrische Dehnung: Die Muskulatur wird isometrisch gedehnt.
  • Psychologische Beratung/Psychotherapie: Bei besonderen Belastungsfaktoren ist die Inanspruchnahme einer psychologischen Beratung, ggf. auch eine psychotherapeutische Betreuung, sinnvoll.
  • Entspannungsverfahren: Empfehlenswert sind auch das Erlernen der progressiven Muskelentspannung nach Jacobson sowie ein gezielter Umgang mit Stress.

Automobilisationsübungen

  • Übung 1: Entspannt auf den Boden legen, Kopf gerade, Zungenspitze hinter den oberen Schneidezähnen. Einatmen: Füße geflext nach oben bewegen; Ausatmen: Spitzfußstellung, Füße nach unten bewegen. Finger 1-3 hinter dem Ohr, Finger 4-5 vor dem Ohr. Beim Einatmen Fußspitzen nach oben ziehen, 5 Sekunden Luft anhalten, dabei den Unterkiefer nach unten ziehen. Beim Ausatmen lockerlassen und die Fußspitzen nach unten bewegen.
  • Übung 2: Zeige- und Mittelfinger auf die unteren Schneidezähne legen. Mund öffnen, ausatmen, Luft anhalten. Mit den Fingern Kiefer leicht nach unten drücken, dabei Kiefer mit wenig Kraft dagegendrücken.
  • Übung 3: Zeige- und Mittelfinger an die Kinnspitze legen. Kinn nach vorne schieben, mit den Fingern dagegenhalten. Einatmen und Luft für 5 Sekunden anhalten. Gegendruck der Finger beibehalten. Ausatmen, entspannen.

Invasive/chirurgische Behandlungsmethoden

Besteht die Behandlung der funktionellen Kiefergelenksbeschwerden zunächst aus konservativen Maßnahmen, so beinhaltet das Therapiekonzept anderer Erkrankungen häufig eine operative Therapie. Entsprechend der Erkrankung des Kiefergelenkes bieten sich unterschiedliche Verfahren zur Behandlung an. Hierbei kann sowohl eine Symptomlinderung im Vordergrund stehen als auch die vollständige Resektion des Kiefergelenks, beispielsweise bei Vorliegen einer Tumorerkrankung. Die Indikation für eine Operation (OP) im Bereich des Kiefergelenkes sollte dabei streng gestellt werden. Neben der Gefahr der Gefäßverletzung besteht die Gefahr einer Nervschädigung. Insbesondere eine Verletzung des für die Mimik verantwortlichen Gesichtsnervs (Nervus facialis) ist aufgrund seiner engen topographischen Lagebeziehung zum Operationsgebiet eine häufige Komplikation.

  • Arthroskopie: Direkter Blick in das Kiefergelenk zur Beurteilung der Oberflächenmorphologie des Gelenkkopfes, des Diskus und der Synovia.
  • Arthrozentese: Spülung des Kiefergelenks, meist mit physiologischer Kochsalzlösung, zur Entfernung von Entzündungsmediatoren und Gewebedebris.
  • Arthroplastik: Offenes chirurgisches Verfahren zur Wiederherstellung der Kiefergelenksfunktion durch Entfernung krankhaften Gewebes und Reposition des Diskus.
  • Kondylotomie und Kondylektomie: Osteotomie bzw. vollständige Entfernung des Kondylus bei bestimmten Indikationen.
  • Totaler Kiefergelenksersatz (TEP): Als Ultima Ratio bei weitestgehender Zerstörung des Kiefergelenkapparates.

Weitere Ursachen für Schmerzen im Mund- und Gesichtsbereich

Neben CMD und Bruxismus gibt es weitere Ursachen für Schmerzen im Mund- und Gesichtsbereich:

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  • Zahnbedingte Schmerzen:
    • Zahnmarkentzündung (Pulpitis)
    • Entzündung an der Wurzelspitze (apikale Parodontitis)
    • Ungewöhnlicher Zahnschmerz (atypische Odontalgie)
  • Syndrom der brennenden Zunge/des brennenden Mundes (Burning-Mouth-Syndrom)
  • Gesichtsschmerzen:
    • Typischer Gesichtsschmerz (Trigeminusneuralgie)
    • Atypischer Gesichtsschmerz (idiopathischer anhaltender Gesichtsschmerz)
  • Mund- und Gesichtsschmerz bei Kopfschmerzerkrankungen (z.B. Migräne)

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Die Behandlung von Problemen im Mund- und Kieferbereich erfordert oft eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Hausärzten, Zahnärzten, Kieferorthopäden, Manualmedizinern, Physiotherapeuten, Osteopathen, Neurologen, HNO-Ärzten und Psychologen.

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