Musiktherapie bei Parkinson: Ein umfassender Überblick

Ergotherapie, Physiotherapie, Psychotherapie - diese Begriffe sind Menschen mit Parkinson in der Regel bekannt. Die Musiktherapie hingegen ist für die meisten Betroffenen noch Neuland. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Aspekte der Musiktherapie bei Parkinson, von den wissenschaftlichen Grundlagen bis hin zu praktischen Anwendungsmöglichkeiten.

Einführung in die Musiktherapie

Musiktherapie ist eine psychotherapeutische Behandlungsmethode, bei der Musik im Rahmen der therapeutischen Beziehung zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung der seelischen, körperlichen, geistigen und spirituellen Gesundheit eingesetzt wird. Es gibt aktive Verfahren durch Instrumentalspiel und passive Verfahren durch das Hören von Musik sowie Einzel- und Gruppenangebote.

Die historische Entwicklung der Musiktherapie

Dass Musik außer Seele und Ohren zu erfreuen auch heilkräftige physiologische und psychische Effekte entfaltet, wusste man bereits in der Antike. So manche bekannte Ärzte dieser Epoche empfahlen sie bei Indikationen, die den heutigen erstaunlich naheliegen. Doch bis Musik als therapeutisches Mittel institutionalisiert wurde, sollte es noch dauern - weit über zwei Jahrtausende. Erst in den 1950er Jahren fand die Musiktherapie hierzulande Eingang in die stationäre Therapie. Damals wurde sie zunächst vor allem in psychiatrischen Kliniken angewendet. Inzwischen hat sie sich laut Prof. Dr. Lutz Neugebauer, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft (DMtG) im stationären Bereich als bewährtes Behandlungskonzept etabliert.

Das breite Einsatzspektrum der Musiktherapie

Das Einsatzspektrum der Musiktherapie ist beachtlich breit. Es umfasst neben psychischen und neurologischen Krankheiten unter anderem auch Krebserkrankungen und Schmerzen. Man kann völlig zu Recht sagen, dass die Liste tatsächlich von A wie Angststörungen bis Z wie Zahnschmerzen reicht.

Wissenschaftliche Grundlagen der Musiktherapie

Audio-motorische Synchronisation

Musik ergreift uns Menschen mitunter sehr spontan und direkt. Man sagt, sie fährt einem in die Glieder. Genau für dieses Phänomen haben Neurowissenschaftlicher eine Erklärung gefunden. Das Phänomen heißt dort Audio-motorische Synchronisation und beschreibt die enge und mittelbare Verzahnung von akustischem Rhythmus und dem motorischen Nervensystem. Es verhält sich fast so wie bei einem Magnet, der in die Nähe eines metallischen Gegenstandes kommt. Diese Besonderheit der Wirkung von Musik auf Bewegung kommt in der Therapie von Patienten mit Parkinson zum Tragen.

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Dopaminausschüttung durch Musik

Musik sorgt im Kopf sogar für eine Extradosis Dopamin. Das ist der Hirnbotenstoff, der bei der Parkinsonkrankheit nur noch vermindert zur Verfügung steht. Kanadische Forscher konnten zeigen, dass Dopamin ausgeschüttet wird, wenn wir Musik hören. Viele Parkinsonbetroffene nutzen dies in Ihrem Alltag.

Evidenzbasierung der Musiktherapie

Lange vorbei sind die Zeiten, in denen der Nutzen von Musiktherapie in Frage gestellt wurde. Die intensiven Forschungsaktivitäten der vergangenen Jahre und die zahllosen Studien in deren Folge haben die Zweifel ausgeräumt. Das starke wissenschaftliche Interesse resultierte der Datenbank Pub Med zufolge in fast 9.000 Fachartikeln, darunter etwa 1.500 randomisierte, kontrollierte Studien und 360 Metaanalysen. „Es liegt mithin eine sehr gute Evidenz für die Wirksamkeit vor“, so Prof. Neugebauer. Angesichts ihrer verstärkten Erforschung ist die Musiktherapie mittlerweile in 37 AWMF-Leitlinien vertreten, darunter in 29 S3-Leitlinien.

Spezifische Anwendungsbereiche der Musiktherapie bei Parkinson

Bestehende Probleme und damit verbundene Symptome können in einer Musiktherapie erkannt, angenommen und verändert werden. Mit Musiktherapie wird das Fortschreiten der Erkrankung gebremst und die Lebensqualität verbessert. Sie ist für das Sprechen, die Stimme und die Atmung extrem wichtig. Musik leistet außerdem einen wichtigen Beitrag zur Krankheitsverarbeitung und dem (Wieder)-entdecken von Lebensqualität und Lebensfreude. Der Rhythmus von Musik stimmt positiv, entspannt und beschwingt.

Musikgestütztes Gangtraining (RAS)

Eine Musiktherapie ist eine sogenannte „aktivierende Therapieform“: Im Takt und Rhythmus der Musik kann man das Gehen trainieren, Schritte einüben, die Schrittlänge beeinflussen, das Gangbild verändern und somit Blockaden lindern. Hören und Bewegen sind eng miteinander verbunden. Die rhythmischen Klänge wirken wie „Zeitgeber“. Sie aktivieren nicht nur Nervenzellen, die für das Hören zuständig sind, sondern auch solche, die die Bewegungen koordinieren. Deshalb bringt rhythmische Musik so gut wie jeden zum Wippen und Mitschwingen. Mit Hilfe dieser „musikalischen Stimulation“ können sich Parkinson-Patienten deutlich flüssiger bewegen.

Durch RAS - Gangtraining mit Musik oder Metronom können Parkinsonkranke ihre Gehfähigkeit verbessern. Je nach Zielvorgabe kann man an einer größeren Schrittlänge, einem stärkeren Armschwung oder einem sichereren Gangbild arbeiten. Entscheidend für den Therapieerfolg ist die richtige Trainingsmusik. Das Übungstempo wird individuell therapeutisch angepasst. Bei verlangsamtem Gehen wird eher beschleunigt. Demgegenüber sollten Sie bei Ganginstabilität langsamere Tempi von 95 bis maximal 105 bpm wählen.

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Am Parkinsonzentrum Beelitz-Heilstätten wurde auch eine App entwickelt die ein musikalisches Bewegungsfeedback für das Gangtraining erzeugt. Diese App heißt CuraSwing, sie ist auf die Bedürfnisse von Parkinsonpatienten zugeschnitten. Bei Gangblockaden - dem sogenannten Freezing - hilft oft ein rhythmisches Training mit Metronom wieder flüssiger zu gehen. Geübt wird dafür mit einer deutlich verlangsamten Geschwindigkeit. Eine andere Möglichkeit, die Blockaden zu überwinden stellt das sogenannte „Mentale Singen“ beim Gehen dar. Hierbei lernen die Betroffenen sich beim Gehen auf 1 bestimmtes für Sie ausgewähltes Lied zu konzentrieren. Auch hierbei ist ein eher verlangsamendes Tempo entscheidend. Bei ausgeprägten Startblockaden eignet sich beispielsweise „Hänschen klein“, ein einfaches aber sehr klar strukturiertes deutsches Kinderlied.

Therapeutisches Singen

Durch therapeutisches Singen können Parkinsonpatienten intensiv die Stimme und die Atmung schulen. Es verbessert sich die Stimmqualität und Atem-Stimmkoordination. Dies hat auch positive Auswirkungen auf das Sprechen und somit auf die Kommunikation. Die Songs werden dabei der Stimmlage und der Stimmsymptomatik angepasst. Ein optimales Training ist dann auch bei parkinson-bedingter Hypophonie möglich und sinnvoll.

Neben der Bewegung nach Musik spielt das Therapeutische Singen eine wichtige Rolle in der Parkinsontherapie. Auch hierbei geht es um die stimulierende Wirkung von Rhythmen und Melodien auf die Bewegungsverlangsamung im Stimm- und Atemtrakt. Das Singen sorgt für eine lautere und kräftigere Stimme und hebt auch die Stimmung.

Tänzerische Musiktherapie

In der tänzerischen Musiktherapie werden zu Kreis-, Block- oder Paartänzen spielerisch Bewegungen trainiert. Neben dem starken Therapieeffekt für die Beweglichkeit und die Koordination können Parkinsonkranke hierbei auch die Freude an Bewegung zurückgewinnen. Parkinson-Kranken hilft Tanzen, vor allem Tangotanz. Das verbessert nicht nur motorische Fähigkeiten wie das Gehen und Balance halten, sondern auch die Lebensqualität. Zudem stimuliert dieser Tanz positive emotionale und soziale Wirkungen. „Laut den Ergebnissen vieler randomisiert-kontrollierter Studien kann Tango eine vielversprechende nicht-medikamentöse Therapieoption zur Stabilisierung bei Parkinson sein“, freut sich die Expertin aus Bonn.

Rhythmische Sprechtraining

Beim Rhythmischen Sprechtraining lernen vorher schwer verständliche Patienten im Takt wieder deutlicher zu artikulieren. Viele Betroffene leiden unter einer Verminderung der Schluck-häufigkeit. Hierfür wurde der Schluck-Wecker entwickelt.

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Instrumentalimprovisation

In der Instrumentalimprovisation können auch musikalisch unerfahrene Parkinsonpatienten sich auf Musikinstrumenten ausprobieren. In Einzel- oder Gruppentherapie fördert diese Methode neben der Motorik auch die Krankheitsverarbeitung.

Musiktherapie in der Praxis: Einblicke und Beispiele

Musiktherapie in der Celenus Klinik für Neurologie Hilchenbach

Die Celenus Klinik für Neurologie Hilchenbach bietet ihren an Parkinson erkrankten Rehabilitanden zusätzlich eine sehr spezielle Therapieform an. Im Rahmen des Parkinsonprojekts arbeitet eine Musiktherapeutin eng mit der Physiotherapie zusammen.

Eine typische Gruppentherapiestunde beginnt mit einer Entspannungsphase, unterstützt durch Klangschalen und ein Musikstück. Im zweiten Schritt werden die Patienten aufgefordert, dem Musikstück erneut zuzuhören und sich nach Anleitung der Physiotherapeutin zu bewegen. Im nächsten Schritt singen die Patienten zusammen und spielen mit rhythmisch-musikalischen Elementen, zum Beispiel mit einer Rassel oder Handtrommel gleichzeitig. Zu diesem Zeitpunkt erfahren die Patienten, wie sie ihre Stimme kräftiger einsetzen können. Im dritten und letzten Schritt sind die Patienten aufgefordert, der Musik zu folgen und mit verschiedenen Gangvariationen ihre Bewegungen zu kontrollieren und zu synchronisieren. Dabei werden Lieder vom klassischen Walzer über Volkslieder bis hin zu moderner Popmusik gespielt. Die Physiotherapeutin unterstützt die Patienten dabei im Gangprozess. Für die Patienten ist der Rhythmus, der den Bewegungsfluss fördert, die wichtigste Erfahrung. Patienten mit jeglicher Art von Einschränkungen dürfen und können mitmachen. Unabhängig, ob „Schwacher Gang“, Rollator oder Rollstuhl.

Fallbeispiel: Herr M. und das E-Piano

Herr M. ist 56 Jahre alt und hat seit 7 Jahren Parkinson. Gehen kann er noch sehr gut, aber Bewegungen mit den Händen und Fingern fallen ihm sehr schwer. Alles geht nur langsam und ist mühsam. Knöpfe zu zu machen vermeidet er, wenn möglich. Obwohl er noch nie ein Instrument gespielt hat, setzt er sich mit dem Therapeuten ans E-Piano. Sie spielen mit einer Hand. Alle 5 Finger nacheinander. Ganz langsam. Wieder und wieder - bis es ein wenig schneller geht. Dann mit der anderen Hand und schließlich mit beiden gleichzeitig. Nach etwa 15 min zeigt der Therapeut ihm die ersten Töne von „Freude, schöner Götternfunken“. Herr M. probiert gleich, es nachzuspielen. Und nach dem dritten oder vierten Mal gelingt das schon ganz gut. Nach dieser ersten Stunde hat er große Lust, das Klavier spielen erneut zu probieren.

Musiktherapie zu Hause

Für das tägliche Training ist Musik besonders gut geeignet, weil sie in Form des Smartphones immer und überall verfügbar ist. Für das Gangtraining wird die Beatzahl, also das Tempo der Musik an die Schrittfrequenz angepasst. Und los geht’s - im Wohngebiet, im Stadtpark oder im Wald! Aber Vorsicht! Mitunter ist die Schrittfrequenz entscheidend für eine gute Gangsicherheit. Die Musik sollte rhythmisch und motivierend sein und eher laut abgespielt werden. Und wenn mal keine Musik verfügbar ist, hilft es auch, sich ein Lied zum Gehen vorzustellen.

Die vielfältigen Wirkungen der Musik auf Entspannung, zur Verbesserung von Stimmung und Antrieb und zur Stimulation der Beweglichkeit und des Gehens bei Parkinson lassen sich nutzen, indem man sich persönliche Playlist anlegt. Mit so einer Playlist kann man gezielt das Gangbild oder die aktuelle Stimmung beeinflussen.

Online-Angebote

In Zeiten von Corona gibt es sogar Online-Angebote. Die Gruppe “IntoDance Berlin” bietet auf ihrem YouTube-Kanal Videos zum Mittanzen für zuhause. Anleitungen sind speziell auf die Bedürfnisse von Menschen mit Bewegungseinschränkungen ausgerichtet.

Studien und Forschungsergebnisse

Zahlreiche Studien belegen die positiven Auswirkungen der Musiktherapie bei Parkinson.

  • Eine Studie von Günther Bernatzky et al. (2004) zeigte, dass stimulierende Musik die motorische Koordination bei Parkinson-Patienten verbessert.
  • Masayuki Satoh und Shigeki Kuzuhara (2008) fanden heraus, dass das Training im mentalen Singen während des Gehens Gangstörungen bei Parkinson-Patienten verbessert.
  • Eine Studie von Duncan R. P. und Earhart G. M. (2012) zeigte, dass Tangotanz motorische Fähigkeiten und die Lebensqualität von Parkinson-Patienten verbessert.

Finanzierung und Zugang zur Musiktherapie

In der Regel übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung die Kosten für die Musiktherapie nicht. In begründeten Einzelfällen besteht die Möglichkeit bei Ihrem Krankenversicherungsträger (private Krankenkasse) Kostenerstattungen zu beantragen.

Dennoch ist Musiktherapie derzeit für Parkinsonpatienten noch nicht auf Rezept zu haben. Aber sie wird in den meisten Parkinson-Fachkliniken eingesetzt, zumeist als Baustein einer sogenannten Komplexbehandlung in Kombinationen mit anderen aktivierenden Therapien wie Physio- und Ergotherapie. Eine ambulante Musiktherapeutin findet man über Nationale Register Musiktherapie. Darüber hinaus können die Betroffenen Musik individuell zuhause einsetzen, um die Symptome der Erkrankung ein Stück weit zu mildern.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) konstatierte in einem Gutachten bereits 2019 eine soziale Benachteiligung, da im ambulanten Bereich nur einkommensstärkere Schichten die Leistung Musiktherapie privat tragen können. „Ein Gesundheitswesen, in dem das Leitprinzip ‚ambulant vor stationär‘ gilt, muss endlich politisch wie finanziell die Zugänge zur Musiktherapie auch ambulant für alle sicherstellen und Krankenkassen die Kostenübernahme ermöglichen“, fordert Prof. Neugebauer.

Fazit: Musiktherapie als vielversprechende Therapieergänzung

Die Musiktherapie bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten, die Symptome von Parkinson zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Von der Verbesserung der motorischen Fähigkeiten und der Stimmqualität bis hin zur Förderung der emotionalen und sozialen Teilhabe kann Musik einen wertvollen Beitrag zur Behandlung von Parkinson leisten. Trotz der guten wissenschaftlichen Evidenz und der Fülle an positiven Erfahrungen aus der Praxis werden musiktherapeutische Anwendungen im ambulanten Bereich nach wie vor nicht erstattet. Es ist daher wichtig, dass sich Betroffene und Therapeuten gemeinsam für eine stärkere Anerkennung und Finanzierung der Musiktherapie einsetzen.

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