Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung, die das Gedächtnis und die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigt. Obwohl es derzeit keine Heilung gibt, können verschiedene Therapieansätze eingesetzt werden, um die Lebensqualität von Menschen mit Demenz zu verbessern. Ein vielversprechender Ansatz ist die Musiktherapie, die in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Wirkungen von Musik auf Menschen mit Demenz, von der Aktivierung von Erinnerungen bis zur Verbesserung des emotionalen Wohlbefindens.
Die Kraft der Erinnerung: Wie Musik das Langzeitgedächtnis aktiviert
Menschen mit Demenz können sich oft noch gut an Ereignisse und Erfahrungen aus ihrer frühen Vergangenheit erinnern. Dies liegt daran, dass das Langzeitgedächtnis aus zwei unterschiedlichen Systemen besteht: dem semantischen Gedächtnis, in dem Fakten und Wissen gespeichert werden, und dem prozeduralen Gedächtnis, in dem lang eingeübte Handlungen und Fähigkeiten gespeichert sind. Das prozedurale Gedächtnis, in dem auch Melodien, Kinderreime und musikalische Fähigkeiten verankert sind, bleibt bei Demenz oft länger erhalten als das semantische Gedächtnis.
Das Hören von vertrauten Liedern aus der Kindheit oder Jugend kann bei Menschen mit Demenz Kindheitserinnerungen wecken und eine positive emotionale Reaktion auslösen. Es ist wie eine Tür, die sich sanft zum Langzeitgedächtnis öffnet. Wenn sie merken, dass ihnen ein Teil der Melodie einfällt oder sie die Reime oder die Geschichte kennen, ist das ein Erfolgserlebnis. Die Menschen wachen dann regelrecht auf und machen aktiv mit.
Positive Auswirkungen von Musik auf das Wohlbefinden und die Kognition
Studien haben gezeigt, dass Musik positive Auswirkungen auf das emotionale Wohlbefinden, die kognitiven Fähigkeiten und das soziale Verhalten von Menschen mit Demenz haben kann. In einem Chor für Menschen mit Demenz verbesserte sich beispielsweise das emotionale Wohlbefinden der Sängerinnen und Sänger nachweislich. Sie hatten zudem weniger Stresshormone im Körper, und auch die Stimmung der Angehörigen hellte sich auf.
Musik animiert förmlich zur Bewegung. Oft ist die Erinnerung an Tanzschritte noch sehr lange erhalten. Es gibt heute vielerorts Mitmachkonzerte und Museumsführungen, die speziell für Menschen mit Demenz konzipiert werden. Indem man biografisch bedeutsame Inhalte aktiviert, lassen sich jedoch Emotionen auslösen. Wichtig ist, dass es sich um positive Emotionen handelt. Dann fördern sie das Selbstwertgefühl und ermöglichen zudem soziale Teilhabe. All das zusammen kann den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen, sie aber nicht stoppen.
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Aktives Musizieren kann im Vergleich zu passivem Musikhören wirksamer die Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung von Informationen bei Patienten mit leichten kognitiven Einschränkungen verbessern und somit Fähigkeiten wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Denken und Problemlösen fördern. Das Singen oder Spielen von Liedern kann auch depressive Verstimmungen, unter denen viele Demenzkranke leiden, lindern sowie Unruhezustände oder Angst vor Ungewohntem abschwächen und wirkt sich positiv auf das Wohlbefinden und die Lebensqualität der Patienten aus.
Musiktherapie in der Geriatrie und Gerontopsychiatrie
In der Geriatrie und Gerontopsychiatrie bietet die Musiktherapie grundlegende Hilfen für die häufigsten psychischen Erkrankungen im Alter, wie Depression und Altersdemenz. Aber auch bei Schlaganfall und Parkinson leistet Musiktherapie unersetzliche Dienste.
Depressiven Patienten, deren Gefühlswelt erstarrt ist, stellen einige Eigenschaften der Musik basale Unterstützungspotentiale bereit. Der wichtigste Aspekt bei dieser Erkrankung ist die emotionalisierende Wirkung von Musik, die die Gefühlsleere füllen und die Erstarrung verflüssigen kann. Wo die Gefühlsebene nicht mehr verbalisiert werden kann, ersetzt musikalisches Erleben die Worte und fördert differenzierende Wahrnehmung. Andere Aspekte der Musik sind beispielsweise ihre Funktion als Erinnerungsträger. Musik aktiviert Assoziationen an - meist positiv besetzte - Erlebnisse der Vergangenheit und kann helfen, Lebensbilanzen besser zu bewerten und die brüchig gewordene Identität zu stabilisieren. Musikmachen fördert darüber hinaus die Bereitschaft zu experimentieren, sich probehalber auf neue Erfahrungen einzulassen und neue Lösungswege zu suchen.
Für an Demenz Erkrankte ist an erster Stelle eine Funktion der Musik zu nennen: Erinnerungen wecken. Menschen mit Demenz tauchen im Verlauf ihrer Erkrankung in die Realitäten ihrer Kindheit und Jugend. In dieser Lebensphase werden die prägenden musikalischen Erfahrungen gemacht. Die Musik knüpft hier also an schwergewichtige Ressourcen an. Diese alten musikalischen Erfahrungen erweisen sich als “resistent” gegen das Vergessen. Ein altersdementer Patient, der die Orientierung zu sich selbst verloren hat und seinen einen Namen nicht mehr aussprechen kann, kann aber mühelos ein vier-strophiges Volkslied singen. Die Erfahrung, dies noch zu können, trägt zum Identitätserhalt, zum Angstabbau und somit zu einem großen Stück Lebensqualität bei, aber auch zur Bewunderung durch die soziale Umwelt. Demenzerkrankte verfügen zudem noch sehr lange über emotionale Fähigkeiten, auch wenn die kognitiven schon weitgehend eingeschränkt sind. Diese emotionalen Fähigkeiten können mit Hilfe vertrauter Musik gezielt angeregt werden. Das mündet nicht selten in erhöhte Wachheit und Verbalisierungsfähigkeit: Erlebnisse aus dem Altgedächtnis können wieder erzählt werden.
Was Angehörige tun können
Angehörige können eine wichtige Rolle bei der Nutzung von Musik alsTherapieform für ihre erkrankten Familienmitglieder spielen. Sie kennen die Interessen und Vorlieben der betroffenen Person am besten. Was hat jemand früher gern gelesen oder gesungen? Welche Hobbys hatte die Person? Gab es eine besonders beeindruckende und erinnerungswürdige Reise?
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Es ist wichtig, einfach loszulegen - und zwar ohne Druck und ohne allzu hohe Erwartungen. Wer unsicher ist, kann sich in einer Broschüre der Deutschen Alzheimer Gesellschaft Tipps holen. Wichtig: Die Gesangs- oder Märchenstunde soll nicht überfordern. Auch klappt es mit den Erinnerungen nicht immer beim ersten Anlauf. Davon sollte man sich nicht entmutigen lassen, sondern ein bisschen herumprobieren, worauf das Gegenüber positiv reagiert. Außerdem ist es wichtig, möglichst viele Sinne anzusprechen, also nicht zu kopflastig und mit zu vielen Worten und Wissen zu arbeiten. Die Menschen müssen vor allem etwas anfassen können - wer den „Froschkönig“ vorliest, könnte ja einen goldenen Ball bereithalten.
Forschungsprojekte und Initiativen
Es gibt eine wachsende Anzahl von Forschungsprojekten und Initiativen, die sich mit der Wirkung von Musik auf Menschen mit Demenz beschäftigen. Ein Beispiel ist das Forschungsprojekt "Individualisierte Musik für Menschen mit Demenz" an der Universität Jena. In diesem Projekt wurde untersucht, wie sich das regelmäßige Hören von individualisierter Musik auf die Lebensqualität, das Wohlbefinden, das soziale Miteinander und herausforderndes Verhalten von Menschen mit Demenz auswirkt.
Die Ergebnisse des Projekts zeigen, dass das Hören individualisierter Musik eine einfach umzusetzende, kostengünstige, nicht-medikamentöse und innovative Intervention für Menschen mit Demenz aller Schweregrade ist.
Musik in der Betreuung von Menschen mit Demenz: Praktische Tipps
Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft bietet in ihrer Broschüre "Musik in der Begleitung von Menschen mit Demenz" Informationen und praktische Tipps für den Alltag. Die Broschüre richtet sich vorrangig an An- und Zugehörige und zeigt, wie Musik im Alltag so eingesetzt werden kann, dass sie ihre positive Wirkung entfalten kann.
"Musik hören, singen, selbst musizieren oder sich zu Musik bewegen und tanzen - es gibt ganz unterschiedliche Wege, auf denen Musik wirken kann", sagt Swen Staack, 1. Vorsitzender der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. "Nur einfach das Radio einzuschalten ist oftmals nicht genug, doch wenn man versteht, worauf es ankommt, kann gerade Musik das Leben von Menschen mit Demenz und ihren An- und Zugehörigen intensiv bereichern."
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Musik als potenziell kosteneffektive Therapie
Die Möglichkeiten der Musik werden nach Ansicht des Hirnforschers Teppo Särkämö derzeit in der Betreuung von Demenzpatienten zu wenig genutzt. Särkämö schlägt eine musikalische Weiterbildung der Pflegekräfte vor als eine vermutlich kosteneffektive Möglichkeit, die Betreuung von Demenz-Patienten zu verbessern.
Musiktherapie bei fortgeschrittener Demenz
Die Forschung zeigt: Ist die Therapie individuell abgestimmt, kann sie bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz zu einer sofortigen, kurzfristigen Verringerung von Unruhe und Angst sowie zu einer Verbesserung von Aufmerksamkeit, Engagement, Wachheit und Stimmung führen. Musikalische Betätigungen geben ein Gefühl von Sicherheit und Orientierung, was beruhigt und ein wohligeres Gefühl schafft. Diese Wirkung tritt ein, weil Musik - ob gespielt, gesungen oder gehört - Stimulationen liefert, die Gehirnregionen aktiviert, die dabei helfen, sich zu erinnern. Der so geschaffene Zugang zum Gedächtnis hilft dabei, sich zu beruhigen und Gefühle zu kontrollieren. Vertraute Klänge befördern die Erinnerungen, die schnell abgerufen werden und positiver konnotiert sind als solche, die nicht im Zusammenhang mit Musik stehen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse und Studien
Eine randomisierte klinische Studie im Journal of Alzheimer Research (2015) zeigt, dass das Hören, aber mehr noch das aktive Praktizieren von Musik im Gehirn ein breites Netzwerk von Regionen aktiviert. Musik sei bei gesunden Menschen in der Lage, verschiedene kognitive Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis zu verbessern, und sie habe nachweislich eine günstige Wirkung auf das Gemüt.
In der Studie wurden 89 Patienten mit milder bis mittelschwerer Demenz auf drei Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe wurde in der Musikschule in zehn Stunden langsam an das Singen herangeführt, in der zweiten Gruppe lag der Schwerpunkt auf dem passiven Musikgenuss und dem Austausch unter den Hörern. Die dritte Gruppe erhielt keine musikalische Ausbildung. Gegenstand der Musikstunden waren die Lieder der Kindheit und die Songs, die die Patienten als Jugendliche gerne und häufig angehört hatten. Vor und nach dem Musikkurs führten die Forscher ausführliche neuropsychiatrische Tests durch.
Ergebnis: In beiden Gruppen verbesserte sich der Gemütszustand der Patienten, wobei die Patienten mit einer passiven Musikausbildung sogar ein wenig mehr profitierten als die Patienten, mit denen die Musiklehrer gesungen hatten. Ähnlich waren die Auswirkungen auf die Lebensqualität. Das Singen hatte dagegen eine größere Auswirkung auf den psychologischen Stress der Patienten und es trainierte das Kurzzeit- und das Arbeitsgedächtnis der Patienten besser als der rein passive Musikgenuss. Bei den jüngeren Patienten half die aktive Musik auch, die Orientierungsfähigkeit und die Verstandesfunktion zu erhalten, berichtet Särkämö.
Eine kürzlich veröffentlichte systematische Übersicht und Metaanalyse untersuchte die Effekte von aktivem Musikmachen bei Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung und Demenz. Dabei wurden 21 randomisierte, kontrollierte Studien mit insgesamt 1472 Teilnehmern in die Analyse eingeschlossen. Alle Studien nutzten entweder die Reproduktion von Musik mit Singen bzw. Spielen eines Musikinstruments oder Musikimprovisation aus dem Moment heraus. Über alle Studien zeigte die Musikintervention einen kleinen, aber signifikanten positiven Effekt auf die Kognition der Studienteilnehmer.
Jacobsen et al. zeigten im Jahr 2015 eindrücklich auf, dass das Hirnareal des musikalischen Langzeitgedächtnisses im Verlauf einer Alzheimer-Erkrankung - verglichen mit dem restlichen Hirn - lediglich eine minimale kortikale Atrophie und Disruption des Glukosemetabolismus aufweist. Dies erklärt die immer wieder gemachte klinische Beobachtung, dass Patienten in fortgeschrittenen Demenzstadien mit Sprachverlust beim Hören von bekannten Liedmelodien fehlerfrei ganze Liedstrophen mitsingen können.
Dass Musik das verbale Gedächtnis von Patienten mit Alzheimer-Erkrankung stärken kann, wurde in einer anderen, im selben Jahr publizierten Interventionsstudie gezeigt. Kognitiv Gesunde wie auch Menschen mit leichter Alzheimer-Demenz konnten sich an gesungene Texte im Vergleich zu den gleichen, aber gesprochenen Texten signifikant besser erinnern. Dreimonatige musikalische Gruppeninterventionen bei Patienten mit früher Alzheimer-Erkrankung führten unmittelbar und auch 6 Monate nach Intervention zu signifikanten kognitiven, emotionalen und sozialen Verbesserungen.
Körperliche Aktivität und Musik
Die größte Anzahl nichtpharmakologischer Studien zur Behandlung von demenzassoziierten Verhaltensauffälligkeiten wurde mit körperlichen Aktivitätsinterventionen durchgeführt. Obwohl diese Studien sehr heterogen bezüglich Typ und Stadium der Demenz, aber auch hinsichtlich Art und Dauer der körperlichen Aktivität waren, zeigten praktisch alle einen positiven Effekt auf demenzassoziierte Verhaltensauffälligkeiten.
Regelmäßiges Tanzen als Freizeitbeschäftigung war in der Einstein-Aging-Kohortenstudie mit einem bis zu 80 % erniedrigten späteren Demenzrisiko assoziiert. In einer Interventionsstudie mit Rhythmik nach Jaques-Dalcroze konnte das motorisch-kognitive Dual-task-Vermögen von zu Hause lebenden Senioren verbessert und das Sturzrisiko um über 50 % reduziert werden. In fortgeschrittenen Demenzstadien scheint die Jaques-Dalcroze-Rhythmik neben der positiven Beeinflussung von „behavioral and psychological symptoms of dementia“ (BPSD) vor allem die sprachlichen Fähigkeiten zu fördern.