In den letzten Jahren hat die Hirnforschung bemerkenswerte Fortschritte erzielt und eine Fülle neuer Erkenntnisse über die Struktur und die Prozesse des Gehirns gewonnen. Diese Erkenntnisse sind auch für die Pädagogik von großer Bedeutung, da sie helfen, Lern- und Bildungsprozesse besser zu verstehen und effektiver zu gestalten. Musik, Mathematik und Neurologie scheinen auf den ersten Blick unterschiedliche Disziplinen zu sein. Bei näherer Betrachtung offenbaren sich jedoch faszinierende Verbindungen, die unser Verständnis des menschlichen Gehirns und seiner Fähigkeiten erweitern.
Das Gehirn: Eine komplexe Struktur
Das menschliche Gehirn ist ein komplexes Organ, das im Durchschnitt etwa 1.245 g bei Frauen und 1.375 g bei Männern wiegt. Es besteht hauptsächlich aus dem Großhirn, das in zwei Hemisphären unterteilt ist, die durch den Balken (Corpus callosum) miteinander verbunden sind. Die linke Hirnhälfte ist vor allem für Sprache, Denkprozesse, Mathematik und Logik zuständig, während die rechte Hemisphäre visuell-räumliche Wahrnehmung, Gefühle, Kreativität, Fantasie, Kunst und Musik verarbeitet.
Die verschiedenen Hirnlappen übernehmen spezifische Aufgaben:
- Stirnlappen: Kontrolle der Motorik (einschließlich Sprechen), grammatikalische Sprachverarbeitung (Broca-Areal), Bewusstsein, Gedanken, Gefühle, Stimmungen, kognitive Prozesse (Konzentration, Denken, Planen, Urteilen, Entscheiden), Kurzzeit- bzw. Arbeitsgedächtnis, Sitz des Willens und der Persönlichkeit.
- Scheitellappen: Selektive Aufmerksamkeit, Integration sensorischer Informationen, räumliche Orientierung, visuelle Steuerung von Bewegungen, räumliches Denken, Geometrie, Rechnen und Lesen.
- Schläfenlappen: Hören, Wortverständnis, Musik, auditive Informationen, Sprach- bzw. lexikalisches Wissen (Wernicke-Zentrum).
- Insellappen: Riechen, Schmecken, Körperempfindungen (Hunger, Durst, Schmerz, Blasendruck), andere Gefühle.
Neben dem Großhirn spielen auch das Kleinhirn (Steuerung der Muskulatur, Gleichgewicht, Koordination von Bewegungen), das Zwischenhirn (Thalamus als "Tor zum Bewusstsein", Hypothalamus als Steuerzentrum des vegetativen Nervensystems) und der Hirnstamm (lebenswichtige Funktionen wie Herzfrequenz, Atmung, Blutkreislauf) eine wichtige Rolle.
Das Gehirn besteht aus etwa 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), die über 100 Billionen Synapsen miteinander kommunizieren. Die Kommunikation zwischen den Neuronen erfolgt durch elektrische Signale und den Austausch von Neurotransmittern. Gliazellen unterstützen die Neuronen und sind an der Informationsverarbeitung, am Lernen und an höheren Denkprozessen beteiligt.
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Musik und Mathematik: Mehr als nur Töne und Zahlen
Musik und Mathematik scheinen auf den ersten Blick unterschiedliche Bereiche zu sein. Doch es gibt eine tiefe Verbindung zwischen ihnen. Musik basiert auf mathematischen Prinzipien wie Rhythmus, Harmonie und Proportionen. Tonleitern und Akkorde lassen sich mathematisch beschreiben, und die Struktur von Musikstücken folgt oft mathematischen Mustern.
Kinder, die ein Instrument lernen, verbessern nicht nur ihre musikalischen Fähigkeiten, sondern auch ihre mathematischen Kompetenzen. Das Musizieren fördert das räumliche Denken, das logische Denken und das Gedächtnis - Fähigkeiten, die auch in der Mathematik wichtig sind. Adelina Flores, deren Tochter America am Harmony Project teilnahm, berichtete, dass ihre Tochter in Mathematik besser geworden sei, da sie beim Musizieren gelernt habe, Noten in Bruchteile aufzuteilen und sie im Takt abzuzählen.
Neurologische Aspekte der Musik
Die Neurologie hat gezeigt, dass Musik eine tiefgreifende Wirkung auf das Gehirn hat. Das Hören und Spielen von Musik aktiviert verschiedene Hirnareale, darunter solche, die für Emotionen, Gedächtnis, Motorik und sensorische Verarbeitung zuständig sind. Charles Limb, Forscher, Neurologe und Violinist, hat mithilfe funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) die Gehirne von Musikern beobachtet, während diese Jazz oder Hip Hop improvisierten. Dabei konnte er beweisen, dass musikalische Improvisation mehr Anteile des Gehirns aktiviert als jegliche andere Aktivität.
Musik kann auch therapeutisch eingesetzt werden. Sie wird bei der Behandlung von chronischen Schmerzen, Herzrhythmusstörungen und neurologischen Erkrankungen eingesetzt. Musiktherapie kann helfen, Stress abzubauen, die Stimmung zu verbessern und die kognitiven Funktionen zu fördern.
Musik und Lernen: Ein Leben lang profitieren
Studien haben gezeigt, dass Kinder, die ein Instrument lernen, in der Schule oft besser abschneiden. Musikunterricht kann die Konzentration, das Gedächtnis und die sprachlichen Fähigkeiten verbessern. Er kann auch das Selbstbewusstsein und die soziale Kompetenz stärken.
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Allerdings gibt es auch Zweifel am sogenannten "Mozart-Effekt". Eine Studie von Giovanni Sala und Fernand Gobet wertete Studienresultate zum Zusammenhang von Musikerziehung und kognitiven Fähigkeiten sowie schulischen Leistungen von Kindern aus. Das Ergebnis: Musikerziehung habe keinen positiven Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten von Kindern, ebenso wenig auf deren schulische Leistungen in Mathe, Lesen oder Schreiben.
Dennoch betonen viele Experten, dass Musik per se einen Wert hat. Sie stimuliert grundlegende Funktionen für die Entwicklung eines Kindes, darunter Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Sensomotorik sowie emotionale und soziale Funktionen. Musik braucht keine Rechtfertigung - sie ist Teil unserer Natur und Kultur.
Synästhesie: Wenn Sinne verschmelzen
Einige Menschen erleben Musik auf eine ganz besondere Weise: Sie haben Synästhesie. Synästhetiker verknüpfen zwei oder mehrere Sinnesreize zu vermeintlich unpassenden Empfindungen. Sie schmecken etwa Tonintervalle, riechen Zahlen oder sehen Buchstaben in einer bestimmten Farbe.
Die Ursachen für die Synästhesie sind noch immer unklar. Neben genetischen Aspekten sehen einige Wissenschaftler eine Übererregbarkeit als Schlüssel zur gekoppelten Wahrnehmung. Reduzierte Hemmprozesse könnten demnach dazu führen, dass Hirnareale zusammenarbeiten, die sonst unabhängig voneinander agieren. Andere Forscher verweisen auf neuroanatomische Besonderheiten im Synästhetiker-Gehirn. So zeigen Studien, dass die betroffenen Hirnareale stärker verknüpft sind.
Synästhesie ist keine Störung, sondern eine physiologische Normvariante. Viele Synästhetiker empfinden ihre Besonderheit als Bereicherung, die sie nicht missen möchten. Gerade für Kreative scheint die Synästhesie ein sprudelnder Quell zu sein: Kompositionen gelingen leichter und Worte fließen besser, wenn man sie gleich auf mehreren Ebenen empfindet.
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Musik im Alltag integrieren
Musik sollte ein fester Bestandteil des Alltags sein, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Singen Sie mit Ihren Kindern, spielen Sie Instrumente, tanzen Sie und hören Sie Musik verschiedener Genres. Fördern Sie die musikalische Entwicklung Ihrer Kinder, indem Sie ihnen Musikunterricht ermöglichen oder sie in einen Chor oder eine Band schicken.
Denken Sie daran, dass es beim Musizieren nicht darum geht, perfekt zu sein. Es geht darum, Freude zu haben, kreativ zu sein und die positiven Auswirkungen der Musik auf Körper und Geist zu genießen.
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