Muskelkrämpfe: Therapie und Leitlinien

Muskelkrämpfe sind ein weit verbreitetes und oft schmerzhaftes Phänomen. Sie können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen, insbesondere wenn sie nachts auftreten und zu Schlafstörungen führen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Muskelkrämpfe, ihre Ursachen, Symptome, Diagnose und Therapiemöglichkeiten, basierend auf aktuellen Leitlinien und Forschungsergebnissen.

Was sind Muskelkrämpfe?

Muskelkrämpfe (Krampi) sind definiert als akute, schmerzhafte und unwillkürliche Kontraktionen einzelner oder mehrerer Muskeln. Sie treten typischerweise in Ruhe auf und dauern meist nur wenige Sekunden bis Minuten. Bei einem Muskelkrampf zieht sich der Muskel plötzlich zusammen, was zu sehr starken Schmerzen im betroffenen Bereich führen kann. Diese Schmerzen können mehrere Sekunden bis zu Minuten anhalten. Der Muskel ist tastbar verhärtet und in den meisten Fällen bewegungsunfähig. Gleichzeitig kann es bei einem Krampf zu Muskelzuckungen kommen.

Die Kontraktionen des Muskels sind bei einem Muskelkrampf von außen sichtbar und vor allem als Verdickung oder Verhärtung des Muskels tastbar. Ein Muskelkrampf kann aufgrund einer Überanstrengung oder eines Flüssigkeitsmangels (Dehydration) auftreten. Ursache können aber auch Nerven- oder Stoffwechselstörungen sein.

Damit wir bewusst eine Bewegung ausführen können, müssen sich unsere Muskeln zusammenziehen und anspannen. Verantwortlich dafür sind die Muskelfasern. Ziehen sich diese zusammen, verkürzt sich der Muskel - entspannen sie sich, verlängert sich der Muskel wieder. Die sogenannte Skelett­muskulatur ist mit den Knochen verbunden und paarweise als sogenannte Gegenspieler angeordnet, sodass entgegengesetzte Bewegungen möglich sind. So können Sie beispielsweise, wenn sich Ihr Bizeps anspannt, den Ellenbogen beugen und mit dem Trizeps wieder strecken, indem sich dieser zusammenzieht und sich der Bizeps wieder entspannt.

Häufigkeit von Muskelkrämpfen

Krämpfe der Skelettmuskulatur sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Laut einer Umfrage leiden 75 % der Deutschen unter Muskelkrämpfen. Die Frequenz nimmt mit dem Alter zu: 33 bis 50 Prozent der Personen im Alter über 65 Jahre haben mindestens einmal pro Woche Muskelkrämpfe. Bereits 90 % der jungen Erwachsenen berichten vereinzelt von Muskelkrämpfen, wobei die Frequenz im Alter steigt. Am häufigsten kommen Krämpfe in den Waden vor, gefolgt von Muskelkrämpfen im Nacken- und Halsbereich. Weniger häufig sind Krämpfe in den Füßen, im Schulterbereich und im Rücken.

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In Deutschland sind etwa 2,8 Mio. Menschen regelmäßig von nächtlichen Wadenkrämpfen betroffen, deutliche Zunahme mit dem Alter.

Risikogruppen

Bei verschiedenen Personengruppen kommt es häufiger zu Muskelkrämpfen. Zu diesen zählen u. a.:

  • Ältere Personen
  • Personen mit Fehlstellungen der Füße
  • Sportler
  • Schwangere
  • Personen mit einer Mangelernährung oder übermäßigem Alkoholkonsum
  • Personen, die an einem Flüssigkeitsmangel leiden

Ursachen von Muskelkrämpfen

Die Ursachen für Muskelkrämpfe sind vielfältig und oft schwer zu bestimmen. In vielen Fällen kann keine spezifische Ursache gefunden werden, was als idiopathischer Muskelkrampf bezeichnet wird. Häufige Ursachen und Risikofaktoren sind:

  • Störungen im Mineralstoffhaushalt: Ein Mangel an Magnesium, Kalzium oder Kalium, ausgelöst durch Sport oder zu viel Alkohol.
  • Flüssigkeitsmangel (Dehydration)
  • Nebenwirkungen von bestimmten Medikamenten: Wie z. B. Cholesterinsenkern (Statine), hormonellen Verhütungsmitteln oder Arzneimitteln gegen Bluthochdruck.
  • Verspannte Muskulatur: Durch Bewegungsmangel oder fehlendes Dehnen der Muskeln.
  • Bestimmte Erkrankungen: Wie z. B. Nerven- und Muskelerkrankungen, Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) oder Diabetes mellitus.
  • Schwangerschaft
  • Hohes Alter
  • Bewegungsmangel
  • Alkoholkonsum
  • Venöse oder peripher-arterielle Gefäßerkrankungen
  • Schwere Leber- und Niereninsuffizienz (Urämie, Hämodialyse)
  • Periphere neurogene Läsionen
  • Muskuläre Überbeanspruchungen beim Sport
  • Falsches Schuhwerk
  • Psychische Anspannung

Symptome und Beschwerden

Die Symptome eines Muskelkrampfes sind in der Regel eindeutig:

  • Plötzlich auftretende, oft sehr schmerzhafte Verhärtung der Wadenmuskulatur oder anderer betroffener Muskeln.
  • Unwillkürliche Kontraktion eines oder mehrerer Muskeln gleichzeitig.
  • Sichtbare und tastbare Verhärtung des Muskels.

Treten Muskelkrämpfe häufig auf, können Schmerzen, die nach dem Krampf bestehen bleiben, die Lebensqualität Betroffener stark einschränken. Vor allem bei einem Muskelkrampf, der nachts auftritt, kann es zu weiteren Folgen kommen, u. a.:

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  • Schlafstörungen und Schlafmangel
  • Tagesmüdigkeit
  • Leistungsabfall im Arbeitsalltag
  • Psychische Belastung (z. B. Depressionen, Ängste)

Diagnose von Muskelkrämpfen

Die Diagnose von Muskelkrämpfen basiert in erster Linie auf der Anamnese und der körperlichen Untersuchung. Es gibt keine spezifischen klinischen Befunde.

Die Basisdiagnostik umfasst:

  • Medikamentenanamnese: Um mögliche medikamenteninduzierte Krämpfe zu identifizieren.
  • Neurologische Untersuchung: Um neurologische Ursachen auszuschließen.
  • Laboruntersuchung: Um Elektrolytstörungen, Nierenfunktionsstörungen, Schilddrüsenerkrankungen und andere Stoffwechselstörungen zu erkennen.

In der Abklärung sind zunächst symptomatische Muskelkrämpfe auszuschließen. Diese treten unter anderem ja bei körperlicher Arbeit oder sportlicher Belastung auf, besonders bei Hitze.

Die Diagnose werde nach ICD-10 kodiert (R25.2 Krämpfe und Spasmen der Muskulatur).

Therapie von Muskelkrämpfen

Die Therapie von Muskelkrämpfen zielt darauf ab, akute Krämpfe zu lindern und zukünftige Krämpfe zu verhindern.

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Akuttherapie

Erste Hilfe bei einem akuten Krampf der Muskulatur ist die aktive oder passive Dehnung des verkrampften Muskels, um den Muskelkrampf zu lösen. Alternativ kann es helfen, den Gegenspieler anzuspannen. Die DGN rät hier in ihren Leitlinien dazu, mehrmals am Tag im Stand wiederholt den Körper vorzubeugen, wobei die Fersen am Boden bleiben sollten. Stütze man die Arme an einer etwa einen Meter entfernten Wand ab, könne die Übung auch von Älteren gemacht werden.

Prävention

Zur Vorbeugung von Muskelkrämpfen werden folgende Maßnahmen empfohlen:

  • Dehnübungen: Regelmäßiges Dehnen der Wadenmuskulatur ist die Maßnahme der Wahl, sowohl zur Prävention als auch zur Akuttherapie im Muskelkrampf. Bei nächtlichen Wadenkrämpfen sind regelmäßig Dehnübungen der Wadenmuskeln hilfreich.
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Um Dehydration zu vermeiden.
  • Ausgewogene Ernährung: Achten Sie vor allem auf die für die Muskulatur wichtigen Elektrolyte.
  • Anpassung der körperlichen Leistung und des Trainings: Vor allem bei Krämpfen, die während einer körperlichen Aktivität auftreten.
  • Massagen: Nach dem Sport.
  • Orthopädische Einlagen: Bei Fehlstellungen der Füße.
  • Vermeidung von Risikofaktoren: Wie übermäßiger Alkoholkonsum und bestimmte Medikamente.
  • Regelmäßige Bewegung und Dehnung: Wer wenig Sport treibt und viel sitzt, tut seinen Waden keinen Gefallen. Wie alle Muskeln deines Körpers ist auch dieser mächtige Wadenmuskel für seine Vitalität darauf angewiesen, dass du ihn vielfältig bewegst und dehnst.

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Therapie von Muskelkrämpfen ist umstritten und sollte nur nach sorgfältiger Abwägung der Nutzen und Risiken erfolgen.

  • Magnesium: Medikamentöser Therapieversuch mit Magnesium wegen geringer Nebenwirkungen möglich, jedoch fragliche Wirksamkeit. Die Leitlinie nennt Magnesium-[Hydrogen]Aspartat, Magnesiumorotat oder Magnesiumoxid ein- bis dreimal täglich 5 mmol oral. Es wird ein Auslassversuch zum Beispiel nach dreimonatiger Behandlung empfohlen. Bei Patienten mit Niereninsuffizienz, Herz-Rhythmus-Störungen und Störungen der Muskelendplattenfunktion sollte die Indikation streng erfolgen. Auch Schwangere, die unter Muskelkrämpfen leiden, können einen Therapieversuch mit Magnesium unternehmen. Die Wirksamkeit von Magnesium bei idiopathischen Krämpfen ist nicht ausreichend belegt. Ein Mangel sollte aber ausgeglichen werden.
  • Chinin: Als einziges Arzneimittel mit ausreichend belegter Wirkung nennt die Leitlinie Chininsulfat oder Hydrochinin 200 bis 400 mg zur Nacht. Es sollte jedoch wegen möglicher schwerer Nebenwirkungen wie Thrombozytopenien erst in zweiter Linie und nur bei schwerer Ausprägung der Krämpfe eingesetzt werden. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hatte Chininsulfat unter Rezeptpflicht gestellt und die Indikation auf sonst nicht behandelbare, häufige oder sehr schmerzhafte nächtliche Wadenkrämpfe eingeschränkt. Chinin kann die Produktion von Vitamin-K-abhängigen Gerinnungsfaktoren mindern und sollte unter Phenprocoumon-Behandlung nicht eingenommen werden. Zudem kann Chinin die QT-Zeit verlängern. Es sollte daher nicht mit anderen Medikamenten, die die Reizweiterleitung am Herz beeinflussen, kombiniert werden.

Weitere Therapieansätze

  • Schmerzmittel oder Muskelrelaxantien: Bei Bedarf zur Linderung von Schmerzen und Muskelverspannungen.
  • Physiotherapie: Um die Muskulatur zu stärken und zu dehnen.
  • Massagen: Um die Durchblutung zu fördern und Muskelverspannungen zu lösen.
  • Lokale Wärmeanwendungen: Um die Muskulatur zu entspannen.
  • Faszien-Rollmassage: Mithilfe unserer Faszien-Rollmassage kannst du diese Negativspirale durchbrechen.

Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?

Vielmals versuchen Betroffene, zunächst mit Hausmitteln gegen den Muskelkrampf vorzugehen. Doch treten Muskelkrämpfe immer wieder auf, ist es ratsam, einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen, um eine umfassende Diagnose und individuelle Behandlungs­empfehlungen gegen die Muskelkrämpfe zu erhalten. Erste Anlaufstelle ist dabei die Hausärztin bzw. der Hausarzt. Für eine genauere Abklärung der Ursache für Muskelkrämpfe kann eine Überweisung zu einer Fachärztin bzw. einem Facharzt (z. B. Orthopäde oder Neurologe) notwendig sein. Bei Symptomen wie Schwellungen oder Taubheitsgefühl solltest du daher vorsichtshalber einen Arzt aufsuchen.

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