Muskelschmerzen sind ein weit verbreitetes Phänomen, das viele Menschen betrifft. Sie können verschiedene Ursachen haben und sich unterschiedlich äußern. Ein besonderes Augenmerk gilt der tonischen Muskulatur, die eine wichtige Rolle bei der Körperhaltung und Stabilität spielt. In diesem Artikel werden die Ursachen von Muskelschmerzen, insbesondere im Zusammenhang mit der tonischen Muskulatur, sowie verschiedene Behandlungsansätze beleuchtet.
Einführung
Muskelschmerzen können akut oder chronisch auftreten und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Sie können lokal begrenzt sein oder sich über den ganzen Körper erstrecken. Die tonische Muskulatur, die für Haltefunktionen zuständig ist, neigt bei Überlastung oder mangelnder Bewegung zu Verspannungen und Verkürzungen, was zu Schmerzen führen kann. Ein Ungleichgewicht zwischen tonischer und phasischer Muskulatur, auch als muskuläre Dysbalance bezeichnet, ist eine häufige Ursache für Beschwerden im Bewegungsapparat.
Ursachen von Muskelschmerzen
Die Ursachen von Muskelschmerzen sind vielfältig und reichen von harmlosen Muskelverspannungen bis hin zu ernsthaften Erkrankungen.
Muskuläre Dysbalancen
Muskuläre Dysbalancen entstehen, wenn funktionell gegenüberliegende Muskeln aus dem Gleichgewicht geraten sind. Für die Ausübung einer Bewegung braucht es immer zwei unterschiedliche Arbeitsgruppen: Die einen ziehen, die anderen werden gedehnt. Läuft alles normal, befinden sich nach getaner Arbeit beide Muskelgruppen wieder in ihrem Grundtonus. Ein Muskelungleichgewicht entwickelt sich schleichend und wird von den Betroffenen erst wahrgenommen, wenn es zu schmerzhaften Ausprägungen und Bewegungseinschränkungen kommt.
Genetische und erworbene Faktoren
Genetische Fehlbildungen können ebenso in Frage kommen, wie erworbene Fehlhaltungen. Kompensationsmechanismen sind Begleiterscheinungen vieler Erkrankungen, ebenso Erkrankungen des zentralen Nervensystems und des motorischen Nervengewebes. Auch anatomische Gegebenheiten wie ein Beckenschiefstand, ungleiche Beinlängen, ein Schiefhals oder ein Rundrücken können zu muskulären Dysbalancen führen.
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Bewegungsmangel und Fehlhaltungen
Bewegungsarmut und Fehlhaltungen sind oft die Ursache dafür, dass manche Muskeln nicht mehr fähig sind, in ihren Ruhetonus zu gelangen oder erschlaffen. Langes Sitzen und monotone, unphysiologische Bewegungsabläufe bringen die Muskeln aus ihrem Gleichgewicht. Durch dieses Verhalten können auch Triggerpunkte (verhärtete Muskelknoten) entstehen.
Sportliche Aktivität
Ein häufiger Auslöser muskulärer Dysbalancen ist die unsachgemäße Ausübung von Sportarten. Günstig sind Sportarten, die den Muskelapparat möglichst vollumfänglich arbeiten lassen, wie Schwimmen, Laufen oder Radfahren. Aber auch bei diesen Disziplinen kann es zu einer Dysbalance kommen, zum Beispiel dann, wenn lediglich Brustschwimmen trainiert wird, wenn sich ein falscher Laufstil eingeschlichen hat oder der Fahrradsattel zu niedrig eingestellt ist. Sportarten mit einer einseitigen Belastung, wie zum Beispiel Fußball, Golf und Tennis, benötigen ein Ausgleichstraining, um Dysbalancen zu vermeiden. Auch beim Bodybuilding und Krafttraining besteht eine große Gefahr, dass zu einseitig trainiert wird.
Erkrankungen
Rheumatische und nervale Erkrankungen wie Morbus Bechterew und Multiple Sklerose führen zu Störungen der muskulären Balance. Unbehandelte rheumatische Gelenkschmerzen führen mit der Zeit zu Schonhaltungen und Kompensationsbewegungen und damit zu einem Muskelungleichgewicht. Anders herum kann eine Dysbalance auf Dauer die Knorpel der Gelenke schädigen, da sie nicht mehr vollumfänglich und ausgeglichen bewegt werden.
Chronische Muskelverspannungen
Chronische Muskelverspannungen können durch viel Sitzen, Fehlhaltung und Stress entstehen. Symptome sind Muskelverspannungen im Nacken, Rücken und Schultern, Spannungskopfschmerz und Bruxismus. Eine gestörte Muskelbalance, möglicher Magnesiummangel und Faszienverklebungen können die Ursache sein. Ängste und Muster erhöhen den Muskeltonus.
Stiff-Person-Syndrom
Schmerzhafte Anfälle von Muskelsteifheit und -krämpfen in Beinen und Rücken sind typische Symptome beim Stiff-Person-Syndrom. Auslöser sind Antikörper, die ein wichtiges Enzym im Gehirn angreifen: die Glutamatdecarboxylase (GAD). Das Enzym spielt eine entscheidende Rolle bei der Kontrolle der Nervenzellen. Fällt es aus, spielt das Nervensystem verrückt.
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Muskelschwäche
Muskelschwäche kann verschiedene Ursachen haben. Viele davon sind harmlos, es gibt jedoch auch eine Reihe von Krankheiten, die sich durch schwache und müde Muskeln äußern. Bewegungsmangel, Nährstoffmangel und Infektionskrankheiten können die Leistungsfähigkeit der Muskeln vorübergehend einschränken. Auch Herzerkrankungen, Blutarmut und bestimmte Stoffwechselerkrankungen können die Ursache sein.
Myotonie
Die Myotonie präsentiert sich klinisch als verzögerte Muskelrelaxation nach Ende einer willkürlichen Muskelanspannung oder als reizinduzierte tonische Kontraktion. Die im EMG nachgewiesenen myotonen Entladungsserien sind da spezifischer. Die verzögerte Muskelrelaxation nach dem Ende einer willkürlichen Muskelanspannung ist die Folge von abnormer elektrischer Aktivität der Muskelzellmembranen bei intakter elektromechanischer Kopplung. Von Patienten wird sie häufig als schmerzlose „Steifigkeit“ der betroffenen Muskeln beschrieben. Sie tritt bei einer kräftigen Muskelkontraktion vorzugsweise nach Ruhe auf und geht nach weiteren Muskelkontraktionen zurück.
Diagnostik
Um die Ursache von Muskelschmerzen zu finden, ist eine sorgfältige Diagnostik erforderlich.
Selbstdiagnose
Eine kritische Selbstbetrachtung im Spiegel oder auf Fotos kann Aufschluss darüber geben, wo eventuell haltungsbedingte muskuläre Dysbalancen lokalisiert sind. Auf dem ersten Blick nicht erkennbare Dysbalancen lassen sich am besten durch die Beobachtung bestimmter Bewegungsabläufe feststellen. Es gibt spezielle Testübungen für besonders anfällige Muskelgruppen. Einige davon kann man auch selbst durchführen. Für die Bewertung benötigt man entweder eine weitere Person oder zeichnet sich selbst auf Video auf. Es geht darum, Kompensationsbewegungen zu erkennen.
Ärztliche Untersuchung
Für die Diagnose einer muskulären Dysbalance stehen den Physiotherapeuten und Orthopäden diverse Messmethoden zur Verfügung. Scheuen Sie sich nicht, bei hartnäckigen Beschwerden über einen längeren Zeitraum, diese Hilfe in Anspruch zu nehmen. Generell sollten Sie einen Arzt oder eine osteopathische Praxis aufsuchen, wenn Muskelschmerzen länger andauern und nicht von einem Muskelkater stammen. Eventuelle Warnzeichen sollten immer ernst genommen werden. Lieber einen Termin mehr vereinbaren, als dass der Körper Schaden nimmt.
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Elektromyographie (EMG)
Bei einer Elektromyographie (EMG) wird mit feinen Untersuchungsnadeln die andauernde elektrische Aktivität in den betroffenen Muskeln gemessen. Die Untersuchung von Nervenwasser kann weitere wichtige Hinweise auf die Erkrankung geben.
Muskelbiopsie
Die histologischen Befunde einer Muskelbiopsie sind bei den Myotonien und Ionenkanalerkrankungen oft recht unspezifisch und tragen zur Diagnosefindung direkt meist wenig bei. Die Bedeutung liegt eher darin, dass bei unklaren Phänotypen oder unklarem Verlauf evtl. andere Ursachen ausgeschlossen werden können.
Molekulargenetische Untersuchung
Die molekulargenetische Untersuchung gehört heute zum Standard in der Diagnose der myotonen Dystrophie, da diese damit sowohl bestätigt als auch ausgeschlossen werden kann.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Behandlung von Muskelschmerzen richtet sich nach der Ursache.
Konservative Therapie
- Physiotherapie: Physiotherapie und gezieltes Rückentraining verbinden aktive Mobilisation mit gezielter Kräftigung der tiefen Rücken- und Nackenmuskulatur. Isometrische Haltearbeit und dosiertes Ausdauertraining verbessern die Durchblutung, senken die Schmerzempfindlichkeit und normalisieren den Muskeltonus.
- Manuelle Therapie: Durch die manuelle Therapie, also die Behandlung der Triggerpunkte und myofaszialer Schmerzen mit sanftem und gezieltem Druck, erfolgt nicht nur eine lokale Entspannung des Körpers, denn die Gesamtsituation und das Wohlbefinden verbessern sich.
- Wärme: Wärme, z. B. Thermalbäder, sollten eingesetzt werden.
- Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie Meditation, Atemübungen und Yoga helfen, Stress abzubauen und Spannungszustände in der Muskulatur zu lösen.
- Ergonomie: Nehmen Sie Ihr Umfeld aus Sicht einer physiologisch gesunden Körperhaltung kritisch unter die Lupe, besonders den Arbeitsplatz sowie die Sitz- und Schlafmöbel. Gestalten Sie Ihren Lebensstil so aktiv wie möglich. Achten Sie auf eine korrekte Haltung bei Bildschirmarbeit und sorgen Sie durch geeignete Möbel für Ergonomie am Arbeitsplatz.
- Dehnungsübungen: Sind Muskeln dauerhaft verkürzt, gilt es in erster Linie, Entspannungs- und Dehnungsübungen zu absolvieren. Die verkürzte tonische Muskulatur muss durch Dehnungsübungen gezielt gelöst werden.
- Kräftigung: Gegen abgeschwächte Muskeln hilft ein gezielt auf diese Muskeln ausgerichtetes Krafttraining. Hier sollte man professionelle Unterstützung, zum Beispiel in einem Fitnessstudio, in Anspruch nehmen. Abgeschwächte Muskeln müssen gestärkt werden. Grundsätzlich raten Orthopäden zunächst Verkürzungen (Verspannungen) zu behandeln, bevor die abgeschwächten Muskeln aufgebaut werden.
- Medikamente: Rezeptfreie Schmerzmittel wie Ibuprofen können kurzfristig helfen, ersetzen jedoch keine ursachenorientierte Therapie. Klären Sie die Einnahme ärztlich ab und lassen Sie sich in der Apotheke beraten, insbesondere bei Vorerkrankungen oder weiteren Medikamenten.
Kausale Therapie
Gegen das Stiff-Person-Syndrom helfen Medikamente, die das fehlgeleitete Immunsystem dämpfen. Zum Einsatz kommen Kortisonpräparate (zum Beispiel Prednisolon, Methylprednisolon). In akuten Fällen können auch Antikörper (intravenöse Immunglobuline) gespritzt oder per Infusion verabreicht oder eine Blutwäschebehandlung (Plasmapherese) durchgeführt werden.
Selbsthilfe
- Alltagsauslöser erkennen und entschärfen: Chronische Beschwerden entstehen oft durch unterschätzte Reize im Alltag. Lösen Sie Verspannungen zuerst über kurze Repositionen der großen Muskelgruppen wie Hüftbeuger und hintere Kette, indem Sie regelmäßig aufstehen, die Oberschenkel strecken und die Fußaußenkante aktivieren. Ergänzen Sie sanfte Kieferentlastung und Blickwechsel, damit die tonische Anspannung im Nacken nachlässt. Wärmereize und ruhige Ausatmung verbessern die lokale Durchblutung, sodass sich die Muskulatur schneller reguliert.
- Alltagstaugliche Übungen: Viele Verspannungen entstehen durch Fehlhaltungen, monotone Belastung und Stress. Um die Ursachen für Muskelverspannungen gezielt zu adressieren, kombinieren Sie kurze Übungen mit bewusster Atmung und Mikro-Pausen. Beginnen Sie mit sanften Dehnübungen für Rücken und Nacken, um die Muskulatur aufzuwärmen und den Muskeltonus zu regulieren. Mobilisieren Sie anschließend die Schulterblätter, kräftigen Sie die Rückenmuskulatur mit leichten Zugbewegungen und lösen Sie punktuelle Muskelverhärtungen mit einer langsamen Selbstmassage über Ball oder Rolle.
- Rückfallprävention: Wer Rückfälle vermeiden will, beobachtet täglich die Muskulatur und reagiert früh. Achten Sie auf hochgezogene Schultern, morgendliche Steifigkeit, tastbare Knoten und lokale Druckempfindlichkeit. Solche Signale weisen auf beginnende Muskelverhärtung oder Muskelverspannung hin. Führen Sie einen 60-Sekunden-Kurzcheck durch: Schulterbeweglichkeit prüfen, Nacken drehen, Rücken beugen. Notieren Sie Befunde in einem einfachen Wochenprotokoll.
Vorbeugung
Die besten Maßnahmen zur Vorbeugung lassen sich aus den häufigsten Ursachen für ein Muskelungleichgewicht ableiten.
- Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige Bewegung und Forderung aller Muskelgruppen sind die besten Maßnahmen zur Vorbeugung. Es gibt Sportarten, die nahezu sämtliche Muskeln fordern, wie Schwimmen oder ein ausgewogenes Krafttraining, und es gibt einseitig fordernde Sportarten. Bei diesen Sportarten muss man unbedingt für einen muskulären Ausgleich sorgen.
- Korrekte Ausführung von Bewegungen: Es ist egal, welche Sportart man ausübt, ob man läuft, Yoga macht oder Bodybuilding. Wenn die Haltungen und Bewegungsabläufe nicht physiologisch korrekt durchgeführt werden, schadet man seinen Muskeln mehr, als dass sie davon profitieren. Es lohnt sich immer, als Anfänger einer neuen Sportart, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Dies ist besonders bei Kraftsportarten Pflicht!
- Aufwärmen und Abwärmen: Ein Auf- und Abwärmen der Muskeln bei jedem Training ist wichtig.
- Ergonomie: Nehmen Sie Ihr Umfeld aus Sicht einer physiologisch gesunden Körperhaltung kritisch unter die Lupe, besonders den Arbeitsplatz sowie die Sitz- und Schlafmöbel.
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