Muttersein mit Epilepsie: Risiken und Möglichkeiten

Die Entscheidung für oder gegen ein Kind ist für jede Frau eine persönliche und oft herausfordernde Frage. Für Frauen mit chronischen Erkrankungen, wie Epilepsie, kommen zusätzliche Überlegungen und Ängste hinzu. Dieser Artikel beleuchtet die Risiken einer Schwangerschaft mit Epilepsie, gibt aber auch Mut und zeigt Wege auf, wie betroffene Frauen ihren Kinderwunsch sicher und informiert verwirklichen können.

Historischer Kontext: Von Entmündigung zu Aufklärung

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die Einstellung zu Epilepsie und Mutterschaft einem deutlichen Wandel unterzogen war. Noch vor rund 100 Jahren wurden Epileptikern pauschal Ehe und Kinderwunsch untersagt. Der Berliner Arzt Dr. Friedlaender argumentierte in seiner Abhandlung »Die Epilepsie: Ihr Wesen und ihre moderne Behandlung«, dass aufgrund der vermeintlichen Erblichkeit und Schwere der Erkrankung ein Eheverbot für Epileptiker unerlässlich sei. Erschreckend ist dabei nicht nur die inhaltliche Fehleinschätzung aus heutiger Sicht, sondern auch die Entmündigung und Stigmatisierung der Betroffenen. Epilepsie wurde mit kriminellen Neigungen, Suchtverhalten und verminderter Intelligenz in Verbindung gebracht.

Glücklicherweise hat sich das Bild gewandelt. Moderne Medizin und Forschung haben zu einem besseren Verständnis der Epilepsie geführt und ermöglichen es den meisten betroffenen Frauen, ein weitgehend normales Leben zu führen, inklusive Schwangerschaft und Mutterschaft.

Risiken und Minimierung durch Planung

Trotz des Fortschritts ist es wichtig, sich der potenziellen Risiken einer Schwangerschaft mit Epilepsie bewusst zu sein. Zu dem allgemeinen Fehlbildungsrisiko von 2-4 % bei Schwangerschaften ohne Epilepsie kommt bei Epilepsie-Patientinnen ein zusätzliches, variables Risiko hinzu. Dieses Risiko hängt von verschiedenen Faktoren ab:

  • Art der Epilepsie: Einige Epilepsieformen sind stärker mit Risiken verbunden als andere.
  • Anfallshäufigkeit: Unkontrollierte Anfälle während der Schwangerschaft können sowohl für die Mutter als auch für das Kind gefährlich sein.
  • Art und Dosis der eingenommenen Antiepileptika: Bestimmte Medikamente bergen ein höheres Risiko für Fehlbildungen als andere.

Die gute Nachricht: Eine geplante Schwangerschaft ermöglicht es, diese zusätzlichen Risiken zu minimieren. Durch eine frühzeitige und umfassende Beratung mit dem behandelnden Neurologen und Gynäkologen können folgende Maßnahmen ergriffen werden:

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  • Umstellung auf Monotherapie: Ideal ist eine Umstellung auf ein einzelnes Medikament (Monotherapie), idealerweise mit Lamotrigin oder Levetiracetam, bereits 1 bis 1,5 Jahre vor der geplanten Schwangerschaft.
  • Vermeidung von Valproat: Valproat sollte, wenn immer möglich, vermieden werden, da es mit einem erhöhten Risiko für Fehlbildungen assoziiert ist. In seltenen Fällen, in denen Valproat unverzichtbar ist, sollte die Tagesdosis 600 mg nicht überschreiten.
  • Folsäureeinnahme: Die zusätzliche Einnahme von 5 mg Folsäure vor Eintritt der Schwangerschaft und im ersten Trimenon kann das Risiko von Neuralrohrdefekten verringern.
  • Anfallskontrolle: Oberstes Ziel ist es, eine gute Anfallskontrolle vor und während der Schwangerschaft zu erreichen.

Medikamentöse Behandlung während der Schwangerschaft

Viele Frauen mit Epilepsie sind auf Antiepileptika angewiesen, um ihre Anfälle zu kontrollieren. Die Frage, welche Medikamente während der Schwangerschaft sicher sind, ist daher von großer Bedeutung.

Einige ältere Antiepileptika, wie Valproinsäure, Carbamazepin, Phenobarbital oder Phenytoin, sind bekanntermaßen mit einem erhöhten Risiko für Fehlbildungen verbunden und sollten vermieden werden. Neuere Antiepileptika wie Lamotrigin und Levetiracetam gelten als sicherer.

Es ist wichtig zu betonen, dass die antiepileptische Medikation während der Schwangerschaft nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt unterbrochen werden sollte, da unkontrollierte Anfälle ebenfalls ein Risiko für das Kind darstellen können.

Das deutsche Schwangerschaftsregister für Schwangerschaften unter Antiepileptika (GRAPE) und das internationale Register EURAP sammeln Daten und vergleichen die Sicherheit verschiedener Antiepileptika für das ungeborene Kind. Diese Forschung hat dazu beigetragen, den Anteil der fehlgebildeten Kinder in den letzten 20 Jahren deutlich zu reduzieren.

Weitere wichtige Aspekte

  • Vererbung: Das Risiko einer Vererbung der Epilepsie wird oft überschätzt. Mehr als 95 % der Kinder von Eltern mit Epilepsie erkranken nicht daran.
  • Sexualität und Schwangerschaft: Spätestens mit Beginn der Pubertät sollte der behandelnde Kinder-Epileptologe mit der Patientin über Sexualität und Schwangerschaft sprechen. Dieser Gesprächsfaden wird nach dem Übergang zum Erwachsenenmediziner vom weiter behandelnden Epileptologen aufgegriffen.
  • Ultraschallfeindiagnostik: Eine Ultraschallfeindiagnostik ab der 12. Schwangerschaftswoche kann helfen, mögliche Fehlbildungen abzuschätzen.
  • Serumspiegelkontrolle: Bei einigen Antiepileptika ist es ratsam, den Serumspiegel kontrollieren zu lassen.
  • Natürliche Geburt: Eine natürliche Geburt ist grundsätzlich auch für Epileptikerinnen möglich. Ein Kaiserschnitt ist in der Regel nur bei häufigen Anfällen in der Schwangerschaft, großen Anfällen oder vielen kleinen Anfällen während der Geburt erforderlich.
  • Stillen: Alle Antiepileptika gehen in unterschiedlichem Ausmaß in die Muttermilch über. Stillen ist nach Rücksprache mit dem Neurologen und dem Kinderarzt erlaubt. Es wird jedoch geraten, abzustillen, wenn die Mutter an ausgeprägter Müdigkeit leidet oder wenn das Kind eine Trinkschwäche hat oder unzureichend an Gewicht zunimmt.

Begleitende Erkrankungen und Medikamente

Neben der Epilepsie selbst können auch andere chronische Erkrankungen und die damit verbundene Medikation eine Rolle bei der Planung einer Schwangerschaft spielen.

  • Depressionen: Frauen mit Depressionen sollten ihre Antidepressiva unbedingt weiternehmen. In Absprache mit dem Psychiater kann die Dosis angepasst oder ein anderes Mittel gewählt werden.
  • Diabetes: Frauen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten, Fehlbildungen beim Baby und für eine Schwangerschaftsvergiftung, wenn der Blutzuckerspiegel schlecht eingestellt ist. Eine gute Blutzuckereinstellung vor und während der Schwangerschaft ist daher entscheidend.
  • Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED): Für Frauen mit CED und Kinderwunsch ist es günstig, schwanger zu werden, wenn die Krankheit in Remission ist. Viele Medikamente zur Behandlung von CED können während der Schwangerschaft weiter eingenommen werden.
  • Schmerzen: Bei starken Schmerzen in der Schwangerschaft können bestimmte Schmerzmedikamente eingesetzt werden. Opioide/Opiate können beim Neugeborenen zu vorübergehenden Entzugssymptomen führen und müssen daher nach der Geburt für eine gewisse Zeit überwacht werden.
  • Atemwegserkrankungen: Schwangere mit Atemwegserkrankungen sollten ihre Therapie konsequent fortsetzen. Atemübungen können bei Luftnot helfen.

Parentifizierung und die Auswirkungen auf die Mutterrolle

Ein weiterer Aspekt, der bei Frauen mit chronischen Erkrankungen eine Rolle spielen kann, ist die sogenannte Parentifizierung. Parentifizierung beschreibt eine Rollenumkehr in der Kindheit, bei der Kinder Aufgaben und Verantwortung übernehmen, die eigentlich den Eltern zukommen. Dies kann dazu führen, dass die Betroffenen Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und sich um sich selbst zu kümmern, was sich wiederum auf ihre Fähigkeit auswirken kann, eine liebevolle und unterstützende Mutter zu sein.

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Fazit: Mut zur Mutterschaft mit Epilepsie

Epilepsie ist heutzutage nur selten ein Grund, der gegen eine Schwangerschaft spricht. Durch eine gute Planung, eine individuelle Anpassung der Medikation und eine engmaschige Betreuung durch Neurologen und Gynäkologen können die Risiken minimiert und eine gesunde Schwangerschaft und Geburt ermöglicht werden.

Es ist wichtig, sich von Vorurteilen und Ängsten nicht entmutigen zu lassen und sich umfassend zu informieren und beraten zu lassen. Viele Frauen mit Epilepsie erleben eine erfüllte Mutterschaft und sind in der Lage, ihren Kindern ein liebevolles und stabiles Zuhause zu bieten.

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