Myasthenia Gravis: Krankengymnastikübungen und ihre Bedeutung

Myasthenia gravis (MG) ist eine seltene Autoimmunerkrankung, die durch eine gestörte Kommunikation zwischen Nerven und Muskeln gekennzeichnet ist. Dies führt zu einer belastungsabhängigen Ermüdbarkeit der Muskeln, was die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Glücklicherweise gibt es verschiedene Therapieansätze, darunter medikamentöse Behandlungen und Physiotherapie, die dazu beitragen können, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.

Was ist Myasthenia Gravis?

Myasthenia gravis bedeutet übersetzt „schwere Muskelschwäche“. Es handelt sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise Antikörper gegen bestimmte Rezeptoren an den Muskelzellen produziert. In den meisten Fällen richten sich diese Antikörper gegen den Acetylcholin-Rezeptor (AChR), der für die Übertragung von Nervenimpulsen auf die Muskeln verantwortlich ist. Durch die Blockierung oder Zerstörung dieser Rezeptoren wird die normale Übertragung der Nervenimpulse gestört, was zu einer unzureichenden Kontraktion der Muskeln führt.

Die Erkrankung kann in jedem Alter auftreten, wird jedoch häufiger bei Frauen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren und bei Männern ab dem 50. Lebensjahr diagnostiziert. Schätzungen zufolge sind in Deutschland etwa 8.000 bis 12.000 Menschen von Myasthenia gravis betroffen.

Symptome von Myasthenia Gravis

Das Hauptsymptom von Myasthenia gravis ist eine Muskelerschlaffung oder -schwäche, die sich typischerweise im Laufe des Tages oder nach Anstrengung verschlimmert und durch Ruhe gelindert wird. Zu den häufig betroffenen Muskelgruppen gehören:

  • Augenmuskeln (okuläre Myasthenie): Dies führt zu hängenden Augenlidern (Ptosis) und Doppelbildern (Diplopie).
  • Gesichtsmuskeln: Patienten können Schwierigkeiten haben zu sprechen (Dysarthrie), zu kauen oder zu schlucken (Dysphagie).
  • Arme und Beine: Muskelschwäche in den Extremitäten kann zu Problemen bei alltäglichen Aktivitäten führen, wie Gehen, Treppensteigen oder das Halten von Gegenständen.
  • Atemmuskulatur: In schweren Fällen kann es zu einer Schwäche der Atemmuskulatur kommen, was eine lebensbedrohliche Situation darstellen kann (myasthene Krise).

Die Symptome können von Person zu Person sehr unterschiedlich sein und hängen von der Schwere und Ausbreitung der Erkrankung ab. Stress kann die Symptome verschlechtern.

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Die Rolle der Physiotherapie bei Myasthenia Gravis

Die Physiotherapie spielt eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Myasthenia gravis, insbesondere in der langfristigen Betreuung und Rehabilitation. Sie dient dazu, die Muskelkraft zu verbessern, die Beweglichkeit zu erhalten und alltägliche Funktionsfähigkeiten zu stärken, ohne die Muskeln übermäßig zu belasten. Physiotherapeutische Ansätze bei MG müssen sorgfältig abgestimmt werden, da zu intensive körperliche Aktivitäten die Symptome verschlimmern können.

Ziele der Physiotherapie

Die Ziele der Physiotherapie bei Myasthenia gravis sind vielfältig:

  • Verbesserung der Muskelkraft: Durch gezielte Übungen wird die allgemeine Muskelkraft erhalten oder verbessert, ohne eine Überanstrengung zu riskieren. Es wird darauf geachtet, dass die Patienten lernen, ihre Grenzen zu erkennen und Pausen einzulegen, wenn es notwendig ist.
  • Förderung der Atemmuskulatur: Atemübungen und Atemtherapien sind von großer Bedeutung, insbesondere bei Patienten, die eine Beeinträchtigung der Atemmuskulatur zeigen. Atemtechniken wie die diaphragmale Atmung oder die Nutzung von Atemtrainingsgeräten können helfen, die Atemfunktion zu unterstützen.
  • Verbesserung der Ausdauer: Mit leichten, aerobischen Übungen, wie z.B. Spazierengehen oder Schwimmen, kann die allgemeine Ausdauer verbessert werden. Hierbei ist eine moderate Intensität entscheidend, um Überanstrengung zu vermeiden.
  • Erhalt der Gelenkbeweglichkeit und Bewegungskoordination: Passive und aktive Dehnungsübungen sowie Koordinationstraining sind wichtig, um die Beweglichkeit der Gelenke zu fördern und die Koordination der Bewegungen zu verbessern.
  • Medikamentöse Nebenwirkungen zu vermindern
  • Bewegungs- und Funktionsfähigkeit des menschlichen Körpers wiederherzustellen, zu verbessern oder zu erhalten

Methoden in der Physiotherapie

Verschiedene Methoden kommen in der Physiotherapie bei Myasthenia gravis zum Einsatz:

  • Individuelle Übungsprogramme: Da die Symptomatik von Patient zu Patient unterschiedlich ist, wird ein maßgeschneidertes Programm erstellt. Dabei werden die aktuellen Muskeldefizite und die allgemeine Fitness des Patienten berücksichtigt.
  • Elektrische Muskelstimulation (EMS): Bei stark geschwächten Muskeln kann die elektrische Muskelstimulation zum Einsatz kommen. Diese soll die Muskulatur aktivieren und zu stärken, ohne die Gelenke und Muskeln übermäßig zu belasten.
  • Hydrotherapie: Wasserbasierte Übungen, wie sie in der Hydrotherapie verwendet werden, bieten eine gelenkschonende Möglichkeit, die Muskelkraft und Ausdauer zu verbessern, da das Wasser den Körper unterstützt und gleichzeitig sanften Widerstand bietet.
  • Posturales Training: Da viele Patienten mit MG unter Haltungsstörungen aufgrund der Muskelschwäche leiden, wird ein spezielles posturales Training durchgeführt, um die Körperhaltung zu verbessern und Fehlbelastungen zu vermeiden.
  • Neurophysiologische Methoden: Diese fördern gezielt das Zusammenspiel zwischen Nerven und Muskeln.
  • Manuelle Lymphdrainage: Mit sanften Mobilisationstechniken werden Verspannungen gelöst und Gelenkfunktionen verbessert.
  • Manuelle Therapie: Hier werden reversible Funktionsstörungen am Bewegungsapparat untersucht und behandelt.

Sportliche Betätigung bei Myasthenia Gravis

Grundsätzlich sind die meisten Sportarten auch für Myasthenie-Patientinnen möglich. Myasthenie-Patientinnen mit milder und stabiler Erkrankung können allgemeine Empfehlungen zu Bewegung befolgen. Ein Training von Kraft und Ausdauer kann durchgeführt werden. Prof. Dr. weist darauf hin, dass die richtige Sportart vor allem die ist, die dem Betroffenen Spaß macht. Wer sich nur widerwillig bewegt, bleibt zumeist nicht dabei - und dann lässt sich kein dauerhafter Effekt erreichen.

Es ist jedoch wichtig, dass sich Menschen mit Myasthenia gravis unabhängig von der Sportart an bestimmte Prinzipien halten:

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  • Training nicht bis zur Erschöpfung: Im Gegensatz zu gesunden Menschen, die oft bis zur Ermüdung trainieren, sollten Myasthenie-Patienten dies vermeiden. Wenn Myasthenie-Patienten in die Erschöpfung trainieren, sind sie auch am Tag danach noch erschöpft - ohne dabei einen Trainingseffekt erzielt zu haben.
  • Grenzen der Belastbarkeit finden: Es ist wichtig, die eigene Belastungsgrenze zu kennen und das Training entsprechend anzupassen.
  • Kraft-Ausdauer-Training: Was diese Patienten brauchen, fällt unter den Begriff Kraft-Ausdauer-Training. Und dazu gehören natürlich auch Übungen, die darauf abzielen, die Muskelkraft zu erhöhen. Auch das geht bei Myasthenia gravis, wenn dazwischen Pausen eingelegt werden.
  • Pausen einlegen: Sowohl beim Kraft- als auch beim Ausdauertraining sollten ausreichend Pausen eingelegt werden. Sinnvoll sind z. B. vier Serien mit jeweils drei Belastungen und dazwischen eine ganz kurze Pause - und vor der nächsten Übung eine längere Pause.
  • Tagesform berücksichtigen: Die Beschwerden bei Myasthenie sind nicht jeden Tag gleich. An einem schlechten Tag sollte das Training auch mal ausfallen dürfen, sonst ist Frust vorprogrammiert.
  • Trainingsphasen auf Pyridostigmin-Einnahme abstimmen: Das Arzneimittel verbessert die Muskelkraft für einige Stunden, bevor die Wirkung wieder nachlässt.

Eine Studie aus dem Jahr 2011 untersuchte die Belastungsintensitäten für ein Ausdauer- und Krafttraining bei Patienten mit Myasthenia gravis. Die Ergebnisse zeigten, dass Patienten mit generalisierter MG im Osserman II Stadium unter medikamentöser Einstellung vergleichbare neuromuskuläre Ermüdungserscheinungen und Lungenvolumina bei einer reduzierten Ausdauerleistungsfähigkeit gegenüber einer gesunden Kontrollgruppe zeigten. Ein Ausdauertraining bis 4 mmol/L Laktatkonzentration und ein Kraftausdauertraining 60 % Intensitätsbereich kann als Trainingsempfehlung dienen.

Die Rolle des Physiotherapeuten

Der Physiotherapeut arbeitet eng mit dem Patienten zusammen, um eine Balance zwischen körperlicher Aktivität und Ruhephasen zu finden. Gemeinsam mit Ihnen erfassen Physiotherapeut*innen Ihre aktuelle Situation. Dabei werden Ihre individuellen Lebensbereiche mit Ihren Schwierigkeiten und Ressourcen betrachtet. Physiotherapeutische Untersuchungen, u. a. Funktions- und Krafttests, werden durchgeführt. Eine genaue Überwachung der Fortschritte ist entscheidend, um das Therapieprogramm kontinuierlich anzupassen und die Belastung optimal zu steuern. Der Patient wird auch im Umgang mit den alltäglichen Herausforderungen geschult, z. B. wie man Tätigkeiten wie Treppensteigen, Gehen oder das Heben von Gegenständen energiesparend durchführt.

Ernährung bei Myasthenia Gravis

Es gibt keine speziellen Ernährungsempfehlungen bei Myasthenia gravis. Prof. Dr. betont, dass es wichtig ist, sich so zu ernähren, dass kein massives Übergewicht entsteht. Wenn Übergewicht und wenig Muskelkraft zusammenkommen, müssen Gelenke und Bänder z. B. an der Wirbelsäule noch mehr abfangen. Bei manchen Betroffenen, die beispielsweise Pyridostigmin im Magen-Darm-Trakt schlecht vertragen, kann es ebenfalls hilfreich sein, die Ernährung unter die Lupe zu nehmen. Auch bei einer Kortison-Therapie sollte auf die Ernährung geachtet werden: Unter Kortison kann es zu erhöhtem Blutzucker kommen.

Es gibt keinerlei wissenschaftliche Daten, die belegen, dass die Einnahme irgendwelcher Vitamine oder Spurenelemente sinnvoll ist, wenn kein Mangel nachgewiesen ist.

Manche Patienten bemerken nach dem Konsum von Alkohol, dass die Atmung etwas schlechter oder die Beine schwerer werden. Andere Patienten können ganz problemlos ein oder zwei Gläser Wein trinken.

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