Autoimmunerkrankungen sind dadurch gekennzeichnet, dass das Immunsystem körpereigene Strukturen angreift. Obwohl sie unterschiedliche Organe und Systeme betreffen, gibt es Hinweise auf gemeinsame Mechanismen und potenzielle Zusammenhänge zwischen verschiedenen Autoimmunerkrankungen. Dieser Artikel beleuchtet mögliche Verbindungen zwischen Myasthenia gravis (MG), einer neuromuskulären Erkrankung, und Morbus Crohn, einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung (CED).
Myasthenia gravis: Eine neuromuskuläre Autoimmunerkrankung
Myasthenia gravis ist eine seltene Autoimmunerkrankung, die durch eine Störung der neuromuskulären Übertragung gekennzeichnet ist. Dies führt zu einer belastungsabhängigen Muskelschwäche und schneller Ermüdbarkeit. Die Muskelschwäche tritt asymmetrisch auf und kann einzelne oder mehrere Muskeln betreffen.
Ursachen und Pathogenese
Bei der Myasthenia gravis bildet das Immunsystem Abwehrstoffe (Autoantikörper) gegen Eiweiße oder Proteine auf der Zelloberfläche im Bereich des Nerven-Muskel-Kontakts. In den meisten Fällen richten sich diese Autoantikörper gegen den Acetylcholinrezeptor (AChR), aber auch gegen andere Proteine, die funktionell mit dem AChR in Verbindung stehen. Die Bindung der Autoantikörper an den AChR führt zu einer Entkopplung der neuromuskulären Verbindung im Bereich der postsynaptischen Membran. Dies führt zu einer verminderten Anzahl funktionierender AChR und einer Störung der Reizweiterleitung vom Nerv auf die Muskelzelle.
Die Ursache der Myasthenia gravis ist unklar. Es wird vermutet, dass eine Überaktivierung des Immunsystems eine Rolle spielt. Eine Aktivierung von Entzündungszellen über die bakterielle Flora im Darm könnte ebenfalls eine Ursache sein. Die dichte Besiedlung von Immunzellen in der Darmschleimhaut führt zu einem ständigen Reiz des Immunsystems durch den Kontakt mit Darmbakterien. Eine veränderte bakterielle Darmflora könnte somit eine Autoimmunerkrankung auslösen oder aufrechterhalten.
Symptome und Diagnose
Charakteristisches Symptom der Myasthenia gravis ist eine Muskelschwäche, die sich vor allem bei körperlicher Betätigung verstärkt. Die Erkrankung beginnt meist mit okulären Symptomen (Augensymptomen), die sich in einer belastungsabhängigen Muskelschwäche der äußeren Augenmuskeln äußern. In etwa 10-20 % der Fälle bleibt es bei dieser rein okulären Form. Bei den meisten Patienten kommt es jedoch innerhalb von zwei Jahren zu einer Generalisierung der Erkrankung, bei der zusätzlich Gesichts-, Schlund-, Hals-/Nacken- und Skelettmuskulatur betroffen sind.
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Die Diagnose der Myasthenia gravis basiert auf der Anamnese, der klinischen Untersuchung und verschiedenen Tests, wie z.B. dem Tensilon-Test, der Elektromyographie (EMG) und dem Nachweis von Autoantikörpern gegen den AChR oder andere Proteine der neuromuskulären Endplatte.
Therapie
Die Therapie der Myasthenia gravis zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Zu den wichtigsten Therapieoptionen gehören:
- Cholinesterasehemmer: Diese Medikamente erhöhen die Verfügbarkeit von Acetylcholin an der neuromuskulären Endplatte, indem sie den Abbau von Acetylcholin hemmen.
- Immunsuppressiva: Diese Medikamente unterdrücken die Aktivität des Immunsystems und reduzieren die Bildung von Autoantikörpern. Zu den häufig verwendeten Immunsuppressiva gehören Kortikosteroide, Azathioprin und Mycophenolatmofetil.
- Thymektomie: Die operative Entfernung des Thymus kann bei Patienten mit einem Thymom oder einer generalisierten Myasthenia gravis sinnvoll sein.
- Plasmapherese und intravenöse Immunglobuline (IVIG): Diese Behandlungen können in akuten Krisensituationen oder bei Patienten, die nicht ausreichend auf andere Therapien ansprechen, eingesetzt werden.
Morbus Crohn: Eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung
Morbus Crohn ist eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung (CED), die durch eine segmentale Entzündung der Darmwand gekennzeichnet ist. Die Entzündung kann jeden Abschnitt des Verdauungstrakts betreffen, vom Mund bis zum After, tritt aber am häufigsten im Ileum (Krummdarm) und im Kolon (Dickdarm) auf.
Ursachen und Pathogenese
Die genauen Ursachen von Morbus Crohn sind nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung, Umweltfaktoren und einer gestörten Immunantwort auf die Darmflora eine Rolle spielt.
Bei Morbus Crohn kommt es zu einer chronischen Aktivierung des Immunsystems in der Darmwand. Diese Aktivierung führt zu einer Entzündung, die die Darmwand schädigen und zu verschiedenen Komplikationen führen kann.
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Symptome und Diagnose
Die Symptome von Morbus Crohn können je nach betroffenem Darmabschnitt und Schweregrad der Entzündung variieren. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Bauchschmerzen
- Durchfall
- Gewichtsverlust
- Fieber
- Müdigkeit
- Blut im Stuhl
Die Diagnose von Morbus Crohn basiert auf der Anamnese, der klinischen Untersuchung, verschiedenen bildgebenden Verfahren (z.B. Koloskopie, Ileoskopie, MRT) und der histologischen Untersuchung von Gewebeproben aus der Darmwand.
Therapie
Die Therapie von Morbus Crohn zielt darauf ab, die Entzündung zu reduzieren, die Symptome zu lindern und Komplikationen zu verhindern. Zu den wichtigsten Therapieoptionen gehören:
- Aminosalicylate: Diese Medikamente wirken entzündungshemmend und werden häufig bei leichten bis mittelschweren Formen von Morbus Crohn eingesetzt.
- Kortikosteroide: Diese Medikamente wirken stark entzündungshemmend und werden häufig zur Behandlung von akuten Schüben von Morbus Crohn eingesetzt.
- Immunsuppressiva: Diese Medikamente unterdrücken die Aktivität des Immunsystems und werden häufig zur langfristigen Behandlung von Morbus Crohn eingesetzt. Zu den häufig verwendeten Immunsuppressiva gehören Azathioprin, 6-Mercaptopurin und Methotrexat.
- Biologika: Diese Medikamente sind gentechnisch hergestellte Antikörper, die spezifische Entzündungsmediatoren im Körper blockieren. Zu den häufig verwendeten Biologika gehören TNF-alpha-Inhibitoren (z.B. Infliximab, Adalimumab) und Integrin-Inhibitoren (z.B. Vedolizumab).
- Chirurgie: Eine Operation kann erforderlich sein, um Komplikationen von Morbus Crohn zu behandeln, wie z.B. Fisteln, Stenosen oder Abszesse.
Mögliche Zusammenhänge zwischen Myasthenia gravis und Morbus Crohn
Obwohl Myasthenia gravis und Morbus Crohn unterschiedliche Organe betreffen, gibt es einige Hinweise auf mögliche Zusammenhänge zwischen den beiden Erkrankungen:
- Gemeinsame genetische Faktoren: Studien haben gezeigt, dass bestimmte genetische Varianten, insbesondere im Bereich des Haupthistokompatibilitätskomplexes (MHC), sowohl mit Myasthenia gravis als auch mit Morbus Crohn assoziiert sind. Dies deutet darauf hin, dass eine genetische Prädisposition das Risiko für beide Erkrankungen erhöhen kann. Zwischen der MHC-Ausstattung einer Person, d.h. den HLA Genen und verschiedenen autoimmunen Erkrankungen bestehen Assoziationen.
- Gestörte Immunregulation: Sowohl bei Myasthenia gravis als auch bei Morbus Crohn liegt eine gestörte Immunregulation vor. Bei beiden Erkrankungen kommt es zu einer Aktivierung von Auto- bzw. autoreaktiven T- und B-Zellen, die körpereigene Strukturen angreifen. Ein Mangel an Toleranz gegen Selbst und ein Defekt in der Elimination und Kontrolle von gegen Selbst reagierende Lymphozyten sind fundamentale Kriterien der autoimmune Erkrankungen. Aus dem pathogenetischen Blickwinkel sind autoimmune Erkrankungen durch die chronische Aktivierung des Immunsystems, die zu einer Entzündung von Gewebe führt, charakterisiert.
- Rolle der Darmflora: Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass die Zusammensetzung der Darmflora eine wichtige Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf von Autoimmunerkrankungen spielt. Eine veränderte bakterielle Darmflora (Dysbiose) könnte sowohl bei Myasthenia gravis als auch bei Morbus Crohn zu einer Überaktivierung des Immunsystems und einer Entzündung führen. Die dichte Besiedlung von Immunzellen in der Darmschleimhaut führt zu einem ständigen Reiz des Immunsystems durch den Kontakt mit Darmbakterien. Eine veränderte bakterielle Darmflora könnte somit eine Autoimmunerkrankung auslösen oder aufrechterhalten.
- Erhöhtes Krebsrisiko: Studien haben gezeigt, dass Patienten mit bestimmten Autoimmunerkrankungen, darunter auch Myasthenia gravis und Morbus Crohn, ein erhöhtes Risiko für bestimmte Krebsarten haben. Dies könnte mit der chronischen Entzündung und der immunsuppressiven Therapie zusammenhängen. So haben zum Beispiel Patienten, die an Myasthenia gravis leiden, ein fast dreifach erhöhtes Risiko für Speiseröhrenkrebs. Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, systemischen Lupus erythematodes und Psoriasis brachten die Forscher mit mehreren Krebsarten des Verdauungstraktes in Verbindung. Eine mögliche Ursache für die beobachteten Korrelationen sehen die Forscher in der Medikation der Patienten. So könne eine Behandlung mit immunsuppressiven Arzneimitteln das Krebsrisiko erhöhen.
- Gemeinsame Therapieansätze: In einigen Fällen werden bei Myasthenia gravis und Morbus Crohn ähnliche Medikamente eingesetzt, wie z.B. Kortikosteroide und Immunsuppressiva. Dies deutet darauf hin, dass es gemeinsame Signalwege und Entzündungsmechanismen geben könnte, die durch diese Medikamente beeinflusst werden.
Checkpoint-Hemmer und Autoimmunerkrankungen
Checkpoint-Hemmer sind Medikamente, die in der Krebstherapie eingesetzt werden, um die Bremsen des Immunsystems zu lösen und die Immunantwort gegen Tumorzellen zu verstärken. Allerdings können Checkpoint-Hemmer auch Autoimmunreaktionen auslösen oder verstärken, da sie die Toleranz des Immunsystems gegenüber körpereigenen Strukturen beeinträchtigen können.
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Bisherige Studien deuten darauf hin, dass Krebspatienten, die bereits vor Therapiebeginn eine Autoimmunerkrankung hatten, unter Immun-Checkpoint-Hemmern etwas häufiger immunvermittelte Nebenwirkungen (irAEs) entwickeln. Diese irAEs können entweder ein "Aufflackern" (Flare) der bereits bestehenden Erkrankung oder auch eine neu auftretende Autoimmunreaktion sein. Es gibt inzwischen aber erste, in der Regel kleine Auswertungen auch zur Behandlung von Betroffenen mit potenziell lebensbedrohlichen Autoimmunerkrankungen wie einer Myasthenia gravis oder entzündlichen Autoimmunerkrankungen des Darmtraktes.
Ob Flares oder immunvermittelte Nebenwirkungen auftreten, hängt grundsätzlich davon ab, an welcher Krebserkrankung Betroffene erkrankt sind, an welcher Autoimmunerkrankung sie leiden und/oder mit welchen Checkpoint-Inhibitoren sie behandelt werden.
Die bisherigen Daten zeigen, dass eine Autoimmunerkrankung oder eine immunvermittelte entzündliche Erkrankung (IMID) in der Vorgeschichte nicht automatisch eine Kontraindikation für eine Behandlung mit Checkpoint-Hemmern darstellt - insbesondere, wenn die Erkrankung gut unter Kontrolle ist, keine gleichwertigen Alternativen zur Verfügung stehen und keine lebensbedrohlichen Konsequenzen zu befürchten sind.
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