Myasthenia gravis, in Deutschland oft einfach nur Myasthenie genannt, ist eine Autoimmunerkrankung, die durch eine Störung der Kommunikation zwischen Nerven und Muskeln gekennzeichnet ist. Diese Störung führt zu einer belastungsabhängigen Muskelschwäche, die sich im Laufe des Tages verstärken kann. Die Erkrankung ist vergleichsweise selten, aber dank moderner Behandlungsmöglichkeiten ist der Verlauf in der Regel günstig.
Was ist Myasthenia gravis?
Die Myasthenia gravis ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das körpereigene Immunsystem fälschlicherweise Rezeptoren und Enzyme angreift, die für die Kommunikation zwischen Nervenzellen und Muskeln wichtig sind. Normalerweise dienen Autoantikörper (AAk) dazu, Viren oder Bakterien abzuwehren, aber bei Autoimmunerkrankungen richten sie sich gegen den eigenen Körper.
Die Erkrankung führt zu einer Störung der Reizübertragung, die normalerweise die Muskelspannung aktiviert und aufrechterhält (neuromuskuläre Übertragung). Dies resultiert in einer belastungsabhängigen Muskelschwäche, wobei die Symptome sich bei Belastung verstärken und in Ruhephasen wieder lindern können.
Ursachen und Risikofaktoren
Die genauen Ursachen der Myasthenia gravis sind, wie bei vielen Autoimmunerkrankungen, noch nicht abschließend geklärt. Es gibt jedoch verschiedene Faktoren, die eine Rolle spielen könnten:
- Autoimmunreaktion: Die Hauptursache ist eine fehlgesteuerte Reaktion des Immunsystems, bei der Antikörper gegen Bestandteile der neuromuskulären Endplatte gebildet werden. Diese Antikörper blockieren oder verändern die Andockstellen (Rezeptoren) für den Botenstoff Acetylcholin, der für die Steuerung der Muskulatur wesentlich ist.
- Thymusdrüse: Eine besondere Rolle wird einer Fehlfunktion des Thymus zugeschrieben. Die Thymusdrüse, die hinter dem Brustbein liegt, ist an der Bildung von Immunzellen beteiligt. Bei vielen Patientinnen und Patienten mit Myasthenie ist die Thymusdrüse vergrößert und überaktiv. In einigen Fällen kann die Entfernung der Thymusdrüse (Thymektomie) zur Besserung der Symptome führen. Eine vergrößerte Thymusdrüse kann auch ein Anzeichen für einen Thymus-Tumor (Thymom) sein. Bei Patientinnen und Patienten mit Myasthenie findet sich bei 10 - 15 % der Betroffenen ein Thymom.
- Genetische Veranlagung: Es gibt eine genetische Veranlagung für Autoimmunerkrankungen, aber die Myasthenia gravis selbst ist nicht direkt erblich. Nur etwa 4-7 % der Erkrankungsfälle sind mit einer familiären Häufung assoziiert.
- Hormonelle Einflüsse: Bestimmte Hormone wie Östrogene oder Progesteron könnten das Risiko einer Myasthenia gravis erhöhen oder die Erkrankung beeinflussen. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, insbesondere bei frühem Krankheitsbeginn. Einige Frauen berichten von einer Verschlechterung der Symptome kurz vor der Menstruation.
- Weitere Autoimmunerkrankungen: Myasthenia gravis tritt häufig bei Patientinnen und Patienten auf, die bereits an einer anderen Autoimmunerkrankung leiden, zum Beispiel an rheumatoider Arthritis, systemischem Lupus erythematodes und Erkrankungen mit Überaktivität der Schilddrüse (autoimmune Hyperthyreose), wie etwa Hashimoto-Thyreoiditis.
- Auslöser: Verschiedene Auslöser können eine Myasthenia gravis verursachen oder ihre Ausprägung verschlimmern, bis hin zu einem Schub (myasthene Krise). Häufige Auslöser sind Infektionskrankheiten, seelische Belastungen, Schlafmangel, Alkoholkonsum, Fieber sowie grippale Infekte. Bestimmte Medikamente können ebenfalls die Symptome verstärken.
Die Rolle von Acetylcholin und der neuromuskulären Endplatte
Um Muskelkontraktionen auszulösen und aufrechtzuerhalten, müssen Nerven mit Muskeln kommunizieren. Dies geschieht durch chemische Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter. Für die neuromuskuläre Übertragung ist vor allem der Botenstoff Acetylcholin (ACh) entscheidend.
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An der neuromuskulären Verbindungstelle, den Rezeptoren der Muskeln, dockt Acetylcholin an und stimuliert die Muskulatur, die sich dann zusammenzieht. Diese Rezeptoren sitzen auf der motorischen Endplatte. Nach der Kontraktion wird das ACh von einem Enzym, der Cholinesterase, abgebaut und die Nervenenden nehmen es wieder auf.
Bei der häufigsten Form der Myasthenie bildet das Immunsystem Antikörper gegen Acetylcholinrezeptoren, wodurch die Kommunikation zwischen Nervenzellen und Muskeln gestört wird, da das ACh nicht mehr „andocken“ kann. Es gibt auch Betroffene, die keine Antikörper gegen Acetylcholinrezeptoren aufweisen, sondern gegen ein Enzym, welches an der Bildung und Regeneration der neuromuskulären Verbindungsstelle beteiligt ist.
Symptome
Die Symptome der Myasthenia gravis sind sehr vielseitig und können von Person zu Person unterschiedlich sein. Das Kardinalssymptom ist die belastungsabhängige Muskelschwäche, die sich im Laufe des Tages verstärkt und sich nach Erholungsphasen wieder bessert.
Häufige Symptome sind:
- Augenmuskulatur: Hängende Augenlider (Ptose), Doppelbilder (Diplopie), Sehstörungen. Oft sind die Augen schon im Frühstadium betroffen.
- Gesichtsmuskulatur: Schwäche der Gesichtsmuskeln, was zu einer verminderten Mimik und Schwierigkeiten beim Kauen und Schlucken führen kann.
- Sprechmuskulatur: Sprechstörungen, die sich durch abgehacktes, stakkatoartiges, gehauchtes, unregelmäßiges, unpräzises und monotones Sprechen äußern können.
- Schluckmuskulatur: Schluckbeschwerden, die das Essen erschweren und das Risiko des Verschluckens erhöhen.
- Arme und Beine: Schwäche in Armen und Beinen, was zu Schwierigkeiten bei alltäglichen Aktivitäten wie dem Heben von Gegenständen oder dem Treppensteigen führen kann. Zum Beispiel beim Ausziehen von Kleidung über dem Kopf, sowie beim Einräumen von Geschirr in hoch hängende Küchenschränke.
- Atemmuskulatur: In schweren Fällen kann die Atemmuskulatur betroffen sein, was zu Atemnot und einer lebensbedrohlichen Ateminsuffizienz führen kann. Störungen der Atmung können sich in Form einer schwachen, heiseren Stimme, eines schwachen Hustens oder eines häufigen Atemholens beim Sprechen äußern.
Die Symptome können plötzlich auftreten und sich im Laufe der Zeit verändern. Sie sind oft unspezifisch und können daher leicht mit anderen Erkrankungen verwechselt werden.
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Diagnose
Die Diagnose der Myasthenia gravis kann eine Herausforderung sein, da die Symptome unspezifisch sind und anderen Erkrankungen ähneln können. Ein großes Problem bei der Diagnose der Erkrankung ist, dass die Symptome dem Krankheitsbild häufig nicht richtig bzw. frühzeitig zugeordnet werden.
Die Diagnose basiert auf verschiedenen Faktoren:
- Anamnese: Die Erhebung der Krankengeschichte ist ein wichtiger Bestandteil der Diagnose. Der Arzt wird nach typischen Beschwerden wie belastungsabhängiger Muskelschwäche, hängenden Augenlidern, Doppelbildern, Sprech- und Schluckbeschwerden fragen.
- Klinische Untersuchung: Eine gezielte neurologische Untersuchung kann weitere Hinweise auf das Vorliegen einer Myasthenia gravis geben. Dabei werden verschiedene Tests durchgeführt, um die Muskelfunktion zu überprüfen. Zum Beispiel der Simpson-Test, bei dem die Muskelbeschwerden belastungsabhängig objektiviert werden können. Auch die Testung des Atemstoßes kann mit einer verminderten Vitalkapazität eine Atemmuskelschwäche anzeigen.
- Pharmakologische Tests: Ein pharmakologischer Test mit Edrophoniumchlorid oder Pyridostigmin kann helfen, die Diagnose zu bestätigen. Diese Medikamente sind Cholinesterasehemmer, die die Konzentration von Acetylcholin an den Rezeptoren der Muskeln erhöhen und dadurch die Muskelspannung kurzzeitig verbessern.
- Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen sind wichtig, um Antikörper zu erkennen, die die Rezeptoren beeinträchtigen oder die Enzyme, welche an der Bildung der Rezeptoren beteiligt sind. Getestet wird zum Beispiel auf Anti-Acetylcholinrezeptor-AK, Anti-MuSK-AK, Anti-LRP4-AK und Anti-Titin-AK. Auf Letztere wird das Blut untersucht, wenn der Verdacht auf Tumore der Thymusdrüse besteht, sogenannte Thymome.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Repetitive Nervenstimulation und Einzelfaser- Elektromyographie (EMG) messen die elektrische Aktivität zwischen dem Gehirn und den Muskeln. Mit der Elektrophysiologie können mit einer Serienstimulation muskuläre Schwächen bereits frühzeitig objektiviert und ein Behandlungserfolg kontrolliert werden. Mit der Elektrophysiologie können durch eine Tumorerkrankung hervorgerufenen myasthene Syndrome, zum Beispiel das Lambert-Eaton Syndrom, abgegrenzt werden.
- Bildgebende Verfahren: Eine Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) des Brustkorbs kann durchgeführt werden, um die Thymusdrüse zu beurteilen und einen möglichen Tumor (Thymom) auszuschließen.
Behandlung
Für Autoimmunerkrankungen gilt weiterhin, dass man ihnen weder effektiv vorbeugen noch sie heilen kann. Dank der heutigen Behandlungsmöglichkeiten ist der Verlauf der Erkrankung in der Regel günstig und führt nicht mehr zu einer Verkürzung der Lebenserwartung. Die meisten Patientinnen und Patienten können trotz Einschränkungen ihrer körperlichen Belastbarkeit ein weitgehend normales Leben führen und ihren Beruf ausüben. Es gibt jedoch keine Möglichkeit, die Muskelkraft vollständig wiederherzustellen.
Die Behandlung der Myasthenia gravis zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Es gibt verschiedene Therapieansätze:
- Acetylcholinesterasehemmer: Diese Medikamente (z. B. Pyridostigmin und Neostigmin) erhöhen die Konzentration von Acetylcholin an der motorischen Endplatte, indem sie den Abbau des Botenstoffs hemmen. Dadurch wird die Reizübertragung von den Nerven zu den Muskeln verbessert.
- Immunsuppressiva: Kortikoide (z. B. Prednisolon) und andere immunsuppressive Therapien wie Azathioprin unterdrücken die Aktivität des Immunsystems und reduzieren die Bildung von Autoantikörpern.
- Thymektomie: Die Entfernung der Thymusdrüse kann bei einigen Patientinnen und Patienten zur Besserung der Symptome führen, insbesondere bei jüngeren Patienten mit einer Vergrößerung der Thymusdrüse oder einem Thymom.
- Immuntherapie: Bei einer myasthenen Krise oder in schweren Fällen können Immunglobuline oder eine Plasmapherese eingesetzt werden, um die Autoantikörper aus dem Blut zu entfernen.
- Biologika: Neuartige monoklonale Antikörper wie Rituximab und Eculizumab greifen spezifisch in den Krankheitsprozess ein und können das Krankheitsgeschehen in bestimmten Konstellationen nachhaltig positiv zu beeinflussen.
Die Therapie muss individuell an die Bedürfnisse und den Krankheitsverlauf des Patienten angepasst werden.
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Leben mit Myasthenia gravis
Alle Patientinnen und Patienten müssen ihre individuellen Belastungsgrenzen herausfinden. Es besteht die Hoffnung, dass zukünftige Forschung noch bessere Behandlungsmöglichkeiten hervorbringt.
Einige Tipps für den Alltag mit Myasthenia gravis:
- Ruhepausen: Planen Sie regelmäßige Ruhepausen ein, um die Muskeln zu entlasten.
- Vermeidung von Auslösern: Versuchen Sie, Faktoren zu vermeiden, die die Symptome verschlimmern können, wie z.B. Stress, Infektionen, extreme Hitze oder Kälte.
- Anpassung des Alltags: Passen Sie Ihren Alltag an die Erkrankung an. Erledigen Sie anstrengende Aufgaben am Morgen, wenn Sie sich ausgeruhter fühlen.
- Regelmäßige Arztbesuche: Stellen Sie sich regelmäßig bei spezialisierten Neurologen vor, um den Krankheitsverlauf zu überwachen und die Therapie anzupassen.
- Information und Austausch: Informieren Sie sich umfassend über die Erkrankung und suchen Sie den Austausch mit anderen Betroffenen.
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