Die Myasthenia gravis ist eine Autoimmunerkrankung, die durch eine gestörte Reizübertragung zwischen Nerv und Muskel gekennzeichnet ist. Dies führt zu einer belastungsabhängigen Ermüdbarkeit der Muskulatur. Glücklicherweise gibt es heute gut wirksame Behandlungsmöglichkeiten, um die Krankheitskontrolle zu optimieren und den Betroffenen ein weitgehend normales Leben zu ermöglichen.
Therapieansätze bei Myasthenia gravis
Das Ziel der Behandlung einer Myasthenia gravis ist die bestmögliche Krankheitskontrolle unter Wiederherstellung bzw. Optimierung des Behandlungserfolgs. Eine individuell angepasste medikamentöse Behandlung ist dabei essenziell, wobei häufig unterschiedliche Wirkstoffe gleichzeitig zum Einsatz kommen.
Acetylcholinesterase-Hemmer als Basistherapie
Entsprechend der aktuellen Leitlinie sind Acetylcholinesterase-Hemmer die Basis der Myasthenie-Therapie. Diese Medikamente, wie z.B. Mestinon (Pyridostigmin), hemmen den Abbau des Botenstoffs Acetylcholin an der neuromuskulären Endplatte und verringern so die Symptome der Myasthenia gravis.
Verlaufsmodifizierende Therapie mit Immunsuppressiva
Die sogenannte verlaufsmodifizierende Therapie soll den Krankheitsverlauf beeinflussen. Häufig werden dabei Medikamente, die das Immunsystem breit unterdrücken, sogenannte Immunsuppressiva, angewendet. Bei der Therapiewahl wird entsprechend der Leitlinie zwischen einer okulären und einer generalisierten Myasthenia gravis unterschieden. Zusätzlich ist für die Therapieentscheidung relevant, ob die Krankheitsaktivität bzw. der Schweregrad hoch oder niedrig ist.
Therapie bei okulärer Myasthenia gravis
Bei okulärer Myasthenia gravis kommen Glukokortikoide und/oder Wirkstoffe wie Azathioprin, Mycophenolat-Mofetila, Cyclosporin A bzw. Methotrexat zur Anwendung.
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Therapie bei generalisierter Myasthenia gravis
Bei der generalisierten Form der Myasthenia gravis mit Nachweis von Antikörpern gegen Acetylcholin-Rezeptoren mit milder/moderater Krankheitsaktivität bzw. -schwere sind ebenfalls Glukokortikoide und/oder Azathioprin die Therapie der ersten Wahl. Als zweite Wahl werden Glukokortikoide und/oder Mycophenolat-Mofetila, Ciclosporin A, Methotrexat bzw. intravenöse Immunglobuline (IVIG) bzw. die Blutwäscheverfahren Plasmapherese und Immunadsorption eingesetzt.
Liegt eine generalisierte Myasthenia gravis mit hoher Krankheitsaktivität bzw. -schwere mit Nachweis von Antikörpern gegen Acetylcholin-Rezeptoren vor, können Glukokortikoide und/oder ein weiterer immunsuppressiver Wirkstoff angezeigt sein. Zusätzlich können unterschiedliche zielgerichtete Therapien, sogenannte Biologika, als Mittel der ersten Wahl eingesetzt werden. Bei nachgewiesenen Acetylcholin-Rezeptor-Antikörpern werden - zum Teil zusätzlich zur Standardtherapie - sogenannte Komplement-Inhibitoren (Eculizumab, Ravulizumab, Zilucoplan), FcRn-Hemmer (Efgartigimod, Rozanolixizumab) oder Anti-CD-20 Antikörper (Rituximab) empfohlen. Zweite Wahl sind intravenöse Immunglobuline (IVIG) bzw. die Blutwäscheverfahren Plasmapherese und Immunadsorption.
Werden im Blut Antikörper gegen MuSK festgestellt, erfolgt die Behandlung bei milder/moderater Krankheitsaktivität bzw. -schwere identisch wie bei Acetylcholin-Rezeptoren-Antikörper-positiven Patientinnen/Patienten. Bei hoher Krankheitsaktivität bzw. -schwere stehen unterschiedliche weitere Therapieoptionen zur Verfügung.
Akute Verschlechterungen (Myasthenen Krisen)
Bei akuten Verschlechterungen, sogenannten myasthenen Krisen, wird eine Behandlung mit intravenösen Immunglobulinen, eine Blutwäsche mittels Plasmapherese oder Immunadsorption bzw. eine intensivmedizinische Behandlung mit Beatmung erforderlich.
Mestinon (Pyridostigmin): Ein wichtiger Acetylcholinesterase-Hemmer
Mestinon (Pyridostigmin) ist ein Acetylcholinesterase-Hemmer, der bei Myasthenia gravis eingesetzt wird, um die Signalübertragung an der neuromuskulären Endplatte zu verbessern.
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Wirkmechanismus von Pyridostigmin
Pyridostigmin blockiert die Acetylcholinesterase, ein Enzym, das Acetylcholin im synaptischen Spalt abbaut. Dadurch bleibt mehr Acetylcholin verfügbar, was die cholinerge Signalübertragung verstärkt. Acetylcholin ist ein zentraler Neurotransmitter, der im zentralen (ZNS) und peripheren Nervensystem (PNS) zahlreiche Funktionen übernimmt.
- Zentrales Nervensystem: Acetylcholin spielt eine zentrale Rolle bei Gedächtnis, Lernen und Aufmerksamkeit. Ein Mangel an Acetylcholin wird mit Alzheimer-Erkrankungen und anderen kognitiven Beeinträchtigungen in Verbindung gebracht.
- Motorisches Nervensystem: Im motorischen Nervensystem wirkt Acetylcholin an der neuromuskulären Endplatte und ermöglicht die Übertragung von Signalen, die zu Muskelkontraktionen führen.
- Autonomes Nervensystem: Im autonomen Nervensystem ist Acetylcholin der Hauptneurotransmitter des Parasympathikus, der für "Ruhe und Verdauung"-Reaktionen verantwortlich ist.
- Weitere Funktionen: Acetylcholin beeinflusst entzündliche Prozesse über die "cholinerg entzündungshemmende Bahn", die eine wichtige Rolle bei der Immunregulation spielt.
Anwendung von Mestinon bei Myasthenia gravis
Mestinon® 60 wird bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen bei krankhafter Muskelschwäche (Myasthenia gravis) angewendet. Der Wirkstoff von Mestinon ® 60, Pyridostigminbromid, gehört zur Familie der Cholinesterasehemmer. Diese Wirkstoffe hemmen den Abbau von Acetylcholin, einem natürlichen Überträgerstoff von Nervenimpulsen auf die Muskulatur. Dadurch wird die Wirkung von Acetylcholin verstärkt und eine Leistungsverbesserung im Falle von krankhafter Muskelschwäche bewirkt.
Die Dosierung muss in Abhängigkeit von der Schwere der Erkrankung und dem Ansprechen auf die Behandlung individuell gehandhabt werden. Die folgenden Dosierungsempfehlungen können daher nur als Anhaltspunkt dienen.
- Erwachsene: Die empfohlene Dosis beträgt für Erwachsene 1 bis 3 überzogene Tabletten zu 60 mg zwei- bis viermal täglich (entspricht 120-720 mg Pyridostigminbromid/Tag).
- Kinder: Für Kinder eignen sich besonders die zur Verfügung stehenden Darreichungsformen mit niedrigerem Wirkstoffgehalt (z. B. Tabletten mit 10 mg Pyridostigminbromid). Für Kinder unter 6 Jahren wird anfänglich eine Tagesdosis von 30 mg Pyridostigminbromid und für Kinder im Alter von 6-12 Jahren eine Tagesdosis von 1 überzogenen Tablette (entspricht 60 mg Pyridostigminbromid/Tag) empfohlen. Die Dosierung kann schrittweise täglich um maximal 30 mg Pyridostigminbromid erhöht werden. Üblicherweise liegt die tägliche Dosierung bei 30-360 mg Pyridostigminbromid (entspricht maximal 6 überzogenen Tabletten pro Tag).
- Jugendliche: Spezielle Dosisfindungsstudien für Jugendliche liegen nicht vor. Die Dosierung erfolgt nach Schwere der Erkrankung unter sorgfältiger Berücksichtigung der Dosierungsempfehlungen für Kinder und Erwachsene.
- Ältere Patienten: Es gibt keine speziellen Dosierungsempfehlungen für ältere Patienten.
- Patienten mit Nierenfunktionsstörungen: Der Wirkstoff von Mestinon® 60 wird hauptsächlich unverändert über die Nieren ausgeschieden. Für Patienten mit Nierenfunktionsstörungen können daher niedrigere Dosierungen erforderlich sein. Die benötigte Dosis sollte deshalb nach Wirkung individuell bestimmt werden.
- Patienten mit eingeschränkter Leberfunktion: Es gibt keine speziellen Dosierungsempfehlungen für Patienten mit eingeschränkter Leberfunktion.
Die überzogenen Tabletten werden mit etwas Flüssigkeit eingenommen. Über die Behandlungsdauer entscheidet der behandelnde Arzt.
Wichtige Hinweise zur Einnahme von Mestinon® 60
Mestinon® 60 darf nicht eingenommen werden, wenn Sie allergisch gegen Pyridostigminbromid, andere Bromide oder einen der sonstigen Bestandteile dieses Arzneimittels sind, oder bei Vorliegen mechanischer Verschlüsse der Verdauungs- oder Harnwege.
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Bitte sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Apotheker, bevor Sie Mestinon® 60 einnehmen, wenn Sie an Atemwegserkrankungen, Herzerkrankungen, niedrigem Blutdruck, Vagotonie, Magengeschwür, nach Magen-Darm-Operationen, Epilepsie, Morbus Parkinson, Schilddrüsenüberfunktion oder Nierenfunktionsstörungen leiden.
Informieren Sie Ihren Arzt oder Apotheker, wenn Sie andere Arzneimittel einnehmen, kürzlich andere Arzneimittel eingenommen haben oder beabsichtigen, andere Arzneimittel einzunehmen.
Wenn Sie schwanger sind oder stillen, oder wenn Sie vermuten, schwanger zu sein oder beabsichtigen, schwanger zu werden, fragen Sie vor der Einnahme dieses Arzneimittels Ihren Arzt oder Apotheker um Rat.
Die Einnahme dieses Arzneimittels kann zu Anpassungsstörungen des Auges an das Nah-/Fern-Sehen oder Verengungen der Pupillen führen und die Verkehrstüchtigkeit beeinträchtigen.
Mestinon® 60 enthält Sucrose. Bitte nehmen Sie dieses Arzneimittel erst nach Rücksprache mit Ihrem Arzt ein, wenn Ihnen bekannt ist, dass Sie unter einer Unverträglichkeit gegenüber bestimmten Zuckern leiden.
Mögliche Nebenwirkungen von Mestinon® 60
Wie alle Arzneimittel kann auch dieses Arzneimittel Nebenwirkungen haben, die aber nicht bei jedem auftreten müssen. Die folgenden Nebenwirkungen können möglicherweise während der Behandlung mit Mestinon® 60 auftreten:
- Selten: Hautausschlag (klingt gewöhnlich nach Absetzen der Medikation ab. Es sollten keine bromidhaltigen Arzneimittel verwendet werden).
- Häufigkeit nicht bekannt: Erkrankungen des Immunsystems, Arzneimittelüberempfindlichkeit (Allergien), psychiatrische Erkrankungen, Erkrankungen des Nervensystems, Kreislaufkollaps (Synkope), Augenprobleme, Herz-Kreislauf-System Probleme, Gefäßerkrankungen, Atemwege Probleme, Verdauungstrakt Probleme, Hautprobleme, Muskulatur Probleme, Nieren und Harnwege Probleme.
Die Nebenwirkungen treten in der Regel dosisabhängig auf. Unter der Behandlung mit Mestinon® 60 können insbesondere Schweißausbruch, vermehrter Speichelfluss, verstärkter Tränenfluss, vermehrte Bronchialsekretion, Übelkeit, Erbrechen, Durchfälle, Bauchkrämpfe, verstärkter Harndrang, Muskelzittern, Muskelkrämpfe, Muskelschwäche und Anpassungsstörungen des Auges an das Nah-/Fern-Sehen auftreten. Die aufgeführten Nebenwirkungen können auch Zeichen einer Überdosierung bzw. einer cholinergen Krise sein. Klären Sie die Ursache der Nebenwirkungen unbedingt mit Ihrem Arzt ab.
Überdosierung von Mestinon® 60
Die Einnahme zu großer Mengen (Überdosierung) dieses Arzneimittels kann eine cholinerge Krise verursachen, die unter anderem zu einer ausgeprägten oder gesteigerten Muskelschwäche bis hin zur Lähmung führen kann. Wird eine solche Situation verkannt, so besteht die Gefahr einer lebensbedrohlichen Atemlähmung, die in besonders schweren Fällen zu Atemstillstand und zu einem Sauerstoffmangel im Gehirn führen kann. Weitere Begleiterscheinungen können sich äußern in extremer Verlangsamung des Herzschlags bis zum Herzstillstand, in einer periodischen Beschleunigung des Herzschlags, Blutdruckabfall bis zum Kreislaufkollaps, Schwindel, Übelkeit und Erbrechen, unwillkürlichem Harnabgang, Stuhlentleerung mit Krämpfen, Durchfall, vermehrter Bronchialsekretion, Verkrampfung der Bronchialmuskulatur mit einer möglichen Verengung der Atemwege, Lungenödem, verstärktem Tränen- und Speichelfluss, verstärkter Nasensekretion, leichtem bis starkem Schwitzen, Hautrötung, Verengung der Augenpupillen und einer Störung der Sehschärfe, gelegentlichen Muskelkrämpfen, unwillkürlichem Muskelzucken und einer generellen Schwäche. Als zentralnervöse Symptome können Unruhe, Verwirrtheit, verwaschene Sprache, Nervosität, Gereiztheit und bildhafte Halluzinationen sowie Krampfanfälle und Koma auftreten.
In jedem Fall ist sofort ein Arzt zu verständigen.
Mestinon bei anderen Erkrankungen
Mestinon (Pyridostigmin) wird aktuell auch bei ME/CFS, Long-COVID und PoTS regelmäßig eingesetzt. Studien untersuchen seinen Einsatz bei Erkrankungen wie dem Posturalen orthostatischen Tachykardiesyndrom (POTS), der Myalgischen Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) und Long-COVID, insbesondere aufgrund seines Einflusses auf das autonome Nervensystem.
Pyridostigmin bei Long-COVID
Bei Long-COVID stehen Symptome wie Fatigue, kognitive Dysfunktion und orthostatische Intoleranz im Vordergrund. Eine Beobachtungsstudie von Goodman et al. (2023) zeigte, dass Pyridostigmin bei Long-COVID-Patient:innen mit autonomen Dysfunktionen wie Sinustachykardie/PoTS und Fatigue hilfreich sein kann. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass Pyridostigmin insbesondere bei Fatigue und autonomen Symptomen von Long-COVID hilfreich sein kann.
Pyridostigmin bei ME/CFS
Eine Pilotstudie von Hooper et al. (2018) untersuchte den Einsatz von Pyridostigmin bei Patient:innen mit Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) und dokumentierter orthostatischer Intoleranz. Die Ergebnisse legten nahe, dass Pyridostigmin eine vielversprechende symptomatische Behandlung für ME/CFS mit autonomen Dysfunktionen darstellen könnte.
Pyridostigmin bei POTS
Eine randomisierte, kontrollierte Studie (RCT) von Raj et al. (2005) analysierte die Wirksamkeit von Pyridostigmin bei Patient:innen mit Posturalem orthostatischem Tachykardiesyndrom (POTS). Die Studie ergab, dass Pyridostigmin die Herzfrequenz in aufrechter Position signifikant senken konnte, ohne den Blutdruck zu beeinflussen. Zudem berichteten die Teilnehmer:innen über eine subjektive Verbesserung von Symptomen wie Herzklopfen und Schwindel.
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