Myasthenie und Stress: Ein umfassender Überblick

Die Myasthenia gravis (MG), eine seltene neurologische Erkrankung, manifestiert sich durch eine belastungsabhängige Muskelschwäche. Diese Schwäche resultiert aus einer Autoimmunreaktion, bei der Antikörper die Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln stören. Stress kann als ein möglicher Trigger für die Verschlechterung der Symptome bei MG-Patienten identifiziert werden. Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen Myasthenie und Stress, beginnend mit einer Einführung in die Erkrankung und ihren Ursachen, gefolgt von einer detaillierten Betrachtung der Rolle von Stress bei der Auslösung oder Verschlimmerung von MG-Symptomen.

Einführung in die Myasthenia Gravis

Myasthenia gravis ist eine Autoimmunerkrankung, die durch Muskelschwäche gekennzeichnet ist, welche sich bei Belastung verstärkt und nach Ruhephasen bessert. Die Erkrankung betrifft etwa 1 von 5000 Menschen, wobei die Neuerkrankungsrate bei etwa 10 Fällen pro Million Einwohner liegt. Die Symptomatik und der Schweregrad der Muskelschwäche variieren stark, was zu einem heterogenen Krankheitsbild führt, das von minimalen Beeinträchtigungen bis hin zu lebensbedrohlichen Notfällen reichen kann.

Die Ursache der Myasthenia gravis ist bis heute nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt. Die Erkrankung tritt häufiger bei Menschen mit anderen Autoimmunerkrankungen auf, wie z. B. Thyreoiditis, rheumatoider Arthritis oder Lupus erythematodes.

Pathophysiologie der Myasthenia Gravis

Die Myasthenia gravis beruht auf einer Störung der neuromuskulären Transmission. An der motorischen Endplatte, dem Übergang zwischen Nerv und Muskel, spielt der Neurotransmitter Acetylcholin (ACh) eine entscheidende Rolle. Bei MG-Patienten werden Autoantikörper gegen den nicotinergen Acetylcholin-Rezeptor (AChR) gebildet, was zur Blockade und Zerstörung dieser Rezeptoren führt. Dadurch wird die Reizweiterleitung und Innervation des Muskels beeinträchtigt.

Wenn mehr als 50 % der AChR inaktiviert sind, treten Muskelermüdungserscheinungen und Lähmungen auf. Neben AChR-Antikörpern können auch Antikörper gegen abbauende Folgeprozesse (z. B. Anti-MuSK) vorkommen und eine Komplement-Aktivierung erfolgen, was zur Zerstörung der postsynaptischen Muskelzellmorphologie führt.

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Klinische Merkmale und Symptomatik

Die Myasthenia gravis manifestiert sich typischerweise durch okuläre Symptome wie Sehstörungen (Doppelbilder) und Ptosis (hängendes Augenlid). Im weiteren Verlauf können bulbäre Symptome (Kau-, Schluck-, Sprechstörungen) hinzukommen. In schweren Fällen kann sich die Muskelschwäche auf die Extremitäten und die Atemmuskulatur ausweiten, was zu einer generalisierten Myasthenia gravis führt.

Ein charakteristisches Merkmal der Myasthenia gravis ist die rasche Ermüdbarkeit beanspruchter Muskeln, die sich nach einer Ruhephase wieder erholen können. Die Symptome können im Tagesverlauf variieren, wobei die Muskeltätigkeit am Morgen oft weniger beeinträchtigt ist als im Laufe des Tages.

Diagnostik der Myasthenia Gravis

Die Diagnose der Myasthenia gravis basiert auf einer gründlichen Anamnese, klinischen Befunden und speziellen Tests. Dazu gehören:

  • Körperliche Untersuchung: Wiederholte Muskelbewegungen zur Feststellung rascher Ermüdbarkeit, Simpson-Test (längeres Nachobenblicken mit Ptosis-Provokation) oder Einsatz von Kälte-Packs.
  • Elektrophysiologische Untersuchung: Repetitive Nervenstimulation zeigt eine typische Amplitudenabnahme (Dekrement von > 10 %) des Nervs, der den Muskel versorgt.
  • Laboruntersuchung: Nachweis von Antikörpern im Serum, insbesondere gegen AChR, MuSK und Lrp4.
  • Bildgebung: CT oder MRT des Brustkorbs zur Feststellung von Veränderungen am Thymus.

Therapeutische Möglichkeiten

Die Therapie der Myasthenia gravis zielt auf die Remission von Muskellähmungen, die Verhinderung weiterer Progredienz und die Vorbeugung lebensbedrohlicher Krisen ab. Zu den Therapieprinzipien gehören:

  • Symptomatische Basis-/Dauermedikation: Acetylcholinesterase-Hemmstoffe erhöhen die Verfügbarkeit von Acetylcholin an der neuromuskulären Endplatte.
  • Immunsuppressive Dauertherapie: Medikamente wie Glucocorticoide, Azathioprin oder Mycophenolat-Mofetil reduzieren die Produktion von Autoantikörpern.
  • Thymektomie: Die operative Entfernung des Thymus kann bei jüngeren Erwachsenen zur Remission der Erkrankung führen.
  • Plasmapherese und Immunglobuline: Diese Akuttherapien werden bei schweren Symptomen oder myasthenen Krisen eingesetzt.

Stress als Triggerfaktor bei Myasthenia Gravis

Es ist bekannt, dass Stress eine Verschlechterung des Krankheitsbildes (myasthene Exazerbation) auslösen kann. Stress kann verschiedene physiologische Reaktionen im Körper auslösen, die das Immunsystem beeinflussen und somit den Autoimmunprozess verstärken können.

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Physiologische Auswirkungen von Stress

Stress führt zur Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) und des sympathischen Nervensystems. Dies führt zur Freisetzung von Stresshormonen wie Cortisol und Adrenalin. Diese Hormone können das Immunsystem beeinflussen, indem sie die Produktion von Zytokinen modulieren und die Aktivität von Immunzellen verändern.

Stress und Autoimmunität

Chronischer Stress kann zu einer Dysregulation des Immunsystems führen, was die Entstehung und Aufrechterhaltung von Autoimmunerkrankungen begünstigen kann. Stress kann die Produktion von proinflammatorischen Zytokinen erhöhen, die den Autoimmunprozess verstärken und die Zerstörung von Gewebe fördern.

Klinische Evidenz

Obwohl die genauen Mechanismen, wie Stress die Myasthenia gravis beeinflusst, noch nicht vollständig verstanden sind, gibt es klinische Hinweise, dass Stress eine Rolle bei der Auslösung oder Verschlimmerung von MG-Symptomen spielen kann. Patienten berichten häufig von einer Zunahme der Muskelschwäche und Müdigkeit in Zeiten erhöhten Stresses.

Stressmanagement bei Myasthenia Gravis

Angesichts der potenziellen Auswirkungen von Stress auf die Myasthenia gravis ist ein effektives Stressmanagement ein wichtiger Bestandteil der Behandlung. Zu den Strategien zur Stressbewältigung gehören:

  • Entspannungstechniken: Meditation, Yoga und progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen und die Entspannung zu fördern.
  • Regelmäßige Bewegung: Körperliche Aktivität kann Stress reduzieren und die allgemeine Gesundheit verbessern.
  • Ausreichend Schlaf: Ein gesunder Schlaf-Wach-Rhythmus ist wichtig für die Stressbewältigung und die Funktion des Immunsystems.
  • Soziale Unterstützung: Der Austausch mit Familie, Freunden oder Selbsthilfegruppen kann helfen, Stress zu reduzieren und das Gefühl der Isolation zu verringern.
  • Psychotherapie: Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) kann helfen, negative Denkmuster zu erkennen und zu verändern, die zu Stress beitragen.

Bedeutung der Beteiligung von klinischen Pharmazeuten

Die Beteiligung von klinischen Pharmazeuten kann bei der Optimierung der Medikation von MG-Patienten wertvoll sein. Pharmazeuten können dazu beitragen, Medikamentenwechselwirkungen zu vermeiden, die Wirksamkeit der Therapie zu überwachen und Patienten über die richtige Anwendung ihrer Medikamente aufzuklären.

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Myasthene Krise

Dennoch kann es infolge besonderer Umstände (z. B. Stress, Infektionen, Medikamente) zu krisenhaften Zuständen kommen, bei denen eine intensivmedizinische Behandlung mit Beatmung erforderlich wird. Für die Vorbeugung von Infektionen sollen insbesondere vor einer Immuntherapie alle Impfungen nach den gültigen Impfempfehlungen durchgeführt oder aufgefrischt werden.

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