Die Myelinscheide, eine isolierende Schicht um Nervenfasern, spielt eine entscheidende Rolle für die schnelle und effiziente Übertragung von Nervenimpulsen. Störungen der Myelinscheide sind ein Kennzeichen verschiedener neurologischer Erkrankungen, darunter Multiple Sklerose (MS), Adrenoleukodystrophie (ALD) und andere Leukodystrophien. Die Forschung rund um Myelin, seine Funktionen und die Mechanismen seiner Schädigung und Reparatur ist daher von großer Bedeutung für das Verständnis und die Behandlung dieser Erkrankungen.
Grundlagen der Myelinscheide
Die Myelinscheide umgibt im peripheren Nervensystem die Fortsätze (Axone) von einigen Nervenzellen. Sie wird aus der Zellmembran von spezialisierten Gliazellen (Schwannschen Zellen) gebildet, die sich mehrfach um das Nervenaxon herumwickeln. Neurone mit einer Myelinschicht werden als markhaltig bezeichnet. Entlang des Nervenfortsatzes unterbrechen die Ranvier-Schnürringe die Myelinscheide. Die elektrisch isolierend wirkende Myelinscheide ermöglicht eine schnelle, saltatorische ("springende") Erregungsleitung, da nur an den Ranvier-Schnürringen Aktionspotentiale aufgebaut werden. Zwischen den Einschnürungen findet eine elektrotonische, passive Impulsweiterleitung statt. Nur zwischen den einzelnen Myelinschichten, am sogenannten Ranvier-Schnürring, bilden sich Aktionspotentiale. Die Aktionspotentiale springen also von Schnürring zu Schnürring, was die Weiterleitungsgeschwindigkeit erheblich verkürzt. Die Myelinscheide dient peripheren Nerven als Isolationsschicht.
Multiple Sklerose (MS) und Myelin
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS). In Deutschland sind mehr als 280.000 Menschen betroffen. Bei MS schädigen fehlgeleitete Immunzellen die Hüllen der Nervenzellen im Gehirn. Bei den meisten verläuft die MS in Schüben, die als überschießende Entzündungsreaktionen in Rückenmark und Gehirn völlig unregelmäßig auftreten. Dabei zerstören fehlgeleitete Immunzellen die schützenden Myelin-Hüllen der Nervenfasern und schädigen so die Nerven. Um die Entzündung zu bremsen, wird in der Regel hochdosiertes Kortison eingesetzt. Eine vorbeugende Immuntherapie soll zudem die Anzahl und die Schwere der Schübe verringern.
Zwar können die Nervenfaser-Hüllen durch körpereigene Reparaturprozesse teilweise wiederhergestellt werden. Aber diese spontane Remyelinisierung verläuft bei MS-Betroffenen meist unvollständig oder unterbleibt ganz. Und bis heute gibt es kein Medikament, das diese Reparatur fördert.
Die Rolle der Mikroglia bei MS
Im Fokus stehen dabei die Mikrogliazellen des Gehirns. Neben ihrer Arbeit als „Müllabfuhr“ für die Beseitigung beschädigter Zellen und Fremdkörper, übernimmt die Mikroglia auch Aufgaben für die Immunantwort und sucht ständig nach Anzeichen von Verletzungen oder Infektionen. Besteht ein Problem, werden die Mikrogliazellen aktiviert und setzen Zytokine und andere Signalmoleküle frei. Das lockt weitere Immunzellen wie T- und B-Zellen an, die sich normalerweise außerhalb des Gehirns aufhalten.
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Bei der Aktivierung der Mikroglia spielt die körpereigene Zuckerverbindung Polysialinsäure eine entscheidende Rolle. „Die Mikroglia verfügt über einen Immunrezeptor namens Siglec-E, der Polysialinsäure erkennt“, erklärt der Biochemiker Dr. Hauke Thiesler. Bindet das Zuckermolekül an den Rezeptor, schalten die Mikrogliazellen vom Zustand „entzündungsfördernd“ auf „entzündungshemmend“ um. Dieser Regelmechanismus lässt sich offenbar auch von außerhalb steuern. Durch externe Zugabe von Polysialinsäure in Kulturen mit lebenden Gewebeschnitten konnten die Forschenden zeigen, dass zuvor zerstörte Myelinhüllen in Folge einer entzündungshemmenden Wirkung der Polysialinsäure auf die Mikroglia fast vollständig erneuert wurden. „Die Mikrogliazellen sind die Schlüsselzellen, die direkt vor Ort die Arbeit machen und die wir mit Hilfe der Polysialinsäure quasi in eine bestimmte Richtung leiten und dadurch auf Heilung programmieren wollen“, sagt der Biochemiker.
Denn die Zerstörung der Myelin-Hüllen und Nervenzellen hat schwerwiegende Folgen, die alle Gehirn- und Rückenmarksfunktionen betreffen können - hauptsächlich aber die Bewegungsfähigkeit und Koordination, den Tastsinn und das Sehvermögen. Für einen großen Anteil der Patienten bringt die Multiple Sklerose schwere Behinderungen mit sich. Eine Aktivierung der Selbstheilungskräfte im Gehirn wäre eine vielversprechende Unterstützung in der MS-Therapie, die derzeit ausschließlich auf das Immunsystem außerhalb abzielt, betont Dr. Lara-Jasmin Schröder aus der Klinik für Neurologie mit klinischer Neurophysiologie.
"BCAS1-positive Oligodendrozyten ermöglichen eine effiziente kortikale Remyelinisierung bei Multipler Sklerose", so eine Studie von Bergner CG, van der Meer F, Franz J, Vakrakou A, Würfel T, Nessler S, Schäfer L, Nau-Gietz C, Winkler A, Lagumersindez-Denis N, Wrzos C, Damkou IA, Sergiou C, Schultz V, Knauer C, Metz I, Bahn E, Rodriguez EG, Merkler D, Simons M, Stadelmann C.
Schlaf und Myelinproduktion
Schlafen führt dazu, dass bestimmte Zellen, die Myelin fördern, vermehrt produziert werden. MS-Kundige ahnen bereits um welche Zellen es sich handelt: die sogenannten Oligodendrozyten, also unreife Zellen, auch "Vorläuferzellen", die wiederum helfen beim Myelinherstellen. Nennen wir sie der Einfachheit halber "Olis". Im Mausmodell hat sich die Produktion der Olis bei schlafenden Mäusen sogar verdoppelt. Myelin wiederum schützt die Nervenfasern im Gehirn und sorgt damit für reibungslose Funktion. Multiple Sklerose hingegen bedeutet einen Verlust von Myelin, da körpereigene Zellen diese Fettschicht um die Nerven herum angreifen. Die Folge sind Symptome wie Blasenschwäche, Lähmungen, Fatigue, Missempfindungen, kognitive Störungen…
Chiara Cirelli und Team zeigte, dass die Myelinproduktion, angeregt durch die Olis, in der REM-Phase am größten war - diese Phase wird mit dem Träumen in Verbindung gebracht - und mittels Genen gesteuert wurde. Die Folge von Schlafmangel war hingegen, dass Gene aktiviert wurden, die für Stressreaktionen und Zelltod verantwortlich sind.
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Anstatt sich wie in der bisherigen Schlafforschung auf die Aktivität der Nervenzellen selbst zu fokussieren, betrachteten die amerikanischen Forscher jene Zellen, welche die Nervenzellen unterstützen, eben die "Olis" und wurden so fündig.
Ausreichend Schlaf ist demnach nicht nur gut sondern sogar geboten für Patienten mit Multipler Sklerose. Umgekehrt nämlich, so vermuten Cirelli und Kollegen, könnte Schlafmangel die MS-Symptome verstärken. Und dies möglicherweise nicht nur kurzzeitig - klar, verschlimmern sich Symptome wie Fatigue bei Schlafmangel noch - sondern auch auf Dauer betrachtet.
Myelin als Risikofaktor für axonale Degeneration
Die Beschädigung von Nervenfasern, auch Axone genannt, ist verantwortlich für die Erkrankungsschwere von Patient:innen und den Verlauf der MS. Die Schutzschicht der Axone, das Myelin, spielt dabei eine Schlüsselrolle. Forschende der Universität Leipzig und des Max-Planck-Instituts für multidisziplinäre Naturwissenschaften in Göttingen haben nun herausgefunden, dass das bisher als schützend angesehene Myelin das Überleben der Axone sogar gefährden kann. Die Erkenntnisse wurden aktuell im renommierten Fachjournal "Nature Neuroscience" publiziert und eröffnen einen neuen Blickwinkel für zukünftige Forschungsansätze und therapeutische Möglichkeiten der Erkrankung.
In der aktuellen Studie konnten die Forschungsgruppen zeigen, dass das bisher als schützend angesehene Myelin, das Überleben der Axone sogar gefährden kann. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Myelinscheiden durch Immunzellen angegriffen wurden, aber weiterhin die Axone umhüllen und damit von der Außenwelt isolieren. Oligodendrozyten sind nämlich nicht nur für die Bildung des Myelins zuständig. Sie leisten auch wichtige Unterstützungsfunktionen für den Energiestoffwechsel der Axone. Insbesondere myelinisierte Axone sind stark von metabolischer Unterstützung abhängig, da sie kaum eigenen Zugang zu Nährstoffen haben. Für die Unterstützung myelinisierter Axone durch eine Myelinscheide hindurch ist es erforderlich, dass die Architektur des Myelins intakt ist, einschließlich der engen Kommunikationskanäle zwischen Oligodendrozyten und Axonen.
„Wenn Oligodendrozyten einer akuten entzündlichen Umgebung ausgesetzt sind, könnten sie ihre unterstützende Funktion für die Nervenfasern verlieren und das Myelin wird zu einer Bedrohung für das Überleben der Nervenfasern“, beschreibt Prof. Klaus-Armin Nave vom Max-Planck-Institut für multidisziplinäre Naturwissenschaften in Göttingen die eingangs aufgestellte Forschungshypothese des Teams. Um ihre Vermutung zu überprüfen, untersuchten die Forschenden Gewebeproben von Patient:innen mit Multipler Sklerose und zusätzlich verschiedene Mausmodelle dieser Krankheit, um den Autoimmunangriff auf das Myelin experimentell nachzustellen. Dabei konnten sie erstmals in den Gewebeproben der Erkrankten mit Elektronenmikroskopie nachweisen, dass die irreversible Schädigung fast immer in den noch mit Myelin ummantelten Axonen auftritt (s. Abbildung). Umgekehrt konnten die Wissenschaftler:innen mit Hilfe von genetisch veränderten Mausmodellen zeigen, dass „nackte“ Axone in einer akuten entzündlichen Region des zentralen Nervensystems besser vor der Degeneration geschützt sind.
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„Indem wir das vorherrschende Bild von Myelin als ausschließlich schützende Struktur hinterfragen, können wir ein tieferes Verständnis der Krankheit gewinnen und möglicherweise neue therapeutische Strategien entwickeln, um die Funktionalität der Nervenfasern zu bewahren", erklärt Prof. Ruth Stassart, Paul-Flechsig-Institut - Zentrum für Neuropathologie und Hirnforschung, Institut für Neuropathologie am Universitätsklinikum Leipzig. „Anstatt das geschädigte Myelin zu erhalten könnte es therapeutisch sogar besser sein, den schnellen Abbau zu fördern und die Neubildung von funktionsfähigem Myelin zu unterstützen“, ergänzt Dr. Robert Fledrich, Wissenschaftler am Institut für Anatomie der Universität Leipzig.
Die Rolle der Mikroglia bei der Myelin-Entfernung
Die Wissenschaftler konnten auch einen Mechanismus identifizieren, wie die von T-Zellen attackierten Oligodendrozyten ihre axonalen Partner beeinträchtigen. Sie fanden eine ungewöhnliche Einschnürungsreaktion an den Myelin-bildenden Fortsätzen, die sich um die Axone wickeln. „Wenn wir diese irrtümliche Einschnürung verhinderten, konnten wir die axonale Degeneration reduzieren“, fasst Groh zusammen. „Die Attacke durch T-Zellen scheint die Oligodendrozyten dazu anzustiften, Axone wie eine Würgeschlange zu strangulieren“ fügt Martini hinzu.
Die Forscher vermuten, dass diese Reaktionen der Oligodendrozyten unter anderen Umständen hilfreich sein können, beispielsweise nach Verletzungen des Nervensystems. Laut Groh und Martini hat ihre Studie mögliche Zielpunkte für die Therapie von Erkrankungen, die mit Myelin-Defekten und Entzündung im Nervensystem verbunden sind, identifiziert. Außerdem betonen sie, dass neue Therapieansätze für Myelin-Erkrankungen idealerweise schädliche Immunreaktionen blockieren, aber nützliche Immunreaktionen wie die Entfernung von „schlechtem“ Myelin weiterhin zulassen sollten.
Adrenoleukodystrophie (ALD)
Adrenoleukodystrophie (ALD) ist eine genetisch bedingte Stoffwechselstörung, die zu einer Schädigung der Myelinscheide im Gehirn und Rückenmark führt. Die X-chromosomal vererbte Adrenoleukodystrophie (X-ALD) ist die häufigste peroxisomale Erkrankung. Bergner CG, Genc N, Hametner S, Franz J, van der Meer F, Mitkovski M, Weber MS, Stoltenburg-Didinger G, Kühl JS, Köhler W, Brück W, Gärtner J, Stadelmann C. Concurrent axon and myelin destruction differentiates X-linked adrenoleukodystrophy from multiple sclerosis. Glia. 2021 Oct;69(10):2362-2377. doi: 10.1002/glia.24042 . Epub 2021 Jun 17. PMID: 34137074.
Diagnose und Management von ALD
Engelen M, van Ballegoij WJC, Mallack EJ, Van Haren KP, Köhler W, Salsano E, van Trotsenburg ASP, Mochel F, Sevin C, Regelmann MO, Tritos NA, Halper A, Lachmann RH, Davison J, Raymond GV, Lund TC, Orchard PJ, Kuehl JS, Lindemans CA, Caruso P, Turk BR, Moser AB, Vaz FM, Ferdinandusse S, Kemp S, Fatemi A, Eichler FS, Huffnagel IC. International Recommendations for the Diagnosis and Management of Patients With Adrenoleukodystrophy: A Consensus-Based Approach. Neurology. 2022 Nov 22;99(21):940-951. doi: 10.1212/WNL.0000000000201374. Epub 2022 Sep 29. PMID: 36175155; PMCID: PMC9687408.
Leriglitazon zur Prävention von Krankheitsprogression bei Adrenomyeloneuropathie (ADVANCE-Studie)
Köhler W, Engelen M, Eichler F, Lachmann R, Fatemi A, Sampson J, Salsano E, Gamez J, Molnar MJ, Pascual S, Rovira M, Vilà A, Pina G, Martín-Ugarte I, Mantilla A, Pizcueta P, Rodríguez-Pascau L, Traver E, Vilalta A, Pascual M, Martinell M, Meya U, Mochel F; ADVANCE Study Group. Safety and efficacy of leriglitazone for preventing disease progression in men with adrenomyeloneuropathy (ADVANCE): a randomised, double-blind, multi-centre, placebo-controlled phase 2-3 trial. Lancet Neurol. 2023 Feb;22(2):127-136. doi: 10.1016/S1474-4422(22)00495-1. PMID: 36681445.
Lebensqualität bei Frauen mit X-chromosomaler Adrenoleukodystrophie
Schäfer L, Roicke H, Bergner CC, Köhler W. Self-reported quality of life in symptomatic and asymptomatic women with X-linked adrenoleukodystrophy. Brain Behav. 2023 Mar;13(3):e2878. doi: 10.1002/brb3.2878. Epub 2023 Feb 7. PMID: 36748403; PMCID: PMC10013936.
Biomarker-basierte Risikoprädiktion für den Beginn von Neuroinflammation bei X-chromosomaler Adrenoleukodystrophie
Weinhofer I, Rommer P, Gleiss A, Ponleitner M, Zierfuss B, Waidhofer-Söllner P, Fourcade S, Grabmeier-Pfistershammer K, Reinert MC, Göpfert J, Heine A, Yska HAF, Casasnovas C, Cantarín V, Bergner CG, Mallack E, Forss-Petter S, Aubourg P, Bley A, Engelen M, Eichler F, Lund TC, Pujol A, Köhler W, Kühl JS, Berger J. Biomarker-based risk prediction for the onset of neuroinflammation in X-linked adrenoleukodystrophy. EBioMedicine. 2023 Oct;96:104781. doi: 10.1016/j.ebiom.2023.104781. Epub 2023 Sep 7. PMID: 37683329; PMCID: PMC10497986.
Allogene hämatopoetische Stammzelltransplantation bei zerebraler X-chromosomaler Adrenoleukodystrophie im Erwachsenenalter
Waldhüter N, Köhler W, Hemmati PG, Jehn C, Peceny R, Vuong GL, Arnold R, Kühl JS. Allogeneic hematopoietic stem cell transplantation with myeloablative conditioning for adult cerebral X-linked adrenoleukodystrophy. J Inherit Metab Dis. 2019 Mar;42(2):313-324. doi: 10.1002/jimd.12044. Epub 2019 Feb 11. PMID: 30746707.
Mikroglia-Schäden gehen dem Myelinabbau bei X-chromosomaler Adrenoleukodystrophie voraus
Bergner CG, van der Meer F, Winkler A, Wrzos C, Türkmen M, Valizada E, Fitzner D, Hametner S, Hartmann C, Pfeifenbring S, Stoltenburg-Didinger G, Brück W, Nessler S, Stadelmann C. Microglia damage precedes major myelin breakdown in X-linked adrenoleukodystrophy and metachromatic leukodystrophy. Glia. 2019 Jun;67(6):1196-1209. doi: 10.1002/glia.23598. Epub 2019 Feb 11. PMID: 30980503; PMCID: PMC6594046.
Andere Leukodystrophien
Neben MS und ALD gibt es eine Vielzahl weiterer Leukodystrophien, die durch Schädigungen der weißen Substanz im Gehirn gekennzeichnet sind.
Oculodentodigitale Dysplasie als Ursache für hypomyelinisierende Leukodystrophie bei Erwachsenen
Michell-Robinson MA, Perrier S, Lucia C, Tran LT, Thiffault I, Köhler W, Bernard G. Oculodentodigital Dysplasia: A Cause of Hypomyelinating Leukodystrophy in Adults. Neurology. 2022 Apr 19;98(16):675-677. doi: 10.1212/WNL.0000000000200228. Epub 2022 Feb 21. PMID: 35190466; PMCID: PMC9052568.
Dominante CST3-Varianten verursachen Leukodystrophie im Erwachsenenalter ohne Amyloidangiopathie
Bergner CG, Breur M, Soto-Bernardini MC, Schäfer L, Lier J, Le Duc D, Bundalian L, Schubert S, Brenner D, Kreuz FR, Schulte B, Waisfisz Q, Bugiani M, Köhler W, Sticht H, Abou Jamra R, van der Knaap MS. Dominant CST3 variants cause adult onset leukodystrophy without amyloid angiopathy. Brain. 2024 Oct 3;147(10):3562-3572. doi: 10.1093/brain/awae085. PMID: 38489591.
Autoimmunenzephalitis
Meist werden solche Entzündungen durch Infektionen (Viren, Bakterien, Pilze oder Einzeller) ausgelöst. Manchmal ist dieser Auslöser jedoch keine Infektion, sondern die fehlgeleitete Antwort der körpereigenen Abwehr, unseres Immunsystems. Wenn dieses beginnt, Antikörper gegen die eigenen Nervenzellen in unserem Gehirn, sogenannte Autoantikörper, zu bilden, spricht man von einer Autoimmunenzephalitis.
Diagnostik und Therapie
Insgesamt betrachtet handelt es sich um eine seltene Erkrankungsgruppe. Der mit Abstand häufigste und bekannteste Vertreter dieser Gruppe ist die sogenannte anti-N-Methyl-D-Aspartat Rezeptor Enzephalitis (NMDARE).Sie kann bei Patientinnen jeden Alters auftreten, ist bislang jedoch meist bei jungen Erwachsenen und Kindern diagnostiziert worden. Andere Daten aus Patientinnengruppen mit unklarer Enzephalitis zeigen, dass die NMDARE Virus-bedingte Enzephalitiden bei Kindern in ihrer Häufigkeit sogar übertrifft.
Bei der Autoimmunenzephalitis handelt es sich nicht um eine einzelne Diagnose, sondern eine ganze Gruppe an Krankheiten, die jede für sich entsprechend charakterisiert und nach dem Autoantikörper benannt wird, der die Krankheit auslöst. Zum Beispiel wird die NMDA-Rezeptor Enzephalitis (NMDARE) durch Antikörper gegen N-Methyl-D-Aspartat Rezeptoren auf Nervenzellen in unserem Gehirn ausgelöst. Bis heute werden immer neue, zuvor unbekannte Autoantikörper gegen Nervenzellen in unserem Gehirn identifiziert, so dass die Zahl an einzelnen Diagnosen in dieser Gruppe zunimmt.
Zur Diagnosestellung ist daher die Entnahme von Liquor durch eine Lumbalpunktion notwendig. Diese Untersuchung ist wird in einem kurzen und unkomplizierten Verfahren auf unserer kinderneurologischen Station durchgeführt. Der Liquor wird anschließend im LaborBerlin der Charité auf die häufigsten, heute bekannten Autoantikörper gegen Nervenzellen untersucht. Darüber hinaus haben wir in den Forschungslabors der Neuropädiatrie die Möglichkeit mit Hilfe zusätzlicher Untersuchungen nach noch unbekannten Autoantikörpern im Liquor zu suchen.
Eine Autoimmunenzephalitis ist fast immer eine plötzlich beginnende und schnell fortschreitende Erkrankung, die ohne Behandlung oft zu immer schwerwiegenderen neurologischen Ausfällen, Wesensänderungen und schließlich einer lebensgefährlichen Störung der Atem- und Kreislaufregulation führen kann. Durch eine rechtzeitige Behandlung kann den meisten Patient*innen aber geholfen werden.
Patient*innen mit Autoimmunenzephalitis sprechen daher in der Regel auf eine immunsuppressive Therapie an. Diese hat das Ziel die Produktion der krankmachenden Autoantikörper einzudämmen.
Allgemein kann gesagt werden, dass ein frühzeitiger Therapiebeginn und bei (ausbleibender Besserung) eine rasch intensivierte Therapie einen günstigen Einfluss auf den Verlauf und das Ausheilen der Erkrankung haben. In unserer Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Neurologie unterscheiden wir eine Erstlinientherapie mit hochdosiertem Steroidpuls, intravenösen Immunglobulin-Gaben, sowie Plasmapherese oder Immunadsorption und eine Zweitlinientherapien mit modernen Biologika wie dem Anti-B-Zell Antikörper Rituximab. Je nach Schwere des Krankheitsverlaufs werden beide Therapiesäulen nacheinander angewandt.
Etwa die Hälfte aller Patientinnen sprechen bereits auf eine Erstlinientherapie an und haben im Verlauf eine gute Prognose. Von den übrigen Patientinnen sprechen wiederum mehr als zwei Drittel gut auf die Zweitlinientherapie an.Insgesamt erholen sich ca. 80% aller Patient*innen mit Hilfe einer immunsuppressiven Therapie, einer Tumorresektion (falls erforderlich), symptomatischer Behandlung (z.B. der Krampfanfälle oder psychotischer Symptome) und intensiver Rehabilitation. Trotzdem ist der Genesungsprozess langsam und kann sich über viele Monate ziehen.
MOG-Antikörper-assoziierte Erkrankung
Die MOG-Antikörper-assoziierte Erkrankung ist eine Autoimmunerkrankung, bei der Antikörper gegen das Myelinscheidenprotein Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein (MOG-AK) gebildet werden. Die Antikörper wandern über die Bluthirnschranke in das Gehirn ein und führen zu 1-5 cm großen Entzündungsherden, Läsionen genannt. Die Entzündung, die zu einem Abbau der Myelinschicht der Nervenzellen führt, stört die Weiterleitung der Nervenimpulse in den Nervenfasern. Am häufigsten sind dabei der Sehnerv und das Rückenmark betroffen. Ist der Sehnerv betroffen, treten Sehstörungen auf. Entzündungen des Rückenmarks führen meist zu Taubheit oder zu Schwäche. Insbesondere bei Kindern ist häufig auch das Großhirn betroffen und es können vielfältige Symptome auftreten. Die Entzündungen, Schübe genannt, bilden sich meist wieder über Wochen bis Monate vollständig zurück. In seltenen Fällen können jedoch auch erhebliche Behinderungen zurückbleiben.
Verlauf und Diagnose
Der Verlauf der MOG-Antikörper-assoziierten Erkrankung kann monophasisch, das heißt einzeitig sein, oder mehrzeitig (rekurrierend). Bei der rekurrierenden Form können die Schübe mehrere Jahre oder aber nur wenige Monate getrennt voneinander auftreten.
Für die Diagnose wird eine neurologische Untersuchung, eine Nervenwasserpunktion, Blutuntersuchungen und eine Magnetresonanztomografie von Kopf und Rücken benötigt.
Behandlung
Der akute Schub wird über 3-5 Tage intravenös mit Cortison behandelt. Dies führt meist zu einem Rückgang oder Verschwinden der Symptome. Patienten mit einem monophasischen Verlauf brauchen keine Dauertherapie. Patienten mit einem rekurrierenden Verlauf können, wenn die Schübe häufig auftreten, mit Medikamenten behandelt werden, die dazu führen, dass die Schübe seltener und weniger schwer sind.
Forschungsschwerpunkte und translationale Ansätze
Unser Team verfügt über mehrere Schwerpunkte im Bereich der translational-präklinischen Forschung. Zum einen sind wir an neurologischen Erkrankungen, bei denen die so genannte weisse Substanz (Myelin) primär oder sekundär beeinträchtigt wird, interessiert. Dies umfasst neben der Multiplen Sklerose (MS) und peripheren Neuropathien auch ALS, Schlaganfall, Covid-19 und das Down-Syndrom. Zum anderen beschäftigen wir uns vorwiegend mit Gliazellen, d.h. mit den Myelin-produzierenden Oligodendrozyten, den Astrozyten und den mikroglialen Zellen sowie deren Vorläuferzellen und mit neuralen Stammzellen des ZNS.
Mit p57kip2 konnten wir in der Vergangenheit einen intrinsischen, negativen Regulator der Schwannzell- und oligodendroglialen Reifung identifizieren, der zudem auch das gliale Schicksal von neuralen Stammzellen kontrolliert. Um eine biomedizinische Umsetzung zu ermöglichen, konnten wir eine Reihe von pharmakologischen Substanzen identifizieren, die den p57kip2 Effekt gezielt neutralisieren können. Dabei handelt es sich um Parbendazol, Danazol und Methiazol. Weitere, zum Teil bereits klinisch eingesetzte Substanzen wie Teriflunomid, Medryson, Cladribin oder auch S1PR Modulatoren werden aktuell auf ihre pro-oligodendroglialen Eigenschaften getestet. Hierbei werden auch Effekte auf benachbarte Gliazellpopulationen wie Mikroglia und Astrozyten untersucht, um ggf. begleitende neurotoxische Reaktionen zu beschreiben.
Bei dem C21orf91 Gen handelt es sich um einen weiteren intrinsischen Regulator, der in unserem Labor zum ersten Mal beschrieben wurde und der an der glialen Fehlentwicklung beim Down Syndrom beteiligt zu sein scheint.
In einer Vielzahl von Studien konnten wir zusammen mit einem internationalen Konsortium, zeigen, dass das bei MS aktivierte, endogene Retrovirus HERV-W sowohl oligodendrogliale Vorläuferzellen in ihrer Reifung und Regenerationsreaktion hemmt als auch mikroglialen Zellen einen aggressiven Charakter verleiht. Diese Human-spezifische Entität ist bereits erfolgreich im MS Patienten mittels Antikörper (Temelimab) neutralisiert worden und es konnte somit eine anti-regenerative und pro-degenerative Rolle von HERV-W indirekt bestätigt werden. Aktuelle Untersuchungen befassen sich mit der direkten Studie des HERV-W Hüllproteins im Zusammenhang mit Neuroinflammation, Myelindegeneration- und Regeneration bei MS und Covid-19.