Krampfanfälle können beängstigend sein und eine Vielzahl von körperlichen und geistigen Auswirkungen haben. Ein weniger bekanntes, aber dennoch relevantes Problem, das nach einem Krampfanfall auftreten kann, ist die Gewichtszunahme. Dieser Artikel untersucht die möglichen Ursachen für Gewichtszunahme nach einem Krampfanfall und bietet Einblicke in mögliche Lösungen.
Paroxysmale Symptome und ihre Behandlung
Paroxysmale Symptome sind Beschwerden, die plötzlich, kurz (maximal wenige Minuten) und wiederkehrend auftreten. Sie können einschießende Schmerzen, plötzliche Gefühls-, Sprech- oder Bewegungsstörungen und seltener Juckreiz umfassen. Das häufigste paroxysmale Symptom ist die MS-bedingte Trigeminusneuralgie.
Auslöser und Therapieziele
Paroxysmale Symptome können durch verschiedene Reize ausgelöst werden, wie z. B. plötzliche Bewegungs- oder Haltungsänderungen, Sprechen, Lachen, Schlucken, heißes oder kaltes Essen, können aber auch spontan entstehen. Das Therapieziel ist die Vermeidung der jeweiligen Symptome ohne Beeinträchtigung des Patienten durch die Therapie und damit die Steigerung der Lebensqualität.
Nicht-medikamentöse und medikamentöse Therapie
Es kann hilfreich sein, ein Tagebuch zu führen, um zu erkennen, in welchen Situationen paroxysmale Symptome auftreten. Unter Umständen lassen sich solche Situationen reduzieren oder vermeiden. Bei einem Uhthoff-Phänomen sollten Patienten Wärme meiden und kalte Duschen, kalte Getränke oder kühlende Kleidung einsetzen. Die meisten paroxysmalen Symptome lassen sich gut mit Medikamenten behandeln. Eingesetzt werden Antiepileptika wie Carbamazepin, Gabapentin, Lamotrigin, bei ausgeprägter Wärmeempfindlichkeit (Uhthoff-Phänomen) auch 4-Aminopyridin.
Medikamente und ihre Nebenwirkungen
Carbamazepin, Gabapentin, Lamotrigin und 4-Aminopyridin beeinflussen die elektrisch-chemischen Abläufe im Gehirn, stabilisieren die Zellmembranen und hemmen die Reizübertragung zwischen Nerven. Sie können jedoch Nebenwirkungen wie Benommenheit, Schwindel, Gangunsicherheit, Übelkeit, Gewichtszunahme, Kopfschmerzen, Hautausschlag und Missempfindungen verursachen.
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Ursachen für Gewichtszunahme nach Krampfanfällen
Mehrere Faktoren können zu einer Gewichtszunahme nach einem Krampfanfall beitragen:
Medikamente
Einige Antiepileptika, die zur Behandlung von Krampfanfällen eingesetzt werden, können als Nebenwirkung zu Gewichtszunahme führen. Besonders Gabapentin und Valproat sind dafür bekannt. Gabapentin kann Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Gewichtszunahme, Nervosität und Schlaflosigkeit verursachen. Valproat kann zu erhöhten Testosteron- und Androstenedion-Spiegeln sowie zu einem höheren Körpergewicht führen.
Verringerte körperliche Aktivität
Nach einem Krampfanfall kann es zu einer vorübergehenden oder dauerhaften Einschränkung der körperlichen Aktivität kommen. Dies kann auf Angst vor weiteren Anfällen, körperliche Einschränkungen oder Müdigkeit zurückzuführen sein. Weniger Bewegung führt zu einem geringeren Kalorienverbrauch und kann somit zu einer Gewichtszunahme beitragen.
Veränderungen im Stoffwechsel
Krampfanfälle können den Stoffwechsel beeinflussen und zu Veränderungen im Hormonhaushalt führen. Dies kann den Appetit steigern und die Fettverbrennung reduzieren, was wiederum zu einer Gewichtszunahme führen kann.
Psychische Faktoren
Krampfanfälle können psychische Belastungen wie Angst, Depressionen und Stress verursachen. Diese können zu ungesunden Essgewohnheiten wie Frustessen oder übermäßigem Verzehr von zucker- und fettreichen Lebensmitteln führen, was die Gewichtszunahme begünstigt.
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Lebensstiländerungen
Nach einem Krampfanfall können sich die Lebensumstände ändern. Beispielsweise kann es erforderlich sein, den Beruf aufzugeben oder soziale Aktivitäten einzuschränken. Dies kann zu Langeweile und einem ungesünderen Lebensstil führen, der die Gewichtszunahme fördert.
Strategien zur Gewichtskontrolle nach Krampfanfällen
Es gibt verschiedene Strategien, die helfen können, die Gewichtszunahme nach einem Krampfanfall zu kontrollieren:
Medikamentenmanagement
Wenn ein Antiepileptikum für die Gewichtszunahme verantwortlich ist, kann der Arzt möglicherweise auf ein anderes Medikament umstellen, das weniger wahrscheinlich zu Gewichtszunahme führt. Lamotrigin hat beispielsweise ein neutrales metabolisches Profil und kann eine Valproat-bedingte Adipositas rückgängig machen.
Ernährungsumstellung
Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und magerem Eiweiß kann helfen, das Gewicht zu kontrollieren. Es ist wichtig, zucker- und fettreiche Lebensmittel sowie stark verarbeitete Produkte zu vermeiden. Eine Low-Carb-Diät, wie die Atkins-Diät oder eine Ernährung auf Basis des glykämischen Indexes, kann ebenfalls hilfreich sein.
Regelmäßige Bewegung
Regelmäßige körperliche Aktivität ist wichtig, um Kalorien zu verbrennen und den Stoffwechsel anzukurbeln. Auch wenn es anfangs schwierig sein mag, ist es ratsam, mit leichten Übungen zu beginnen und die Intensität allmählich zu steigern. Physiotherapie kann helfen, die körperliche Funktion zu verbessern und die Angst vor Bewegung zu reduzieren.
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Stressmanagement
Stress kann zu ungesunden Essgewohnheiten führen. Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelrelaxation nach Jacobson können helfen, Stress abzubauen und das Essverhalten zu kontrollieren.
Psychologische Unterstützung
Psychologische Unterstützung kann hilfreich sein, um mit den emotionalen Herausforderungen umzugehen, die mit Krampfanfällen und Gewichtszunahme einhergehen. Ein Therapeut kann helfen, gesunde Bewältigungsstrategien zu entwickeln und das Selbstwertgefühl zu stärken.
Selbsthilfegruppen
Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann eine wertvolle Unterstützung sein. Hier können Erfahrungen ausgetauscht und Strategien zur Gewichtskontrolle diskutiert werden.
Ataxie und Tremor
Ataxie und Tremor sind Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen, die bei MS-Patienten auftreten können. Sie können die Feinmotorik beeinträchtigen und den Alltag erschweren.
Therapieziele und nicht-medikamentöse Therapie
Das Therapieziel ist die Verbesserung der Feinmotorik, um die Selbstständigkeit im Alltag und die Berufsfähigkeit zu erhalten. Basis der Behandlung ist eine intensive Physiotherapie, kombiniert mit Ergotherapie. Entspannungstechniken und Hilfsmittel können den Alltag erleichtern.
Medikamentöse Therapie
Medikamente sind wenig hilfreich und mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden. Sie können ausschließlich den Tremor lindern. Clonazepam, Propranolol, Primidon oder Ondansetron werden erst versucht, wenn nicht-medikamentöse Therapien bei Tremor versagen. Neueste Ergebnisse zeigen sehr gute Erfolge von Topiramat, sonst bei Migräne oder Epilepsie eingesetzt.
Blasenstörungen
Neurogene Blasenstörungen gehören zu den häufigsten Begleiterscheinungen der MS. Sie können sich in häufigem Harndrang, Inkontinenz, verzögerter Blasenentleerung und Restharnbildung äußern.
Therapieziele und nicht-medikamentöse Therapie
Das Therapieziel ist die Verbesserung der Speicherfunktion der Blase, ihre möglichst vollständige Entleerung und Normalisierung des Harndrangs. Wichtig ist regelmäßiges Trinken, regelmäßige Toilettengänge, Kontrolle von Trink- und Urinmenge durch ein Tagebuch und Beckenbodengymnastik.
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Behandlung umfasst Anticholinergika zur Dämpfung eines überaktiven Blasenmuskels, Alphablocker zur Entspannung des Blasenschließmuskels und Desmopressin zur Verringerung der Urinproduktion. Bei häufigem Harndrang mit kleinen Urinmengen und Inkontinenz kann Botulinumtoxin direkt in den Detrusormuskel gespritzt werden. Akute Harnwegsinfekte werden mit Antibiotika behandelt.
Epilepsie im Alter
Bei älteren Menschen wird Epilepsie häufig nicht erkannt, obwohl etwa ein Drittel der Epilepsie-Patienten über 65 Jahre alt ist. Die meisten Anfälle verlaufen sehr kurz und ohne Konvulsionen.
Ursachen und Behandlung
Bei etwa 38 Prozent der alten Menschen ist die Epilepsie Folge eines Schlaganfalls, bei etwa 30 Prozent Folge eines Schädel-Hirn-Traumas, einer intrazerebralen Blutung, einer Atherosklerose der Hirngefäße, einer neurodegenerativen Erkrankung oder eines plötzlichen Entzugs von Benzodiazepinen. Die Behandlung zielt auf die Kontrolle von Anfällen, die Minimierung von Nebenwirkungen und die Ermöglichung der Teilnahme am sozialen Leben ab.
Antiepileptika im Alter
Zur Therapie wird in Deutschland bei alten Menschen vor allem Carbamazepin verwendet. Carbamazepin sei aber zur Neueinstellung bei älteren Patienten wenig geeignet: Als unerwünschte Wirkungen können Müdigkeit, kognitive Störungen und Gangstörungen auftreten. Im Gegensatz zu Carbamazepin gebe es damit auch keine nennenswerten Enzym-Induktion. Zudem wirke Valproat auch gut bei generalisierten Anfällen, die etwa häufig bei Demenz-Patienten mit Epilepsie auftreten.
Levetiracetam
Levetiracetam ist ein Antiepileptikum, das die Gefahr eines epileptischen Anfalls senkt. Es gilt allgemein als gut verträglich und kann auch mit anderen Medikamenten kombiniert werden. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Schläfrigkeit und Kopfschmerzen.
Wirkungsweise und Anwendungsgebiete
Levetiracetam senkt die Übererregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn durch Bindung an ein spezielles Protein. Zu den Anwendungsgebieten gehören verschiedene Formen von Krampfleiden, namentlich fokale Anfälle, myoklonische Anfälle und tonisch-klonische Anfälle.
Anwendung und Nebenwirkungen
Levetiracetam wird üblicherweise in Form von Tabletten oder Trinklösungen angewendet. Die Dosierung beträgt normalerweise zwischen 500 und 1500 Milligramm. Sehr häufig ruft Levetiracetam Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Schwindel und Schläfrigkeit hervor. Häufig kommt es durch die Einnahme des Arzneimittels zu Angststörungen, depressiven Verstimmungen, Gewichtsabnahme und Magen-Darm-Beschwerden.
Epilepsie bei Frauen
Epilepsiekranke Frauen bedürfen eines auf ihre biologische Situation abgestimmten differenzialtherapeutischen Managements, sowohl für die reproduktive Lebensphase als auch für die Wechseljahre. In der Perimenopause kann ein Östrogenüberschuss die Anfallsaktivität erhöhen.
Antikonvulsive Medikation und Steroidmetabolismus
Nicht gesichert ist die Wirksamkeit bei einer Therapie mit enzyminduzierenden Antiepileptika wie Carbamazepin, Phenobarbital, Primidon, Phenytoin, Oxcarbazepin oder (hoch dosiertem) Topiramat. Keine Einschränkungen sind dagegen bei mit Valproat, Gabapentin, Lamotrigin oder Levetiracetam behandelten Patientinnen zu erwarten. Induktoren des hepatischen Cytochrom-P450-Systems vermindern die Serumkonzentration von Östrogen und Androgenen, der Inhibitor Valproat steigert dagegen die Androgensynthese.
Lamotrigin
Das neutrale metabolische Profil von Lamotrigin wird von den Ergebnissen einer multizentrischen Studie bestätigt. In der Valproat-Gruppe wurden nicht nur statistisch signifikant höhere Testosteron- und Androstenedion-Spiegel dokumentiert als im Lamotrigin-Kollektiv, sondern auch ein im Durchschnitt deutlich höheres Körpergewicht. Als vielversprechend bezeichnete Morrell, dass durch Umstellung auf Lamotrigin eine Valproat-bedingte Adipositas rückgängig gemacht werden könne.
Praktische Tipps für den Umgang mit Epilepsie
- Anfallstagebuch führen: Ein Anfallstagebuch oder ein Anfallskalender kann helfen, Auslöser zu identifizieren und die Wirksamkeit der Behandlung zu überwachen.
- Triggerfaktoren vermeiden: Schlafmangel, Alkoholkonsum und Stress können Anfälle auslösen.
- Notfallplan erstellen: Ein Notfallplan sollte Informationen über die Medikamente, den Anfallstyp und die Dauer enthalten.
- Sicherheitsmaßnahmen treffen: Während eines Anfalls sollten Verletzungen vermieden werden. Gegenstände, die eine Gefahr darstellen könnten, sollten entfernt werden.
- Unterstützung suchen: Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen können eine wertvolle Unterstützung bieten.
Ernährungstherapie bei Epilepsie
Die Idee, Epilepsie mithilfe einer speziellen Diät zu therapieren, kam bereits in der Antike auf. Ernährungstherapeutisch hat sich vor allem die ketogene Diät bzw. die ketogene Ernährung durchgesetzt.
Ketogene Diät
Die ketogene Diät ermöglicht durch Zufuhr hoher Fettmengen die Bildung von Ketonkörpern, ohne dass der Patient fasten muss.
Atkins-Diät
Die nach dem US-amerikanischen Kardiologen Robert Atkins benannte Diät zeichnet sich durch einen hohen Fett- sowie Eiweißanteil und einen niedrigen Kohlenhydratgehalt aus. In einer prospektiven Studie an Erwachsenen berichteten 47 % von einer Abnahme der Anfallshäufigkeit um mehr als 50 % innerhalb von drei Monaten.
Ernährung auf Basis des glykämischen Indexes
Auch hier führt die Wahl von Lebensmitteln mit einer geringen Auswirkung auf den Blutzuckerspiegel zu einer Hohen Aufnahme von Fett sowie Eiweiß und zu einer niedrigen Zufuhr an Kohlenhydraten. Unter Auswahl von Lebensmitteln mit einem glykämischen Index von unter 50 % kam es bei 10 von 20 Patienten zu einer Reduktion der Anfälle von über 90 %.
Differenzialdiagnose von Anfallsleiden
Der Neurologe sollte sich insbesondere auch mit solchen Differenzialdiagnosen auskennen, die schon grenzüberschreitend im Gebiet von Nachbardisziplinen liegen (z. B. der Morbus Menière als Schwindelursache in der HNO-Heilkunde oder die Panikattacke als Ursache von thorakalen Beklemmungen in der Psychiatrie). Der Fokus des vorliegenden Kapitels soll dementsprechend in der Differenzialdiagnose unterschiedlicher Anfallsleiden liegen und nicht in der umfassenden Abhandlung dieser Krankheitsbilder, die zum Teil ja in anderen Kapiteln dieses Buches erfolgt.
Semiologie von Anfällen
Die Semiologie beschreibt das Muster der aufgetretenen Symptome in den verschiedenen neurologischen oder psychischen Funktionsbereichen. Dabei ist es zweckdienlich, Veränderungen des Bewusstseins, des Verhaltens, der Kognition, der Wahrnehmung, der Motorik, des Affektes und im Vegetativum getrennt zu beschreiben.
Phasenabgrenzung
Bei der Phasenabgrenzung geht es einerseits darum, zu erfassen, ob bereits vor dem eigentlichen Anfall typische Veränderungen eingetreten sind, die ggf. auf die Anfallsursache hindeuten (präiktale Phase, z. B. Präsynkope oder sensorische Aura vor einem epileptischen Anfall). Andererseits sollen Auffälligkeiten oder Symptome, die sich nach dem Anfall einstellen, beschrieben werden (postiktale Phase, z. B. verzögerte Reorientierung nach einem generalisierten Krampfanfall).
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