Nach einem Schlaganfall Sprechen Lernen: Übungen und Therapieansätze

Viele Schlaganfallpatienten kennen die Situation: Nach dem Aufwachen im Krankenhaus wollen sie etwas sagen, aber werden nicht verstanden. Diese Erfahrung kann sehr frustrierend sein. Es ist wichtig zu wissen, dass Sprachverlust nicht bedeutet, dass die Betroffenen nicht mehr denken können. Oft wissen sie genau, was sie sagen möchten, finden aber nicht die richtigen Worte.

Vielfalt der Aphasie

Aphasie, eine Sprachstörung, die häufig nach einem Schlaganfall auftritt, hat viele verschiedene Gesichter. Die Auswirkungen können sich bei jedem Betroffenen anders äußern.

  • Globale Aphasie: Betroffene können oft nur einzelne Worte sprechen und haben Schwierigkeiten, Sprache zu verstehen.
  • Wernicke-Aphasie: Betroffene sprechen flüssig, wählen aber falsche Worte oder Laute. Ihr Sprachverständnis ist stark eingeschränkt.
  • Broca-Aphasie: Betroffene können nur kurze Sätze mit den notwendigsten Worten formulieren. Das Sprachverständnis ist relativ gut erhalten.
  • Amnestische Aphasie: Betroffene nutzen Umschreibungen oder Floskeln, wenn ihnen das gesuchte Wort nicht einfällt.

Auch bei der Aussprache, im Satzbau und in der Grammatik gibt es unterschiedliche Fehlertypen.

Tipps für die Kommunikation mit Aphasie-Betroffenen

Eine ruhige und entspannte Atmosphäre ist hilfreich. Radio und Fernseher sollten ausgeschaltet und die Gruppe der Gesprächspartner möglichst klein gehalten werden. Es ist wichtig, dem Betroffenen Mut zu machen und ihm zu signalisieren, dass er sich trauen kann, zu sprechen - auch wenn es etwas länger dauert. Geduld ist hier gefragt.

Bei Verständnisproblemen helfen kurze Sätze und Ja/Nein-Fragen. Das Thema des Gesprächs sollte angekündigt werden. Wenn die sprachliche Kommunikation eingeschränkt ist, wird die nichtsprachliche Kommunikation wichtiger. Achten Sie daher auf Gestik, Mimik und Körpersprache.

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Logopädische Therapie und Neuroplastizität

Dank intensiver logopädischer Therapie lässt sich viel erreichen. Unmittelbar nach dem Schlaganfall, in der Rehaklinik, erzielen Betroffene oft große Erfolge. Doch auch später lohnt es sich, am Ball zu bleiben. Auch nach Jahren können durch individuelle Übungen noch Fortschritte erzielt werden.

Ein vielversprechender neuer Therapieansatz nutzt die Neuroplastizität, die Fähigkeit des Gehirns, seine Strukturen ein Leben lang ändern zu können. Dieser Ansatz setzt an der „Reparatur“ der durch Einblutung oder Blutgerinnsel gestörten Gehirnregelkreise für die Sprache an.

Brain-Computer-Interface (BCI) Technologie

Ein EEG misst live die Gehirnaktivität des Patienten während Sprachübungen und gibt ihm zeitgleich eine Rückmeldung, wie erfolgreich er dabei ist (Brain-Computer-Interface (BCI)). Durch dieses Sofort-Feedback können die Patienten die geeignete Strategie finden, mit der eine Erholung ihrer Sprachfunktion möglich ist.

Konkret werden von dem BCI-System typische Gehirnaktivitäten gemessen, die beim Verarbeiten von Zielwörtern und Nicht-Zielwörtern anders als bei Gesunden ausfallen. Das System gibt dem Patienten ein Feedback, ob er die Aufgabe gut gelöst hat, also ob er beim richtigen Wort eine dem Zielwort entsprechende Hirnaktivität verwendet hat.

Sprach-Apps als Ergänzung zur Therapie

Zwei Wissenschaftlerinnen der Hochschule für Gesundheit (hsg) in Bochum haben eine App entwickelt und evaluiert, die ergänzend zur logopädischen Präsenztherapie eingesetzt werden kann. „DiaTrain“ ist auf Basis der Studie „Teletherapie bei Aphasie nach Schlaganfall“ entstanden und richtet sich speziell an Menschen mit einer Sprach- und Kommunikationsstörung.

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Die App enthält kurze strukturierte Videosequenzen von Dialogen in Alltagssituationen, die Patienten über verschiedene Hilfestufen üben können. Die Dialoge finden zum Beispiel in der Bäckerei, beim Arzt oder in der Apotheke statt. Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass ein hochfrequentes Training mit der App in Kombination mit einer professionellen Sprachtherapie nicht nur die Benenn- und Kommunikationsfähigkeit verbessern, sondern auch einen positiven Einfluss auf das Selbstvertrauen und die Freude am Sprechen haben könne. Die App ist kostenfrei für iOS verfügbar.

Mit der App „Neolexon“ können Patienten nach einem Schlaganfall ihre Sprache wieder erlernen. Entwickelt wurde die App von zwei Sprachtherapeutinnen. Sie ermöglicht den Weg zurück in die Welt der Sprache. Der Patient muss das dazu passende Bild anklicken. Beim „Sprechen“ soll er ein angezeigtes Bild laut benennen. „Lesen“ zeigt ein Wort und vier Bilder, von denen das passende ausgesucht werden muss. Patienten müssen für die App pro Tablet und Jahr 184,24 Euro inklusive Mehrwertsteuer zahlen.

Um die Aphasie-App für Patient:innen nutzen zu können, müssen Sie in Behandlung eines Logopäden bzw. Die neolexon Aphasie-App ist ein Medizinprodukt und erfüllt somit höchste Qualitäts- und Sicherheitskriterien. Die meisten privaten Krankenversicherungen erstatten die Kosten der neolexon Aphasie-App für Patient:innen. Die Wirksamkeit der neolexon Aphasie-App wurde mit Deutschlands größter Therapiestudie bei Aphasie mit 196 Patient:innen nachgewiesen. Mit der neolexon Aphasie-App können Sie zusätzlich zu Ihrer Logopädie zu Hause trainieren - und das so viel Sie möchten. Die Übungsinhalte in der App können Sie gemeinsam mit Ihrem Therapeuten bzw. Ihrer Therapeutin auswählen. neolexon Aphasie bietet eine digitale Sprachtherapie für Patienten mit Aphasie und/oder Sprechapraxie, die aufgrund einer neurologischen Erkrankung sprachliche Beeinträchtigungen haben. Die digitale Anwendung soll die logopädische Therapie zielgerichtet intensivieren und die sprachlichen Fähigkeiten verbessern. neolexon Aphasie ist nur anwendbar als Ergänzung zur Behandlung beim Logopäden/Sprachtherapeuten.

Weitere Apps für Schlaganfallpatienten

Auf dem deutschen Markt gibt es weitere Apps für Schlaganfallpatienten, die jedoch nicht zu den DiGA gehören.

  • Die App »Lingo Talk« des Berliner Unternehmens Lingo Lab UG hilft Menschen mit Sprachstörungen nach einem Schlaganfall, Dinge wieder korrekt zu benennen und auszusprechen. Es gibt mehr als 2500 Übungswörter, regelmäßig neue Themensets und diverse Aussprachehilfen. Die ersten 30 Tage sind kostenlos, anschließend fallen 9,99 Euro pro Monat an.
  • Ebenfalls dem Sprach-, aber auch dem Kognitionstraining, dient die App »myReha« der myReha GmbH in Wien. Es gibt mehr als 35 Übungen, etwa Sprachübungen zum Nachsprechen, teils als Spiele gestaltet. Zudem gibt es einen jeweils an die persönlichen Fortschritte angepassten Wochenplan. Die Preise sind nach der Dauer des Abos gestaffelt: Für die einmonatige Nutzung fallen 39,99 Euro an, im sechsmonatigen Abo 29,99 Euro pro Monat und im Jahresabo 24,99 Euro pro Monat.
  • Eine weitere App, die nicht der Nachsorge, sondern der Erkennung eines Schlaganfalls dient, ist »FAST-Test« von der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe.

Innovative Trainingsansätze

Freiburger Forscher haben ein Training entwickelt, mit dem selbst schwer Betroffene wieder sprechen lernen. Eines müssen sie dabei nicht: Sprechen. Die Neurologin Dr. Mariachristina Musso von der Klinik für Neurologie und Neurophysiologie des Universitätsklinikums Freiburg und der Informatiker Dr. Michael Tangermann vom Institut für Informatik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg haben mit ihrem Forschungsteam ein neues Training zur Verbesserung der Sprachfähigkeit entwickelt. Für ihren innovativen Trainingsansatz, der die Gehirnsignale der Patientinnen und Patienten einbezieht, wurden sie mit einem internationalen Preis ausgezeichnet, dem BCI Award.

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Dr. Musso und Dr. Tangermann entwickelten mit ihrem Team ein Sprachtraining, das erstaunlicherweise nicht auf Sprechen, sondern auf Zuhören basiert. Die Teilnehmer hören einen Satz, bei dem ein Wort fehlt. Durch aufmerksames Zuhören müssen sie dann aus einer kontinuierlichen Folge vieler Wörter das richtige identifizieren und sich merken. Ob es das richtige Wort ist, messen die Forscher mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) über die Gehirnsignale der Patienten, während diese den abgespielten Worten zuhören.

Im Gegensatz zu existierenden Sprachtrainingsansätzen ist das Aussprechen der Worte nicht nötig. „Das macht es gerade für Patienten mit schweren Sprachstörungen einfacher, ihre Sprachfähigkeit zu verbessern“, sagt Dr. Musso. Möglich ist das, weil beim Hören und Vorstellen eines Wortes die gleichen Hirnareale aktiviert werden wie beim Sprechen selbst. Direkt im Anschluss an die abgespielten Worte bekommen die Patienten eine Rückmeldung auf Grundlage der EEG-Signale. „So erfahren die Patienten, wie gut sie die Aufgabe absolviert haben. Dadurch entwickeln sie eine erfolgreiche Strategie, um sich auf das richtige Wort zu konzentrieren, und können diese dann auch im Alltag benutzen“, erklärt Dr. Musso.

Das intensive Sprachtraining dauert drei bis fünf Wochen und findet an vier Tagen pro Woche statt. Bei den acht Patienten, die an der Pilotstudie teilnahmen, lag der Schlaganfall mehrere Monate bis Jahre zurück. Die Ergebnisse der Pilotstudie sind sehr vielversprechend: Durch das Training haben sich bei diesen chronischen Patienten viele sprachliche Kompetenzen wie Aussprechen, Benennen, Verstehen, Schreiben und Lesen verbessert. „Am Ende des Trainings konnten selbst der mittelschwer Betroffene wieder ganze Sätze sprechen. Das ist eine enorme Verbesserung. Die Patienten waren überglücklich über ihre Fortschritte“, sagt Dr. Musso.

Die Wissenschaftler planen ab 2019 eine größer angelegte Studie, um die Wirkung des Trainings genauer zu untersuchen. Sie wollen außerdem herausfinden, für welche Patientengruppe und für welche Arten von Schlaganfällen es besonders geeignet ist. Von einem Therapeuten durchgeführt, könnte der neue Trainingsansatz zukünftig die traditionelle Sprachtherapie unterstützen.

Weitere Therapieansätze und Hilfsmittel

  • Logopädie: Logopädinnen und Logopäden helfen Betroffenen, beispielsweise nach einem Schlaganfall, die Aussprache zu verbessern, die Stimme zu trainieren oder wieder richtig sprechen zu lernen. Die Sprache verbessern, indem zum Beispiel die Bildung von Lauten, die Bedeutung von Wörtern oder der Satzbau geübt werden. Um die Sprachfunktionen bestmöglich wiederherzustellen, sollte die logopädische Behandlung so früh wie möglich beginnen.
  • Sprachtherapie: Die Behandlung erfolgt z. B. durch Fachpersonal aus Logopädie, Sprachtherapie, klinischer Linguistik oder Atem-, Sprech- und Stimmtherapie. Die Sprachtherapie beginnt in der Regel direkt in der Akut-Klinik und wird je nach Bedarf in der Rehabilitation und ambulanten Therapie fortgeführt. Je nach Symptomen der Störung legt das therapeutische Fachpersonal gemeinsam mit der Patientin oder dem Patienten (und Angehörigen) die Ziele der Therapie fest.
  • Dysarthrophonie-Therapie: Bei einer Dysarthrophonie kommt es zu mehr oder weniger ausgeprägten Beeinträchtigungen der Lautbildung (Artikulation), der Stimmgebung und der Sprechatmung.
  • Sprechapraxie-Therapie: Die Sprechapraxie ist eine Planungs- und Programmierungsstörung der Sprechbewegungen, die sehr komplex und unterschiedlich ist.
  • Schlucktherapie: Schluckstörungen sind neben Sprachstörungen häufige Folgen eines Schlaganfalls und können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.

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