Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der in Deutschland schätzungsweise zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung betroffen sind, wobei Frauen zwei- bis dreimal häufiger betroffen sind als Männer. Obwohl die genauen Ursachen von Migräne noch nicht vollständig geklärt sind, geht die Wissenschaft davon aus, dass das Gehirn von Migränepatienten aufgrund ihrer Veranlagung empfindlicher auf bestimmte Reize reagiert. Diese Reize, sogenannte Triggerfaktoren, können von hormonellen Schwankungen über Stress bis hin zu bestimmten Nahrungsmitteln reichen.
Eine aktuelle Studie hat die Annahme in Frage gestellt, dass es keine spezielle „Migräne-Diät“ gibt, die potenziellen Attacken vorbeugen kann. Obwohl Migräne eine genetische Komponente hat, können auch äußere Faktoren wie Lebensstil, Umgebung und Ernährung eine Rolle spielen.
Der Einfluss der Ernährung auf Migräneanfälle
Forscher haben in einer Studie die Auswirkungen von Ernährungsumstellungen auf Menschen mit Migräne untersucht. Mehr als 700 Probanden aus acht klinischen Studien wurden in die Analyse einbezogen. Die Forscher verglichen verschiedene Ernährungsformen, darunter die ketogene Ernährung, die DASH-Diät und vegane Ernährung.
- Ketogene Ernährung: Diese Diät zeichnet sich durch eine stark reduzierte Kohlenhydratzufuhr und eine hohe Fettaufnahme aus.
- DASH-Diät: Ursprünglich für Menschen mit Bluthochdruck entwickelt, steht DASH für „Dietary Approaches to Stop Hypertension“ (Diätetischer Ansatz zum Stopp von Hochdruck) und setzt auf Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Fisch, Geflügel, Nüsse, Kerne und pflanzliche Öle.
Studienergebnisse: Ketogene und DASH-Diät zeigen positive Effekte
Die Studie ergab, dass sowohl die ketogene Ernährung als auch die DASH-Diät die Häufigkeit von Migräneattacken verringern können. Die DASH-Diät führte zusätzlich zu einer Gewichtsreduktion und ist für eine langfristige Ernährungsumstellung geeignet, während die ketogene Ernährung aufgrund ihrer Einseitigkeit und des hohen Fettgehalts nicht für eine langfristige Anwendung empfohlen wird.
Bei der ketogenen Ernährung wird auf Getreideprodukte, Hülsenfrüchte, die meisten Obstsorten und stärkereiches Gemüse wie Kartoffeln weitgehend verzichtet. Stattdessen liegt der Fokus auf Fleisch, Fisch und kohlenhydratarmen Obst- und Gemüsesorten wie Beeren, Salat oder Brokkoli.
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Mögliche Erklärungen für die positiven Effekte
Die Gründe für die Wirksamkeit dieser Ernährungsformen sind noch nicht vollständig geklärt. Eine mögliche Erklärung ist der hohe Anteil an Antioxidantien in der DASH-Diät, insbesondere Polyphenole und Carotinoide in pflanzlichen Lebensmitteln. Bei der ketogenen Ernährung könnte der Effekt darauf beruhen, dass anstelle von Zucker Ketonkörper als Energiequelle genutzt werden, wodurch eine Zucker-Stoffwechsel-Störung bei Migränepatienten umgangen wird.
Zusätzlich vermeiden beide Ernährungsformen weitgehend Fertigprodukte, wodurch die Aufnahme von Zucker, gesättigten Fettsäuren und zu hohem Salzgehalt reduziert wird.
Personalisierte Ernährung als Migräneprophylaxe
Neben den genannten Ernährungsformen empfiehlt die Migräne Liga, ebenso wie die American Migraine Foundation, eine gesunde und ausgewogene Ernährung. Regelmäßige Mahlzeiten und Entspannungsübungen sind ebenfalls wichtig. Eine personalisierte Ernährung, die den Blutzuckerspiegel nach dem Essen niedrig und stabil hält, kann eine effektive Migräneprophylaxe darstellen.
Die digitale Gesundheitsanwendung sinCephalea verfolgt diesen Ansatz und basiert auf der Erkenntnis, dass Blutzuckerreaktionen auf Nahrungsmittel stark variieren können, was individuelle Ernährungsempfehlungen erforderlich macht. Das zerebrale Energiesystem ist stark von der peripheren Energiezufuhr abhängig, wobei Glukose der primäre Energielieferant ist. Migränepatienten reagieren oft übermäßig auf Blutzuckerschwankungen, die Migräneattacken auslösen können.
Hohe Blutzuckerreaktionen nach der Nahrungsaufnahme können auch inflammatorische Prozesse fördern, die an der Entstehung von Migräneattacken beteiligt sind. Ein stabiler Blutzuckerspiegel kann die Produktion des Neuropeptids CGRP hemmen, das eine starke vasodilatatorische Wirkung besitzt und insbesondere auf Gehirnarterien wirkt.
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Die Rolle des Blutzuckerspiegels bei Migräne
Ernährungsformen, die den Blutzuckerspiegel stabilisieren, können eine Verbesserung der Migränebeschwerden erreichen, insbesondere bei Betroffenen mit reaktiver Hyperinsulinämie und reaktiver Hypoglykämie. Studien deuten darauf hin, dass eine niedrig-glykämische Ernährung bei der Vorbeugung von Migräne-Kopfschmerzen vielversprechend sein kann, da sie den Blutzuckerspiegel stabilisiert.
Regelmäßige Mahlzeiten sind wichtig, um Blutzuckerschwankungen und entsprechende Migräneattacken vorzubeugen. Migränepatienten stellen häufig fest, dass das Auslassen von Mahlzeiten Kopfschmerzen auslösen kann. Es kommt jedoch nicht nur auf die Quantität, sondern auch auf die Qualität der Mahlzeiten an, da bestimmte Nahrungsmittel zu starken postprandialen Blutzuckeranstiegen führen können.
Da der postprandiale Blutzuckerstoffwechsel interindividuell unterschiedlich reguliert ist, sollten niedrig-glykämische Ernährungsempfehlungen anhand des individuellen Blutzuckerstoffwechsels personalisiert werden. Die Personalisierung von Ernährungsempfehlungen kann zudem zu einer höheren Therapieadhärenz führen.
Die Migräne-App sinCephalea
Die digitale Migräneprophylaxe sinCephalea setzt genau hier an. Sie stellt einen nicht-medikamentösen Ansatz dar, indem personalisierte Ernährungsempfehlungen zur Stabilisierung des Blutzuckerspiegels ausgesprochen werden, mit dem Ziel, Blutzuckerspitzen zu vermeiden und somit Migräneattacken vorzubeugen. Auf Basis der individuellen Blutzuckerreaktionen, die in den ersten zwei Wochen durch kontinuierliche Blutglukosemessungen (CGM) dokumentiert und Mahlzeiten bewertet werden, werden spezifische Ernährungsempfehlungen erstellt, die auf eine Stabilisierung des Blutzuckerspiegels abzielen.
Weitere Aspekte der Ernährung bei Migräne
- Migräne-Auslöser sind individuell: Die Frage, welche Triggerfaktoren bei einem Migräne-Kranken eine Attacke auslösen können, ist sehr unterschiedlich. Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, persönliche Triggerfaktoren zu identifizieren.
- Es gibt keine Migräne-Diät: Wichtig ist es, die ganz persönlichen ernährungsbedingten Einflüsse mit Hilfe des Kopfschmerz-Tagebuchs herauszufinden, um sie gezielt vom Speiseplan zu streichen.
- Nahrungsmittel, die provozieren können: Einige Migränepatienten berichten, dass Käse, Rotwein, bestimmte Eiweißstoffe in Joghurt und Milchprodukten, Inhaltsstoffe bestimmter Früchte (z.B. Bananen), Koffein oder Konservierungsstoffe in Fertiggerichten ihre Attacken auslösen können. Auch der Geschmacksverstärker Glutamat kann ein Trigger sein.
- Keine Mahlzeiten auslassen: Regelmäßiges Essen ist wichtig, um Attacken vorzubeugen.
- Allergien: Manche Mediziner fassen die durch Nahrungsmittel ausgelöste Migräne-Attacke als eine Art allergischer Reaktion auf.
- Gesunde Ernährung: Eine gesunde, ausgewogene Ernährung mit frischen vollwertigen Produkten wirkt sich positiv auf den gesamten Organismus aus.
Effektive Migräneprophylaxe: Die vier Säulen
- Ausreichend ungesättigte Fettsäuren
- Entsprechende, ausgewogene Ernährung
- Regelmäßige Entspannungsübungen
- Rationale Schmerzmittel-Therapie
Die Rolle von Fettsäuren und Serotonin
- Fettsäuren: Unzureichende Versorgung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren (MUFS) kann Entzündungsmediatoren beeinflussen, die das Schmerzempfinden beeinflussen.
- Serotonin: Diese Substanz ist wichtig für Blutdruck, Darmtätigkeit, Sättigung, Schlaf-Wach-Rhythmus und Stimmungslage. Ein Mangel kann durch eiweißreiche und kohlehydratarme Kost ausgelöst werden.
Amine und ihre Auswirkungen
Amine beeinflussen die Gefäßdurchlässigkeit und die Schmerzempfindung. Frische Lebensmittel enthalten wenige Amine, während fermentierte Lebensmittel höhere Gehalte aufweisen können.
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Mitochondrien und Energiestoffwechsel
Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Migräne ein Energie-Defizitsyndrom des Gehirns mit Fehlsteuerung des Energieumsatzes in den Mitochondrien der Nervenzellen ist. Maßnahmen, die eine Stabilisierung des Energiestoffwechsels als Ziel haben, sollten daher primär als Therapie im Mittelpunkt stehen.
Ketogene Diät bei neurologischen Erkrankungen
Ketogene Diäten basieren auf einer drastischen Reduktion der Kohlenhydrataufnahme und einem relativen Anstieg des Fett- und Proteinanteils. Eine Studie verglich die VLCKD (very low-calorie ketogenic diet) mit der HBD (hypocaloric balanced diet) bei Patienten mit Übergewicht und hochfrequenter episodischer Migräne. Die VLCKD zeigte sich der HBD in Bezug auf die Reduktion der monatlichen Migränetage überlegen.
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