Wenn ein geliebter Mensch an Demenz erkrankt, verändert sich vieles. Gewohnte Gespräche werden schwieriger, Missverständnisse häufen sich und oft scheint es, als ob man den Kontakt zu dem Menschen, den man so gut kennt, verliert. Für Angehörige kann das emotional und praktisch eine große Herausforderung sein. Eine Methode, die hier vielen Angehörigen hilft und sich außerdem auch in der Pflege etabliert hat, ist die Validation. Sie bietet einen einfühlsamen Ansatz, um besser mit den Herausforderungen des Alltags umzugehen und die Gefühle Ihres Angehörigen zu verstehen. Validation hilft, Konflikte zu vermeiden und die Beziehung trotz der Krankheit zu stärken.
Was ist Validation? Eine Einführung
Der Begriff „Validation“ bedeutet so viel wie „Gültigkeitserklärung“ oder „Das Wertvolle entdecken“. Unter Validation im Zusammenhang mit Demenz versteht man eine Kommunikationsmethode, die sich aus verschiedenen verbalen und non-verbalen Techniken zusammensetzt. Validation hilft uns, eingefahrene Reaktionsmuster im Umgang mit von Demenz betroffenen Menschen zu durchbrechen. Statt unbewusst auf irritierende oder schwierige Verhaltensweisen zu reagieren, ermöglicht sie es, die Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten - einem, der von Verständnis, Mitgefühl und einer wertschätzenden Haltung geprägt ist.
Validation bei Demenz ist eine besondere Haltung und Kommunikationsform im Umgang mit Betroffenen. Sie bedeutet, sich in deren Erlebniswelt einzufühlen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Wer validiert, versucht, das Verhalten von demenzkranken Menschen nicht zu bewerten oder zu korrigieren, sondern es als Ausdruck ihrer inneren Realität zu verstehen. Diese Form der Kommunikation ist geprägt von Empathie, Respekt und Akzeptanz. Ziel ist es, die emotionale Balance der Betroffenen zu wahren und ihnen ein würdevolles Altern zu ermöglichen.
Ursprung der Validation: Naomi Feils Ansatz
Entwickelt wurde die Methode von der US-Amerikanerin Naomi Feil, die davon ausging, dass alte, desorientierte Menschen unerledigte Aufgaben ihres Lebens verarbeiten möchten. Die Validation hilft ihnen dabei, indem sie ihnen Raum für ihre Gefühle und Erlebnisse lässt. Ohne Widerspruch, aber mit echtem Zuhören. Feil betonte, dass alte Menschen nicht verändert werden sollen, sondern in ihrem Sosein akzeptiert werden müssen. Ihre Grundsätze unterstreichen die Wichtigkeit von Empathie, der Anerkennung schmerzhafter Gefühle und des bewussten Umgangs mit Erinnerungen. Menschen verändern ihr Verhalten nur freiwillig und nicht durch Druck.
Naomi Feil, geboren 1932 in München und mit ihren Eltern in die USA geflüchtet, wuchs in einem Altenheim auf, das von ihrem Vater geleitet wurde. Diese frühe Erfahrung prägte ihren späteren Werdegang. Nach ihrer Ausbildung zur Sozialarbeiterin kehrte sie 1963 nach Cleveland zurück und entwickelte von 1963 bis 1980 das Konzept der Validation.
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Feil befasste sich speziell mit desorientierten Hochbetagten mit der Diagnose Alzheimer. Sie orientierte sich am Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung nach Erikson und erweiterte dieses: Die letzte Lebensaufgabe des Menschen ist es, die Vergangenheit aufzuarbeiten, um in Frieden sterben zu können.
1982 gründete Naomi Feil das Validation Training Institute (VTI). Kurz vor ihrem Tod erläuterte sie auf der Internetseite des VTI in einem Interview, wie wichtig es ist, dass ihr Lebenswerk von anderen weitergeführt wird. Feil litt an einer schweren Krebserkrankung und äußerte, ihr größter Wunsch sei, dass alle die Validation nutzen, als Methode verbreiten und lehren, damit ältere Erwachsene sich respektiert und gehört fühlen und ihr Selbstwertgefühl erhalten.
Integrative Validation (IVA) nach Nicole Richard
Nicole Richard, eine deutsche Psychogerontologin, traf Naomi Feil 1989 und entwickelte deren Ansatz weiter. Die Integrative Validation (IVA) verzichtet auf symbolische Deutungen oder gezielte Fragetechniken. Stattdessen rückt sie die Ressourcen des Menschen mit Demenz in den Mittelpunkt. Das Ziel: die Erlebniswelt des Gegenübers verstehen und wertschätzen, ohne sie zu hinterfragen. Die Wahrnehmung wird nicht bewertet, sondern ernst genommen, was zu mehr innerer Ruhe, Würde und Lebensqualität führt.
Richard glaubt nicht, dass Demenzkranke noch in der Lage sind, Lebenskrisen zu bewältigen. Demenzkranke nehmen die Welt nur noch „zerhackt“ wahr und sie verfügen nur noch über „Puzzlestücke“ ihrer Vergangenheit. Daher sieht Richard - im Gegensatz zu Naomi Feil - die Aufgabe der Validation nicht darin, Demenzkranke bei der Bewältigung unerledigter Lebensaufgaben zu helfen, sondern ihnen ihr aktuelles Schicksal zu erleichtern, welches oft mit hirnorganischen Veränderungen zusammenhängt. Die Methoden unterscheiden sich in der Praxis nicht grundlegend von denjenigen der Validation nach Naomi Feil. Auch für Richard stehen Empathie und Fokus auf die Gefühle im Zentrum der Arbeit. Richard versucht, die dem Demenzkranken verbleibenden Ressourcen zu nutzen, um ihn in seiner „inneren Erlebniswelt“ zu erreichen.
Die Grundannahmen der Validation
Die Grundannahmen der Validation nach Naomi Feil sind:
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- Sehr alte, demente Menschen leiden unter verdrängten Gefühlen und möchten sich öffnen und ihre Gefühle rauslassen.
- Offen gelegte Gefühle schwächen sich ab, unbeachtete Gefühle gären weiter und lassen das Gefühlschaos ansteigen.
Die drei Säulen der Validation
Die Validation basiert auf drei Säulen:
- Empathie
- Grundprinzipien
- Techniken
Grundprinzipien der Validation
Einige der wichtigsten Grundprinzipien der Validation sind:
- „Walking in the shoes of the other“ - In den Schuhen des Anderen gehen.
- Widersprich niemals. Der Patient würde es nicht verstehen. Gehe auf die dahinterliegenden Bedürfnisse und Gefühle ein, nicht auf die vordergründigen Verhaltensweisen und Aussagen.
- Eine hohe Kontaktqualität ist essenziell.
- Lüge niemals.
Techniken der Validation
Es gibt verschiedene Techniken, die im Rahmen der Validation eingesetzt werden können. Dazu gehören:
- Das Zentrieren: Eine wichtige Technik, um sich innerlich zu sammeln und auf den Kontakt mit der erkrankten Person vorzubereiten. Die sich vorbereitende Person konzentriert sich auf ihren Atem, um sich beim Ausatmen von Ärger und Frustration zu befreien. Dies schafft Raum, um sich auf die Gefühle der dementen Person einzulassen.
- Eine klare, ruhige und liebevolle Stimme: Unfreundliche oder ungeduldige Worte können bei Menschen mit Verwirrtheit oft Ärger auslösen oder sie dazu bringen, sich zurückzuziehen. Eine klare, ruhige und liebevolle Stimme hingegen hilft, Vertrauen aufzubauen und eine positive Atmosphäre zu schaffen. Dabei sollte die Stimme weder zu hoch noch zu leise sein, da dies für ältere Menschen schwer verständlich sein kann.
- Spiegeln von Emotionen: Menschen im fortgeschrittenen Stadium einer Demenz drücken ihre Gefühle oft ungehindert aus. Um eine Verbindung aufzubauen bzw. zu erhalten, ist es wichtig, ihre Bewegungen und Emotionen aufmerksam zu beobachten und einfühlsam zu spiegeln.
- Offene Fragen stellen: Beispiele hierfür sind: „Wie fühlst du dich?“, „Wie geht es dir?“ oder „Hast du einen schönen Tag?“.
- Nach Extremen oder dem Gegenteil fragen: Bewältigungsmechanismen erfahren dient dem Zweck herauszufinden, ob die Person diese Situation früher schon einmal erlebt hat und wie sie damit umgegangen ist.
- Geschlossene Fragen stellen: Ist die verbale Kommunikation kaum noch möglich, stellt man geschlossene Fragen.
- Berührung: Berührung ist eine gute Möglichkeit in Kontakt zu treten. Legen Sie der Person behutsam die Hand auf die Schulter, nehmen Sie seine Hand bei der Ansprache.
- Musik & Singen: Oft, auch nach dem Verlust der Sprache, noch eine Möglichkeit eine Emotionsebene aufzubauen.
- Ehrliche Worte verwenden: Verwenden Sie Sätze wie, „Es ist schön, dich zu sehen“, „Ich freue mich immer wenn ich dich besuche“ oder beispielsweise „Du siehst heute sehr hübsch oder gut aus“.
Die vier Phasen der Demenz und die Anwendung der Validation
Naomi Feil orientiert sich am Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung nach Erikson und erweiterte dieses. Sie unterscheidet vier Stadien der Demenz:
- Stadium 1: Mangelhafte Orientierung: Diese kann noch verheimlicht werden.
- Stadium 2: Ausgeprägter Isolationsdrang: Der Patient lebt mehr und mehr in seinen eigenen Erinnerungen.
- Stadium 3: Wiederholende Bewegungen: Der Patient zeigt wiederholende Bewegungen wie rhythmisches Schlagen, ständiges Auf-und-ab-Gehen. Die Sprache und das Denkvermögen gehen verloren.
- Stadium 4: Apathie: Der desorientierte Patient „vegetiert“ nur noch vor sich hin. Er sitzt apathisch in einem Stuhl oder liegt teilnahmslos im Bett.
Die Techniken der Validation variieren je nach Stadium der Demenz:
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- Phase 1: Offene Fragen stellen.
- Phase 2: Geschlossene Fragen stellen, Berührung, Musik & Singen.
- Phase 3: Berührung, Anerkennung und Fürsorge sind essentiell und wichtig. Ehrliche Worte spielen eine übergeordnete Rolle und werden durch einen positiven Unterton gespürt.
Ein Beispiel aus dem Alltag
Eine demenzkranke 80-jährige Frau lebt zu Hause mit ihrer Betreuungsperson und möchte unbedingt zu ihrer Mutter. Diese ist allerdings schon lange tot. Statt zu sagen: „Ihre Mutter lebt nicht mehr.“ oder die Frau zu vertrösten: „Nun essen Sie erst mal Ihren Teller leer, dann sehen wir weiter.“ ist es besser, mit Hilfe von Validation auf die Frau einzugehen. Mit den oben genannten Antworten werden Demenzkranke nur noch aufgeregter und völlig verwirrt. Für sie ist ihre Gefühlswelt real. Sagen Sie also, dass die Mutter nicht mehr lebt, empfindet die demenzkranke Frau dies als Lüge. In solch einer Situation ist es besser, ihre Gefühle als real anzuerkennen und sie zu akzeptieren. Eine Möglichkeit ist es, ein Gespräch über die Familie zu beginnen und ihr zu zeigen, dass sie ihre Wünsche ernst nehmen.
Was lernen wir durch die Technik der Validation?
Die Technik der Validation nach Naomi Feil hilft, Menschen mit Demenz und ihre Reaktionen besser zu verstehen. Wenn ein Mensch mit Demenz beispielsweise plötzlich eine bereits verstorbene Person zu sehen glaubt, kann dieses nicht nur mit der Erkrankung zusammen hängen. Oft ist dies der Fall wenn im bisherigen Leben eine Strategie fehlte, Situationen aufzuarbeiten und damit zu bewältigen. Die Situation wird neu durchlebt. Validation ist hierbei eine tolle, unterstützende Möglichkeit dieses gemeinsam zu bewältigen. Diese Technik schafft nicht nur Verständnis für Situationen, die im ersten Moment nicht begreifbar für uns sind, sondern sie erleichtert den Umgang mit dem Menschen mit Demenz. Durch Validation sind wir in der Lage die betroffene Person in dieser Aufarbeitung zu unterstützen, uns mit ihr auseinander zusetzen, um sie und ihre Reaktionen zu verstehen.
Warum Validation wichtig ist
Validation ist keine Therapie und will keine Heilung erreichen, sondern sie begleitet, entlastet und stärkt das emotionale Gleichgewicht. Indem sie die Würde und das subjektive Erleben achtet, beugt sie Rückzug, Angst und Frustration vor.
Validation im Pflegealltag integrieren
Validation kann in den Pflegealltag durch regelmäßige Schulungen, die Förderung einfühlsamer Kommunikation und den Aufbau einer unterstützenden Umgebung integriert werden.
Die Validation umfasst eine verbale und eine nonverbale Kommunikationsform, die sich auf die Beziehungsebene konzentriert. Die Einstellung gegenüber dementen Menschen ist für die Anwendung von Validation wichtiger als die konkreten Techniken. Der Rückzug in die Vergangenheit muss akzeptiert werden.
Validation als Haltung im Pflegealltag: Die Methode basiert auf Empathie, Akzeptanz und Authentizität. Ziele im Alltag der Betroffenen: Validation stärkt das Selbstwertgefühl und vermittelt Sicherheit. Drei Schritte zur praktischen Anwendung: Gefühle erkennen, benennen und durch vertraute Sprichwörter oder biografische Bezüge bestätigen - so gewinnen Demenzerkrankte Orientierung.
Validation lernen
Validation bei Demenz kann jeder lernen. Die Grundvoraussetzung ist, eine emphatische, gefühlvolle Ebene aufzubauen und eigene Gedanken und Vorurteile in den Hintergrund zu stellen. Vermeiden Sie Ausreden & Lügen dem Menschen mit Demenz gegenüber. Erzeugen Sie eine wertschätzende Atmosphäre. Die Emotionsebene bleibt bis zum Schluss erhalten.
Angehörige können ebenso wie Pflegekräfte die Grundsätze der Validation erlernen. Es gibt Schulungsangebote, die in wenigen Stunden bis hin zu zwei Tagen eine kleine Einführung in das Krankheitsbild Demenz und die Techniken der Validation ermöglichen. Allerdings sollte jeder seine Grenzen erkennen.
Weitere Kommunikationsansätze
Neben der Validation gibt es weitere Kommunikationsansätze, die im Umgang mit Menschen mit Demenz hilfreich sein können:
- Personzentrierte Pflege: Die personzentrierte Pflege nach Tom Kitwood stellt den Menschen in den Mittelpunkt und nicht die Krankheit. Erhalt und Förderung des Personseins ist der Kern bei dieser Art der Kommunikation. Kern der Blüte ist das Bedürfnis nach Liebe, an welches sich die „Blütenblätter“ Trost, Bindung, Einbeziehung, Beschäftigung und Identität anknüpfen.
- Basale Stimulation: Eine basale Stimulation bei Demenz - oder auch multisensorische Stimulation - hat das Ziel, die Fähigkeiten von dementiell erkrankten Menschen in den Bereichen Kommunikation, Wahrnehmung und Bewegung zu fördern und sie zu aktivieren. Im Gegensatz zur Validation und der personzentrierten Pflege setzt sie hauptsächlich auf die nonverbale Kommunikation.