Die Ataxie, definiert als eine Störung der Bewegungskoordination, stellt eine Herausforderung in der Anästhesie dar. Dieser Artikel beleuchtet die Risiken und Besonderheiten der Narkose bei Patienten mit Ataxie, wobei verschiedene Ursachen und Formen der Ataxie berücksichtigt werden.
Einführung in die Ataxie
Ataxie ist ein neurologischer Symptomkomplex, der durch Bewegungs- und Koordinationsstörungen gekennzeichnet ist. Diese Störungen entstehen durch Schädigungen an Nervenfasern im zentralen Nervensystem (ZNS), welches Gehirn und Rückenmark umfasst. Die Reizweiterleitung im Körper wird beeinträchtigt, was zu Störungen im Bewegungsablauf führt.
Es gibt verschiedene Formen von Ataxie, je nach betroffenem Bereich des ZNS:
- Zerebelläre Ataxie: Schädigung des Kleinhirns.
- Zerebrale Ataxie: Betroffen sind Großhirn, Zwischenhirn und Mittelhirn.
- Spinale Ataxie: Betroffen ist das Rückenmark, insbesondere die Halswirbelsäule.
Ursachen von Ataxie
Ataxie kann verschiedene Ursachen haben, darunter:
- Verletzungen: Frakturen und Traumata im Kopf-, Hals- und Rückenbereich.
- Infektionen: Virusbedingte Infektionen wie das Equine Herpesvirus (EHV-1) oder bakterielle Infektionen wie Borreliose.
- Degenerative Erkrankungen: Arthrose, die zu Nervenschädigungen führt.
- Neoplasien: Neubildungen von Körpergewebe, die Nervenschäden verursachen.
- Vergiftung: Aufnahme von Rattengift oder Giftpflanzen.
- Nährstoffunterversorgung: Schwerer Nährstoffmangel, der Erkrankungen wie die degenerative Myeloenzephalopathie auslösen kann.
- Genetische Faktoren: Erbliche und rassespezifische Einflüsse.
Diagnostik der Ataxie
Die Diagnose von Ataxie umfasst in der Regel eine ausführliche Anamnese, körperliche Untersuchung und Analyse des Gangbildes. Neurologische Tests wie Rückwärtslaufen oder Drehen auf engem Zirkel können Hinweise auf Koordinationsprobleme geben. Bildgebende Verfahren wie Computertomographie, Magnetresonanztomographie, Röntgenbilder oder Ultraschall können erforderlich sein, um die Ursache der Ataxie zu identifizieren.
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Allgemeine Narkoserisiken
Operative Eingriffe und Narkosen bergen generelle Risiken, die bei Patienten mit Ataxie zusätzlich verstärkt sein können. Es ist wichtig, dass alle beteiligten Ärzte über die Krankengeschichte des Patienten informiert sind, um die Art der Operation und des Narkoseverfahrens optimal planen zu können. Hierzu gehören Anamnese, körperliche Untersuchung und ggf. apparative Untersuchungen wie ein Lungenfunktionstest. Der Ablauf der Narkose wird vor dem Eingriff vom Anästhesisten mit dem Patienten besprochen, einschließlich aller vorbereitenden Maßnahmen und der unmittelbaren Zeit nach dem Eingriff.
Narkoserisiken bei Ataxie
Bei Patienten mit Ataxie sind spezielle Aspekte bei der Narkose zu beachten:
Neuromuskuläre Erkrankungen: In Abhängigkeit von der zugrunde liegenden neuromuskulären Erkrankung sind spezielle Dinge bei der Auswahl des Narkoseverfahrens und der Medikamente zu beachten. Das depolarisierende Muskelrelaxans Succinylcholin sollte vermieden werden.
Multiple Sklerose (MS): Da Ataxie auch im Zusammenhang mit MS auftreten kann, sind folgende Punkte relevant:
- Elektive Eingriffe sollten in einer stabilen Krankheitsphase geplant werden.
- Mögliche Nebenwirkungen und Organbeteiligungen der immunsuppressiven Therapie müssen bekannt sein.
- Vorbestehende Spastiken können die Lagerung des Patienten erschweren.
- Es besteht keine Evidenz, dass ein bestimmtes Opioid, Injektionsanästhetikum oder inhalatives Anästhetikum einen spezifischen Vorteil hat.
- Die Demyelinisierung bei MS kann zu einem veränderten Ansprechverhalten auf Muskelrelaxanzien führen.
- Bei der Anwendung von Succinylcholin muss insbesondere bei spastischen Paresen die Möglichkeit einer erhöhten Freisetzung von Kalium berücksichtigt werden.
- Lokalanästhetika haben ein neurotoxisches Potenzial und sind daher bei Patienten mit vorbestehenden neurologischen Erkrankungen relativ kontraindiziert.
- Demyelinisierte Nervenfasern reagieren empfindlich auf eine Erhöhung der Körpertemperatur.
- Große Blutdruckschwankungen können Ausdruck einer autonomen Dysfunktion sein.
- Patienten mit respiratorischen Einschränkungen sind von postoperativen pulmonalen Komplikationen bedroht.
Mitochondriopathien: Diese genetisch bedingten Erkrankungen können systemübergreifende Auswirkungen haben. Betroffen sind typischerweise Organe mit hohem Energieumsatz wie das zentrale Nervensystem, Muskeln, Herz, Leber und Nieren.
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Morbus Hurler: Diese lysosomale Speicherkrankheit kann zu Skelettveränderungen, kardialen Erkrankungen, restriktiven Lungenerkrankungen und Atemwegsobstruktionen führen, die bei der Narkose berücksichtigt werden müssen.
Kraniotomie: Bei neurochirurgischen Eingriffen ist es wichtig, den intrakraniellen Druck (ICP) zu berücksichtigen. Eine Raumforderung kann benachbarte Kompartimente verdrängen und die Zirkulation von Blut und Liquor behindern. Eine Reihe von Begleiterkrankungen, Syndromen und Verletzungen muss präoperativ berücksichtigt werden.
Pharmakologische Aspekte
Die Auswahl der Medikamente muss sorgfältig erfolgen, um unerwünschte Wirkungen zu vermeiden:
- Muskelrelaxanzien: Succinylcholin sollte aufgrund des Risikos einer Hyperkaliämie vermieden werden. Nicht-depolarisierende Muskelrelaxanzien können in ihrer Wirkung verändert sein.
- Lokalanästhetika: Aufgrund des neurotoxischen Potenzials sollten Lokalanästhetika in niedrigen Dosierungen angewendet werden.
Perioperatives Management
Ein optimales Anästhesiemanagement ist entscheidend, um die zerebrale Oxygenierung sicherzustellen und optimale Operationsbedingungen zu schaffen. Dies umfasst:
- Überwachung des intrakraniellen Drucks (ICP)
- Aufrechterhaltung eines adäquaten zerebralen Perfusionsdrucks (CPP)
- Vermeidung von Anstiegen des ICP
- Mechanische Thromboseprophylaxe (Kompressionsstrümpfe, intermittierende pneumatische Kompression)
Neurologische Komplikationen
Nach neurochirurgischen Eingriffen können verschiedene neurologische Symptome auftreten, die vom Anästhesisten erkannt und dokumentiert werden müssen:
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- Mydriasis: Nach Eingriffen in der mittleren Schädelgrube (Schädigung N. oculomotorius).
- Schluckstörungen: Primär durch die Intubation; können auch durch Schädigung der kaudalen Hirnnerven (hirnstammnahe Eingriffe) oder anderer Schluckzentren auftreten.
- Dyspnoe: Allergische Reaktion, bekannte COPD bzw. andere Lungenerkrankungen.
Kardiovaskuläre Aspekte
Neurochirurgische Patienten haben häufig kardiovaskuläre Begleiterkrankungen, die das perioperative Management beeinflussen:
- Herzrhythmusstörungen: Insbesondere nach Subarachnoidalblutung (SAB).
- Regionale Wandbewegungsstörungen: Als Marker einer neuronal ausgelösten Myokardischämie.
- Neurogenes Lungenödem (NLE): Kann als Folge einer akuten zerebralen Schädigung auftreten.
Fazit
Die Narkose bei Patienten mit Ataxie erfordert eine sorgfältige präoperative Evaluation, eine individuelle Anpassung des Anästhesieverfahrens und eine engmaschige Überwachung während und nach dem Eingriff. Die Berücksichtigung der zugrunde liegenden Ursache der Ataxie, möglicher Begleiterkrankungen und spezifischer Risiken ist entscheidend, um Komplikationen zu vermeiden und die Patientensicherheit zu gewährleisten.