Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Gehirn, das Rückenmark und die Sehnerven betrifft. Obwohl MS derzeit nicht heilbar ist, gibt es eine Vielzahl von Therapieansätzen, die darauf abzielen, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen, Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Neben den schulmedizinischen Standardtherapien gewinnen natürliche und pflanzliche Mittel zunehmend an Bedeutung. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über verschiedene natürliche Therapieansätze bei MS, wobei der Fokus auf pflanzlichen Präparaten, Ernährung, Entspannungstechniken und anderen komplementären Methoden liegt.
Komplementäre und alternative Therapien (KAT) bei MS: Eine Übersicht
Viele Patienten mit Multipler Sklerose (MS) verwenden zumindest zeitweise komplementäre und alternative Therapien (KAT). Eine allgemein akzeptierte Definition von KAT existiert nicht. Als alternativ wird eine Therapie bezeichnet, die als Ersatz zu konventionellen Verfahren gedacht ist. Dagegen versteht sich eine komplementäre Therapie nicht im Widerspruch, sondern als Ergänzung zur konventionellen Medizin. Die Grenzen zwischen KAT und schulmedizinischer Therapie sind nicht immer leicht zu ziehen.
Studien zeigen, dass circa 70 Prozent aller MS-Erkrankten Naturheilkunde und Komplementärmedizin anwenden. An der Spitze des Spektrums mit 30 bis 35 Prozent stehen Entspannungsverfahren sowie Mineralien- und Spurenelemente, gefolgt von Diäten, Akupunktur und Homöopathie (20 Prozent). Meist werden diese als Ergänzung zu den Standard-Therapien genutzt. Einige Erkrankte probieren vor allem bei geringer Symptomatik zunächst diese Verfahren.
Stressmanagement als wichtiger Baustein
Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass negativer Stress ein möglicher Faktor beim Auslösen von MS-Schüben ist und dass Stress die Symptome einer Multiplen Sklerose verschlechtern kann. Therapien, die helfen können, Stress zu vermeiden, können daher für MS-Erkrankte wirkungsvoll sein.
Gute Methoden der Stressreduktion sind unter anderem Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR), Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung sowie Bewegungstherapien mit Aufmerksamkeitskomponente (Yoga, Tai-Chi, Heileurythmie, Feldenkrais, Qigong). Es verbesserten sich die Werte für Depressivität und Müdigkeit, aber vor allem waren nach 24 Wochen weniger neue Läsionen im MRT nachweisbar.
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Vitaminmangel ausgleichen
Viele Empfehlungen basieren deshalb auf Annahmen. Ein Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Spiegel und MS wird vermutet, denn MS-Erkrankte haben häufig einen zu niedrigen Vitamin-D-Spiegel. Die Leitlinie zur Diagnostik und Therapie bei MS empfiehlt, einen solchen Mangel auszugleichen. B-Vitamine sind wichtig für das Nervensystem, ihr Nutzen bei MS ist jedoch, wie auch der Nutzen von Vitamin C, bis heute unklar. Wer sich vegan ernährt, sollte auf jeden Fall regelmäßig den Vitamin-B12-Wert überprüfen lassen.
Der Vitamin-D-Spiegel sollte bei MS daher unbedingt überprüft werden. Liegt ein Mangel vor, muss dieser umgehend behoben werden.
Pflanzliche Präparate für mehr Lebensqualität
Drei pflanzliche Wirkstoffe haben sich mit ermutigenden Studienergebnissen hervorgetan:
- Ginseng: Über drei Monate verabreicht im Vergleich zu Placebo, zeigte bei den beteiligten MS-Erkrankten eine Besserung von Müdigkeit und allgemeiner Lebensqualität.
- Cannabis: Die in der Cannabis-Pflanze enthaltenen Wirkstoffe THC und CBD können MS-Symptome wie Spastik und Schmerzen lindern sowie das Gangbild verbessern. Allerdings wirkt Cannabis von Mensch zu Mensch unterschiedlich und kann Nebenwirkungen, wie Schwindel oder psychische Beeinträchtigungen, haben.
- Weihrauch: Eine frühe Phase-II-Studie aus Deutschland zeigt, dass Weihrauch die Entzündungsaktivität bei MS signifikant senken kann. Läsionszahl und -größe zeigten sich im MRT nach achtmonatiger Einnahme deutlich verringert.
- Omega-Fettsäuren: Auch bei Omega-Fettsäuren kann die entzündungshemmende Wirkung positive Effekte bei MS-Erkrankten haben, das gilt nachweisbar für die pflanzlich basierten Omega-6-Fettsäuren, die in Borretsch- oder Nachtkerzenöl vorkommen.
Ernährung und Diäten als Baustein der Therapie
Es gibt zwar keine spezielle Diät für MS-Erkrankte, aber es wird vermutet, dass die Ernährungsweise MS-Symptome beeinflussen kann. Eine gesunde, ausgewogene Ernährung ist deshalb besonders wichtig. Essen Sie abwechslungsreich mit viel Gemüse und Obst und nehmen Sie sich genügend Zeit für die Mahlzeiten. Sowohl die vegane (ausschließlich pflanzliche Kost) als auch die ketogene (viele tierische Fette und Eiweiße) Diät tauchen im Zusammenhang mit MS immer wieder auf.
Studien zeigen, dass vegane Ernährung Müdigkeitserscheinungen und seelisches Befinden verbessern kann. Ihr Gegenstück, die ketogene Ernährung, weist laut einer aktuellen Studie an der Berliner Charité allerdings ähnlich positive Effekte auf. Auch intermittierendes Fasten, entzündungshemmende Ernährung sowie die Paleo-Diät können für mehr psychisches und körperliches Wohlbefinden trotz MS sorgen.
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Wichtig: Wer sich für eine besondere Ernährungsform entscheidet, sollte sich auskennen, da dies mit Mangelzuständen (z. B. Vitamin B12-Mangel bei veganer, Folsäuremangel bei ketogener Ernährung) einhergehen kann. Untergewicht oder Übergewicht sollten vermieden werden.
Entzündungshemmende Ernährung
Eine entzündungshemmende Ernährung kann helfen, den Verlauf von Multipler Sklerose zu verlangsamen und die Lebensqualität zu erhalten. Die Ernährung sollte vor allem aus Gemüse, Pilzen, Nüssen und Samen bestehen. Unbedingt einzuschränken ist der Fleischkonsum, denn insbesondere rotes Fleisch und Wurst enthalten viele entzündungsfördernde Stoffe. Positiv wirken sich dagegen die entzündungshemmenden Omega-3-Fettsäuren aus. Zu hoher Zuckerkonsum fördert Entzündungen. Daher ist es sinnvoll, den Verzehr von Kohlenhydraten (etwa Weißbrot, Nudeln) und vor allem von Zucker- und Knabberkram zu begrenzen. Ein weiterer Ansatz ist, für mehr gute Darmbakterien zu sorgen: und zwar mit Pro- und Präbiotika.
Bedeutung des Darms
Seit einiger Zeit wurde vor allem die Bedeutung des Darmes für die Problematik einer MS-Erkrankung erkannt. Eine Forschergruppe um Eile Cekanaviciute an der University of California verglich die Darmbakterien von 71 MS-Patienten und 71 gesunden Menschen. Das Ergebnis: Bei MS-Kranken waren die Bakterienarten „Akkermansia munciniphila“ und „Acinetobactar calcoaceticus“ sehr viel stärker vertreten als bei Gesunden. Im Tierversuch bestätigte sich: Diese Bakterien erzeugten bei Mäusen MS-ähnliche Symptome. Die Darmflora spielt also bei der Entstehung der Nervenkrankheit MS eine Rolle.
Empfehlungen für die Ernährung bei MS
- Viel Obst und frisches Gemüse, das nur kurz gekocht wird.
- Viel Fisch, dafür wenig Fleisch und Fett.
- Vorwiegend Vollkornprodukte.
- Nüsse und Samen, eiweißreiche Hülsenfrüchte, gezüchtete Pilze und vor allem Gemüsesorten, die einen hohen Anteil an Kalzium haben. Das sind: Brokkoli, Grün- und Weißkohl, Lauch, Mangold, Fenchel und Pastinaken.
- Hochwertiges, kalt gepresstes Olivenöl verwenden.
- Täglich etwa zwei Liter Flüssigkeit zu sich nehmen: Mineralwasser, Fruchtsaftschorle, frisch gepresste Säfte, Früchte- oder Kräutertee.
Akupunktur als Booster für die Lebensqualität
Als Teil der Traditionellen chinesischen Medizin ist fachkundig ausgeführte Akupunktur eine Option bei der funktionellen und regulativen Therapie zur Symptomlinderung bei MS. Die Wirkungsmechanismen der Akupunktur sind wissenschaftlich umstritten. Allerdings wurden mehrfach positive Effekte in der Behandlung von MS-Erkrankten mit chronischen Schmerzen beobachtet. Auch positive Wirkungen auf Darmfunktion und Fatigue sind möglich und können insgesamt zu einer Verbesserung der Lebensqualität führen.
Vitalpilze in der MS-Therapie
Vitalpilze spielen sowohl im asiatischen als auch im europäischen Kulturraum bereits seit Jahrhunderten eine wichtige Rolle bei der natürlichen Vorbeugung und Behandlung von unterschiedlichen Krankheiten. Im MS-Geschehen können Vitalpilze immunstärkend, entzündungshemmend, stoffwechselanregend und entgiftend wirken. Von besonderer Wichtigkeit ist dabei ihr antioxidativer Charakter. Sie beugen Zellschädigungen vor, indem sie sogenannte freie Radikale funktionsuntüchtig machen und leisten damit einen umfassenden Beitrag zur Zellgesundheit des gesamten Organismus.
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Jeder Vitalpilz hat sein spezielles Wirkspektrum und wird auf die jeweils individuelle Situation der Betroffenen abgestimmt verabreicht.
- Agaricus: kann auf das gesamte Immunsystem regulierend und stärkend einwirken und ist durch seinen sehr hohen Anteil an Beta-Glucanen für die Therapie von Fehlsteuerungen in der körpereigenen Abwehr gut geeignet.
- Cordyceps: wird überwiegend zur Stärkung der Kraft, Leistungsfähigkeit, Stressresistenz, bei Erschöpfungszuständen (wie Burn-out oder Fatigue), zur Muskelregeneration und Stimmungsaufhellung eingenommen. Er unterstützt zudem Lunge, Herz und Nieren.
- Coriolus: wird zur vorbeugenden Stärkung des Immunsystems und bei chronischen Infektionen (Lunge, Magen, Darm, Leber) eingesetzt. Sein Inhaltsstoff Erinacin hilft nachweislich, Nervenwachstumsprozesse durch die Produktion von Nervenwachstumsfaktoren (NGF) positiv zu beeinflussen.
- Maitake: dämmt Entzündungen ein, fördert die Sauerstoffsättigung im Blut und hat verdauungsfördernde Eigenschaften. Er stärkt dabei die Entgiftungsleistung der Leber und verhindert die Bildung freier Radikale.
- Reishi: wirkt nachweislich schmerzstillend, stärkt die Muskulatur und hat durch seine antioxidativen Eigenschaften einen positiven Effekt auf die Gesundheit von Herz und Blutgefäßen.
Achillea millefolium (Schafgarbe) als adjuvante Therapie
Iranische Wissenschaftler stellten die Hypothese auf, dass eine pflanzliche Therapie unter Verwendung eines Extrakts aus der Schafgarbe (Achillea millefolium) in Begleitung der Standardtherapie deren Effektivität erhöhen kann. Die in der Schafgarbe enthaltenen Flavonoide Apigenin und Luteolin erwiesen sich bereits in Tiermodellen als erfolgreiche Therapeutika bei kognitiver Dysfunktion und diversen neurologischen Beschwerden wie z.B. Neuralgien und Schlafstörungen.
Am Ende standen den Wissenschaftlern die Daten von 65 Patienten zur Verfügung. Nicht nur die gemittelte Rezidivrate über ein Jahr konnte im Vergleich mit der Placebokontrolle signifikant für beide Dosierungen des Achillea-Extrakts gesenkt werden, sondern es verstrich in den Verumgruppen auch mehr Zeit bis zum ersten Schub als in der Placebogruppe. Zudem reduzierte der pflanzliche Extrakt in der höheren Dosierung das Rezidivrisiko und das Volumen der auftretenden Läsionen signifikant im Vergleich mit der niedrigeren Dosierung und dem Placebo-Präparat.
Weitere wichtige Mikronährstoffe
Dabei handelte es sich um die folgenden Mikronährstoffe bzw. Folsäure. Die empfohlene Aufnahmemenge von Folsäure liegt bei 400 Mikrogramm am Tag. Besonders grüne Blattgemüse und Hülsenfrüchte sind sehr gute Folsäure-Quellen. Vitamin E ist ein hochwirksames Antioxidans. Als solches bekämpft es Entzündungen im Körper. Experten empfehlen, täglich mindestens 320 Milligramm Magnesium aufzunehmen. Lutein und Zeaxanthin sind zwei Stoffe aus der Gruppe der Carotinoide, die meist kombiniert miteinander auftreten. Quercetin gehört zu den Flavonoiden. Kapern und Liebstöckel sind reich an Quercetin.
Therapien, von denen abzuraten ist
Neben unwirksamen Therapien gibt es auch gefährliche Behandlungsmethoden, die zudem in der Regel nicht wissenschaftlich untersucht worden sind. Zu ihnen zählen die Verstärkung der Immunreaktion (sogenannte Immunaugmentation), die Frischzellentherapie, bei der Zellen von Kalbsföten oder jungen Kälbern gespritzt werden, die Behandlung mit Schlangen- oder Bienengift, die schwere Allergien nach sich ziehen kann sowie die intrathekale Stammzellentherapie, bei der dem Patienten eigene Stammzellen in den Rückenmarkskanal gespritzt werden und die tödlich verlaufen kann. Auf diese Behandlungen sollten MS-Erkrankte in jedem Fall verzichten. Auch die Amalgamsanierung kann nach heutigem Kenntnisstand nicht empfohlen werden.
Wichtige Hinweise und Empfehlungen
- Vorab-Information ist das A und O: Generell gilt die Empfehlung, sich bei allen Therapieformen vorab umfassend zu informieren.
- Austausch mit Ärzten: Fundierte Informationen sowie Abstimmung mit den behandelnden Ärzten helfen MS-Erkrankten bei der Wahl der für sie ggf. geeigneten Ergänzungen und Alternativen.
- Kostenübernahme durch Krankenkassen: Am besten klären Sie mit Ihrer Krankenkasse vor Beginn einer Therapie, welche Kosten bezahlt werden, damit Sie keine bösen Überraschungen erleben.
- Qualität und Sicherheit: Vitalpilze, die zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden, sollten zwingend von zertifizierten Herstellern stammen und durchweg von Bio-Qualität sein.
- Individuelle Beratung: Aufgrund der Problematik, der Möglichkeiten von Wechselwirkungen mit Medikamenten sowie der Vielzahl der Vitalpilze und deren Kombinationsmöglichkeiten empfiehlt sich vor der Einnahme in jedem Fall die Rücksprache mit dem behandelnden Arzt sowie eine umsichtige und umfassende Begleitung durch erfahrene Therapeuten, die hochwertige Zubereitungen, Dosierungen und Kombinationen individuell und auf das jeweilige Krankheitsbild abgestimmt zusammenstellen können.