Nervenschädigungen, ob als Mono- oder Polyneuropathien bekannt, bezeichnen Beeinträchtigungen eines oder mehrerer Nerven des peripheren Nervensystems. Diese können in Armen, Beinen oder Organen auftreten, wobei in manchen Fällen auch das zentrale Nervensystem (ZNS) in Gehirn und Rückenmark betroffen sein kann. Die Ursachen für periphere Nervenschäden sind vielfältig, und Mediziner unterteilen diese in verschiedene Bereiche. Schusswaffen stellen eine besondere und oft schwerwiegende Ursache für solche Nervenschädigungen dar.
Ursachen von Nervenschäden allgemein
Es gibt über 300 verschiedene Ursachen, die zu einer Polyneuropathie führen können, wobei der genaue Grund in manchen Fällen unklar bleibt. Zu den häufigsten Ursachen zählen:
Diabetes mellitus: Insbesondere Menschen mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes entwickeln häufig Nervenschädigungen, die als diabetische Neuropathie bezeichnet werden. Der erhöhte Blutzuckerspiegel kann die Blutgefäße der Nerven verstopfen, was zu einer Unterversorgung der Nervenzellen mit Sauerstoff führt.
Alkoholmissbrauch: Regelmäßiger Konsum großer Mengen Alkohol kann die Nerven schädigen, da das Ethanol im Alkohol die Nervenzellen direkt angreift. Zudem geht übermäßiger Alkoholkonsum oft mit einer einseitigen und mangelhaften Ernährung einher, was zu einer Unterversorgung mit wichtigen Vitaminen wie B12 oder B9 führen kann.
Externe Verletzungen: Nervenschädigungen sind nicht selten eine Folge externer Verletzungen. Operationen, Unfälle (im Straßenverkehr oder an schweren Maschinen) und körperliche Angriffe (mit Messern oder Schusswaffen) können bleibende Nervenschäden hinterlassen.
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Entzündungen und Tumore: Nervenentzündungen (Neuritis), ausgelöst durch Viren, Bakterien oder Giftstoffe, Engstellen an Gelenken und Tumore können ebenfalls Nervenschäden verursachen.
Autoimmunerkrankungen: Bei diesen Krankheiten richtet sich das Immunsystem gegen den eigenen Organismus und greift auch das Nervensystem an. Die entstehenden Entzündungsreaktionen können zu Nervenschädigungen führen. Multiple Sklerose und Neurosarkoidose sind häufige Beispiele.
Chemotherapie: Obwohl die Chemotherapie Krebsleiden eindämmen soll, können die schädlichen Stoffe neben den Krebszellen auch Nervenzellen angreifen und Empfindungsstörungen, Taubheitsgefühle, Überempfindlichkeiten, Gleichgewichtsstörungen oder Muskelschwäche verursachen.
Infektionen: Infektionen mit Herpes-, Grippe- oder Hepatitis-Viren sowie dem Eppstein-Barr-Virus (Pfeiffersches Drüsenfieber) können ebenfalls nervliche Schäden verursachen. Auch die Reaktivierung von Varizella-Zoster-Viren, die eine Gürtelrose verursachen, kann zu Schäden am Hautnerv führen.
Weitere Ursachen: Dazu gehören unter anderem Gefäßverschlusskrankheiten (pAVK).
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Schusswunden als Ursache für Nervenschäden
Schusswunden stellen eine spezifische und oft gravierende Ursache für Nervenschäden dar. Eine Schussverletzung entsteht, wenn das Projektil einer Waffe den Körper durchdringt. Dies kann zu umfangreichen Gewebeschäden führen, da Kugeln oft eine große kinetische Energie haben, die nicht nur den Einschussbereich, sondern auch umliegendes Gewebe, Blutgefäße und Organe zerstören kann. Die Schwere der Verletzung variiert erheblich je nach Kaliber, Geschossgeschwindigkeit und Einschlagsort.
Wie sich eine Schussverletzung anfühlt
Eine Schussverletzung kann sich sehr unterschiedlich anfühlen, je nach Kaliber der Waffe, Ort des Einschusses und der individuellen Reaktion des Körpers auf das Trauma. Im Allgemeinen wird der Schmerz oft beschrieben als:
Erster Schock: Zunächst kann die Person einen plötzlichen, heftigen Schlag oder ein "Brennen" verspüren. Manche berichten, dass es sich wie ein harter Schlag, ein Druck oder ein dumpfer Aufprall anfühlt, der nicht sofort als Schmerz wahrgenommen wird, insbesondere durch den Schock und das Adrenalin, das der Körper freisetzt.
Nachfolgender Schmerz: Sobald der Schock nachlässt, setzen oft starke Schmerzen ein, die durch Gewebeschäden, Knochenbrüche oder Nervenschäden verursacht werden. Dieser Schmerz kann brennend, stechend oder pulsierend sein.
Schwindel und Schwäche: Viele Menschen berichten von einem plötzlichen Gefühl der Schwäche oder des Schwindels, insbesondere wenn lebenswichtige Organe getroffen wurden oder starker Blutverlust auftritt.
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Angst und Panik: Neben den physischen Empfindungen spielt die psychische Reaktion eine große Rolle. Angst, Panik und der instinktive Überlebensdrang können die Wahrnehmung der Verletzung beeinflussen.
Erste Hilfe bei Schussverletzungen
Bei Schussverletzungen ist eine schnelle medizinische Versorgung entscheidend. Folgende Schritte helfen, das Überleben des Verletzten zu sichern:
- Sicherheit beachten: Bevor Sie Hilfe leisten, vergewissern Sie sich, dass die Umgebung sicher ist, um sich selbst nicht in Gefahr zu bringen.
- Blutungen stoppen: Legen Sie saubere Tücher, Verbände oder Kleidungsstücke auf die Wunde und üben Sie festen Druck aus, um die Blutung zu stillen. Falls die Blutung stark ist, verwenden Sie, falls vorhanden, eine Kompresse oder einen Druckverband. Bei extrem starken Blutungen, insbesondere an Armen oder Beinen, kann ein provisorischer Tourniquet (zum Beispiel ein Gürtel oder Tuch) oberhalb der Verletzung angelegt werden, um den Blutfluss zu stoppen. Dies sollte jedoch nur in äußersten Notfällen angewendet werden.
- Atmung sichern: Wenn der Verletzte bewusstlos ist, überprüfen Sie die Atmung. Legen Sie ihn, falls er atmet, in die stabile Seitenlage. Falls die Atmung aussetzt, beginnen Sie mit Wiederbelebungsmaßnahmen (Herz-Lungen-Wiederbelebung).
- Schutz vor Schock: Halten Sie den Verletzten warm, indem Sie ihn zudecken, und sprechen Sie beruhigend auf ihn ein. Lagern Sie, wenn möglich, die Beine leicht erhöht, um den Kreislauf zu stabilisieren.
- Wunden nicht berühren: Versuchen Sie nicht, Kugeln oder Fremdkörper zu entfernen, da dies die Blutung verschlimmern kann.
- Notruf absetzen: Wählen Sie umgehend den Notruf, um professionelle medizinische Hilfe anzufordern.
Spezifische Nervenschäden durch Schusswaffen
Die Art und der Schweregrad der Nervenschädigung hängen stark vom Verlauf des Projektils durch den Körper ab. Einige typische Szenarien umfassen:
Direkte Durchtrennung des Nervs: Das Projektil durchtrennt den Nerv direkt, was zu einem sofortigen und vollständigen Funktionsverlust führt. Dies kann Lähmungen, Sensibilitätsverluste und den Verlust von Reflexen im betroffenen Gebiet zur Folge haben.
Quetschung oder Kompression des Nervs: Auch wenn der Nerv nicht direkt getroffen wird, kann er durch die Wucht des Projektils gequetscht oder komprimiert werden. Dies kann zu einer vorübergehenden oder dauerhaften Funktionsstörung führen.
Nervenverletzungen durch Knochensplitter: Wenn ein Knochen durch das Projektil zersplittert, können die Knochensplitter Nerven verletzen oder einklemmen.
Entzündungen und Narbenbildung: Die durch die Schussverletzung verursachte Entzündung und Narbenbildung können umliegende Nerven schädigen und ihre Funktion beeinträchtigen.
Amputation als Folge von Nervenschäden
In schweren Fällen, insbesondere nach Unfällen oder Schussverletzungen, bei denen die Extremitäten stark verletzt wurden, kann eine Amputation notwendig werden. Dies ist besonders dann der Fall, wenn es chirurgisch nicht mehr möglich ist, durchtrennte Gefäße oder Nerven wieder miteinander zu verknüpfen. Amputationen werden vergleichsweise häufig bei Unterarmen oder Unterschenkeln durchgeführt.
Viele Betroffene empfinden nach der Amputation sogenannte Phantomschmerzen, die das entfernte Areal betreffen. Diese Schmerzen hängen damit zusammen, dass jedem Bereich des Körpers eine entsprechende Region im Gehirn zugewiesen ist, die Reize verarbeitet. Wenn ein Körperteil entfernt wird, besteht die jeweilige Region im Gehirn nach wie vor und muss umstrukturiert werden. Während dieses Prozesses und durch Aktivierung von benachbarten Körperregionen können Schmerzen ausgelöst werden.
Schmerzgriffe und ihre potenziellen Nervenschäden
Schmerzgriffe, die von Polizeibeamten angewendet werden, sind Hebel- und Nervendrucktechniken, die Nervenschäden, Gelenkschädigungen, Brüche und Zerrungen zur Folge haben können. Sie verursachen ein intensives Schmerzgefühl und psychische Folgen. Schmerzgriffe verringern die Sichtbarkeit polizeilicher Gewalt, da sie selten sichtbare physische Verletzungen hinterlassen. Die psychische Wirkung macht sie besonders attraktiv, da sie eine gut regulierbare Schmerzzufügung ermöglichen, um Kooperation zu erzwingen.
Ein besonders drastischer Fall des Verkennens der Gewaltintensität von Schmerzgriffen schildert Amnesty International Österreich. Die Ansetzung eines Schmerzgriffs hatte den davon Betroffenen dazu gebracht, laut zu schreien. Einer der beteiligten Polizisten soll das damit kommentiert haben, er solle sich „nicht so anstellen“ und keine „Show für die Presse“ veranstalten. Später wurde ein Bruch des Mittelhandknochens festgestellt.
Diagnostik und Behandlung von Nervenschäden
Die Diagnostik von Nervenschäden umfasst in der Regel eine neurologische Untersuchung, elektrophysiologische Tests (wie Elektroneurographie und Elektromyographie) und bildgebende Verfahren (wie MRT). Die Behandlung richtet sich nach der Ursache und dem Schweregrad der Schädigung. Mögliche Behandlungsansätze sind:
- Schmerztherapie: Medikamente zur Schmerzlinderung, wie Analgetika, Antidepressiva oder Antikonvulsiva.
- Physiotherapie: Übungen zur Verbesserung der Beweglichkeit, Kraft und Koordination.
- Ergotherapie: Anpassung des Arbeitsplatzes und der täglichen Aktivitäten, um die Belastung der Nerven zu reduzieren.
- Chirurgische Eingriffe: In einigen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um den Nerv zu entlasten, zu reparieren oder zu rekonstruieren.
- Psychotherapie: Unterstützung bei der Bewältigung der psychischen Folgen der Nervenschädigung.