Ursachen von Zysten an der Unterlippe: Ein umfassender Überblick

Zysten im Mund-Kiefer-Gesichtsbereich, insbesondere an der Unterlippe, sind ein häufiges Phänomen, das verschiedene Ursachen haben kann. Sie entstehen durch Entzündungen oder Entwicklungsstörungen von Zähnen, Kiefer, Wange oder Lippen und äußern sich als mit Flüssigkeit gefüllte Hohlräume. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen von Zysten an der Unterlippe, die Diagnoseverfahren und die therapeutischen Optionen.

Was sind Zysten im Mund-Kiefer-Gesichtsbereich?

Zysten im Mund-Kiefer-Gesichtsbereich sind weit verbreitete Erkrankungen, die gehäuft zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr auftreten. Sie können im Knochen des Ober- und Unterkiefers sowie in den Weichteilen des gesamten Kopf-Hals-Bereiches vorkommen. Da sie oft lange Zeit keine Beschwerden verursachen, werden sie häufig zufällig im Rahmen einer Röntgenuntersuchung erkannt. Die Patienten nehmen die Zyste meist erst wahr, wenn sie eine beträchtliche Größe erreicht oder sich entzündet hat.

Ursachen von Zysten an der Unterlippe

Zysten können unterschiedliche Ursachen haben, die sich grob in odontogene (von den Zähnen ausgehende) und nicht-odontogene (nicht von den Zähnen ausgehende) Ursachen unterteilen lassen.

Odontogene Zysten

Diese Zysten entstehen aus zahnbezogenem Gewebe. Besonders häufig sind radikuläre Zysten, die sich infolge chronischer Entzündungen an der Wurzelspitze eines Zahns entwickeln.

Nicht-odontogene Zysten

Nicht-odontogene Zysten entwickeln sich aus anderen Geweben. Gelangen Zysten in die Kieferhöhle, können sie die Schleimhaut reizen und zu chronischer Sinusitis (Nasennebenhöhlenentzündung) führen.

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Spezifische Ursachen für Zysten an der Unterlippe

Unter der Schleimhaut der Lippe befinden sich viele kleine Speicheldrüsen. Ein Speichelgang kann durch ein Trauma oder einen Fremdkörper verschlossen werden. Die Flüssigkeit verbleibt dann in der Speicheldrüse und kann nicht heraus. Die Speicheldrüse schwillt dadurch an und kann nach einigen Wochen so groß werden, dass die Lippe dick aussieht. Wenn diese Flüssigkeit durch Bakterien besiedelt wird, kann die Zyste sehr schmerzhaft werden.

Das Numb Chin Syndrome: Eine seltene Ursache

In seltenen Fällen kann ein Taubheitsgefühl im Bereich des Kinns und der Unterlippe, bekannt als Numb Chin Syndrome, auf eine Zyste hindeuten. Dieses Syndrom wurde erstmals 1830 von Charles Bell beschrieben. In der Literatur lassen sich verschiedene potenzielle Ursachen eines Numb Chin Syndrome finden. Dabei sind zahnärztliche Prozeduren wahrscheinlich die Hauptauslöser, gefolgt von dentogenen Foki wie apikalen Entzündungen, odontogenen und nicht odontogenen Tumoren, Zysten, akuten und chronischen Osteomyelitiden oder auch mechanischer Kompression im atrophen Unterkiefer. Weitaus seltener lassen sich bösartige Neoplasien diagnostizieren. Dann sind Sensibilitätsausfälle im Bereich der Unterlippe und des Kinns aber häufig das erste Symptom der bösartigen Krebserkrankung. Andere Ursachen für ein Numb Chin Syndrome sind entzündliche oder autoimmune Erkrankungen. Neben einer HIV-Infektion, Lyme-Borreliose, Sarkoidose, Lupus erythematodes und Vaskulitiden zählen hierzu auch die Multiple Sklerose.

Diagnose von Zysten an der Unterlippe

Kieferhöhlenzysten bleiben häufig lange symptomlos und werden oft zufällig im Rahmen von Röntgenuntersuchungen entdeckt. Die Diagnose erfolgt in der Regel durch eine klinische Untersuchung und bildgebende Verfahren.

Klinische Untersuchung

Der Arzt untersucht die Unterlippe auf Schwellungen, Rötungen oder andere Auffälligkeiten.

Bildgebende Verfahren

  • Röntgenaufnahme: Eine Panoramaschichtaufnahme (Orthopantomogramm) kann erste Hinweise auf eine Zyste geben.
  • Digitale Volumentomographie (DVT): Die DVT ermöglicht eine dreidimensionale Darstellung des Kiefers und der Zähne, wodurch die Lage und Größe der Zyste genau bestimmt werden kann.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Die MRT ist besonders geeignet, um Weichteilstrukturen darzustellen und Veränderungen innerhalb des zentralen Nervensystems zu detektieren.
  • PET-CT: Bei Verdacht auf eine okkulte Metastasierung kann eine PET-CT ergänzt werden.

Therapie von Zysten an der Unterlippe

Die Therapie richtet sich nach der Größe, Lage und Ursache der Zyste. Grundsätzlich kommen zwei Operationsmethoden infrage:

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Zystektomie

Bei der Zystektomie wird die Zyste komplett - also mitsamt der Kapsel - entfernt. Dabei wird das Zahnfleisch eröffnet, der Knochen freigelegt und die Zyste ausgeschält. Bei sehr ausgedehnten Zysten kann es notwendig sein, die Zystenhöhle mit Eigenknochen, etwa aus dem Beckenkamm, oder Knochenersatzmaterial aufzufüllen.

Zystostomie (Marsupialisation)

Eine Alternative bei größeren Kieferzysten ist die sogenannte Zystostomie. Dabei wird nur ein Teil der Zyste entfernt und der verbleibende Teil zur Mundhöhle hin offengelassen. Das fehlende Knochengewebe regeneriert sich langsam, zum Teil über Jahre hinweg, und der Defekt wird geschlossen. Bei sehr großen Zysten wird zunächst nur ein Teil der Zystenwand entfernt und die Höhle zur Mundhöhle hin eröffnet, sodass der Zysteninhalt abfließen kann und sich die Zyste langsam verkleinert.

Weitere therapeutische Maßnahmen

  • Entfernung der Ursache: Bei entzündungsbedingten Zysten ist es wichtig, die Ursache (z.B. eine Wurzelentzündung) zu beseitigen.
  • Medikamentöse Therapie: Bei neu aufgetretener Sensibilitätsstörung ist weiter die Gabe von Antiphlogistika, Antibiotika und Kortikosteroide zu empfehlen. Die Entzündungsreaktion wird unterdrückt, es kommt zu einer geringeren Ausprägung der Schwellung, und durch die Antibiose wird einer Infektion vorgebeugt.

Komplikationen und Risiken

Bei einer Zystektomie besteht eine höhere Gefahr der Gefährdung von Nachbarstrukturen als bei der Zystostomie, bei der nur ein Teil des Zystenbalges entfernt wird. Gefährdete Strukturen sind dabei zum Beispiel benachbarte Zähne oder der Unterkiefernerv. Bei einer Zystektomie kann es zu einer Infektion des Blutgerinnsels in der Zystenhöhle kommen. Generell besteht sowohl vor als auch nach einer Zystenoperation die Gefahr eines Kieferbruchs.

Fallbericht: Sensibilitätsstörungen nach Wurzelkanalbehandlung

Ein Fallbericht verdeutlicht die Bedeutung einer sorgfältigen Diagnostik und Therapie bei Zysten im Unterkieferbereich. Eine 25-jährige Patientin wurde zur Abklärung und Therapie eines Taubheitsgefühls im Bereich des rechten Kinns überwiesen. Beim Hauszahnarzt war kurz zuvor der Zahn 47 wurzelkanalbehandelt und mit Guttapercha sowie einer Zinkoxid-Eugenol-Paste definitiv gefüllt worden. Die beschwerdefrei aus der Behandlung entlassene Patientin meldete sich drei Tage später telefonisch bei ihrem Zahnarzt und berichtete über einen zunehmenden Gefühlsverlust im Bereich der rechten Unterlippe, welcher bereits wenige Stunden nach der Wurzelkanalfüllung begonnen hätte.

Diagnose und Behandlung

Bei der klinischen Untersuchung wurde abgesehen von der dumpfen Schmerzsymptomatik der rechten Seite des Unterkiefers eine komplette Anästhesie im Bereich des markierten Areals des Kinns festgestellt. Das mitgelieferte Einzelzahnröntgenbild ließ den Verdacht einer Dislokation von Füllmaterial in den Canalis mandibulae zu. Die zusätzliche radiologische Abklärung erfolgte mittels digitaler Volumentomographie (DVT). Hierbei stellte sich in den Canalis mandibulae überpresstes Wurzelkanalfüllmaterial dar.

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Die Patientin wurde über den beabsichtigten operativen Eingriff der Dekompression des Nervus alveolaris inferior durch Entfernung des Fremdmaterials aus dem Canalis mandibulae in Kombination mit einer Wurzelspitzenresektion unter Lokalanästhesie aufgeklärt. Im Rahmen des Eingriffs erfolgte in Lokalanästhesie zunächst eine vestibuläre Schnittführung Regio 47 mit einer mesialen Entlastung. Nach Elevation eines Mukoperiostlappens wurden die Wurzelspitzen des Zahns 47 mit rotierenden Instrumenten und dann mit dem Piezosurgery-Gerät (Mectron) dargestellt. Im Anschluss an die Trennung und Entfernung der Wurzelspitzen konnte das verbliebene Wurzelkanalfüllmaterial unter Zuhilfenahme eines Mikroskops und Schonung des Nervus alveolaris inferior aus dem Canalis mandibulae geborgen werden.

Ergebnis

Die Patientin berichtete schon unmittelbar post operationem bei Nachlassen der Wirkung der Lokalanästhesie über eine deutliche Besserung der Symptomatik. Der dumpfe Schmerz hatte nachgelassen, und im zuvor gefühlslosen Areal war bereits eine Hypästhesie zu beschreiben. Im weiteren Verlauf stellte sich nach mehreren Wochen ein kribbelndes Gefühl auf Berührung ein. Die 1 Jahr post operationem durchgeführte Kontrolle zeigte radiologisch eine vollständige Reossifikation des periapikalen Bereichs des Zahnes 47. Es bestand nach wie vor eine minimale Parästhesie, aber die Patientin wünschte diesbezüglich keine weiteren Verlaufskontrollen.

Diskussion des Falles

Dieser Fall verdeutlicht, dass vor chirurgischen Eingriffen an den Wurzelspitzen von Zähnen mit einer möglichen Verbindung oder Überlagerung zum Canalis mandibulae eine dreidimensionale Bildgebung zur präzisen Planung erfolgen sollte. Bei Bestätigung einer direkten Kommunikation zwischen Wurzelspitzen und Mandibularkanal sollte die Indikation zur endodontischen Therapie eher eng gestellt und gegebenenfalls auf die Spülung mit Natriumhypochlorit verzichtet werden. Außerdem sollte auf die Wahl des Sealers geachtet werden. Im vorgestellten Fall wurde die Patientin bereits mit einer Nervverletzung nach überstopfter Wurzelkanalfüllung überwiesen. Bei einer Überstopfung von Wurzelkanalfüllmaterial in den Canalis mandibulae als Ursache ist die zeitnahe operative Entfernung des Materials indiziert.

Heilung und Prognose

Nach sechs bis zwölf Monaten hat sich der Knochen in der Regel vollständig regeneriert. Die Prognose nach Entfernung einer Kieferhöhlenzyste ist in der Regel sehr gut. Der Knochen regeneriert sich meist innerhalb von sechs bis zwölf Monaten vollständig, insbesondere bei kleineren Zysten.

Präventive Maßnahmen

Bei geplanter endodontischer Therapie von Molaren im Unterkiefer, insbesondere bei radiologisch erkennbarer Nervnähe, ist der Patient über das Risiko einer Sensibilitätsstörung aufzuklären. Wenn das Einzelzahnröntgenbild oder die Panoramaschichtaufnahme den Verdacht auf eine nahe Lage oder Überlagerung der Apices zum Canalis mandibulae lenkt, empfiehlt sich die Anfertigung einer DVT-Aufnahme.

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