Eine Nervenverletzung im Oberarm kann vielfältige Ursachen haben und sich durch unterschiedliche Symptome äußern. Die Behandlung richtet sich nach der Art und Schwere der Verletzung. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Nervenverletzungen im Oberarm, ihre Ursachen, Symptome und die verschiedenen Behandlungsoptionen.
Einführung in die Nervenverletzung im Oberarm
Nervenverletzungen im Oberarm können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Sie können durch Traumata, Kompressionen oder Entzündungen entstehen und zu Schmerzen, Sensibilitätsstörungen und motorischen Ausfällen führen. Eine frühzeitige Diagnose und adäquate Behandlung sind entscheidend, um langfristige Schäden zu minimieren und die Funktionalität des Arms wiederherzustellen.
Anatomie und Funktion der Nerven im Oberarm
Der Arm und die Hand werden durch drei Hauptnervenstämme versorgt, die aus der Halswirbelsäule kommen und über die Ellenbeuge zur Hand verlaufen. Diese Nerven sind essenziell für die motorische Funktion und die Sensibilität des Arms.
Der Plexus brachialis ist ein Nervengeflecht im unteren Halsbereich, das Signale von der Wirbelsäule an Schulter, Arm und Hand sendet und für die Sensibilität zuständig ist. Er entspringt aus fünf Nervenwurzeln, die aus dem Rückenmark abzweigen und im Halsbereich zwischen den Wirbelkörpern austreten. Bei Verletzungen der Primärstränge, also nah an den Rückenmarkswurzeln, unterscheidet man je nach betroffener Wurzel zwischen oberen Armplexusläsionen (Duchenne-Erb-Läsion) und unteren Armplexusläsionen (Déjerine-Klumpke-Läsion). Mittlere Armplexusläsionen sind selten.
Aufgaben des Plexus brachialis
- Steuerung der Muskeln im Arm, in der Schulter und in der Hand: Der Plexus brachialis ermöglicht Bewegungen von der Schulter bis zu den Fingern.
- Übermittlung von Gefühlswahrnehmungen: Sensorische Fasern des Plexus brachialis übertragen Tastsinn, Temperatur- und Schmerzempfindungen von der Haut des Arms.
Ursachen von Nervenverletzungen im Oberarm
Nervenverletzungen im Oberarm können durch verschiedene Faktoren verursacht werden. Es ist wichtig, die genaue Ursache zu identifizieren, um die geeignete Behandlung einzuleiten.
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Traumatische Ursachen
- Verkehrsunfälle: Insbesondere Motorradunfälle sind eine häufige Ursache für Armplexusläsionen. Bis zu 80 % aller Fälle entstehen bei Motorradunfällen. Auch andere Verkehrsunfälle können zu Nervenverletzungen führen.
- Sportunfälle: Kontaktsportarten und Extremsportarten bergen ein erhöhtes Risiko für Nervenverletzungen.
- Stich- oder Schussverletzungen: Diese können direkt Nervenbahnen durchtrennen oder beschädigen.
- Knochenbrüche (Frakturen): Etwa 39 % der Betroffenen erleiden Knochenbrüche von langen Röhrenknochen. Ein Schlüsselbeinbruch (Klavikulafraktur) tritt bei ungefähr jeder vierten Person auf.
- Geburtstrauma: Bei schwierigen Geburten kann es durch eine starke Überdehnung oder einen zu starken Zug an der Schulter des Neugeborenen zu einer Plexusschädigung kommen (Obstetric Brachial Plexus Palsy, OBPP).
Nicht-traumatische Ursachen
- Nervenkompressionssyndrome:
- Karpaltunnelsyndrom: Kompression des Medianusnervs am Handgelenk.
- Kubitaltunnelsyndrom: Einengung des Ulnarnervs am Ellenbogen. Wenn der Ellenbogen-Nerv (N. ulnaris) bei seinem Verlauf durch die Rinne im Bereich des Ellbogengelenkes eingeklemmt wird oder aus dieser Rinne heraus rutscht und ständig über den Knochen scheuert, kann ein so genanntes Sulcus-Ulnaris-Syndrom entstehen.
- Thoracic-Outlet-Syndrom: Engpasssyndrome im Bereich der oberen Thoraxapertur, die zu einer Einengung des Plexus brachialis oder bestimmter Blutgefäße führen können.
- Bandscheibenvorfälle in der Halswirbelsäule: Wenn ein Bandscheibenvorfall auf Nervenwurzeln in der Halswirbelsäule drückt, können ausstrahlende Schmerzen und Taubheitsgefühle entlang des Arms auftreten.
- Entzündungen: Chronische Reizzustände und Entzündungen des Gewebes, wie beispielsweise bei Sehnenscheidenentzündungen oder Rheuma, können zu Nervenbedrängungen führen.
- Stoffwechselbedingte Ursachen: Ein schlecht eingestellter Diabetes Mellitus kann Nervenschmerzen am Arm verursachen.
- Toxische oder medikamenteninduzierte Neuropathie: Einige Medikamente und toxische Substanzen können Nervenschäden verursachen.
- Neuralgische Amyotrophie: Eine seltene Erkrankung, bei der es zu einer Entzündung des Plexus brachialis kommt, die reißende Schmerzen und Lähmungen im Arm und in der Schulter verursacht.
- Zervikale Radikulopathien: Reizungen der Nervenwurzeln, die aus der Halswirbelsäule herausragen, beispielsweise durch Bandscheibenvorfälle, Gleitwirbel oder degenerative Veränderungen der Wirbelsäule.
- Vitaminmangel: Ein Mangel an Vitamin B12 oder anderen Vitaminen aus dem B-Komplex kann zu neuropathischen Schmerzen führen.
- Multiple Sklerose (MS): Eine neurologische Erkrankung, bei der es zu einer Reduktion der schützenden Myelinschicht um die Nerven kommt, was neuropathische Schmerzen verursachen kann.
Symptome von Nervenverletzungen im Oberarm
Die Symptome einer Nervenverletzung im Oberarm können vielfältig sein und hängen von der Art, dem Ort und dem Schweregrad der Verletzung ab.
Schmerzen
- Neuropathische Schmerzen: Diese werden als ziehend, schneidend und sehr unangenehm beschrieben und sind oft schwer zu lokalisieren. Sie können sich bei Belastung verstärken und in Ruhe etwas bessern.
- Ausstrahlende Schmerzen: Schmerzen in der Hals-Schulter-Region, die in den Arm ausstrahlen.
- Plötzliche, einschießende Schmerzen: Stromschlagartige Schmerzen im Arm, die auf eine Reizung der Nervenwurzeln nahe der Bandscheibe hindeuten können.
- Nervenschmerzen im Ruhezustand: Ziehende Schmerzen im Arm, die auch in Ruhe auftreten können und auf Nervenreizungen, Muskelverspannungen oder Durchblutungsstörungen hindeuten können.
- Reißende Schmerzen: Typisch für die neuralgische Amyotrophie, beginnend im Schultergelenk und ausstrahlend in den Oberarm, Nacken und den ganzen Arm bis zur Hand.
Sensibilitätsstörungen
- Taubheitsgefühl: Vollständiger oder teilweiser Verlust der Empfindung in bestimmten Bereichen des Arms oder der Hand.
- Kribbeln (Parästhesien): Ein unangenehmes Kribbeln oder Prickeln, das plötzlich auftreten und wieder verschwinden kann.
- Missempfindungen: Veränderte Wahrnehmung von Berührungen oder Temperaturen.
Motorische Ausfälle
- Kraftverlust: Schwäche in bestimmten Muskelgruppen des Arms oder der Hand.
- Bewegungseinschränkungen: Schwierigkeiten, bestimmte Bewegungen auszuführen.
- Lähmungen (Parese): Vollständiger oder teilweiser Verlust der Bewegungsfähigkeit in bestimmten Muskeln oder Gelenken.
- Koordinationsstörungen: Schwierigkeiten, Bewegungen präzise auszuführen.
- Muskelschwund (Atrophie): Abnahme der Muskelmasse aufgrund von Inaktivität oder Nervenschädigung.
Weitere Symptome
- Eingeschlafener Arm: Gefühl, als wäre der Arm oder die Hand "eingeschlafen".
- Nachtschmerzen: Verstärkung der Schmerzen in der Nacht, oft aufgrund von ungünstigen Schlafpositionen, die den Druck auf die Nerven erhöhen.
Diagnose von Nervenverletzungen im Oberarm
Die Diagnose einer Nervenverletzung im Oberarm erfordert eine sorgfältige Anamnese, körperliche Untersuchung und den Einsatz verschiedener diagnostischer Verfahren.
Anamnese
- Erhebung der Krankengeschichte: Fragen nach dem Verletzungsmechanismus, Vorerkrankungen, Symptomen und deren Verlauf.
- Berufliche und sportliche Aktivitäten: Informationen über Tätigkeiten, die möglicherweise zur Verletzung beigetragen haben.
Körperliche Untersuchung
- Neurologische Untersuchung: Überprüfung der Sensibilität, Motorik, Reflexe und Koordination.
- Kraftprüfung: Bewertung der Muskelkraft in verschiedenen Bereichen des Arms und der Hand. Die Kraft wird mit einer Zahl von 0-5 bewertet, wobei 0 für vollständige Lähmung und 5 für normale Muskelkraft steht.
- Bewegungsumfang: Überprüfung des Bewegungsumfangs in den Gelenken des Arms.
- Hoffmann-Tinel-Zeichen: Beklopfen bestimmter Hautbereiche rund um das Schlüsselbein, das bei Nervenreizung zu elektrisierenden, ausstrahlenden Schmerzen führt.
Bildgebende Verfahren
- Röntgenaufnahmen: Zur Darstellung von Knochenbrüchen und anderen knöchernen Verletzungen.
- Computertomographie (CT): Detailliertere Darstellung von Knochen und Weichteilen, insbesondere bei komplexen Verletzungen.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Darstellung der Nervenbahnen (Neurografie), Bandscheiben, Muskeln und anderer Weichteile. Eine MRT-Aufnahme des Arms und der Halswirbelsäule wird durchgeführt, um einen Bandscheibenvorfall auszuschließen.
- Ultraschall (Sonografie): Hochauflösende Nervensonografie zur Untersuchung der Armnerven und des Plexus brachialis.
Elektrophysiologische Untersuchungen
- Elektromyografie (EMG): Messung der elektrischen Muskelaktivität, um den Zustand der Muskeln und Nerven zu beurteilen. Dies ist erst ungefähr 3 Wochen nach dem Trauma sinnvoll.
- Elektroneurografie (ENG): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit, um Schäden der peripheren Nerven nachzuweisen und ihr Ausmaß zu beurteilen.
Behandlung von Nervenverletzungen im Oberarm
Die Behandlung von Nervenverletzungen im Oberarm zielt darauf ab, Schmerzen zu lindern, sensible und motorische Defizite zu verringern und die Funktionen des Arms und der Hand zu erhalten oder wiederherzustellen. Die Wahl der Therapie hängt von der Ursache, dem Schweregrad und der Lokalisation der Verletzung ab.
Konservative Behandlung
- Schmerzmittel: Zur Linderung von Schmerzen. Neuropathische Schmerzen können mit verschiedenen Medikamentengruppen behandelt werden, darunter Antidepressiva und Antikonvulsiva.
- Entzündungshemmende Medikamente: Kortikosteroide können bei neuralgischer Amyotrophie eingesetzt werden, um die Heilungsdauer zu verkürzen und das Risiko neuer Schmerzattacken zu vermindern.
- Physiotherapie: Ziel ist, Muskelabbau zu verhindern, die Gelenkbeweglichkeit zu erhalten und die Koordination zu verbessern.
- Ergotherapie: Unterstützung bei der Durchführung alltäglicher Aktivitäten und Anpassung der Umgebung, um die Selbstständigkeit zu fördern.
- Elektrotherapie: Behandlung mit elektrischem Strom, um Muskelschwund zu verzögern, bis die Nervenregeneration abgeschlossen ist.
- Rehabilitationsmaßnahmen: Umfassende Programme zur Wiederherstellung der körperlichen Funktionen und zur Wiedereingliederung in den Alltag und Beruf.
- Handorthesen: Moderne Handorthesen können bei Funktionseinschränkungen durch eine Plexusparese eine wichtige Rolle spielen, indem sie Greif-, Halte- und Bewegungsfunktionen übernehmen.
Operative Behandlung
Eine Operation wird etwa dann empfohlen, wenn die Regeneration unter konservativer Behandlung nach ca. 3-6 Monaten nicht ausreicht oder wenn eine spontane Reinnervation unmöglich ist. Auch bei offenen Plexusläsionen oder Blutergüssen (Hämatome), die durch ihre Größe das umliegende Gewebe verdrängen, sollte eine Operation in Betracht gezogen werden.
Der Zeitpunkt der Operation hängt vom Ausmaß der Verletzung ab. Bei ausgerissenen Nervenwurzeln wird möglichst nach 6-8 Wochen operiert. Wenn keine Nerven durchtrennt sind, sollte die Operation später stattfinden, und zwar nach 3-6 Monaten.
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Mögliche Operationsverfahren:
- Freilegung von eingeengtem Nervengewebe (Neurolyse): Entlastung des Nervs von Druck.
- Verlagerung von gesunden Ästen an beschädigte Äste innerhalb des Plexus (intraplexaler Nerventransfer): Die gesunden Äste können aus dem Plexus oder von außerhalb stammen (extraplexaler Nerventransfer).
- Versetzen eines eigenen Nervenastes aus einem anderen Körperbereich (Autologe Nerventransplantation): Überbrückung von Nervendefekten mit einem Spendernerv, meist aus dem Nervus suralis.
- Verlagerung von intakten Muskeln zum Funktionserhalt (Ersatzoperation): Wiederherstellung der Funktion durch Verlagerung von Muskeln.
- Nervenrekonstruktion: Gesunde Nerven aus anderen Körperregionen werden mit den geschädigten Plexusnerven verbunden.
- Nervennaht: Bei glatter Durchtrennung des Nervs sollte die Nervennaht bereits in den ersten Stunden nach dem Geschehen gesetzt werden.
Hausmittel und alternative Therapien
- Entspannungsverfahren und Stressabbau: Meditation, tiefe Atemübungen oder Yoga können helfen, Stress abzubauen, der Nervenschmerzen verstärken kann.
- Magnesium und Vitamin B-Komplex: Magnesium kann zur Muskelentspannung beitragen, während der Vitamin-B-Komplex essenziell für eine gesunde Nervenfunktion ist.
- Retterspitzauflagen: Kompressen oder Tücher mit Retterspitz getränkt können neuropathische Schmerzen lindern.
- Massagen mit ätherischen Ölen: Sanfte Massagen mit verdünntem ätherischem Pfefferminz- oder Lavendelöl können entspannend und schmerzlindernd wirken.
- Wechselduschen: Können helfen, Muskelverhärtungen zu beheben.
- Bewegung: Moderate Bewegung und spezielle Übungen können helfen, die Muskeln zu lockern und die Nervenfunktion zu verbessern.
Übungen gegen Nervenschmerzen im Arm
- Dehnung des Oberarms: Handfläche der rechten Hand auf das rechte Schulterblatt legen, mit der linken Hand den Ellenbogen des rechten Arms greifen und Richtung Wirbelsäule ziehen.
- Armkreisen: Arme leicht nach vorne strecken und halten, dann moderate Armkreisen durchführen.
Prävention von Nervenverletzungen im Oberarm
- Schutzausrüstung: Tragen einer Schutzausrüstung bei Aktivitäten mit einem erhöhten Verletzungsrisiko, wie z. B. bei Extremsportarten und beim Motorradfahren.
- Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung: Vermeidung von Fehlhaltungen und einseitigen Belastungen am Arbeitsplatz.
- Regelmäßige Pausen: Unterbrechung von Tätigkeiten, die zu Muskelverspannungen führen können.
- Vermeidung von Druckschäden: Vermeiden Sie Haltungen oder wiederholende Tätigkeiten, bei denen es zu Druckschäden an Nerven kommen kann.
Prognose von Nervenverletzungen im Oberarm
Abhängig vom Schweregrad der Plexusverletzung kann eine spontane Nervenheilung möglich sein (Reinnervation). Die Spontanheilung kann zu besseren funktionellen Ergebnissen führen als eine Operation - selbst wenn die Operation optimal verläuft. Allerdings dauert die Nervenregeneration etwa 2,5-3 Jahre. Bei ausgerissenen Nervenwurzeln kann keine spontane Regeneration stattfinden.
Insgesamt sind etwa 70 % der Ergebnisse bei oberen Plexusläsionen gut. Bei unteren Plexusläsionen ist die Prognose schlechter. Als Folge einer Plexusläsion können langfristig Defizite der Sensibilität oder Motorik mit einer Funktionseinschränkung zurückbleiben. Neuropathische Schmerzen können chronisch werden.
Die Regenerations-Möglichkeiten der Nerven nehmen von Tag zu Tag ab, so dass eine gewisse Dringlichkeit geboten ist.
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