Rückenschmerzen sind ein weit verbreitetes Leiden, das verschiedene Ursachen haben kann. Eine mögliche Behandlungsoption bei chronischen Rückenschmerzen, insbesondere wenn sie von den Wirbelgelenken oder dem Iliosakralgelenk ausgehen, ist die Nervenverödung (Neurolyse). Dieser Artikel beleuchtet die Wirkung, das Verfahren und die Anwendungsbereiche der Nervenverödung, um ein umfassendes Verständnis dieser Therapieoption zu ermöglichen.
Einführung in die Nervenverödung
Die Nervenverödung, auch Neurolyse oder Denervierung genannt, ist ein minimalinvasives Verfahren, bei dem gezielt Nerven ausgeschaltet werden, die Schmerzsignale von der Wirbelsäule zum Gehirn transportieren. Ziel ist es, die Schmerzweiterleitung zu unterbrechen und somit eine Schmerzlinderung zu erzielen. Es ist wichtig zu betonen, dass die Nervenverödung eine symptomatische Therapie ist, die sich auf die Schmerzlinderung konzentriert, anstatt die eigentliche Ursache des Schmerzes zu beseitigen.
Ursachen von Rückenschmerzen und Anwendungsbereiche der Nervenverödung
Rückenschmerzen können vielfältige Ursachen haben. Häufig sind die kleinen Wirbelgelenke (Facettengelenke) oder das Iliosakralgelenk (ISG) betroffen. Diese Gelenke sind für die Beweglichkeit und Stabilität der Wirbelsäule und des Beckens von großer Bedeutung. Degenerative Veränderungen, Entzündungen oder Fehlbelastungen können zu chronischen Schmerzen in diesen Bereichen führen.
Die Nervenverödung kann in folgenden Fällen in Betracht gezogen werden:
- Facettensyndrom: Schmerzen, die von den Facettengelenken ausgehen, aufgrund von Verschleiß (Facettengelenksarthrose) oder Entzündungen.
- ISG-Syndrom: Schmerzen im Bereich des Iliosakralgelenks, verursacht durch Fehlbelastungen, Entzündungen oder degenerative Veränderungen.
- Therapieresistente Rückenschmerzen: Wenn konservative Behandlungsmethoden wie Physiotherapie, Schmerzmittel oder Injektionen keine ausreichende Schmerzlinderung bringen.
- Spezifische Schmerzursache: Es muss sichergestellt sein, dass der Schmerz tatsächlich von den Wirbelgelenken oder dem ISG verursacht wird, beispielsweise durch eine diagnostische Blockade mit einem Lokalanästhetikum.
Nicht geeignet ist die Nervenverödung für Patienten mit unspezifischen Rückenschmerzen, bei denen die Schmerzursache nicht eindeutig den Wirbelgelenken oder dem ISG zugeordnet werden kann.
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Diagnostische Maßnahmen vor der Nervenverödung
Bevor eine Nervenverödung durchgeführt wird, sind umfassende diagnostische Maßnahmen erforderlich, um die Schmerzursache genau zu identifizieren. Dazu gehören:
- Anamnese und körperliche Untersuchung: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Patienten und führt eine körperliche Untersuchung durch, um mögliche Ursachen für die Rückenschmerzen zu identifizieren.
- Bildgebende Verfahren: Röntgenaufnahmen, Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) der Wirbelsäule können Hinweise auf degenerative Veränderungen oder andere Auffälligkeiten geben. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen bildgebend sichtbarer Facettenarthrose und Rückenschmerzen gibt.
- Diagnostische Blockade: Um festzustellen, ob die Schmerzen tatsächlich von den Facettengelenken oder dem ISG ausgehen, wird eine diagnostische Blockade durchgeführt. Dabei wird ein kurz wirksames Betäubungsmittel an die Nerven gespritzt, die die betroffenen Gelenke versorgen. Eine deutliche Schmerzreduktion nach der Blockade deutet darauf hin, dass die Schmerzen tatsächlich von diesen Gelenken verursacht werden. Um die Aussagekraft der Untersuchung zu erhöhen, wird die Facettenblockade manchmal wiederholt.
- Wirbelgelenkdruckschmerz: Hierbei übt der Arzt Druck auf das entsprechende Wirbelgelenk aus.
- Provokationsschmerzen: Hierunter verstehen wir z.B. den Rücken maximal nach hinten durchzustrecken, um die Wirbelgelenke der Lendenwirbelsäule ebenso maximal zu belasten.
Das Verfahren der Nervenverödung
Die Nervenverödung ist ein minimalinvasiver Eingriff, der in der Regel ambulant durchgeführt wird. Der Patient liegt dabei meist auf dem Bauch.
Der Eingriff erfolgt in mehreren Schritten:
Lagerung und Desinfektion: Der Patient wird in Bauchlage auf dem Operationstisch gelagert. Die zu behandelnde Rückenregion wird steril abgewaschen und abgedeckt.
Lokale Betäubung: Die Haut an der Einstichstelle wird örtlich betäubt.
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Nadelplatzierung: Unter computertomographischer oder Röntgenkontrolle wird eine dünne Nadel (2 mm) vorsichtig an den zu verödenden Nerv herangeführt.
Positionskontrolle: Durch Einleitung eines leichten Reizstroms kann der Arzt prüfen, ob die Nadel an der richtigen Stelle platziert ist. Der Patient merkt dann ein leichtes Zucken der Muskulatur. Bei der RF-Therapie ist die Rückmeldung des Patienten wesentlich, um die geeignete Position zu finden. Damit der Patient noch Auskunft geben kann, wird die Betäubung erst nach der RF-Therapie verabreicht.
Nervenverödung: Zur Ausschaltung des Nerven stehen verschiedene Methoden zur Verfügung:
- Chemische Neurolyse: Der Nerv wird durch Zuführung von 96%igem Alkohol (Ethanol) abgetötet.
- Lasertherapie: Der Nerv wird mittels Laser durchtrennt.
- Thermokoagulation (Radiofrequenzablation): Der Nerv wird mit einer Thermosonde auf 75-85°C erhitzt. Mittels Radiofrequenzenergie wird am Ort der Schmerzentstehung Wärme erzeugt, wodurch die schmerzübermittelnden Nervenendigungen blockiert werden.
- Kryodenervation: Der Nerv wird mit einer Cryosonde bei minus 60°C denerviert.
Wiederholung: Die Prozedur wird an mehreren Wirbelgelenken (mindestens sechs) wiederholt.
Abschluss: Nach der Behandlung wird die Rückenregion gekühlt und der Patient für ca. 30 Minuten überwacht. Vor der Entlassung werden Sensorik und Motorik überprüft.
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Das zerstörte (verödete) Nerventeil ist dabei etwa so groß wie ein Fingernagel.
Thermokoagulation der Facettengelenke und des Sakroiliakalgelenks
Die Thermokoagulation, auch Radiofrequenzablation genannt, ist eine bewährte und minimal-invasive Methode zur Behandlung von Schmerzen in den Facettengelenken und dem Sakroiliakalgelenk. Bei diesem Verfahren werden die schmerzleitenden Nervenfasern der betroffenen Gelenke gezielt verödet.
Eine feine Sonde wird unter Röntgen-Kontrolle präzise an den Nerven platziert, die das Schmerzsignal weiterleiten. Durch den Einsatz von Wärmeenergie (Radiofrequenzstrom) werden die Nervenfasern verödet, sodass sie keine Schmerzimpulse mehr übertragen können.
Der Eingriff erfolgt meist ambulant unter örtlicher Betäubung. Oft wird zusätzlich eine leichte Sedierung verabreicht, um den Patienten zu beruhigen. Sobald die Sonde korrekt positioniert ist, wird für kurze Zeit gezielte Hitze abgegeben, um die Nervenfasern zu zerstören, ohne dabei das umliegende Gewebe zu schädigen.
ISG-Denervierung
Bei der ISG-Denervierung werden die kleinen Nervenäste verödet, die Schmerzsignale aus dem erkrankten Iliosakralgelenk zum zentralen Nervensystem transportieren. Dies geschieht meist mithilfe der Thermokoagulation, die auch Radiofrequenz-Neurotomie genannt wird.
Der Rückenspezialist führt eine nadelförmige Radiofrequenzsonde zum Iliosakralgelenk. Ob die Sonde richtig liegt, prüft der Operateur mit computergestützten Stimulationstests. Bei korrekter Lage beginnt der Operateur mit der Verödung. Die Hitze koaguliert das Gewebe und der Nervenast kann somit keine Schmerzsignale mehr weiterleiten.
Was erwartet Sie nach dem Eingriff?
Nach der Nervenverödung können die Schmerzen in der Regel innerhalb weniger Tage spürbar reduziert sein. Direkt nach dem Eingriff können leichte Beschwerden an der Einstichstelle auftreten, diese klingen jedoch meist schnell ab.
Es ist ratsam, sich für ca. 3 Tage nach der Behandlung körperlich zu schonen, bevor Sie wieder Ihren normalen Alltagsaktivitäten nachgehen. Sie sollten am Tag des Eingriffs nicht selbst Auto fahren und sich von einer Begleitperson nach Hause fahren lassen.
Unter Umständen können sich Nebenwirkungen wie Taubheitsgefühl, Bluterguss, Unwohlsein oder verstärkte Schmerzen einstellen. Die schmerzlindernde Wirkung setzt bei jedem Menschen unterschiedlich schnell und zumeist verzögert ein, so dass die Schmerzen in der Regel innerhalb eines Zeitraums von wenigen Tagen bis 6 Wochen ganz zurückgehen.
Risiken und Komplikationen
Die Nervenverödung ist ein komplikationsarmer Eingriff, wobei das Risiko etwa im Bereich von anderen schmerztherapeutischen Injektionen in den Rücken liegt. Dennoch können wie bei jedem medizinischen Eingriff gewisse Risiken auftreten:
- Infektionen: Durch das Einführen von Injektionskanülen können in seltenen Fällen Infektionen entstehen.
- Blutungen: Es kann zu Blutungen an der Einstichstelle kommen.
- Nervenverletzung: Überaus selten kommt es zu einer Verletzung von Nerven oder Nervenwurzeln.
- Vorübergehende Beschwerden: Nach der Behandlung kann es vorübergehend zu Beinschmerzen, einem Schwächegefühl oder Taubheit in den Beinen kommen.
- Entzündungen: Die verödeten Nerven können sich vorübergehend entzünden, was sich ähnlich anfühlt wie ein Sonnenbrand.
Ihr behandelnder Arzt wird Sie umfassend über die möglichen Risiken aufklären und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, um diese zu minimieren.
Erfolgsaussichten und Langzeitwirkung
Die Nervenverödung kann eine langfristige Schmerzlinderung ermöglichen. Viele Patienten berichten von einer deutlichen Schmerzbesserung über Monate oder sogar Jahre hinweg. In klinischen Studien hält die Schmerzlinderung 6-12 Monate, in manchen Fällen sogar bis zu 2 Jahre lang an.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Nervenverödung keine dauerhafte Lösung ist. Nach ein bis zwei Jahren erholen sich die verödeten Schmerznerven wieder und die Nervenenden wachsen erneut zusammen. Dann können die Schmerzen zurückkehren. Die Behandlung kann jedoch wiederholt werden.
Während der Zeitspanne der Schmerzlinderung kann eine Physiotherapie begonnen werden, um die betroffenen Facettengelenke zu stärken und die Wirbelsäule zu stabilisieren.
Vorteile der Thermokoagulation
Die Thermokoagulation bietet gegenüber anderen Behandlungsmethoden einige Vorteile:
- Langfristige Schmerzlinderung: Viele Patienten berichten von einer deutlichen Schmerzbesserung über Monate oder sogar Jahre hinweg.
- Minimal-invasiv: Der Eingriff erfolgt ohne größere Schnitte, was das Risiko von Komplikationen verringert.
- Ambulante Durchführung: In der Regel kann der Eingriff ambulant durchgeführt werden, sodass die Patienten schnell wieder ihren Alltag aufnehmen können.
- Schnelle Erholung: Nach dem Eingriff ist die Erholungszeit kurz, und es sind nur leichte Einschränkungen im Alltag notwendig.
- Gezielte Wirkung: Die Hitzesondenbehandlung besticht gegenüber einer medikamentösen Schmerzfaserunterbindung durch die gezielte, exakte Wirkung.
- Längere Wirkungsdauer: Gegenüber der Eisbehandlung von Schmerzfasern (Kryotherapie) bietet die Thermokoagulation eine deutlich längere Wirkungsdauer über mehrere Jahre statt nur weniger Monate.
- Vermeidung aufwendiger Operationen: Aufwendige offene Operationen, wie zum Beispiel die Erweiterung der Nervendurchtrittsstellen oder eine Wirbelbogenentfernung mit zusätzlicher Stabilisierungs- bzw. Versteifungsoperation, können mit diesem Verfahren vermieden werden.